Credit: Pooneh Ghana


Es ist die Kollaboration des Jahres: Hot-Chip-Mitglied Joe Goddard und die New Yorker Sängerin Amy Douglas haben unter dem Namen Hard Feelings ein Album veröffentlicht, das sie selbst als „opera of sad bangers“ bezeichnen. Es ist Musik, die aus den 80ern stammen könnte, zum einen wegen Amys großartigem, kraftvollem und emotionalem Gesang, zum anderen aufgrund von Joes ausgefeilter House-/Synthiepop-Produktion. „Hard Feelings“ begleitet eine romantische Beziehung auf ihrem Weg vom Verlieben bis hin zum Scheitern und erscheint am 5. November. Wir haben Joe und Amy zum Interview getroffen.

Eure Zusammenarbeit beruht auf Joes Tweet an Amy „Amy, can we make a thing“? Basiert wirklich alles nur auf diesem spontanen Tweet? Oder hattet ihr vorher bereits über eine Kooperation nachgedacht? Was hättest du gemacht, Joe, wenn Amy nicht geantwortet hätte?

Beide lachen.
Joe: Das wäre sehr traurig gewesen. Es beruht tatsächlich alles auf diesem einen Tweet. Amy und ich waren vorher schon große Fans voneinander, und dann habe ich vorgeschlagen, etwas miteinander zu machen und von da an hat sich dann alles ziemlich schnell entwickelt. Ich bin sehr froh, dass alles so unkompliziert und perfekt gelaufen ist. Eigentlich bin ich keine Person, die auf Social Media Leute anschreibt, ich kann nämlich nur schlecht mit Zurückweisung umgehen. Es ist also schön, dass Amy mich nicht abgewiesen hat und wir jetzt dieses wundervolle Projekt gemeinsam verwirklichen.

Amy: Um die Frage aus meiner Sicht zu beantworten: Es bestand nie die Option, Joe abzuweisen. Ich war schon Fan von Joes Arbeit, bevor er überhaupt wusste, wer ich bin. Ich bin Fan von Hot Chip, ich finde, diese Band macht die inspirierendste Popmusik, die ich je von gehört habe. Joes Arbeit und die von Hot Chip berührt einfach etwas ganz tief in mir. Da sind Dinge in der Musik, die mich inspirieren, die ich einfach nur bewundere. Und in der Lage zu sein, mit diesem Menschen zusammenzuarbeiten, ist einfach nur wie ein wahrgewordener Traum.

Woher kommt der Projektname „Hard Feelings“? Was bedeutet er?

Joe: Ich habe ihn vorgeschlagen. Wir sind durch eine Vielzahl an Namen gegangen, aber nur „Hard Feelings“ schien mir passend. Das Album ist eine Erforschung so vieler verschiedener Facetten und komplizierter Emotionen, die mit dem Verliebtsein und mit Trennung zu tun haben. Da hat „Hard Feelings“ sehr gut gepasst. Der Name hat mich zudem auch amüsiert, denn die typische Aussage bei einer Trennung lautet schließlich „no hard feelings“, sprich „nichts für ungut“, obwohl eine Beziehung dich häufig mit einer Menge „hard feelings“ zurücklässt. Es ist also ein sarkastischer Begriff und zugleich reflektiert er alle Gefühle und Stimmungen des Albums.

In der Mini-Doku zu eurem Album sprecht ihr davon, wie viel Vertrauen in dem Album-Prozess bei euch stattfand. Ihr kanntet euch vorher aber nicht, habt euch auch nur selten gesehen, da Joe ja währenddessen mit Hot Chip auf Tour war. Woher kam also dieses Vertrauen?

Amy: Also, von meiner Seite kommt das Vertrauen allein schon daher, dass ich weiß, dass ich mit einem der besten Produzenten der Gegenwart arbeite. Wenn du Songwriter*in bist, hast du in einem solchen Fall automatisch viel Vertrauen. Ein anderer großer Teil des Vertrauens kommt aber auch daher – und ich hasse es, solche Termini zu verwenden – dass da eine Art Telepathie zwischen uns herrscht. Es war so, dass Joe mir etwas geschickt hat und ich sofort wusste, was er will, und umgekehrt genauso. Wenn ich ihm dann etwas zurückgeschickt habe, kam meist die Antwort: „Ja, genauso habe ich es mir vorgestellt.“ Wir hatten großes Glück, dass es so perfekt gelaufen ist, denn das passiert nur selten.

Gab es auch uneinige Momente zwischen euch, gar Streit?

Joe: Eigentlich überhaupt nicht, nein. Ich denke, das ist das Ergebnis eben dieses Vertrauens. Wie Amy es erzählt hat, war es ja häufig so, dass ich ihr das Instrumental geschickt habe, und dann ein perfekter, fertiger Song zurückkam, der vorher genauso in meinem Kopf existiert hatte. Insofern gab es tatsächlich keine Schritte in eine falsche Richtung. Wir sind einfach von einem zum nächsten Song gegangen und waren immer sehr glücklich mit dem Ergebnis. In meinen Augen ist das erstaunlich, denn normalerweise kommt es häufig zu Streit oder Unverständlichkeiten, wenn man von verschiedenen Orten arbeitet. Oftmals entsteht dann ein halbherziges Projekt, mit dem keine*r von beiden zufrieden ist. Mit Amy war das Gott sei Dank überhaupt nicht so. Das Vertrauen hat sich immer weiterentwickelt und ich denke, dass wir beide einfach im Blick hatten, dass wir ein Album produzieren. Das war sozusagen unser gemeinsames Ziel.

Amy: Hast du jemals „Star Wars: Episode IV – A New Hope“ gesehen? Ich vergleiche gerne unsere Arbeit mit der Handlung dieses Films. Die Produktion des Albums ist sozusagen wie die Zerstörung des Todessterns. Die ganzen Charaktere kannten sich nicht und mussten blind einander vertrauen. Sie haben lediglich die Macht genutzt und an sich geglaubt, und schon war‘s das mit dem Todesstern. Und ich weiß, das klingt sehr cheesy, aber so war das auch mit dem Album. Joe und ich mussten quasi den Todesstern zerstören und uns dabei blind vertrauen, ohne uns vorher jemals gesehen zu haben. Er war dort und ich war hier, und nur mit dem gemeinsamen Ziel im Blick, das Album zu kreieren, konnten wir das letztendlich auch schaffen.

Auf dem Album scheint Amy auf jedem Song einen neuen Charakter zu verkörpern. War das bewusst oder ist das erst im Laufe des Prozesses passiert?

Joe: Das war einer der besten Seiten von Amys Songwriting. Sie führt dich im Verlauf des Albums durch eine Beziehung, die am Ende in die Brüche geht, und zwar mit allen verschiedenen Facetten und Emotionen, die dazugehören. Das zu können, das ist einfach das Zeichen eines talentierten Songwriters bzw. Songwriterin und das macht das Album letztendlich erst vollkommen. Und bei Amy passierte das ganz automatisch, ganz natürlich.

Amy: Ohne Joes Produktion wäre das aber nicht möglich gewesen. Es gibt einen Moment auf dem Album, den ich hier in diesem Zusammenhang erwähnen muss. Mitten im Songwriting-Prozess passierte es, dass ich das allererste Mal gemerkt habe, wie ich das umsetzen kann, was Joe möchte. In diesem Moment habe ich etwas erreicht, das ich nie gedacht hätte: Ich habe meine beste und großartigste House-Hook aller Zeiten geschrieben. Und zu diesem Zeitpunkt habe ich auf einmal gewusst, wo mein Platz in der elektronischen Musik ist. Obwohl ich nun schon lange Zeit Dance Music mache, habe ich mich immer noch ein bisschen verloren gefühlt, die Songs waren einfach nicht wirklich persönlich. Es ging immer mehr um meine Stimme als um mich selbst. Bei „Hard Feelings“ wusste ich das erste Mal, was ich schreiben muss, und nicht nur, was ich singen muss. Das war ein sehr besonderer Moment für mich, und diesen Moment habe ich nur Joe zu verdanken.

Amy, du kommst aus der Rockmusik, hast dich aber dann der elektronischen Musik zugewandt. Wie kam das?

Amy: Ich wurde in einen Sack gepackt, verprügelt und in diese Richtung geworfen (lacht). Nein, ich mache natürlich nur Spaß. Ich habe einen seltsamen Hintergrund, was Musik anbelangt. Ich war Frontsängerin von vielen Hard-Rock-Bands, das war ein richtiges Rockstar-Leben, mit Tourbus und allem Drum und Dran. Ich habe dieses Leben geliebt, ich liebe es immer noch, das ist Musik, mit der ich mich selbst am besten identifizieren kann. Ich habe aber auch einen Hintergrund in der Jazzmusik. Jazz machte damals den Ursprung und die Zusammensetzung meines Songwritings aus. Ich hatte das Glück, in einem musikalischen Haushalt aufzuwachsen, mein Vater spielte damals Schlagzeug.

Ich kam also schon als junges Mädchen mit Musik in Kontakt, und schon damals wusste ich, dass ich einmal Songs schreiben möchte. Ich wollte dann lernen, wie das geht und habe mich hingesetzt und genau das getan. So bekam ich damals eine Sammlung an Grund-Skills und habe außerdem den Wunsch entwickelt, Songs zu schreiben und Songwriterin zu werden. Gleichzeitig liebe ich aber auch die Performance der Rockmusik. Zur elektronischen Musik kam ich dann hauptsächlich durch „Druck“ von außen. Leute kamen zu mir, und meinten: „Du würdest so gut auf diesem Album klingen“ und „Du solltest unbedingt mal das hier ausprobieren“ und so weiter. Das war aber nicht meine Welt, ich kannte mich damit nicht aus und hatte keinerlei Kontaktpunkte mit dieser Art von Musik. Ich dachte mir, ich bin doch dafür geschaffen, im Wembley-Stadion aufzutreten wie Freddie Mercury! Die Ironie dahinter ist aber, dass du 2020 diesen Wunsch mit der elektronischen Musik am besten erfüllen kannst. Und das habe ich dann immer mehr realisiert und kam so in diese für mich neue Szene, was ich heute kein Stück bereue.

Thema „live“: Wollt ihr auch auf Tour gehen und eure Songs live performen? Oder ist „Hard Feelings“ ein Studioprojekt?

Joe: Tatsächlich sind wir kurz davor, unseren ersten Live-Gig zu spielen, in ungefähr drei Wochen in London. Und zwar im Rahmen eines Konzertes von Hot Chip, „Hard Feelings“ wird dort als Support auftreten. Das Konzert ist ein Charity-Event, bei dem wir „Extinction Rebellion“ unterstützen. Und da sich das zeitlich mit dem Album-Release von „Hard Feelings“ überschnitten hat, haben wir eine Band zusammengetrommelt und holen Amy nach London, und dann werden wir endlich vor einem Publikum spielen. Im Moment bleibt es erst einmal bei diesem einen Konzert, aber wir hoffen natürlich, in Zukunft noch viele weitere Konzerte spielen zu können.

Amy: Unsere Intention ist es, überall zu sein, wo wir sein können. Wir wollen so vielen Leuten wie möglich zeigen, was „Hard Feelings“ ist, wollen, dass die Leute da ein Paket in die Hand gedrückt bekommen, dass sie erst einmal verarbeiten müssen, das sie auspacken und fühlen müssen. Auf das erste Konzert freue ich mich mindestens genauso sehr wie Joe, vor allem auch, da wir uns das erste Mal „in echt“ sehen werden.

Wenn wir gerade von Zukunft sprechen: Wie sieht die Zukunft von „Hard Feelings“ aus?

Joe: Im Moment denken wir vorerst nur an die Liveshow in drei Wochen.offentlich können wir im nächsten Jahr noch mehr Konzerte spielen. Hot Chip wird auf Tour gehen, und vielleicht gibt es da die Möglichkeit, dass „Hard Feelings“ auch spielen wird. Und dann werden wir wahrscheinlich mit der Musik weitermachen. Allgemein ist Zukunft aber, gerade aktuell, ein ziemlich schwieriges Thema, besonders für uns Musiker*innen. Daher fokussieren wir uns im Moment auf die Gegenwart.

Amy: Meine Antwort auf die Frage ist ganz einfach: Wenn Joe mich braucht, bin ich da, und wenn es nur für die Triangel oder das f****** Tamburine ist. Das ist die Zukunft von „Hard Feelings“: Wenn er anruft und sagt, es ist Zeit, dann ist es so. Ich werde da sein. Wir wissen beide, dass wir eine großartige Sache ins Leben gerufen haben und wir wissen auch, dass wir das so lange weitermachen können, wie wir wollen.

Welcher Song ist jeweils eurer Lieblingssong auf dem Album?

Joe: Das ist eine sehr schwierige Frage … Ich denke, bei mir ist es „Love Scenes“. Hauptsächlich wegen der emotionalen Atmosphäre, die in dem Song existiert. Ich mag Amys Texte dazu, ich mag das Tempo und ich mag es, dazu zu tanzen. Würde ich diesen Track im Club hören, wäre ich sofort neugierig und müsste mich dazu bewegen.

Amy: Mein absoluter Lieblingssong auf dem Album ist wahrscheinlich „Running Out Of Time“. Dieser Song hat einen sehr emotionalen Wert für mich, aufgrund der Zeit, in der ich ihn geschrieben habe. Dieses Gefühl, keine Zeit mehr zu haben, hatte ich zu dem Zeitpunkt. Ich war an einem körperlichen und mentalen Tiefpunkt angelangt und hatte gesundheitliche Probleme, die all meinen Plänen einen Strich durch die Rechnung gezogen haben. Ich habe zwar das Ziel vor meinen Augen gesehen, dachte mir aber, ich hätte niemals genug Zeit, dort anzukommen. Das Leben ist dort oben und ich bin es nicht. Diesen Song zu schreiben und all diese Gefühle in Worte zu fassen, war für mich sehr hart. Besonders die letzten Zeilen machen „Running Out Of Time“ für mich zum wichtigsten Song des Albums. Es ist ein dunkler Song, ein dunkles Album, das jedoch mit einem Happy Ending aufhört.

Wie soll man das Album hören? Gibt es eine Art „Betriebsanleitung“ dafür?

Amy: Nackt und mit einem glitzernden Alien-Hut.

Joe (lacht): Ja, ich denke, das ist perfekt.

Aus dem FAZEmag 117/11.21
Text: Magdalena Bojanowski
Credit: Pooneh Ghana
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