Die Hamburgerin mit afghanischen Wurzeln debütiert mit „Encoding“ auf dem Label EXYZT, das Traas, die eine Hälfte der Adana Twins, im letzten Jahr gegründet hat. Über die Entstehungsgeschichte der EP und das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen berichtet sie uns im Interview.

 
fathia


 

Was magst du gerne an Hamburg, was eher nicht so gerne?

Die wenigen Sommertage sind wundervoll, selbst nordisch-kühle HamburgerInnen strahlen aus, dass endlich mal Endorphine im Körper freigesetzt wurden. Die Clubkultur empfinde ich als klein aber fein. Im Prinzip ist für jeden Geschmack etwas dabei. Die Wege von einem Club zum anderen sind in der Regel nicht besonders weit und die Clubgänger sind sehr loyal, freundlich und gut drauf. Gelegentlich fehlt mir dennoch eine gewisse Varianz – ich habe das Gefühl, dass gerne an Bewährtem festgehalten wird. Es dauert seine Zeit, bis ein neuer Style angenommen wird. Ich habe leider schon mehr als ein Mal erlebt, dass ich dachte “endlich spielt DJ X in Hamburg” – und dann war aber der Laden leer.

An dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass Hamburg viel Potenzial hat. Leider werden viele (angehende) Clubbetreiber von der Stadt in ihrem Vorhaben ausgebremst, das finde ich sehr schade. Ich wünsche mir, dass in dieser Hinsicht mehr passiert und kreativen Köpfen die Möglichkeit eingeräumt wird, die Clublandschaft zu erweitern.

Du lebst sozusagen zwischen zwei Kulturen und hast dir mit dem DJing wahrscheinlich auch einen Traum verwirklicht. Haben sich Schwierigkeiten und Konflikte im Laufe deiner Entwicklung aufgetan und wie stehen deine Eltern hinter dir?

Zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen war nicht einfach. Ich hatte eine schöne Kindheit, die konfliktreichen Zeiten rahmen eher meine Jugend ein. Meine Eltern hatten Erwartungen an mich, die mit meinen Vorstellungen nicht zu vereinen waren. Ich habe recht früh angefangen, meinem Willen nachzugehen und bin mit 16 Jahren von zuhause aus- und in ein Jugendwohnheim eingezogen. Das Leben auf diese Weise so früh in die eigene Hand zu nehmen ist für Mädchen und Jungs aus dem afghanischen Kulturkreis sehr ungewöhnlich. Argumentative Unterstützung und Motivation meinen Eltern gegenüber habe ich von meinen älteren Geschwistern erhalten. Ohne ihr Einwirken wäre das anders verlaufen. Die räumliche Distanz hat uns am Ende gut getan, sie brachte uns schließlich wieder näher zusammen. Mein musikalisches Interesse war schon immer stark ausgeprägt. Ich war fixiert auf Gesang und der Schulchor hat mir eine Plattform geboten. Das DJing kam erst vor vier Jahren hinzu und das auch eher spontan.

Hast du noch Verwandtschaft in Afghanistan? Und steht ihr im regelmäßigen Kontakt?

Meine Tante lebt dort mit ihrer Familie. Das einzige Mal, dass ich Afghanistan besuchen konnte, war im Jahr 2008. Telefonischen Kontakt hält überwiegend meine Mutter, die sozialen Medien halten mich auf dem neuesten Stand.

Wie hat deine Karriere begonnen und hättest du gedacht, es einmal so weit zu schaffen?

Angefangen hat alles mit der Suche nach einem Ventil: Nach einem Todesfall in meiner Familie ging es mir so schlecht wie nie zuvor und die Menschen in meinem Umfeld befürchteten, dass ich in ein Loch falle, aus dem ich nicht mehr hinauskomme. Das Ereignis hat mich an persönliche Grenzen gebracht, die ich durch die Musik sprengen konnte. Das Sprichwort “Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere” spiegelt in diesem Fall meine Erfahrung.

Jeder Künstler hat bei neuen Produktionen oft eine Muse oder Inspiration, die einen Einfluss auf das Endergebnis haben. Auf Facebook hast du bereits berichtet, dass deine Emotionen der letzten Jahre dich zu deinem neuen Werk „Encoding“ verleitet haben. Welche genau sind das?

Die Begriffe Encoding/Decoding nach Stuart Hall berufen sich auf ein Kommunikationsmodell und lassen sich mit dem Sender-Empfänger-Prinzip vergleichen. „Encoding“ wurde zu einer Zeit in meinem Leben produziert, die sehr schmerzhaft war und mich auf die Probe gestellt hat. Encoding bedeutet in diesem Fall die kodierte Wahrheit, der ich damals gegenüber stand: Mein Vater verstarb an Krebs. Wir hatten eine sehr innige Beziehung und ich war an seiner Seite bis zum letzten Atemzug. Es war mir überlassen, wie ich diese Wahrheit anfasse und interpretiere. Die Musik und gerade der Produktionsprozess zu diesem Lied, zu dieser Zeit, haben mir dabei geholfen, meine Emotionen zu verarbeiten. Der Klangteppich des Liedes soll an das Wechselbad der Gefühle erinnern, dem wir uns bei einschneidenden Ereignissen gegenübergestellt sehen. So schlimm – oder schön – eine Sache auch war: Alles was uns bleibt, sind die Erinnerungen und die Gefühle, die wir hatten.

Das Resultat der kodierten Wahrheit ist die entschlüsselte Erkenntnis: Decoding. Die experimentellen Elemente des Liedes vor dem Break stehen für das gedankliche Chaos, das sortiert werden will. Wir sehen uns mit Gedanken konfrontiert, die vorher nicht existierten. Wir hören und fühlen unseren Herzschlag ganz stark – dargestellt im Break –, und wenn wir denken, dass es nicht mehr weitergeht, führt der gedankliche Prozess die Puzzleteile zusammen und wir gelangen zur Erkenntnis. Alles, was vorher blitzartig durch den Kopf geschossen ist, lässt sich in einen Rahmen fassen und ergibt einen Sinn, so wie auch das Lied letztendlich all seine Elemente zusammenführt.

Deine weitern Pläne für das laufende Jahr?

Kreativ sein: produzieren, auflegen, nette Menschen kennenlernen, das Leben genießen.

 

Aus dem FAZEmag 076/06.2018