Impfgegner-Skepsis und Soundstorm-Rechtfertigung: Sven Väth im Spiegel-Interview

Impfgegner-Skepsis und Soundstorm-Rechtfertigung: Sven Väth im Spiegel-Interview Foto: Rene Passet via Flickr

In einem ausführlichen Interview mit dem „Spiegel“ hat Techno-Legende Sven Väth über die Corona-Pandemie und seinen Auftritt beim umstrittenen Soundstorm Festival in Saudi-Arabien gesprochen. Auch zu einer spannenden Anekdote über einen DJ-Gig beim kolumbianischen Kartell ließ er sich hinreißen…

Dem Gedanken, dass die Feierkultur nach der Pandemie womöglich nie wieder dieselbe sein wird, schiebt der 57-Jährige einen deutlichen Riegel vor. Die Menschen hätten sich zwar an Abstände und Hygienevorschriften gewöhnt, doch genauso schnell wie die Regularien gekommen sind, würden die Leute sie auch wieder vergessen: „Das geht schneller als man denkt. Ich habe in Brooklyn in einem Warehouse gespielt, vergangenen Sommer, am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag. So was habe ich selten gesehen. Das war, als wenn New York aufwacht. Die Leute werden wieder ausgehen. Auch bei uns.“

Die Coronazeit habe er auch dazu genutzt, um sein gigantisches Musikarchiv zu durchforsten. Ende des Jahres soll eine daraus entstandene Compilation erscheinen mit Musik, die Väth zwischen 1981 und 1989 aufgelegt hat. „Das war wie mit einem Parfüm, das man ewig nicht gerochen hat. Da sind dann alle die Erinnerungen aufgestiegen. Wenn ich Gary Numan höre, rieche ich heute noch den Nebel des Dorian Gray“, so der „Babba“, der in wenigen Tagen sein neuestes Album „Catharsis“ veröffentlichen wird. Der zentrale Track „Feiern“ ist vor allem eine Anspielung auf die bevorstehende Post-Coronazeit, die sich der Hesse herbeisehnt: „Der Hunger groß. Ich fand das auch so krass, dass wir aus der Kultur gesagt bekamen: Ihr seid nicht systemrelevant. Was heißt das denn überhaupt? Sehr viele Menschen arbeiten unter der Woche und warten aufs Wochenende, um sich eine Ausstellung anzuschauen. Oder um auszugehen. Um Energie zu tanken. Damit man am Montag weitermachen kann.“

Für mich war Techno immer eine Musik der Freiheit. Das ist die Message. Jeder ist willkommen. Jeder kann sein, wer er sein möchte. Auf dem Dancefloor. Das ist die Ansage. Sich nicht von jemandem erzählen zu lassen, was er denkt oder glaubt oder was er für Erfahrungen gemacht hat. Man gibt sich dem Beat hin. – Sven Väth auf die Frage, ob es eine Botschaft im Techno gibt.

Im Interview wird Väth auch zu Impfskeptikern befragt, denen er kritisch entgegentritt: „[…] Die Leute aus dem Nachtleben, die sich als jetzt als Impfskeptiker aufspielen und nie ein Problem damit hatten, Pillen zu schlucken, die in irgendwelchen Garagen zusammengerührt worden sind, vertrauen ihrem Dealer, aber der Wissenschaft nicht? Das erschließt sich mir nicht.“

Mit viel Skepsis wurde vor wenigen Wochen auch das Soundstorm Festival in Saudi-Arabien betrachtet, das von der saudischen Regierung finanziert wird. Diese steht wegen Menschenrechtsverletzungen zwar stark in der öffentlichen Kritik, zahleiche Superstars der elektronischen Musikszene traten bei dem Mega-Event aber dennoch auf. Auch Sven Väth. Auf die Frage, wie er das tolerieren könne, antwortet er: „[…] Was ist mit China, Indien, Ägypten, Israel, Russland und so weiter? Sind die alle „moralisch korrekt“ nach unseren westlichen Maßstäben? Ich bin kein Politiker, sondern Künstler und ich glaube fest daran, dass unsere Kultur, indem sie in einer solchen Region stattfindet, dort auch etwas Positives bewirken kann.“

Dass die Technokultur auch an den entlegensten Orten dieser Welt stattfindet, hat Sven Väth sicherlich schon häufig erlebt. So auch vor knapp 15 Jahren, als er gemeinsam mit Richie Hawtin für einen Gig in Kolumbien gebucht worden war. Nach dem Auftritt sei es zu einer Afterhour im Dschungel gegangen. „[…] Da war so eine Ruine. Ein Haus mit Einschusslöchern überall. Offenbar so eine Art Truppenübungsplatz für das Kartell. Dann kam ein Lastwagen, es wurde die Anlage aufgebaut, und schließlich kamen die dicken Limousinen. Da sind dann die Dons mit ihren Barbies ausgestiegen – und haben erstmal ihre Pistolen auf den Tisch gelegt“, erzählt Väth, der die augenscheinlich dubiosen Gangster im Nachhinein als „supernett“ bezeichnete und letztlich sicher wieder ins Hotel zurückkehren konnte. Natürlich nicht, ohne dem Kartell vorher ein rassiges Vinylset aufzutischen.

Das gesamte Interview könnt ihr hier lesen (zugänglich nur für Spiegel+-Nutzer).

Die Rezension zu seinem neuen Album lest ihr in der März-Printausgabe.

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