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Helena Hauff ist ein Lebemensch. Sie vermmittelt den Eindruck, sie genieße das, was sie tut – egal um was es gerade geht. Ein Mensch der Gegenwart, der weder die Vergangenheit misst noch zu viel Energie an eine ungewisse Zukunft verschwen- det. Seit gut drei Jahren ist Helena Hauff auch als Produzentin tätig und konnte ihre Arbeiten auf Labels wie Lux Records, PAN und Panzerkreuz platzieren. Am 4. September veröffentlicht die Golden Pu- del Club-Residentin nun ihr Debütalbum „Discreet Desires“ auf Werkdiscs/Ninja Tune. Im Zuge dessen habe ich mich mit der Hamburgerin über ihre Arbeit und ihre Ansichten unterhalten.

Welche Musik beeinflusst deine Arbeit am meisten? Was und wer inspiriert dich?


Es ist schwierig zu sagen, was genau einen Einfluss auf meine Arbeit hat. Ich mag Electro, Acid Techno und Wave, das hört man natürlich auch. Aber dass ich auch ein großer Fan von Psych-Rock, Garage und ähnlichem bin, ist vielleicht nicht so offensichtlich. Zu meinen liebsten Bands und Künstlern gehören Loop, Drexciya und Unit Moebius.

Du hast bereits dein eigenes Label Return to Disorder gegründet. Was hat dich dazu bewegt? Spielte Unabhängigkeit eine Rolle?

Ich hatte Lust, Musik zu veröffentlichen, die mir gut gefällt, ganz einfach. Das mit der Unabhängigkeit kann ein guter Grund sein, aber ich habe Glück mit den Labels, auf denen ich veröffentliche, denn da kann ich immer machen, was ich will.

Der erste Release auf deinem Label ist eine EP von Children of Leir. Welche Idee oder welches Konzept steckt hinter deinem Label?

Ich habe kein Konzept. Ich will auch keins, denn ich lege mich un- gern fest. Es wird auf dem Label alles versammelt sein, was ich gerne höre. Egal, ob es nun elektronisch ist oder nicht. Allerdings bekomme ich fast nur Promo-Material von ‚Techno’-Leuten, es wird also viel davon geben.

Wie hat sich das so entwickelt mit deiner Musik? Wieso stehen in deinem Zimmer nun Synthesizer und Sampler statt Bass und E-Gitarre?

Das ist eigentlich ziemlich simpel. Ich würde unheimlich gerne in einer Rockband spielen, aber ich bin zu faul, Gitarre und Schlagzeug zu lernen! (lacht) Das Schöne an elektronischer Musik ist zudem, du kannst deine eigene Band sein, du musst dich auf niemanden verlassen. Du kannst Musik machen, wann immer und wie immer du willst. Ich habe also vor ein paar Jahren angefangen, Synthesizer zu kaufen und habe dann die Helena Hauff Band gegründet.

Bevor es jedoch dazu kam, hast du ein Studium begonnen, kurze Zeit später jedoch wieder abgebrochen. Dann kam das DJing. War dieser extreme Wechsel von der Universität ins Nachtleben eine Art Flucht? Missverstanden von Dozenten und Kommilitonen, zu unterschiedlich die Vorstellungen von Beruf, Berufung und Lebensqualität?

Faulheit! Auflegen schien der einfachere Weg zu sein. Ich war aber auch wirklich enttäuscht vom Universitätsalltag. Ich wollte forschen, Sachen selbst herausfinden und viel diskutieren.

Was man in der Theorie auch von einem Studium erwarten könnte …

Aber das scheint nicht mehr in den Zeitplan eines Bachelor-Studiums zu passen. Allerdings muss ich dazu sagen, dass auch viele meiner Dozenten darüber verärgert waren. Aber neben Faulheit und der unglücklichen Struktur des Bachelor war der Hauptgrund des Abbruchs mein großes Verlangen danach, Musik zu machen. Alles andere stand an zweiter Stelle.

Du bist ja noch nicht lange Produzentin. Wie lief das anfangs? Wie hast du dir das finanziert, und wie hast du dir das Produzieren beigebracht?

Sparsamkeit, denn man braucht nicht viel Geld zum Überleben. In dieser Zeit habe ich mich hauptsächlich von Toastbrot und Dosenthunfisch ernährt. Jetzt brauche ich diese extreme Sparsamkeit zum Glück nicht mehr und gebe sehr gern mein ganzes Geld für gutes Essen aus. Ehrlich gesagt halte ich auch nicht viel vom Sparen, denn das ist oft nur eine kleinbürgerliche Angst vor der Zukunft. Wenn man allerdings neue Synthesizer haben will, muss man verzichten können und eben auch mal in den sauren ‚Aldi-Apfel’ beißen. Ach ja, und das Produzieren habe ich mir selbst beigebracht. Trial and error!

Heute, gut drei Jahre später, präsentierst du uns dein erstes Album „Discreet Desires“. Wenn es um deine Label geht, hältst du nichts von einem Konzept. War das auch bei deinem Album der Fall?

Vor einigen Jahren habe ich mich viel mit Fotografie beschäftigt. Ich fand irgendwann dieses Schwarzweiß-Foto wieder, ein Selbst- portrait, das ich unbedingt als Cover für eine Platte verwenden wollte. Die Atmosphäre des Bildes hat die Soundästhetik bestimmt. Das ist natürlich variabel, und für jemand anderen hätte die Musik durchaus anders klingen können, aber es war eine gute Richtlinie, um mich auf etwas zu konzentrieren und mich nicht im Sound zu verlieren.

Wie sehr unterscheidet sich denn die Herangehensweise an ein Album zu der einer EP?

Für mich unterscheidet sich das nicht wirklich. Ich mache einfach Musik. Ich sammle Tracks, packe sie dann in einen Ordner und über- lege mir später wie sie zusammen passen könnten. Weil mein Ansatz diesmal doch eher konzeptionell war, ich habe mich ja an dem Foto orientiert, hat es Sinn gemacht mich auf diese eine Sache zu konzentrieren. So wurde es dann auch zu einem Album!

Ein Album, in vielen musikalischen Bereichen eine Art Königsdisziplin. Wie wichtig ist es denn heutzutage noch, überhaupt ein Album zu veröffentlichen?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Viele Leute hören natürlich nicht unbedingt ganze Alben, sie laden sich nur ihre Lieblingstracks runter. Das finde ich aber nicht weiter schlimm. Ich glaube auch, man sollte sich nicht zu viele Gedanken darüber machen, ob etwas wichtig ist oder nicht. Ich hatte einfach Lust, dieses Album zu machen, also habe ich es gemacht.

„Discreet Desires“ besteht aus insgesamt zehn „One-Take-Machine-Funk-Tracks“.

Wie lange hast du gebraucht, bis das Album komplett fertig war?

Die Sachen sind im Zeitraum eines halben Jahres entstanden, ein Großteil der Tracks aber in einer intensiven Arbeitsphase von drei, vier Wochen.

Der analoge Sound deiner Maschinen ist unverkennbar. Welche Hardware war besonders wichtig?

Benutzt habe ich vor allem meine 808, 707, mein Juno 60 und den Alpha Juno. Alles von Roland.

Dein Studio ist ja auch gleichzeitig dein Schlafzimmer in deiner WG in Hamburg. Wäre dir ein externes Studio lieber, oder brauchst du die Nähe zu deinen Maschinen, damit du immer sofort loslegen oder eben aufhören kannst?

Ich bin zum Glück gerade umgezogen und habe jetzt einen Studioraum, aber immer noch in der gleichen Wohnung. Ich brauche das; anfangen und aufhören und wieder anfangen können, wann immer ich will. Mein Nachbar scheint leider nicht so begeistert davon zu sein.

Brauchst du manchmal auch Abstand von der Musik?

Ja. Ich mache auch nur dann Musik, wenn ich wirklich Lust dazu habe. Ich will nicht, dass sich das Musikmachen wie Arbeit anfühlt.

Womit vertreibst du dir denn stattdessen am liebsten die Zeit?

Schlafen, Billard spielen und Bier trinken.

Das hört sich gut an, um nicht zu sagen „perfekt“. Von diesem Wort und dem Drumherum hältst du allerdings gar nichts …

Perfektion ist ein schwieriges Wort, schwierig zu definieren. Wirkliche Perfektion existiert nicht, außer im Tod. Der Tod ist perfekt, den hätte man nicht besser machen können. Das Problem liegt oft darin, dass Perfektion mit Schönheit verwechselt wird. Ich finde deshalb viele Sachen wunderbar und faszinierend in ihrer ‚Unperfektheit’, in ihrer Rauheit.

Wie wird es weitergehen? Verfolgst du bestimmte Ziele, persönliche wie auch für dein Label?

Eigentlich will ich nur das machen, was ich jetzt mache. Auflegen, dann und wann eine Platte rausbringen. Alles gut, keine Ahnung, wie es besser sein könnte! / Gutkind

www.helena-hauff.com
Interview aus dem FAZEmag 043/09.2015
Foto: Katja Ruge