„Es ist schön, so ein Album fertig zu machen“, sagt Axel Reinemer, lehnt sich entspannt in einem weißen Eames-Chair zurück und schaut Stefan Leisering an, der nickend bestätigt. Die beiden sind das Produzententeam des insgesamt fünfköpfigen Musikerkollektivs Jazzanova. Es ist Anfang Juni, vor Kurzem ist das dritte Studioalbum fertig geworden. Noch drei Wochen, bis der nach zwei Vorgänger-Alben erste Longplayer in einem Jahrzehnt auf den Markt kommt, mit zwei Release-Konzerten huckepack, einem in Berlin und einem in London. Mit einer neuen Live-Show, die in großen Teilen noch ausgearbeitet und einstudiert werden muss. „Das machen wir alles nach dem Interview, es wird geil“, sagen Axel und Stefan und lachen. Zwar als Scherz gemeint, entbehrt die Aussage der Wahrheit nicht. Es ist noch viel zu tun, bis die Live-Show für „The Pool“ steht. So heißt das Album. Obwohl man tatsächlich am liebsten in einen Pool springen möchte an diesem auch für Berlin zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich heißen und schwülen Tag, werden die Jungs den restlichen Nachmittag tatsächlich damit verbringen, am neuen Bühnenkonzept zu basteln. Auch wenn der Ausblick nach draußen lockt, lässt sich diese Aufgabe in den schmucken Jazzanova Recording Studios an der Ystader Straße in Prenzlauer Berg gut angehen: hippe, cleane Einrichtung zu freundlichem Parkettboden, große, kugelförmige silberne Leuchten und ein klimatisierter Studiobereich mit Holzvertäfelungen, Siebzigerjahre-Chic mit heutigem Purismus. Wir sitzen in der weitläufigen offenen Küche, die elegant in eine Art Lounge mit Couch übergeht. Ein Kaffee auf Eis kühlt. Ich weiß zwar nicht, in welchem Stockwerk des von außen unscheinbaren grauen Altbaus sich das Studio befindet, da ich während des schweißtreibenden Aufstiegs aufgehört hatte, zu zählen. Es liegt jedenfalls sehr weit oben, einen Fahrstuhl gibt es nicht. Vielleicht hält dies die Jungs auch nach über 20 Jahren im Business fit. 

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Die Treppen zum Studio sind sie vergangenes Jahr jedenfalls oft hinaufgestiegen, sehr oft sogar, als sie das Album produzierten. „Das war eine sehr intensive Zeit mit dem Fokus ausschließlich auf das Album. Meistens auch nur zu zweit, eingekapselt im Studio“, erzählt Axel. Während die drei DJs des Kollektivs – Jürgen von Knoblauch, Alexander Barck und Claas Brieler – öfter unterwegs sind, stecken Axel und Stefan hinter den Synthesizern und Drum-Machines meist zu zweit die Köpfe zusammen. Schon seit Kindertagen befreundet und über technische Spielereien am Computer, über die erste Faszination für Hip-Hop und darüber schließlich für Funk, Jazz und Soul brachten sie sich alles Technische weitestgehend selbst bei: „Wir waren heiß drauf.“ Im Clubkontext lernten sie die DJs im Team kennen. Das Sampeln und Remixen wurde schließlich auch zu einer Handschrift in der Produktion, die sie meisterlich auf die Spitze trieben und, dafür bekannt, ins Archiv des legendären Jazzlabels Blue Note durften, um sich dort für eine Compilation des Labels zu bedienen. Axel und Stefan sind ein eingeschworenes Team, was es sicherlich einfacher macht, wenn man tagein, tagaus miteinander rumhängt.
„Das ganze Komponieren und Produzieren geschieht sehr fokussiert“, erzählt Axel. Hin und wieder kamen Gastsänger, denn auf zwölf Tracks singt jeweils ein anderer Künstler. Neben Paul Randolph, der in Jazzanovas Repertoire fast schon zum Inventar gehört – so eng ist die Zusammenarbeit der letzten Jahre gewesen –, ist auch Jamie Cullum auf einem der neuen Songs zu hören. Mit Oddisee ist ein Rapper vertreten, mit Rachel Sermanni eine junge Indie-Folk-Künstlerin, Charlotte OC steuert ihre R&B/Soul/Pop-Stimme bei, Noah Slee klingt ein wenig wie der junge Justin Timberlake. Zwölf Stücke, zwölf Sänger und Sängerinnen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Doch nicht jeder kam zum Einsingen ins Studio, viel Zeit also zu zweit mit dem Werk.
„Ja, und jetzt wird das Album auf die Leute losgelassen. Schutzlos“, schmunzelt Axel. „Es ist natürlich sehr spannend, wie die Menschen es aufnehmen.“ Gar hochpersönlich, wie Stefan ausführt: „Man fällt sehr viele, ja fast nur emotionale Entscheidungen. Man macht Musik ja auch so, dass sie mit einem selbst etwas macht. Auch nach der Produktion ist man zuständig für die Musik.“ Daher falle es ihnen schwer, jetzt plötzlich mit einem Fingerschnippen loszulassen. Dass sie gerade einen Bonustrack fertig gemacht haben, nur ein Indiz von vielen. Auch während der letzten zehn Jahre waren die Produzenten und DJs von Jazzanova keineswegs untätig. Zu den bereits zahlreichen Remixen gesellten sich noch viele weitere, sodass sie letztes Jahr noch eine dritte Remix-Compilation füllten. Aber selbst wenn sie abschalten wollten und könnten, die Ausarbeitung der Live-Show muss zum Zeitpunkt unseres Gesprächs noch beendet werden.

„Wir machen jetzt eine komplett neue Show. Wir haben einen zusätzlichen Sänger dabei. Das heißt, wir teilen die Songs zwischen zwei Sängern auf“, erklären die beiden. Ihr erklärtes Ziel: „Wir wollen die Show dahingehend ändern, dass wir mehr den Sound des Albums auf die Bühne bringen – und nicht einfach eine Band da steht, die unsere Songs spielt.“ Axel und Stefans Rolle soll anders sein als bisher. Sie werden mehr Elektronik machen. Auch der Bühnenaufbau und das Licht sollen anders werden. „Es wird nicht mehr eine Show sein, die sich um einen Sänger rankt. Instrumente und Vocals werden teilweise auch eingespielt. Es geht darum, zu zeigen, wer wir tatsächlich sind: Soundtüftler und Produzenten und nicht eine Funk-Band.“ Axel und Stefan lachen.

Als solche hatten sie trotz aller Bauchentscheidungen von Anfang an einen groben Plan, wo es mit dem Album hingehen sollte. „Klar, der hat sich während des Machens auch verfeinert. Je nachdem auch beeinflusst von Leuten, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir wollten aber insgesamt mehr von unseren Einflüssen in der heutigen Zeit vereinen. Es sollte wieder mehr elektronische Klänge geben, da hatten wir Bock drauf“, resümiert Axel und während Stefan ergänzt, merkt man, dass der Begriff Soundtüftler wie geschaffen für die Berliner ist: „Aber auch diese grobe Idee ist schon das Ergebnis eines Prozesses. Wir sitzen viel im Studio und hören Skizzen. Ich habe ganz viele kleinere Skizzen, die praktisch der Uranfang von Stücken sind. Manchmal nur zwei Akkorde, ein Rhythmus oder so etwas. Von diesen Fragmenten habe ich im Laufe der Jahre etwa 60, 70, vielleicht auch 80 gesammelt. Die haben wir uns angehört und ausgewertet und uns gefragt, was die uns heute geben, was wir damit assoziieren.“ Das Prinzip des Samplings spielte dabei wieder eine Rolle: „Wir haben es diesmal aber wieder von einer ganz anderen Seite reingebracht. Es erinnert mehr daran, wie wir früher gearbeitet haben. Wir nehmen eher abstrakte Teile aus irgendwelchen Free-Jazz-Platten oder irgendwelchen alten obskuren Thai-Platten mit. Momentan haben wir gar nicht den Wunsch, irgendeine Musik zu sampeln, die wiedererkennbar ist. Zum Beispiel haben wir beim Song ‚Rain Makes River‘ sehr abstrakt einen Bass-Sound drin, den wir mit irgendwelchen Gong-Sounds zusammengesetzt und dann noch durch Filter geschickt haben und so weiter. Wir haben jetzt die Klangbearbeitung noch mehr für uns entdeckt. Früher haben wir das meiste über das Programming gemacht – jetzt viel mehr übers Bearbeiten, durch Tape-Echos, Übersteigern und anderes.“ Klingt erst einmal sehr abstrakt, doch: „Am Ende war dieser engere Prozess mit der Musik tatsächlich weniger strategisch denn emotional. Geschmacksentscheidungen sind schon das, was die Musik dann letztlich antreibt. Also, bei uns jedenfalls.“
Um Geschmack geht’s auch, wenn die beiden Produzenten zusammen mit ihren DJ-Kollegen aus dem Studio auf die Bühne gehen. Und zwar um den des Publikums. Nach wie vor ist das für Axel und Stefan das Aufregendste: „Die DJs sind ja schon die ganze Zeit immer durch die Welt getourt und haben immer quasi das direkte Feedback der Crowd bekommen. Für uns ist es immer noch megawichtig und schön, wenn die Leute die Texte kennen und drauf abgehen.“ Ein ganz besonderes Feedback sei es gewesen, als auf YouTube zahlreiche Leute Videos einstellten, auf denen sie zum Jazzanova-Song „No Use“ tanzen. „Ich finde, das hat so etwas Lebensbejahendes. Und es ist großartig, zu sehen, dass die Songs im Alltag der Leute stattfinden“, freut sich Stefan. „Von ‚Little Bird‘ gibt es drei oder vier Coverversionen und einer spielt es auf dem Bass nach. So etwas heißt, dass die Songs immer noch stattfinden, nicht etwas Kurzlebiges sind.“ Mal sehen, was dieses Mal passiert.

 

Aus dem FAZEmag 077/07.2018 
Text: Csilla Letay
www.jazzanova.com

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