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Es war der 16. März 2011, als Faithless das Ende verkündeten. Nur knapp drei Wochen später fand in der o2 Academy Brixton in London das Abschlusskonzert statt. Ein sentimentaler und energetischer Abschied zugleich. Einige weinten, andere jubelten. Im Dezember 2014 sorgten dann die Chemical Brothers mit dem ersten Posting zum SonneMondSterne 2015 für Jubelstürme bei allen. Faithless standen als Headliner für das Festival an der Bleilochtalsperre in Thüringen fest. Am 10. Februar kündigte die Band selbst die Wiedervereinigung sowie eine Europatour an, die am 13. Dezember in Amsterdam endet. Am 9. Oktober erscheint mit „2.0“ ein Remixalbum, auf dem sich Acts wie Tiësto, Axwell, Armin van Buuren, Booka Shade, Claptone und viele mehr mit neuen Interpretationen verewigen.


Im Interview reden Sister Bliss und Maxi Jazz offen und ehrlich über ihre Beweggründe, 2011 das Ende von Faithless zu verkünden: „Es war damals Maxis Entscheidung, aufzuhören. Wir haben das, was wir gemacht haben, sehr intensiv gemacht. Unsere Touren führten uns endlose Male über den gesamten Erdball. Maxi fühlte bei diesem hohen Tempo, dass er körperlich immer wieder an seine Grenzen stieß. Ein Leben auf Tour ist anstrengender, als viele denken. Wir wollten nicht zu den Bands gehören, die ihre Fans mit halbgaren Shows abspeisen und ihnen ein 08/15-Programm bieten. Es war und ist in unseren Augen ein ehrenwerterer Abgang, wenn man die Bühne eines ausverkauften Stadions oder einer Arena verlässt, als sein letztes Konzert vor 50 Leuten zu spielen.“ Die Gefühlswelten, die sie beim Abgang von der Bühne im April 2011 durchlebten, mit der Gewissheit, gerade ihren letzten Gig gespielt zu haben, beschreibt Maxi als durchweg positiv: „Vor so einer Kulisse ein Konzert zu spielen, bei dem nicht nur wir auf der Bühne, sondern auch das Publikum 150 Prozent gegeben hat und eine unglaubliche Energie im Saal war, fühlte man sich gesegnet und irgendwie auch high, sehr kurz vor der Erschöpfung. Es gibt Bands, die ein paar Erfolge einfahren können, aber nicht länger als ein bis zwei Jahre halten. Wir waren schon damals ganze 15 Jahre zusammen, haben unglaubliche Dinge erlebt, tolle Leute und Freunde fürs Leben kennengelernt und etwas Großes erschaffen. Wir können manchmal noch immer nicht begreifen, dass so viele Leute auf der gesamten Welt unsere Kunst lieben und sie supporten. Wie viele Leute dort draußen, die zum Teil wahnsinnig großes Talent besitzen, träumen davon, einmal auf einer Bühne stehen zu dürfen. Wir haben uns das schon lange vor der Show in Brixton klargemacht und verspüren daher tiefe Dankbarkeit, dass das, was wir machen, eine Bedeutung hat. Als wir damals von dieser Bühne gingen, hatten wir beide ein XXL-Lächeln auf dem Gesicht.“

Generell wurden Faithless auch wegen ihrer in der Öffentlichkeit spürbaren, guten Chemie innerhalb der Band so geschätzt. „Die war präsent, weil wir beide uns unheimlich gut verstanden haben. Wir haben dann gemerkt, wie viel wir mit Musik erreichen können und dass unsere Songs für viele weitaus mehr sind als herkömmliche partykompatible Musik. Wir hatten in unseren sozialen Netzwerken eine Hashtag-Kampagne laufen, bei denen Fans ihre Erlebnisse mit uns schildern sollten. Fotos, Autogramme, Backstage-Begegnungen oder ob und wann ihnen ein Titel von uns sehr viel bedeutet hat. Einige berichteten, dass ihnen Songs in der schweren Zeit der Scheidung geholfen haben oder bei einem Sterbefall in der Familie. Das ist verrückt und berührt uns ungemein. Das war viel tiefsinniger als schlichtweg Drogen zu nehmen, die Anlage aufzudrehen und ‚God Is A DJ‘ zu grölen.“

Und auch wenn die beiden in den vergangenen vier Jahren nicht mehr derartig im Rampenlicht standen, wie in der Zeit davor, waren sie alles andere als untätig, erzählt Sister Bliss. „Ich habe mein eigenes Label Junkdog wieder ins Leben gerufen, viel Musik gemacht und meine Radioshow gehostet. Darüber hinaus habe ich mit einigen Leuten zusammengearbeitet und nach neuen Talenten für das Label Ausschau gehalten. Irgendwann rief mich Maxi an und sagte, dass er sich frischer denn je fühle und es vermisse, mit Faithless auf der Bühne zu stehen. Ich war sehr glücklich darüber und habe keine Sekunde nachgedacht. Wir hatten einen fantastischen Sommer und freuen und wahnsinnig, das Remixalbum zu veröffentlichen.“ – „Wir haben neue Musiker in der Band und sind nun insgesamt zu zehnt. Wir sind alle hoch motiviert, und eine Show klingt niemals so wie die letzte. Wir versuchen immer, etwas Neues auszuprobieren. Das hält das Ganze frisch und gibt den Leuten sicherlich einen Grund mehr, zu unseren Shows zu kommen, als wenn wir immer wieder nur den Play-Button betätigen“, ergänzt Maxi.

Vor wenigen Wochen sorgte die schlichte Ankündigung „2.0“ für wilde Gerüchte. Viele fragten sich, was nun anders sein würde. Für die Protagonisten selbst ist es schlichtweg ein Neustart. Und damit dieser mit Pauken und Trompeten Einzug hält, wurde das Who-Is-Who der aktuellen Danceszene zusammengetrommelt: „Ein Rückblick auf die Sachen, die wir gemacht haben, aber auch ein Blick in die Zu- kunft. Die Remixe zeigen die Songs im neuen Gewand und spiegeln den aktuellen Zeitgeist wieder. Alle Remixer sind weltweit bekannt und aktuell an der Spitze ihres Schaffens. Neben diesen haben wir auch vermeintlich kleineren Akteuren, die uns schon seit längerem begeistern, eine Plattform geboten. Wir haben im Laufe unserer Karriere schon Tausende Versionen unserer Tracks gehört, die niemals offiziell veröffentlicht wurden. Die Idee hinter diesem Remixalbum war es, das Ganze aufzufrischen. Fans von früher haben heute teilweise schon Kinder, und diese wachsen gerade mit diesen Acts auf. Remixe sind in der Danceszene schon immer präsent und ein wichtiger Bestandteil. Vor allem in der heutigen Zeit, in der sich die elektronische Szene in so viele Genres unterteilt hat. Allerdings haben wir uns extrem lange dagegen gewährt. Nun jedoch hielten wir es für den richtigen Zeitpunkt, um nicht einfach als eine alternde Band in ihren letzten Tagen zu wirken, die eins von zehn Comebacks feiert. Wir haben uns tagelang den Kopf darüber zerbrochen, welcher Act welchen Titel remixen soll bzw. welche Konstellation am besten passt. Das Ergebnis hat uns wirklich umgehauen – jeder hat seinen Stil mit einfließen lassen und etwas gänzlich Neues kreiert. Purple Disco Machine ist super funky, Above & Beyond ebenfalls fantastisch. Tiësto hat die hohen Erwartungen erfüllt, und generell war er Feuer und Flamme, als er unsere Anfrage bekommen hat (beide lachen).“

Mittlerweile blicken Faithless auf eine gut 20-jährige Karriere zurück. Eine Zeit, in der sich die Musikindustrie mehrfach um 180 Grad gewendet hat und gravierende Veränderungen durchlebte. „Früher musste man sich ein Bein ausreißen, damit die Leute auch nur mitbekommen, dass es dich gibt. Heute, im Smartphone-Zeitalter, ist alles zwei Sekunden später im Netz und man hat eine Publikum im Millionenbereich. Auch die Art und Weise, wie man Musik konsumiert, hat sich grundlegend verändert. Heute erfreut man sich nicht nur an Verkäufen, sondern auch an Streaming-Zahlen. Die Industrie ist noch immer im Umbruch und hat daran schwer zu knabbern. Wir können uns mehr als glücklich schätzen, dass wir nicht heute anfangen müssen, von der Musik zu leben bzw. diesen Versuch starten. Denn das ist durch das digitale Zeitalter verdammt schwer geworden. Wie so vieles hat diese Generation viele Vor- bzw. Nachteile. Während man früher für die Band und die Unkosten bei der Tour aufkommen musste, stehen heute riesige Werbebudgets auf dem Plan. Alles passiert auf einem anderen Level, weil zeitgleich eine Flut an Musik den Markt erreicht. Jedes Jahr werden über 250.000 Titel in der Danceszene veröffentlicht. Wir machen unser Ding und freuen uns wie am ersten Tag über jedes Lächeln, das wir erzeugen.“ / Rafael Da Cruz

Artikel aus dem FAZEmag 044/10.2015