Credit: Feng Hai


Am 10. September hat mein Vater Geburtstag. Warum ich das erwähne? Weil am gleichen Tag die spezielle Edition eines Künstlers veröffentlicht wird, den er seit vielen, vielen Jahren sehr schätzt. Ja, man könnte getrost sagen: Mein Vater ist „Fan der ersten Stunde“ von Jean-Michel Jarre. Der Franzose, der als internationaler Wegbereiter des Synthesizer-Sounds gilt, weit mehr als 80 Millionen Tonträger verkauft hat und mit 50+ goldenen, silbernen und Platin-Schallplatten ausgezeichnet wurde – er veröffentlicht an jenem 10. September 2021 ein musikalisches, audiovisuelles und technisch brillantes Meisterwerk auf Blu-Ray, Vinyl, CD und zum Download. Ein absoluter Genuss für Aug‘ und Ohr. Mit „Welcome To The Other Side“ kommt eine Liveshow auf den Markt, die Jean-Michel Jarre am Silvesterabend 2020 gespielt hat. Und zwar in der virtuellen Kulisse der Pariser Kathedrale Notre-Dame. Sein Avatar wurde in die visuelle Location projiziert – und entstanden ist ein Konzert, das schon jetzt Kultstatus hat. Allzu gerne hätte mein Vater das Interview geführt, doch diese Ehre blieb mir zuteil. Immerhin konnte ich ihm die Audio-Aufnahme vorspielen. Für euch gibt es das Recording in abgetippter Version:

Monsieur Jarre, Sie sind bereits sehr lange im Musikbusiness – und dennoch haben Sie an Silvester 2020 eine Premiere erlebt: Sie spielten in der virtuellen Notre-Dame einen Livestream. Warum gerade dort?

Die Wahl der Location war anfangs natürlich das Maß aller Dinge und überaus relevant bei diesem Projekt. Gerade heute, in Tagen, in denen es keine Live-Veranstaltungen gibt, ein Live-Event umzusetzen – das bedarf definitiv keiner 08/15-Location. Deshalb fiel die Entscheidung sehr schnell auf Notre-Dame. Unter anderem auch, weil ich ein ganz spezielles Feeling transportieren wollte. Ich wollte unbedingt auch live spielen. Kein Pre-Recording oder Ähnliches, nein! Nichts, was in irgendeinem Videostream „verbraten“ unspektakulär wird. Mir war enorm wichtig, eine Art Benchmark zu setzen, mit dem glasklaren Fokus auf die jetzige Situation. Zudem wollte ich meine Musik auf unkonventionellem Weg mit meinen Fans teilen.

Der Titel der Show lautet „Welcome To The Other Side“. Welche Geschichte steckt dahinter?

Diese Geschichte ist schnell erzählt: Wir verlassen die reale Welt und gehen in die reale, sozusagen also auf die andere Seite. Zudem werden wir nach der Pandemie ebenfalls eine „andere Seite“ erleben, denn die Welt hat sich geändert. 

Der Stream erreichte insgesamt mehr als 75 Millionen Menschen. Welche Reaktionen haben Sie auf die Show erhalten?

Ganz ehrlich: Es war ein Schock! Aber natürlich ein Schock im positiven Sinne. Denn dass unsere Idee weltweit so gut angenommen und erfolgreich sein würde – damit hat niemand der Beteiligten gerechnet. Die Reaktionen waren allesamt überwältigend. Ich bekam unglaublich gutes Feedback. Und zwar allumfassend. Gerade die Technik wurde überaus lobend erwähnt. Aber okay, wir hatten uns auch wirklich große Mühe gegeben und nur das Beste vom Besten in Sachen Technik genutzt, das man zur Verfügung haben kann. Der Broadcast hatte zudem auch keinen Bug, was uns sehr mit Stolz erfüllt. 

Können Sie uns etwas über die technische Umsetzung erzählen? Inwieweit waren Sie in den Prozess der Visuals, Licht- und Showtechnik involviert? Und wo haben Sie sich während der Aufnahme tatsächlich befunden?

Ich war von A bis Z sehr stark in dieses Projekt involviert. Es war mir auch immens wichtig, Mitspracherecht zu haben. Ich spielte live in einem Aufnahmestudio im Zentrum von Paris, das die bestmögliche Stabilität bot, was die Streamingqualität angeht. Wir wollten natürlich auch keinen Abbruch, kein Ruckeln und auch keine Schwankungen riskieren. Deshalb fiel die Wahl auf dieses Studio, um das Level der Internet-Qualität hoch halten zu können. Alle Visuals, alle Ideen stammten aus meinem Kopf. Ausgearbeitet natürlich mit einem kreativen Team, mit dem ich eng verbunden war. Jeder Einzelne der 150 Crewmitglieder übernahm eine wichtige Rolle in dem Projekt. Es waren Leute dabei, die viele Jahre Erfahrung mitbrachten, aber auch junge Start-ups. Sie kamen aus allen Herren Ländern der Welt, zum Beispiel aus Italien, Schottland, Russland und Deutschland. Und klar, Franzosen waren auch dabei. Es war ein großartiges Abenteuer, diese Arbeit mit allen umsetzen zu dürfen. 

Das Konzert erscheint auf diversen Formaten, unter anderem auf Vinyl und Blu-Ray. Ist Ihnen noch heute – im digitalen Zeitalter – wichtig, „Musik zum Anfassen“ zu veröffentlichen?

Ich glaube tatsächlich, dass es heutzutage wichtiger ist denn je, „Musik zum Anfassen“ anzubieten. Wir alle sind „analoge Anonyme“ und bestehen letzten Endes nur aus Fleisch und Blut. Ich liebe zwar die ganze Thematik rund um die Onlinewelt, aber etwas Greifbares in der Hand zu haben, ist dennoch immer eine andere Nummer. Und was die unterschiedlichen Formate angeht: Dies war die Basis des Konzeptes/Projektes, dass wir unterschiedliche Medien bestücken. Egal ob Vinyl oder Download. Oder die 5.1-Version auf der Blu-Ray – genau diese technische Affinität macht dieses Projekt der Live-Performance so einzigartig. Ich schätze es sehr, dass „Welcome To The Other Side“ in so vielen Versionen erscheint.

Als Bonus liefert die Veröffentlichung viel „Behind the scenes“-Material. Können Sie uns hierzu schon einige Inhalte verraten?

Es ist kein richtiges Making-of. Vielmehr vermitteln die „Behind the scenes“-Clips das Gefühl, wie das Projekt angegangen, organisiert und letztendlich auch durchgeführt wurde. Ich persönlich bin ehrlich gesagt auch kein großer Fan von Making-ofs, denn ich mag es – gerade bei Filmen – wenn die Entstehungsgeschichte nicht gänzlich enthüllt wird. Der „secret touch“ bleibt somit erhalten. Im Falle unseres Projekts ist es so, dass die Zuschauer*innen Einblicke erfährt. Vor allem darüber, wie die Umsetzung erfolgte.

Das Konzert wird in einer binauralen Version veröffentlicht. Können Sie weniger Technik-affinen Fans kurz erläutern, was man darunter versteht?

Das ist für mich ein ganz spannendes Thema, eine großartige Experience! Diese können die Fans allerdings nur mit Kopfhörern erleben, da „binaural“ eine Audiotechnik ist, die speziell für Headphones entwickelt wurde. Man kann es annähernd mit einem 5.1-System vergleichen, wie man es in Kinos vorfindet. Binaurale Töne erreichen das Ohr in leicht abweichenden Frequenzen. Wir setzten diese Technik in den Innovation Studios von „Radio France“ ein, quasi im „französischen BBC“. Das Ergebnis war umwerfend und verblüffend. Du tauchst mit deinen Ohren in eine völlig neue Welt des Klanges ein, aufgenommen in Dolby-Atmos. Und das war für dieses Projekt absolut elementar.

Im vergangenen Juni wurden Sie vom französischen Präsidenten ausgezeichnet. Verraten Sie uns doch bitte hierzu ein paar Details.

Es war ein berührender Moment, als ich die Auszeichnung von Emmanuel Macron entgegennehmen durfte. Was für eine große Ehre für mich! Ein unvergesslicher Augenblick meines Lebens. Ich wurde als „Kommandeur der Ehrenlegion“ ausgezeichnet. Anlass war mein Konzert „Oxygene“, das ich im Rahmen des „Fête de la Musique“-Festivals im Élysée-Palast gespielt hatte. Wir „transformierten“ den Palast quasi in eine Festival-Location. Das war so witzig und interessant, dass es sogar im französischen Fernsehen übertragen wurde. Jedoch sehe ich diese Auszeichnung nicht für mich alleine – ich widme sie allen Musikern, DJs und Produzent*innen der Welt, die gerade in Zeiten wie diesen Durchhaltevermögen zeigen müssen. 

Wie geht es mit Jean-Michel Jarre weiter? Welche Projekte planen Sie bereits – und feilen Sie womöglich schon an einer Tour 2022?

Diesbezüglich habe ich einfach nur viele Fragezeichen auf der Stirn. Alles ist ungewiss. 2021 sind für mich Konzerte, Shows und Gigs unmöglich. Allerdings hoffe ich, nächstes Jahr wieder auf der Bühne stehen zu dürfen. Und darauf bereite ich mich schon einmal vor, indem ich weiter an neuer Musik, an neuen Projekten und neuen Produktionen arbeite. 

 

Aus dem FAZEmag 115/09.21
Text: Torsten Widua
Foto: Feng Hai
www.jeanmicheljarre.com