Der Labelgründer von Sudbeat gehört mit seinem Sound zu den Top-Künstlern im Bereich des Progressive House. Mit zahlreichen Mixes, Singles und EPs erscheint er auf Labels wie Renaissance, Perfecto Records und Balance Music. Seit vielen Jahren beschäftigt sich der heute 53-Jährige mit progressiven Klängen und hat die Veränderung der Szene am eigenen Leib miterlebt. Im Interview erzählt der gebürtige Argentinier aus Buenos Aires, warum er seinem eigenen Stil treu geblieben ist, welche Künstler ihn selbst beeindrucken und welcher Einfluss die sozialen Medien auf das Leben eines Künstlers haben.

 

Hallo Hernan, du bist für die DJ Awards nominiert worden in der Kategorie „Bester Progressive House Künstler“. Wie wichtig sind die DJ Awards für dich?

Vor 18 Jahren ging ich als Newcomer zu meiner ersten Auszeichnung bei den DJ Awards. Damals war es wirklich anstrengend Aufmerksamkeit zu bekommen, weil ich völlig unbekannt war und nach den Awards alle gefragt haben: „Wer ist dieser Kerl?“ Die DJ Awards haben mir also sehr geholfen. Ich reise jetzt jedes Wochenende um die Welt und ich schätze, dass mich die Leute hier jetzt kennen. Zurück zu deiner Frage: DJ Awards helfen der Karriere auf jeden Fall. Heute nominiert zu werden ist wie eine schöne Umarmung.

Erkennen die Menschen in Südamerika die DJ Awards an?

Ja, in Argentinien gibt es viele Fans, die jeden einzelnen Schritt der DJ Awards verfolgen.

Du bist mittlerweile über 30 Jahre im Geschäft, wie würdest du die wichtigsten musikalischen Veränderungen in diesen Jahrzehnten beschreiben?

Ich bin ziemlich altmodischgeprägt. Ich startete mit Vinyl und ging über alle technische Prozesse hin zu den heutigen Medien und dem Internet. Als ich anfing mit Musik, war es immer noch schwierig Platten in Argentinien zu bekommen. Jetzt bekommt man so viele Tracks, dass man sie unmöglich alle anhören kann. Ich habe mein ganzes Geld für Vinyl ausgegeben und jetzt bekomme ich Musik, die ich immer und überall kostenlos hören kann.

Damals gab es nur etwa zehn DJs, die House in Argentinien spielten. Das ist jetzt ganz anders. Heute gibt es Unzählige. Es gab früher nur wenige Leute, die manche Sachen gemacht haben. Heutzutage ist es viel einfacher, aber die Konkurrenz ist extrem hart.

Es gibt viele Dinge, die im Prozess zusammenwirken, damit sie Erfolg haben.

Es war früher okay, wenn man gut im DJing war und seine Fähigkeiten hatte. Heute ist eine der ersten Fähigkeiten, mit Beziehungen und sozialen Medien umzugehen. 

Viele Menschen haben ihren Musikstil, den sie im Laufe der Jahre gespielt haben, geändert. Du bleibst deinem eigenen Sound treu. Warum ist das so und was macht deiner Meinung nach deinen Stil so besonders? Wie würdest du ihn einordnen?

Ich spiele immer groovige, melodische Musik. Mal tiefer, mal weniger tief – mal dunkler, mal wärmer. Immer in dieser Art. Das ist, was ich mag und spiele, weil ich diese Art von Musik am liebsten höre. Glücklicherweise hat sich meine Fanbase im Laufe der Jahre so entwickelt, dass ich spielen kann, was mir gefällt und ich mich nicht verstellen muss. Ich sehe das Ganze nicht als einen Wettbewerb an, um am beliebtesten zu sein. Der Wettbewerb ist, mit dem, was man tut, zufrieden zu sein. Ich bin am glücklichsten, wenn ich spiele, was ich mag und es die Leute um mich herum mögen.

Ich kenne viele DJs, die ihren Stil alle zwei oder drei Jahre wechseln. Dazu kann ich aber nur sagen, dass ich es nicht gut finde.

Du hast viele DJs und Musiker kommen und gehen sehen. Welche Produzenten haben dich am Anfang beeinflusst und wer beeinflusst dich jetzt?

Ich begann sehr früh als Elektronikpioniere wie Kraftwerk oder Giorgio Moroder populär waren. Zu der Zeit hörten meine älteren Schwestern Pink Floyd und Led Zeppelin, sodass ich viel von melodischer und psychedelischer Art von Musik beeinflusst wurde.

Dann entdeckte ich Franky Knuckles für mich und war neugierig, wie er Platten spielte und verschiedene Sachen mischte. Den Soul aus Philadelphia gepaart mit der europäischen Musik. Franky Knuckles war der erste, der lange DJ-Sets spielte – begeistert von der ersten bis zur letzten Platte. Das war damals unglaublich neu.

Heutzutage werden „lange“ DJ-Sets beworben, weil zu viele Pussy-DJs nur noch 90-minütige Sets spielen. Letzten Dezember habe ich 20 Stunden B2B mit Guy J gespielt. Das war verrückt.

Du hast eben Social Media erwähnt. Social Media ist das neue Backup im DJ-Business. Je mehr Follower man auf Facebook und Instagram hat, desto wichtiger scheint man zu sein. Wie kommst du mit dieser Entwicklung zurecht?

Ich habe das Glück, dass ich von Beginn an eine Fanbase hatte. Also bin ich nie in diesen Wettbewerb eingestiegen, weil ich wusste, dass ich meine „Anhänger“ auch vorher hatte. Für Neueinsteiger muss es sehr verwirrend sein zu sehen: „Oh, ich habe 100.000 Follower, aber es sind nur 50 Leute im Club?“ Das ist sehr knifflig. Die Älteren wie ich haben sich ihre Follower schon vorher verdient.

Die Wahrheit ist: was man im Club mitbekommt ist nicht dasselbe wie das, was man im Internet auf Facebook oder Instagram sieht. Du kannst einen neuen Track produzieren und Tausende von Leuten erzählen dir auf SoundCloud wie fantastisch er ist. Aber die Reaktion, die er in einem Club auslöst, die ist echt!

Facebook oder Instagram sind massive Tools, da das Geschäft so global ist. Aber sie transportieren nie das echte Leben oder den echten Clubgeist. Es ist nur ein Marketing-Tool, also belassen wir es dabei auch lieber.

Leider spielst du zurzeit nicht so viel in Deutschland. Ich erinnere mich an exzessive Tribehouse-Zeiten in Düsseldorf mit Oliver Moldan bis Anfang 2000.

 Ich will nicht da spielen, wo die Leute nicht mögen, was ich tue. Ich würde meinen Manager nie fragen: „Hey, bitte gib mir einen Gig in Deutschland!“. Deutschland hat einen berechtigten Platz in der Tanzszene, aber offensichtlich gibt es dort kein Interesse für die Promoter oder es ist ihnen egal. Ich bekomme sehr viele Anfragen aus anderen Ländern: „Los, spiel hier!“. Aber vielleicht haben die Promoter da auch eine andere Wahrnehmung.

Ich spiele viel in Japan, China und Korea oder Holland und Ungarn. Das ist gut. Zum Glück habe ich mehr Angebote zum Arbeiten als Tage zum Spielen.

Deutschlands Technoszene ist gekennzeichnet durch Größen wie Berghain/Ostgut, Kompakt oder Cocoon. Heutzutage sieht man deutlich mehr Progressive House Einflüsse, auch auf deutschen Techno-Labels wie Katermukke oder Einmusika.

Nimmst du eine Veränderung wahr zwischen den Szenen mit mehr Platz für progressive House-Sounds?

Wenn man sich meine Zusammenstellung an Musik anschaut, sieht man, dass da viele deutsche Künstler dabei sind und auch immer dabei waren. Die deutsche Szene wurde vor 15 Jahren trendy und berühmt. Ich hatte trotzdem immer einen größeren Draht zu amerikanischen Labels, vielleicht spielt das eine Rolle. Manche denken wahrscheinlich: „Oh nein, das ist der alte Trance-Typ, der Perfecto-Platten spielt!“ Aber das ist in Ordnung.
Ich hoffe, dass ich in nächster Zeit öfter in Deutschland spielen darf!

Hernán Cattáneos nächste Gigs in Europa:

18.10. Sudbeat & The Soundgarden Showcase, Thuishaven,  ADE Amsterdam
19.10. Boot Party – Reiner Liner, ADE, Amsterdam