Mailand ist bekannt für seine außerordentliche Position bei Themen wie Film, Mode und Kunst – aber auch für die großartige Natur, die die urbane Metropole Italiens umgibt. Das Duo Hunter/Game, bestehend aus Emmanuele Nicosia und Martino Bertola, ist seit seinen Anfängen Teil der Mailänder Technoszene und heute gleichermaßen von der Stadt und der Natur geprägt. Die Musik des Duos zeichnet sich durch den urbanen Antrieb des Technos aus, gepaart mit introspektiven und melancholischen Melodien. 2010 starteten die beiden mit „Just This“ ihre eigene Event-Reihe, die Mailand in den letzten Jahren mit Gast-Auftritten von Dixon, DJ Koze, Seth Troxler, DJ Tennis und natürlich mit lokalen Akteuren wie Tale of Us oder Mind Against zurück auf die Techno-Landkarte manövrierte. Mit Veröffentlichungen auf Imprints wie Innervisions, Kompakt, Rumors, Last Night On Earth, My Favorite Robot, Hot Creations und Diynamic sowie dem Launch ihres eigenen Labels im Jahr 2015, das ebenfalls den Namen Just This trägt, gehören Hunter/Game nun zur obersten Riege ihrer Zunft. Mit „Silence“ veröffentlichten sie am 31. Mai ein Album, das seinen Platz eher abseits des Tanzflures findet und mit ambientartigen und fast schon hypnotischen Sound-Fragmenten daherkommt. Ein Interview.


Gratulation zu eurem neuen, zweiten Longplayer. Wie fühlt sich das fertige Werk für euch an?

Martino: Wir sind sehr froh, das Projekt endlich fertig zu haben. Wir hatten diese typische Hürde des vermeintlich glorreichen zweiten Albums, wo es meist schwieriger ist, Entscheidungen zu treffen, weil die Leute dort draußen eine gewisse Erwartungshaltung haben. Daher haben wir bereits früh beschlossen, uns diesem Druck ein Stück weit zu entziehen, und uns bewusst für die Downtempo- bzw. Ambient-Story entschieden, um damit einen klaren Kontrast zu unserem ersten Album zu schaffen.

Ein gewagter Schritt. Erzählt uns mehr darüber.

Emmanuele: Wir haben uns im Prinzip dazu entschlossen, unsere Lieblingstitel aus unserem eigenen Backkatalog zu benutzen und sie auf eine „stille“ Art und Weise neu zu produzieren. Daher auch der Titel. Wir lieben Ambient- und Downtempo-Musik, auch wenn wir vor allem in den letzten Monaten und Jahren immer mehr für Techno- und House-Musik standen.

Martino: Also waren die Arbeiten im Studio im Prinzip so, als würden wir uns selbst remixen. Nur mit dem Ziel, ein komplett neues Ergebnis zu schaffen und den Hörer dazu zu bringen, mehr auf die kleinen Details in unseren Produktionen zu achten.

Wie lange habt ihr insgesamt am Album gearbeitet und wie groß war die Herausforderung, das typische 4/4-Schema außen vor zu lassen?

Martino: Nun ja, die Arbeit mit freien Strukturen ist einfacher und kreativer. 4/4-Strukturen zwingen dich, in einem gewissen Raster zu bleiben, in dem bestimmte Parameter erfüllt werden müssen. Aber in diesem Fall hatten wir mehr Lust zu experimentieren. Musik zu machen, ohne zu überlegen, ob der Track gespielt wird oder nicht. Wir wollten den Leuten ein besseres und irgendwie auch intimeres Hörerlebnis mit den Elementen präsentieren, die wir aufgenommen und eingespielt haben.

Wie haben sich eurer Meinung nach in den letzten Jahren euer Sound und eure Produktionsweise im Studio verändert?

Emmanuele: Beim Produzieren von Musik gibt es immer eine Entwicklung. Im Laufe der Jahre erlernt man als Künstler mehr Fähigkeiten und verbessert seine Art, Musik zu machen und sein Equipment zu benutzen. Nach „Adaptation“, unserem ersten Album, haben wir unseren Live-Act ins Leben gerufen – das vermittelte uns das Verständnis für verschiedene Aspekte unserer Musik, die wir vorher nicht wahrgenommen hatten. Die Live-Auftritte brachten uns ins Herz unserer Tracks und wir spürten intensiver die Verbindung zwischen unseren Produktionen und den Menschen, die ihnen zuhören.

Was sind eure favorisierten Tools in Sachen Soft- und Hardware und welche habt ihr auf „Silence“ am häufigsten verwendet?

Martino: Letztes Jahr haben wir den neuen Elektron-Synthesizer Digitone gekauft und mit dem haben wir tatsächlich viel für das neue Werk gemacht. Wir verwenden immer noch den Moog, der das Hauptelement des alten Albums war, aber wir suchen nach neuen Sounds, die moderner und innovativer klingen. Zebra ist ein Software-Synth, den man auf dem Album auch sehr oft hört. Wir sind im Moment sehr an der FM-Synthese interessiert; wir haben viele Percussions und Texturen mit dem Zebra und dem Digitone gemacht und modulierende Strukturen hinter den Synths und dem Gesang erschaffen.

Lasst uns noch mal über den Titel sprechen. Wie wichtig ist für euch Stille im Allgemeinen, in einer Welt, die derzeit gefühlt immer lauter wird?

Emmanuele: Bevor wir auf die Idee für das zweite Album gekommen sind, haben wir damit begonnen, mit diesem Titel herumzuspielen. Nach einigen Ambient-Tracks erkannten wir ein gewisses Muster hinter unserer Arbeit. Also haben wir unsere bekannten Stücke „Silver“ und „The Island“ ebenfalls diesem Muster unterzogen und waren mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Darauf aufbauend haben wir unseren Live-Act aufgezogen und am Ende entschieden, das Album „Silence“ zu nennen. Dieser Name erklärt unsere Idee hinter den Produktionen sehr gut, wie wir finden.

Martino: Heutzutage gibt es viele Produzenten, die Musik machen, und es ist manchmal schwierig, über den Lärm und das Chaos des Marktes hinauszugehen bzw. eine gewisse Tiefe zu erkennen. Die Welt wird, wie du schon sagst, immer chaotischer und viele Menschen entscheiden sich durch diesen Umstand dazu, aufzuhören. Wir denken, dass es besser ist, die Dinge auf eine gute Weise zu tun und auch mal in die Stille zu gehen, statt immer auf die Zwölf zu hauen.

Das Album wird auf eurem eigenen Label Just This veröffentlicht. Wie fühlt es sich an, durch diese Plattform die kreative Freiheit zu haben, sich so auszudrücken, wie man möchte?

Martino: Das Abenteuer Just This begann vor etwa acht Jahren. Wir bauen es auf, modellieren, wählen aus – und ja, das ist alles in allem eine sehr große Freiheit. Wir haben endlich einen Raum, in dem wir unsere Musik veröffentlichen können, ohne uns einem anderen Label anpassen zu müssen, das vielleicht andere Ideen oder andere Ansätze hat. Wir finden das sehr wichtig, da wir so auch einen Einblick in alle Prozesse haben und als Künstler eine noch tiefere Verbundenheit dazu haben.

Es gibt bereits Single-Auskopplungen mit Remixen von Radio Slave, Inland und anderen. Wie geht es hier weiter?

Emmanuele: Wir haben einen tollen Kreis an Künstlern, die sich immer weiterentwickeln und spannend zu verfolgen sind. Und natürlich möchten wir Freunde und Familie immer supporten. Das nächste Release wird die „Cristalli Ionici“-EP von Abstrakt sein, unseren Freunden aus Rom. Marcel Fengler wird dafür einen Remix abliefern. Während des Sommers haben wir zwei „Various Artists“ geplant mit dem Titel „Broken Memories“, wo die besten Stücke seit Katalognummer 001 zu hören sein werden. Wir wollen die Arbeit auf das konzentrieren, was wir wirklich lieben, und zwar mit der Crew, die wir in den letzten Jahren aufgebaut haben.

Der Sommer ist da. Was sind eure Pläne für die Album-Tournee sowie die kommenden Wochen und Monate?

Martino: Wir haben mit unseren Freunden Luca Gasperoni und Luca Sarti an der Grafik und dem Layout des Albums gearbeitet. Sie haben die gesamte Grafik für die Live-Show gemacht, sodass wir im Sommer wieder Audio-/Video-Shows machen werden. Darauf freuen wir uns sehr.

Emmanuele: Ja, zumal wir in den nächsten Monaten viele Shows haben. Am 22. August spielen wir live bei der Afterlife auf Ibiza. Außerdem sind wir bei Tomorrowland sowie in Argentinien und den USA auf Tour. Auch freuen wir uns sehr auf den 17. Juli, da werden wir auf Mykonos sein – und danach werden wir alle großartigen Venues bespielen, die traditionell jedes Jahr auf unserer Liste stehen.

 

Aus dem FAZEmag 089/07.2019
Text: Triple P
Foto: Stella Bortoli