Flashmob
In nur vier Jahren hat es der aus Mailand stammende Alessandro Magani geschafft, sich mit seinem aktuellen Projekt eine äußerst ansehnliche Reputation in der Szene zu verschaffen. Mit Releases auf Get Physical, Defected, dem Sublabel DFTD sowie dem eigenen Imprint konnte Flashmob sich binnen kürzester Zeit sowohl auf den Tanzfluren als auch bei den Akteuren dieser Welt eine ansehnliche Hörerschaft aufbauen. Mittlerweile hat sich das als Duo gestartete Ensemble auf Magani reduziert – sehr zum Wohle der künstlerischen Freiheit. Sein neuester Track „Don’t Leave“ wurde von Groove Armada mit Lobeshymnen überhäuft und vom Londoner Gespann in dessen neueste Fabriclive-Kopplung integriert. Wir sprachen mit einem Mann, der seine gesamte Karriere in den letzten Tagen auf den Prüfstand gestellt hat und das für die beste Entscheidung seines Lebens hält.


Wie geht es dir und wo bist du zurzeit?

Mir geht es gut, danke. Ich sitze in meinem Studio in Mailand und erlebe hier wohl aktuell die beste musikalische Phase meiner Karriere – so fühlt es sich zumindest an.

Warum?

Ich arbeite zurzeit zusammen mit der Agentur Fire In The Disco und bin sehr enthusiastisch, da ich scheinbar die richtigen Personen gefunden habe, um die Marke Flashmob voranzutreiben. Kürzlich hatte ich die Premiere meiner Radioshow „Flashmob #FMOB“ auf Ibiza Global Radio, in der ich regelmäßig Einblicke in mein Leben auf Tour gebe und natürlich neueste Musik spiele oder sie von jungen, talentierten Künstlern spielen lasse. Meine persönliche Spielwiese, zu der ich mir sehr gerne Freunde und Künstler einlade, die mich begeistern – gänzlich ohne Regeln, Schubladen oder sonstige Begrenzungen. Der „F Mob“, sprich die Flashmob-Gang, ist ein großartiges Kollektiv, zu dem u. a. Künstler wie DJ W!LD, Phil Weeks, Chris Carrier, Matt Tolfrey, Citizenn, Laura Jones, Kindimmer, Bambook, Boxia, Rotmark und Oster gehören. Ab September werde ich mit Alex Neri von Planet Funk, Martin Landsky, Dj Le Roi und Luca Cazal an Remixen arbeiten. Ganz besonders freue ich mich auf den Remix für Terranova, den ich zwar erst kürzlich kennengelernt habe, aber schon jetzt als einen guten Freund bezeichnen darf. Er ist eine so großartige Persönlichkeit und unglaublich inspirierend für mich. Es ist also gerade eine Menge los bei mir und so kann es gerne weitergehen.

Dabei hast du in den letzten Wochen und Monaten keine einfache Zeit gehabt. Wie war das Jahr 2016 bislang für dich?

In der Tat hat so etwas wie eine Verwandlung stattgefunden. Ein sehr wichtiger Prozess mit vielen Veränderungen. Zunächst ist da der Fakt, dass Flashmob fortan nur noch aus mir als Solo-Künstler besteht. Ich habe mich kürzlich dazu entschieden, einen recht konsequenten Schnitt zu machen, und habe damit eine Art Reset durchgeführt. Ich habe mich von allen Leuten, mit denen ich bis dato zusammengearbeitet habe, getrennt und das Team um mich herum komplett neu aufgebaut. Das klingt erst mal negativ, ist es aber keineswegs. Vielmehr ist alles äußerst freundschaftlich abgelaufen und hat neuen Wind in das gesamte Projekt gebracht. Zuvor hat sich über einen gewissen Zeitraum das Gefühl in mir entwickelt, künstlerisch mehr Freiheiten genießen zu wollen. Wir hatten uns soundtechnisch in eine Ecke drängen lassen bzw. selbst gedrängt, in der ich mich nicht mehr wohlgefühlt habe. Ich habe davon geträumt, mich ohne Barrieren und ohne Kompromisse musikalisch ausdrücken zu können. Und diesen Traum habe ich nun realisiert.

Also könnte man sagen, Freiheit ist deine persönliche Errungenschaft dieses Jahres?

Definitiv. Es ist so, dass ich mich gerade von allem trenne, was nicht wirklich fundamental wichtig ist. Nicht nur in der Karriere, auch privat trenne ich mich von allem, was auch nur annähernd als Ballast durchgehen könnte und nicht zwingend notwendig ist. Das ist ein gutes Gefühl. Bis vor einiger Zeit habe ich noch gedacht, dass es eines großen Teams bedarf, um alles am Laufen zu halten und möglichst viel zu erreichen. Das ist Quatsch. Je mehr man sich auf das Essenzielle konzentriert, desto weniger Leute braucht man. Im Studio hat mir dieser Schritt einen ungemeinen Schub gegeben und schon jetzt stehen einige neue Releases fest, darunter auf Gruuv, Roush, UNDR THE RADR, Material, Connected via Kompakt, Upon.You und vielen anderen Plattformen. Aktuell ist eine EP auf Lapsus erschienen, dem Label von Supernova, mit einem Remix von Luna City Express. Außerdem habe ich eine EP auf 8Bit draußen. Ich hatte erst kürzlich wunderbare Shows in Amsterdam sowie im Harry Klein in München. Bald geht es in meine absolute Lieblingsstadt Dublin sowie nach Antwerpen und London.

Lass uns ein paar Jahre zurückgehen. Das Projekt Flashmob gibt es tatsächlich erst seit vier Jahren. Wie bist du zur Musik gekommen?

Ich war 16 Jahre alt, als ich angefangen habe, im Sportclub bei Milano 3, wo ich aufgewachsen bin, Musik zu machen. Das waren kleine Feste, die meine Eltern damals organisierten. Musikalisch lief da ein bisschen von allem, um es möglichst jedem recht zu machen. Egal wie, die Leute mussten zum Tanzen gebracht werden. Demnach war alles erlaubt, nur dieses Ziel durfte nicht aus den Augen verloren werden. Kurze Zeit später hat mich jemand angesprochen und plötzlich hatte ich in einem kleinen Regionalradio namens „Radio Binasco“ meine eigene kleine Show. Gemeinsam mit meinem Freund Timothy durfte ich mich einmal pro Woche dort austoben. Damals war alles schön oldschool – der Mixer, die Decks und das Mikrofon wurden zusammen gemastert. Wirklich großartige Erinnerungen! Nachdem ich eine Menge Erfahrung gesammelt hatte, begann ich, bei RTL 102.5 als Journalist zu arbeiten, einem wesentlich größeren Radiosender. Da war ich jedoch nicht sehr lange, da mein Jurastudium Vorrang hatte. Ich habe mich zu dieser Zeit sehr oft mit einem amerikanischen Mädchen in London getroffen und so kam es, dass ich bald öfter dort gespielt habe, u. a. im Turnmills bei der Gay-Nacht namens „Trauma“ sowie bei den Fabric-DTPM-Afterhours. Man könnte sagen, ernsthaft begonnen hat meine DJ-Karriere also erst dort. Nach zwei Jahren habe ich in Italien eine Booking-Agentur gegründet, die ziemlich schnell Erfolge feiern konnte, da so etwas damals recht neu war. 2005 habe ich dann mit dem Produzieren begonnen. Von da an war ich täglich nur noch im Studio zugange und wollte meinen Traum leben, unter der Woche Musik zu produzieren und am Wochenende die Welt zu bereisen. Ich habe unter vielen Namen Musik herausgebracht, ehe es 2012 mit Flashmob losging.

Was oder wer hat dich in dieser Zeit besonders beeinflusst?

Ich würde sagen, die damalige Energie auf den Partys sowie die allgegenwärtige Freude. Damals war alles neu, unergründet und frisch. Jeder war begeistert und hat jede Party gefeiert, als hätte es die letzte sein können. So inspiriert mich der Vibe auf dem Dancefloor noch heute. Leute wie Jean-Michelle Jarre, Vangelis aber auch Mike Oldfield oder industrieller Techno wie Bronski Beat – alles hat bei mir Spuren hinterlassen. Und natürlich auch mein größter Held – Frankie Goes To Hollywood.
Du bist nun im fünften Jahr als Flashmob. Wie genau entstand die Idee zu diesem Projekt nach allen anderen Pseudonymen?

Wir haben als Duo eine gewisse Passion für das Produzieren von Musik gehabt. Und so sind wir mit der Intention gestartet, als Flashmob Musik außerhalb jeglicher konventioneller Schubladen zu produzieren. Keine Regeln, keine Einschränkungen, nur qualitativ hochwertige Musik. Das ist in meinen Augen nach wie vor unabdingbar, wenn man als Künstler das Bestmögliche aus seinen Fähigkeiten herausholen möchte. Ich kann die Art von Künstler nicht leiden, die sich in einem Genre befindet und sich negativ über andere Stile äußert. Das ist ignorant und engstirnig. Im Leben geht es um Freiheit und Träume. Demnach sollte es bei der Erforschung neuer Sounds und Produktionswege absolut keine Grenzen geben, um seiner Vorstellung von guter Musik so nah wie nur irgendwie möglich zu kommen. Künstler, die in Angst vor schlechtem Feedback leben und ihre Arbeit danach ausrichten, tun mir sehr leid. Wenn man liebt, was man tut, macht man es automatisch gut – diesen Leitsatz verfolge ich schon seit eh und je. Und ich glaube, darin liegt der Schlüssel, sich selbst zu verwirklichen.

Gibt es etwas, was du in naher Zukunft noch umsetzen möchtest?

Ja, 2017 möchte ich „Flashmob Live“ auf die Festival-Bühnen bringen. Ich teste aktuell einige Setups und denke, dass ich im Herbst das Grundkonzept fertig haben werde.

Was war der Grund dafür, dass du nun solo unterwegs bist?

Nachdem wir auf einigen Labels zahlreiche gute Tracks veröffentlicht und die Booking-Anfragen zugenommen hatten, kam es zu Meinungsverschiedenheiten und wir haben gemerkt, dass das Touren leider nicht ausschließlich mit Spaß verbunden ist und auch mal anstrengend sein kann. Man muss letztendlich doch mehr Opfer bringen, als manch einer zu bringen bereit ist, und der Berg an Arbeit wird nicht gerade weniger, wenn man auch noch Erfolg hat. Nicht jeder ist dazu geboren, ein Leben im Flieger zu verbringen – das ist überhaupt nicht despektierlich gemeint. Entweder man hat Lust, im Jahr nur ein bis zwei Wochenenden zu Hause bei der Freundin oder bei der Familie zu sein und den Rest in Clubs und Hotels dieser Welt, oder halt nicht. Das darf man niemandem übel nehmen, der dazu nicht bereit ist. Wir haben gemerkt, dass das zusammen nicht funktioniert, zumal wir auch nicht im gleichen Alter sind und abseits der Musik unterschiedliche Interessen haben. Nun sind wir beide glücklich, da ich dem Projekt die Möglichkeit geben kann, sich voll zu entfalten, und er nicht mehr so gestresst ist. Ich muss niemanden mehr mitziehen, bin für mich selbst verantwortlich und kann sämtliche Entscheidungen allein fällen, ohne jemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Danny und ich werden bis an unser Lebensende miteinander befreundet sein, das ist mir sehr wichtig. Aber es ist genauso wichtig, den inneren Frieden zu finden, um in diesem Business nicht unterzugehen. Ich für meinen Teil lege mir oftmals mehr Steine in den Weg als jemand von draußen. Zumindest war das in der Vergangenheit häufig so.

Wie meinst du das? Ist deine Kreativität dadurch eingeschränkt gewesen?

Ja. Kreativität ist so individuell wie die Seele. Eine Art Ausdruck von Leidenschaft, Gefühl, Wille und Enthusiasmus für eine Sache. Ich habe gelernt, dass ich nicht der Typ bin für ein Duo und ziehe meinen Hut vor denjenigen, die seit Jahren damit erfolgreich sind. Ich frage mich, wie man als Duo zur gleichen Zeit dasselbe fühlen kann. Natürlich kann man sich immer gegenseitig befruchten und beflügeln. Aber zunächst bremst man sich in meinen Augen aus, wenn man nicht vollends aus seinen eigenen Möglichkeiten schöpfen kann. Diese Reise kann ich nur allein bestreiten, das habe ich für mich gelernt. Musik produzieren ist für mich auch eine höchst intime und persönliche Sache. Nur allein fühle ich mich auf diesem Weg wohl und in der Lage, diesen auch wirklich zu gehen, ohne mich früher oder später von ihm abbringen zu lassen. Außerdem kann ich mich glücklich schätzen, dass er das Ganze genauso gesehen hat. Stellt euch mal vor, ich hätte mich gegen seinen Willen von ihm trennen müssen …

Mit dieser personellen Veränderung hat sich auch der Flashmob-Sound entwickelt, oder?

Das ist richtig. Als wir gemeinsam im Studio saßen, war es üblich, an zehn Sachen gleichzeitig zu arbeiten, aber nur eine davon letztendlich zu veröffentlichen. Es war frustrierend. Im Prinzip hat man also ständig nur halbgare Sachen gemacht. Nun ist es so, dass ich – auch aufgrund des eigenen Labels – Dinge genau dann veröffentlichen kann, wenn mir danach ist, und so, wie ich es möchte. Wir sind davor einem gewissen vorgefertigten Weg gefolgt und haben Musik gemacht, von der wir dachten, dass wir sie machen müssen, weil Leute sie so erwarten. Nun geht es soundtechnisch in etwas düsterere und analogere Gefilde. Das war schon immer mein Ding und ich tobe mich nun jeden Tag von morgens bis abends im Studio aus. Auch in Sachen Workflow hat sich einiges verändert. Als wir uns getrennt haben, haben wir das Studio zweigeteilt und ich habe einige Sachen weggegeben. Wie bereits eingangs erwähnt, habe ich mich auf das Wesentliche reduziert. So nutze ich jetzt meist den Prophet 6 und die RYTM Elektron sowie einen Moog und ein paar andere kleinere Gadgets. Ich sample supergerne Vinyl und nutze die Aufnahmen in nahezu jedem meiner Tracks. Auch eigene Vocals singe ich ein und suche nach Wegen, sie einzubauen.

Gut, dass du es ansprichst. Lass uns über dein neues Label Flashmob LTD sprechen.

Auf LTD geht es darum, Musik, die ich liebe, zu veröffentlichen, unter Umständen auch von großen, befreundeten Acts, die gerne mal eine andere Richtung wagen und etwas Experimentelleres machen möchten. Bei meinem bisherigen Brand Flashmob Records wird es fortan um jüngere Talente gehen und Musik, die den jetzigen Zeitgeist eher trifft. Ich glaube, dass ich somit die Balance gefunden habe, die mir die Möglichkeit gibt, am Ende des Tages froh und glücklich zu sein und anderen eine Plattform zu bieten. Gemeinsam mit meinem Team, bestehend aus Marco und Ollie, die mir stets zur Seite stehen und nun auch ihr Debüt auf dem Label feiern werden, blicke ich in eine glorreiche Zukunft. Doch zunächst geht es erst mal mit der Familie und den Kids nach Sizilien in den Urlaub (lacht). / Rafael Da Cruz

Aus dem FAZEmag 054
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