Kein Genre feierte in den letzten Jahren solch Unmengen an Erfolgen wie Afro-House. Unzählige Hits dieses Stils generierten einen wahren Hype um meist afrikanisch-stammende Akteure. Ein Großteil der Lorbeeren für diesen Siegeszug obliegt zweifelsfrei Namen wie Black Coffee, Culoe De Song, Djeff Afrozilla, Osunlade oder eben Floyd Lavine. Geboren und aufgewachsen in Kapstadt, gehört Lavine mit seinen Produktionen sowie seinem Mitwirken bei Kollektiven wie RISE zu den Shooting-Stars der neuen Generation von Künstlern aus Afrika. Seine Diskografie listet Labels wie Watergate Records, Get Physical, Moon Harbour, Mobilee, Connected und mehr. Mittlerweile in Berlin beheimatet, arbeitete der Watergate-Resident während der Peaktime der Corona-Pandemie unermüdlich an zahlreichen Projekten. Darunter an seinem Debüt-Album, das 2021 das Licht der Welt erblicken wird, sowie an seinem eigenen Label. In diesem Monat mixt Floyd Lavine darüber hinaus den offiziellen FAZEmag-Download-Mix. Wir haben ihn zu diesen und anderen Themen gesprochen.

 

Floyd, das Jahr 2020 scheint eines der verrücktesten aller Zeiten zu werden, wie geht es dir und wie hast du die Situation rund um Covid-19 erlebt?

In der Tat, 2020 war ein sehr unerwartetes Jahr. Ich mache weiter, so gut es geht. Und habe großes Mitleid mit denen, die geliebte Menschen verloren haben, und auch mit den Menschen, die ihren Arbeitsplatz und ihre Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, verloren haben. Persönlich bin ich dankbar, dass meine Lieben sicher und gesund sind. Meine Karriere hat in Sachen Shows natürlich einen großen Rückschlag erlitten, dieses Jahr war gespickt mit großartigen Bookings und Tourneen auf sämtlichen Kontinenten. Es gab schon fixe Termine in Asien, Indien, Südamerika, Australien, Neuseeland und an vielen weiteren Orten. Es ist unfassbar schade, dass nichts davon Realität werden konnte.

Für einige ist diese Pandemie Fluch, für andere aber auch Segen in Form von mehr Zeit und Entschleunigung. Welche Vor- bzw. Nachteile hat diese Situation für dich?

Ja, das sehe ich ähnlich. Für mich ist die Pandemie sowohl ein Fluch als auch ein Segen. Der Fluch besteht darin, dass meine Shows und Tourneen wie erwähnt gecancelt wurden, was sich natürlich sehr auf meinen Lebensunterhalt auswirkt. Es erzeugt Druck herauszufinden, wie ich aktuell und auch in der Zukunft Einkommen generieren kann. Der Segen auf der anderen Seite wiederum ist, dass ich zu Hause und im Studio sein kann. Es war musikalisch das kreativste Jahr für mich, da ich mehr Musik produziert habe als je zuvor. Ich habe gefühlt Musik für zwei ganze Alben.

Ein anderes Thema, auf das du sehr oft über deine sozialen Kanäle aufmerksam machst, ist Rassismus. Ein gravierendes Problem, das leider schon sehr lange vorherrscht, aber in diesem Jahr durch die Ereignisse in den USA und die nachfolgenden “Black Lives Matter”-Demonstrationen mehr Aufmerksamkeit bekommen hat. Wie gehst du mit diesem Thema um?

Ich denke, die massive Betroffenheit nahezu aller Menschen auf diesem Planeten durch Covid-19 inklusive ihrer Arbeitsplätze, ganze Unternehmensschließungen sowie die von der Regierung verhängten Lockdowns waren die perfekten Zutaten dafür, dass zu Hause auch über soziale Themen gesprochen und nachgedacht wurde. Für mich ist Rassismus kein schwarzes Thema, sondern es liegt an der jeweiligen Person oder der gesamten Gesellschaft, die diese Form der Unterdrückung praktiziert, sich selbst zu betrachten und sich die Frage nach dem “Warum” zu stellen. Muss man Menschen unterdrücken? Hass ist ein angelerntes Verhalten, niemand ist von Geburt an von Hass erfüllt. Menschen, die hassen, tun dies entweder aus Angst, Furcht oder weil sie Dinge nicht verstehen. Ich persönlich gehe mit Rassismus genauso um, wie ich die meiste Zeit meines Lebens damit umgegangen bin. Ich umgebe mich mit Menschen aus den verschiedensten Kulturen, aber ich habe auch schwarze Freunde, die eine mir sichere Umgebung schaffen, in der ich mich ausdrücken kann. Ich bin einfach nur ein Mensch wie jeder andere, ich versuche, mit all meinen Stärken und Schwächen das bestmögliche Leben zu führen. Ich bin ein Mensch, der der Welt Liebe geben und hoffentlich einen besseren Ort für die Menschen um mich herum schaffen will. Hass existiert nur dort, wo Liebe fehlt.

Wie wird dieses Thema in deinem engsten Kreis oder auch im Kollektiv um RISE, das größtenteils aus PoC besteht, diskutiert?

Nunja, wenn man schwarz ist, begleitet einen dieses Thema natürlich fast ein ganzes Leben lang. Für mich ist meine Hautfarbe normal, daher erscheint es mir verrückt, überhaupt darüber nachzudenken. Der beste Weg für die PoC-Community mit diesem Thema umzugehen, ist sicherlich, sich gegenseitig zu supporten. Die Welt ist oftmals schon hart genug, also gilt es doch eigentlich immer, das Bestmögliche und Positivste für alle Beteiligten zu leben und zu erreichen. Daher gilt es unter seinen Leuten immer, eine Umgebung zu erschaffen, in der jeder sich so ausdrücken kann, wie er möchte. Und genau das wird bei RISE getan.

Was, würdest du sagen, könnten wir innerhalb unserer Szene tun, um Rassismus zumindest innerhalb dieser erfolgreich zu bekämpfen?

Ich bin, wie bereits erwähnt, fest davon überzeugt, dass Rassismus und Vorurteile Verhaltensweisen sind, die man im Laufe seines Lebens erlernt. Es sind die Menschen in deinem engsten Kreis, die dich beeinflussen und dich größtenteils zu dem machen, was du bist. Es ist von daher enorm wichtig, seine Überzeugungen immer wieder zu hinterfragen, offen für verschiedene Dinge zu sein und das Leben in Liebe statt in Angst anzugehen. Ich habe sicherlich nicht alle Antworten auf die Frage, wie die elektronische Musikszene integrativer werden kann, aber was ihr definitiv hilft, wäre, die BIPoC-Minderheiten-Community zu unterstützen und ihre Arbeit bzw. Kunst zu zeigen, wenn es nötig ist. Ich glaube, das wird ein immer fortlaufender Prozess sein, und es liegt an uns, den Status quo weiter voranzutreiben und immer wieder aufs Neue herauszufordern. Künstleragenturen sollten versuchen, nach Möglichkeit eine vielfältige Liste von Künstlern mit unterschiedlichem Hintergrund und aus verschiedenen Kulturen zusammenzustellen. Booker für Festivals und Clubs sollten nach Talenten mit mehr Diversität suchen. Es gibt so viele talentierte Künstler aus der BIPoC-Gemeinschaft. Auch die Türpolitik muss so gestaltet werden, dass sich Menschen aus verschiedenen Kulturen wohl und willkommen fühlen. Auch sollte man versuchen, Freundschaften zu Personen aus der BIPoC-Community zu schließen bzw. diese kennenzulernen. Das erschafft eine ungeheure Wärme und Sicherheit auf dem Dancefloor, die jeder Party und der Szene hilft, ein Umdenken in der Gesellschaft zu starten.

Wahre Worte. Jeder Dancefloor benötigt auch die passende Musik, du hast aktuell eine neue Single auf der Compilation „Electronic Music Festival“ in Kapstadt veröffentlicht. Erzähle uns mehr zu diesem Projekt.

Das Festival war eines der ersten Festivals, das an mich geglaubt hat, kurz nachdem ich meine Karriere gestartet hatte. Das Festival ist seit fast zehn Jahren quasi das Rückgrat der südafrikanischen Musikszene. Als sie mich also baten, an dieser Compilation teilzunehmen, war ich sehr glücklich, meine Musik beisteuern zu dürfen. Es spricht für mich Bände, wenn ein Festival aufgrund der Pandemie abgesagt werden musste, aber es selbst dann noch an die Gemeinschaft denkt bzw. wie sie dieser helfen kann. Denn das Release besteht aus insgesamt 137 Tracks, audiovisuellen Artworks, einem Guide zu Kapstadt sowie 15 Live-Performances vom historischen Two Oceans Aquarium in Kapstadt. Alle Einnahmen aus der Veröffentlichung gehen an Künstler bzw. an die Kreativindustrie im Allgemeinen. Bei der ganzen Misere und den verlorenen Arbeitsplätzen zählt jede Hilfe, und wenn meine Musik eine kleine sein kann, macht es mich glücklich, ein Teil davon zu sein.

Du warst generell sehr produktiv im Studio und hast u.a. an Remixes für Re.You und Rodriguez Jr. gearbeitet.

Ja, Remixes gehören zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Erstens, weil man an Musik arbeiten kann, die man mag. Ich liebe es, einen Song, den ich sowieso gut finde, neu zu interpretieren. Es ist mir eine Ehre, Musik von einem Künstler, den man respektiert, remixen zu können. Also versuche ich, mich ihm auf die bestmögliche Weise zu nähern und meinen eigenen Stil einfließen zu lassen. Re.You und Rodriguez Jr. sind Produzenten, die ich extrem respektiere und schätze, daher war es für mich ziemlich aufregend, an diesen beiden Projekten zu arbeiten.

Darüber hinaus hast du auch noch an der Gründung deines eigenen Labels “Afrikan Tales” gearbeitet. Was ist die Idee und Philosophie dahinter?

Ja, das wird mein neues Baby. Mein neues Label ist ein Projekt, von dem ich sehr begeistert bin. Afrikan Tales wird ein Boutique-Label mit einem Konzept, das sich im Prinzip nur auf Musik konzentriert, die von der reichen Kultur Afrikas beeinflusst ist. Ich persönlich mag weirde und schöne Musik, und ich möchte auf diesem Weg neue und aufregende Künstler aus Afrika vorstellen. Es ist mir eine große Freude, eine Plattform zu schaffen, die Künstler aus meiner Heimat unterstützt. Es ist mir sehr wichtig, dass ich ihnen etwas von dem Support zurückgeben kann, den ich seit Jahren erfahre.

Mit Watergate und auch RISE bist du bereits Teil zweier großer und bekannter Brands. Was war der Grund für dich, eine eigene Marke zu schaffen?

Nun, die Watergate-Familie und RISE waren ein großer und wichtiger Teil meiner Reise, und ich werde immer dankbar sein, Teil dieser Projekte zu sein. Die Idee eines eigenen Labels fühlt sich irgendwie als der nächste Schritt in meiner Karriere an. Ich wollte etwas Eigenes schaffen, meine Visionen verwirklichen und eine Plattform schaffen, auf der es darum geht, die schönsten, merkwürdigsten, aber zugleich zukunftsweisenden afrikanischen Klänge der Welt zugänglich zu machen. Es gibt so viel Qualität, die vom afrikanischen Kontinent kommt, dass ich das Gefühl habe, sie mit der Welt teilen zu müssen.

Ebenfalls mit der Welt teilen wirst du in 2021 dein Debüt-Album, an dem du bereits arbeitest. Was dürfen wir erwarten?

Wie wir ja bereits festgestellt haben, war die Pandemie Fluch und Segen zugleich. Ich habe so viel Zeit im Studio verbracht, wie wohl noch nie zuvor. Dementsprechend habe ich sehr viel Musik kreiert. Ich denke, es ist für einen Künstler von ungeheurer Wichtigkeit, sich auf einem Album so frei ausdrücken zu können wie nur möglich und dabei sowohl Visionen als auch Kreativität und die eigene Persönlichkeit umzusetzen und einzubringen. Ich habe das Gefühl, während des Prozesses für das Album als Künstler zu wachsen. Meine persönliche Reise wird in dem Album dargestellt werden. Ich freue mich sehr, es bald mit euch zu teilen.

Viele Künstler drücken sich auf Alben musikalisch teils abseits des Dancefloors aus und beschreiten neue stilistische Wege wie z.B. im Ambient-Bereich. Wie ist das in deinem Fall?

Das Album wird sehr persönlich sein. Ich liebe elektronische Musik, aber ich liebe auch viele weitere Genres. Also wird das Album breit angelegt sein und verschiedene Stile abdecken, die alle mit meiner Handschrift versehen sind. Meine Vision ist dabei, die afrikanische Welt in den Vordergrund zu stellen, dabei insbesondere moderne afrikanische elektronische Musik. Ich möchte, dass dieses Album Grenzen aufhebt und zugleich auch die Subtilität emotionaler Gefühle innehat.

Ebenfalls in der Planung sind einige kleine und intime Veranstaltungen, was sind deine genauen Pläne?

Ich denke, wegen Covid-19 hat sich die Musiklandschaft radikal verändert, sodass wir als Kreative und Künstler innovativ sein und uns an die neue Welt anpassen müssen. Ich habe kleine und intime Veranstaltungen schon immer genossen, aber jetzt müssen wir innovativer sein und Veranstaltungen schaffen, die noch besonderer werden. Wir müssen dem Publikum ein besseres Erlebnis bieten, da es weniger Menschen sein werden. Daher ist es wichtig, alles besonders aufzubereiten. Ich möchte etwa 100 Veranstaltungen in Off-Locations mit maximal 100 Teilnehmern organisieren und werde mich dabei auf die fünf Sinne konzentrieren. Mehr verrate ich aktuell noch nicht (lacht). 

Deine Agenda scheint schon ziemlich voll zu sein. Gibt es dennoch Dinge, die du für die kommenden Wochen und Monate planst?

Einige Tage sind natürlich besser als andere, aber eine Balance in meinem Leben zu schaffen, ist das Wichtigste in dieser Zeit. In unsicheren Zeiten kann es sehr schwer sein, einen positiven Geist zu bewahren und sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Daher ist der Aufbau neuer Gewohnheiten, sich Zeit zu nehmen, auch für sich alleine zu sein und dabei neue Fähigkeiten zu erlernen, für mich im Moment der Schlüssel. Dabei bleibe ich immer offen für Veränderungen bzw. dafür, mich anzupassen. Zumindest versuche ich es immer.

Diesen Monat mixt du den offiziellen FAZEmag-Download-Mix. Mit welchen Titeln hältst du hier die Balance?

Es gibt Musik von meinem kommenden Album und einige Titel von meinem neuen Label sowie auch frische Promos von Freunden. Es ist also alles exklusives Zeug, und ich hoffe, ihr genießt die Reise.

 

 

Aus dem FAZEmag 104/10.2020
Text: Triple P
Foto: Ursula Thomas
www.facebook.com/floydlavine