Gedanken zu Weihnachten: Gordon von The Disco Boys

Gedanken zu Weihnachten: Gordon von The Disco Boys


Ich wurde vor längerer Zeit geboren. Einen Tag nach der Mondlandung. Kannst Du googeln, falls es Dich da noch nicht gab. Meinen ersten Auftritt als DJ hatte ich anno 1989 im Lindenhof zu Bad Segeberg. Die Schallplatten standen im Regal am DJ-Pult und gehörten dem Laden. Man erschien halt eine Stunde vor der Öffnung, um die richtigen schon einmal durch Herausziehen für den späteren Einsatz zu markieren (heute nennt sich das „Taglist“). Für 75 Mark fegte ich zum Feierabend sogar noch den Laden durch und war der einzige DJ für die ganze Nacht. Der magische Funken ist in dieser Nacht auf mich übergesprungen. Ich war angefixt, auch wenn ich bis heute nicht weiß, warum es so viel Spaß macht, Menschen mit Musik in Bewegung zu versetzen. Aber das tut es – und zwar so dermaßen, dass ich mir weiterhin die Nächte um die Ohren schlage und es immer noch tue: Musik anderer Menschen abspielen, um wieder andere Menschen tanzen zu lassen. Lange schon bin ich nicht mehr der picklige Nerd, der nur deshalb in der Ecke steht, weil er zu schüchtern ist, Frauen anzusprechen und eh keine Freunde hat. Mein recht ungewöhnlicher Job hat mich schon um den Globus gebracht und auf die ganz großen Bühnen, bis nach Beijing und in die Arena auf Schalke, „just to name a few“. Dass DJs einmal so im Mittelpunkt stehen würden, wie es neulich der TV-Kanal VOX weismachen wollte, hätte ich mir nie träumen lassen. „DJs – die neuen Superstars“ wurde die vierstündige Doku vollmundig angekündigt. Der Titel trifft den Nagel auf den Kopf: Wir DJs bewegen heutzutage nicht mehr nur die Leute auf der Tanzfläche. Wir verursachen Völkerwanderungen zu Festivals, die immer größer werden und auf denen DJs für eine Stunde Auflegen mitunter Millionengagen erhalten.

Vor ein paar Jahren saß ich einmal in einem Taxi in München. Nachdem der Taxifahrer den 20 Kilo schweren Plattenkoffer in den Kofferraum gehievt hatte und geklärt war, dass ich dadrin keine Goldbarren transportierte, wunderte er sich: „Warum lässt man Sie denn einfliegen? Gibt es hier niemanden, der auflegen kann?“ Berechtigte Frage. Man, was war ich stolz, dass ich offenbar besser auflegen konnte als alle Münchener Kollegen. Dabei kommt es darauf überhaupt nicht an. Es kommt darauf an, wie viele Menschen sich auf den Weg machen, um zu Deiner Musik zu tanzen. Je voller ein Club durch die reine Ankündigung Deines Namens wird, desto begehrter wirst und desto mehr Folge-Buchungen bekommst du. Die Musik, wegen der Du Dich diesem ganzen Wahnsinn aussetzt, ist dabei gar nicht mal so wichtig. Das denkst Du nämlich nur. Du musst den Leuten vorspielen, was sie von Dir erwarten. Bist Du Robin Schulz, spielst du „Sugar“. Bist Du Felix Jaehn, spielst du „Ain’t Nobody“. Bist Du die Disco Boys, spielst du „For You“. Dass Du auf der anderen Seite aber in erster Linie DJ bist und keinen Spaß daran hast, jeden Abend dieselbe Musik aufzulegen (weil Du dann doch viel lieber Gitarrist in Deiner eigenen Rockband geworden wärest) interessiert niemanden. Vermutlich geht es den Menschen um das Gemeinschaftsgefühl: Nur wenn der DJ, der das Lied rausgebracht hat, es spielt, feiern alle – sich, ihn, alle zusammen. Wie schön. Wie heile Welt. Wie kitschig. Dass DJs in den meisten Fällen keine Songschreiber sind, ist egal. Was draufsteht, muss drin sein. Hoffentlich ist der Ghost-Producer auch an den Auftrittsgagen beteiligt… aber im Studio konnte ja niemand ahnen, wie groß der Song einmal werden würde. Und so bekam der, der den Hit eigentlich gemacht hat, keinen Platz auf dem Cover und kein Geld von der GEMA. War trotzdem schön, dabei gewesen zu sein. Ist ja nur Geld.

Manchmal war die Mundpropaganda schneller als die Booking-Agentur: Laden voll, aber immer noch die gleiche, mickrige Gage wie beim letzten Mal. Aber es gibt Hintertürchen: Bist Du zu erfolgreich geworden seit dem letzten Auftritt in dem netten, kleinen Club ums Eck – auch „Wohnzimmer“ genannt – und war dort schon die nächste Show ausgemacht: Du kannst sie immer absagen, auch superkurzfristig, denn in Deinem Booking-Vertrag steht es Schwarz auf Weiß: Bei plötzlich auftretenden Promotion-Terminen („TV-Show o.ä.“), kannst du den lange geplanten und groß beworbenen Gig im kleinen Club jederzeit abblasen (neudeutsch: „canceln“). Pech für den Club, schön für Dich. Aber was kratzt es Dich in deinem Privatjet auf dem Weg nach Mexiko, dass da nun ein leerer Laden irgendwo in Deutschland ist? Dass der Veranstalter Morddrohungen erhält, weil Du etwas Wichtigeres – nämlich richtig Geld verdienen – zu tun hast? Gar nicht. Eben.

Die Festivalmacher freuen sich natürlich: Sie sparen viel Kohle, weil sie keine mehrköpfigen Rockbands samt Anhang mehr bewirten müssen. Das Equipment wird einmal aufgebaut, dann benutzt es im Prinzip jeder der Headliner-Star-DJs (Ausnahmen bestätigen die Regel). Die Roadies sind arbeitslos, weil Umbaupausen passé sind. Vielleicht wäre eine Umschulung zum Beispiel zum Hot-Dog-Verkäufer ratsam oder eine Karriere als Wrestler. Was weiß ich. Irgendwie süß, wie beim World Club Dome nach jedem DJ-Auftritt 15 Minuten Umbaupause als „DJ Change Over“ angekündigt worden sind. Habe ich bis heute nicht verstanden, ob das eine Reminiszenz an „Rock am Ring“ sein sollte, ob den Gästen zwischendurch die Gelegenheit gegeben werden sollte aufs Klo zu gehen oder etwas zu verzehren – oder ob einfach nur verhindert werden sollte, dass sich die DJs „live on stage“ abklatschen? Es soll da ja einige Kollegen geben, die sich spinnefeind sind, weil auf ihrer jeweils letzten Veröffentlichung dasselbe Preset zum Einsatz gekommen ist, und die Fans nun die Titel nicht mehr unterscheiden können. Oder weil die Ablösung – völlig ungerechtfertigt natürlich – drei Plätze weiter oben in die DJ Mag Top 100 gewählt worden ist. Es geht heute mehr denn je ums Business. Spaß, Freude, Enthusiasmus folgen auf den Plätzen. Es ist doch so: Ohne Tour-Manager bist Du nichts. Wer richtig wichtig ist, fliegt Privatjet und spielt mindestens drei Shows an einem Tag. Bringt sonst alles nichts.

Meine Gnade ist, dass ich so früh geboren wurde, dass das oben beschriebene DJ-Dasein für mich keine Rolle spielt. Ich verdiene weder Millionen noch jette ich umweltsaumäßig an einem Wochenende zu sechs Auftritten. Ich genieße lieber die eine Show, für die ich gebucht bin. Merke: Bei Doppelbookings bist du immer zur besten Zeit auf dem Weg von Club 1 zu Club 2. Ich möchte lieber zur besten Zeit auflegen – und viel Spaß dabei haben.

In diesem Sinne wünsche ich nicht nur ein frohes Fest sondern noch viele – sowie einen grandiosen Rutsch.
Endlich ist 2015 Geschichte – und: Es kann nur besser werden!

Gordon

PS: Da bin ich!