Claus Pieper gehört zu den Urgesteinen der elektronischen Musikszene in Deutschland. Mit seinem Act Genlog eroberte der gebürtige Gelsenkirchener in den 90ern die großen Techno-Bühnen, er war Mitbegründer des Szenemagazins Raveline und startete nach der Jahrtausendwende nochmal mit den Projekt Eigenart durch. Mittlerweile lebt er in Fulda und ist erfolgreicher Betreiber des Fitnessstudios Urbanic Fitness.


Erzähl doch mal, wie damals die Situation war, als du aktiv wurdest in der elektronischen Szene.

Schon in den frühen 80ern interessierte ich mich für elektronische Musik. Bands wie Depeche Mode, New Order, Kraftwerk und Gary Numan prägten meinen musikalischen Background und so wuchs in mir und meinen damaligen Kumpels auch früh der Wunsch, eigene Sachen zu produzieren. Zu dieser Zeit war Studioequipment, anders als heute, eine sehr kostspielige Sache. Du musstest also lange sparen, um dir einen eigenen Synthie oder eine 4-Spur-Bandmaschine leisten zu können. Und so bestand unser damaliges Equipment aus einem Klavier (lacht), einer Roland SH-101, einer Roland TB-303 und einem Drum-Computer. Geräte, deren Nutzen wir aber zu dieser Zeit nicht wirklich erkannt haben. Dass diese „Instrumente“ später die elektronische Musik weltweit revolutionieren sollten, ahnten wir nicht ansatzweise. So wendeten sich meine Kollegen bald von dem Traum, eigene Musik zu produzieren, ab, um eher Party zu machen, anstatt sich mit den Tiefen der Musik weiter zu beschäftigen. Doch für mich stand der Entschluss fest: Ich wollte meine eigenen Sachen auf Platte bringen.

Genlog, Raveline, Eigenart – die drei wichtigsten Projekte, bei denen du die Finger im Spiel hattest.

Gemeinsam mit Ingo Kays und Olli Kuntzer gründet ich Anfang der 90er GENLOG. Unsere erste amtliche Produktion war die „Mockmoon“-EP, die wir damals auf Music Man, einem der angesagtesten belgischen Techno-Labels releasten. Und die Nummer ging echt durch die Decke. Jeder DJ spielte „Mockmoon“. Von diesem Moment an waren wir ein Teil der Raving Society und standen weltweit mit Top-Acts wie Hardfloor, Westbam, Paul van Dyk, ATB, The Prodigy oder Fat Boy Slim auf der Bühne.

Es folgen weitere Projekte wie Kemiri, The Bleachers oder Atropin Project. Insgesamt veröffentlichte ich unter diversen Projektnamen im Zeitraum von 1990  bis 2005 drei Alben und mehr als 40 Singles. Zudem zeichneten wir uns unter anderem verantwortlich für den Soundtrack zum deutschen Underground-Movie „Angel Express“. Letztlich bildet dann – abseits jeglicher verkopfter Verkrampftheit – die gedankliche Tiefe von GENLOG-Alben wie „Alive And Kicking“ und „Rosa Lauschen“ die Keimzelle für mein Solo-Projekt Eigenart. Unter diesem Projektnamen veröffentlichte ich bereits 1996 mit „Solo One“ die erste Single auf Rabbit City UK.

Das Raveline-Magazin entstand 1992 aus einer Idee heraus, eine Party in meiner damaligen Heimat Gelsenkirchen zu promoten. Wir haben uns in meinem Wohnzimmer hingesetzt, ein paar Texte über die Band und DJs zusammenschreiben, die auf dieser Party spielen sollten. Dazu ein paar Charts und ein paar Party-Bilder. Dann ging es ab in den Copyshop um die Ecke, 1000 Schwarz-Weiß-Kopien gedruckt, im Wohnzimmer zusammengetackert und ab damit in die Plattenläden in unserer Umgebung. Das daraus mal eins der größten Techno-Magazine Deutschlands werden würde, haben wir uns damals nicht mal im Traum vorgestellt. Uns war zu diesem Zeitpunkt nur die Party wichtig.

Im Sommer 2003 legte ich dann mit Werner Balzuweit – dem Kollegen aus den 80 – unsere Hände wieder an die Maschinen und produzierten das erste gemeinsame Eigenart-Release „Boyz“ für den Sampler „Deep Trance Vol. 4“. Weitere zwei Jahre zogen ins Land, dann folgt die Initialzündung. Innerhalb eines Jahres produzierten wir den ersten Longplayer „Cityhopper“. 2007 erschien das Follow-up „Malia“ (ZYX Music). 2009 machte Lars Holzapfel aus dem Duo ein Trio und gemeinsam produzierten wir den dritten Silberling „Artefakt“ (Daredo Music) und 2011 auf 4MPO „Schwebezustand“. Mit den Alben erarbeiteten wir uns reichlich Respekt in der elektronischen Musik-Szene. Wohl auch, weil Eigenart es spielerisch leicht schaffte, mit den Songs eine beeindruckend intensive Stimmung zu produzieren – mal leicht, mal schwer, mal luftig, mal deep und immer mit einem breiten Zugang für den Hörer. Musikalische Eigenständigkeit genießt für uns bis heute weit höhere Priorität als kurzfristiger Erfolg – eine Eigenschaft, die die Authentizität unseres musikalischen Schaffens ausmacht.

Foto: Walter Rammler

Wenn du jetzt vor allem auf die 90er-Jahre zurückblickt, wie bewertest du diese Dekade?

Ich erinnere mich immer wieder gerne an diese Zeit. Es war ein Umbruch. Ich glaube, es ist vergleichbar mit der Woodstock-Generation damals 1969. Auch wir waren Exoten, quasi Techno-Hippies. Wir liebten die Musik und dieses Lebensgefühl. Wir fuhren unzählige Kilometer nach Belgien, Frankfurt, Köln, München und Berlin, nur um dort Techno hören zu können. Wir trafen Gleichgesinnte und saugten mit ihnen diese tollen Momente auf. Wir haben den Sound einfach gelebt. Es regierte der Groove, hier führte der gute Klang ein mildes Regiment. Und das extrem vielseitig, ohne auch nur ansatzweise beliebig zu wirken. Das vermisse ich ein wenig an dem Hier und Jetzt in der heutigen Club- und Festival-Szene. Mir fehlt der Spirit und die Innovation. Bitte jetzt nicht falsch verstehen – die Crowd steht doch heutzutage auf der Tanzfläche, zücken die Handys und machen lieber Selfies, anstatt sich der Musik hinzugeben. Aber das ist meine ganz persönliche Meinung.

Gibt es eine ganz besondere Erinnerung, an die du immer wieder gerne denkst?

Es gab viele tolle Momente in dieser wilden Zeit. Der erste „Rave and Cruise“, bei dem 300 Wahnsinnige (DJs, Live-Acts, Promoter, Booker, A&Rs und Raver)  aus der Techno-Szene ein Kreuzfahrschiff kaperten und durch das Mittelmeer schipperten. Als wir auf offener See waren, haben uns andere Schiffe angefunkt, und gefragt ob wir in Seenot geraten sind, da sie ein undefinierbares Wummern auf offener See vernahmen. Die Bässe aus den Lautsprechersystemen waren wohl über Meilen auf der offenen See zu hören. Oder der legendäre „Airave“. Wir sind damals mit einem extra für diesen Event umgebauten Flieger (ich möchte nicht wissen, was das gekostet hat) von Düsseldorf nach Kreta geflogen. Während des Fluges hat ein DJ, ich glaub es war Steve Mason, im Mittelgang aufgelegt. Die im Duty-Free gekauften Jägermeister-Flaschen kreisten an Bord, die Leute tanzten sich in Trance und die Flugbegleiter hatten sichtlich Mühe uns einigermaßen zu kontrollieren, damit wir in Kreta noch einigermaßen gerade aus dem Flugzeug liefen. Aus dem Flieger ging es dann direkt weiter zu einer Party am Meer. Die Nacht durchgefeiert, dann direkt wieder in den Flieger und ab nach Amsterdam ins „IT“ (einer der angesagtesten Club zu der Zeit). Von dort mit dem Nightliner-Bus nach Köln zur Afterhour. So ein Programm würde ich heute wohl nicht mehr schaffen.

Mittlerweile betreibst du sehr erfolgreich ein Fitness-Studio. Wie lief denn die Verwandlung vom Raver zum Fitness-Guru?

Ich habe mich Mitte 2006 dazu entschlossen, meine Zelte in Gelsenkirchen abzubrechen und bin gemeinsam mit meiner Familie nach Fulda gezogen. Da ich mein Leben lang schon immer gerne Sport gemacht habe, war für mich der Entschluss, mich in der Fitness-Branche zu betätigen, nicht allzu fern. Somit habe ich noch einmal die Schulbank gedrückt und meine Trainerdiplome gemacht und für einige Fitness-Unternehmen in der Region als Assistent der Geschäftsführung und als Studioleiter gearbeitet. 2015 wuchs in mir der Wunsch, mit URBANIC Fitness mein eigenes Unternehmen zu gründen.

Was bietest du genau bei Urbanic Fitness an?

Inspiriert durch den klassischen Schulsport und gepaart mit modernsten Trainings-Technologien, entstand die Idee der URBANIC Fitness Lounge. Medizinbälle, Turnböcke und Pauschenpferd, in puristischer Lounge-Atmosphäre vermitteln den Spirit von altbewährtem Training und Hipness der Neuzeit. Unser Leistungsspektrum umfasst das sogenannte EMS-Training (Elektro-Muskel-Stimulation), sowie Groupfitness, Ernährungsberatung und Personal Training. Bereits in der Phase der Unternehmensgründung hatten meine Frau und ich die Vision, URBANIC Fitness als Lizenzkonzept zu planen. So entstand 2017 unser erster Lizenzstandort in Hünfeld. Im kommenden Jahr eröffnen weitere URBANIC Fitness Lounges in der Region Hessen und Deutschland.

Wir bieten Existenzgründern ein bewährtes Lizenzsystem mit standardisierten Abläufen, verlässlichen Partnern und hohen Qualitätsmaßstäben. Unsere Lizenznehmer profitieren von der bekannten Marke, erprobten Marketingstrategien, einem einheitlichen Unternehmensauftritt mit hohem Wiedererkennungswert und einem wirksamen Marketingbaukasten. Gleichzeitig geben wir ihnen aber den Raum für Eigenständigkeit und Flexibilität, um auf den Markt reagieren zu können. Beste Voraussetzungen also für einen Platz auf dem Siegertreppchen!

Wie ist heute noch deine Verbindung zur elektronischen Musik? Inwiefern bist du noch aktiv?

So ganz kann ich mich der Musik doch nicht entziehen. In der URBANIC Lounge läuft den ganzen Tag Sound. Zudem bekomme ich  immer wieder Anfragen für Genlog-Gigs. Wobei Olli und ich  diese wirklich stark reduzieren. Wir wollen nicht mehr auf jeder x-beliebigen Veranstaltung spielen. Wir suchen uns die Rosinen raus. In diesem Jahr waren wir mit Genlog in Madrid, was wirklich unglaublich war. Die Leute sind dort so dermaßen abgegangen. Wahnsinn! Mittlerweile trudeln auch die ersten Bookings für das kommende Jahr ein. Am  7. März spielen wir mit Genlog in Hannover. Auch habe ich für mich das Auflegen wieder entdeckt. Es gibt hier und da nette Partys, bei denen ich als DJ zu Gast bin.

Auch in meinem Kurstraining spielt die Musik eine entscheidende Rolle. Ich bereite den Sound für meine Kursstunden sehr akribisch vor. Ich achte hierbei auf die Stimmungsphasen und Aufbau der Musik zum Training. Ich halte dieses für sehr wichtig. Ich möchte auch hier meine Sportsfreunde mit auf eine musikalische Reise durch die elektronische Musik nehmen.

Aus dem FAZEmag 094/12.2019
www.facebook.com/Genlog
www.urbanic-fitness.de

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