Jürgen Laarmann – nach Frontpage kommt nun Schlampanpan

Jürgen „JL“ Laarmann war einer der prägenden Köpfe der Technoszene der 90er-Jahre. Er war Herausgeber des ersten Technomagazins „Frontpage“, Promoter und Gesellschafter der Loveparade und der Mayday. 2018 hatte er mit „1000 Tage Techno“ den Apple-„Podcast des Jahres“. Zuletzt sorgte er mit einem Medienexperiment mit einer Meldung zur angeblichen Schließung des Berghains für einen der großen Aufreger des Jahres.
Nun hat er mit Schlampanpan ein neues Projekt, das scheinbar gar nichts mit Techno zu tun hat. Oder?

 

Was bitte ist Schlampanpan?

JL: Nach 1000 Tagen Techno dachte ich mir, dass ich mal was Neues erfinden müsse.
Die Idee entstand vor fünf Jahren und war relativ simpel: Alle großen Weltreligionen haben ihre Fastenmonate, hier in Kreuzberg spielt der Ramadan eine große Rolle, bei den Christen gibt’s auch Fastenzeiten, und ich dachte mir als nicht-religiöser Hedonist braucht man einfach einen eigenen, einen anderen Kalender: mit dem Schlampanpan als Schlemmermonat mit den höchsten Feiertagen, aber vielen anderen kulinarischen Highlights im ganzen Jahr. Zuerst habe ich das für mich durchgezogen und habe das Konzept immer weiter ausgefeilt. So kann praktisch das ganze Jahr gefeiert werden – wie bei Techno auch. So fing ich an, die ersten Events zu machen. Dinners, Weinproben, Tastings – es macht riesigen Spaß.
Damit haben sich ein paar mehr Leute begeistert, und es beginnt sich eine kleine Community zu bilden, ich möchte fast schon sagen eine kleine Bewegung – wir sind genau auf dem gleichen Stand wie die Loveparade 1989, 200 Fans aber alle sehr positiv gestimmt.

Willst du Schlampanpan tatsächlich mit der Loveparade vergleichen?

Durchaus, Schlampanpan ist definitiv auch eine Friedensbewegung, es kann kaum was Besseres geben als das Menschen gemeinsam essen und kommunizieren. Ansonsten würde ich sagen, dass der Schlampanpan schon jetzt viel größer ist als die Loveparade es jemals war. Es ist einfach zu erklären: Es sind mehr Menschen an leckerem, guten und tollen Essen und Getränken interessiert als hinter einem Dieseltruck herzurennen und Technomucke zu hören und dahinter herzutanzen. Die Idee des Schlampanpan wird sich schneller verbreiten, da sie einfach viel mehr Leuten Spaß macht.

Ist es für dich eine Abkehr von Techno?

So ein Quatsch, ich würde sagen eher eine sinnvolle Ergänzung. Techno ist ein bedeutender Teil meines Lebens, ich habe viele Jahre damit verbracht. Aber ab 50 kann man sich mal überlegen, was man sonst noch so macht. Insbesondere bei den Recherchen zu meinem Buch bin ich immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert worden, dass ich hängengeblieben sei. Das Image des senilen Boomer-Opas, der nicht loslassen kann, gefällt mir nicht. In mir wuchs der Drang, nochmal was anderes zu machen, was Leute begeistert und Geschichte schreiben kann.

Was Schlampanpan mit elektronischer Musik zu tun?

Fast alle Leute, mit denen ich essen gehe und die in irgendeiner Form bei Schlampanpan mitmachen, haben ihre Roots im elektronischen Musik-Kontext. Ich sehe da keinen Unterschied – beides sind sinnliche Erfahrungen, die sich nicht ausschließen. Manche behaupten auch, das sei eine Altersfrage, früher das Geld in Drogen und Disco investiert, heute ins Sternerestaurant getragen – dem möchte ich widersprechen, es gibt auch viele jüngere Leute, die Fine Dining auf dem Schirm haben.

Gibt’s noch mehr Parallelen und Zusammenhänge?

Ja, definitiv. Die Tätigkeit eines Kochs und eines DJs ist ja vergleichbar. Durch den besten Mix von Zutaten und Ingredienzen zu einem optimalen Resultat kommen. Einige DJs waren große Köche, nicht zuletzt der unvergessene Mark Spoon. Das Gastmahl, dass der DJ vom Veranstalter bekommt, spielt am Wochenende für viele DJs oft eine zentrale Rolle, es soll manche geben, die ihre Bookings davon abhängig machen, was es gibt. Es gibt einige DJs, die echte Fine Dining-Experten sind. Immer wieder erzählt man mir von DJ Karotte, den ich gar nicht persönlich kenne, als einem Mann mit großer Leidenschaft und Expertise. Und immer mehr DJs machen in ihrem Parallel- oder Zweitleben gastronomische Betriebe auf, siehe Ritchie Hawtin mit seiner Sake Bar. Tatsächlich hat die Verknüpfung von Tanzbetrieb und Gastronomie eine lange Tradition. Meine Heimatstadt Frankfurt hatte da eine tragende Rolle, in den wichtigen Läden wie Dorian Gray, Vogue, Omen gab es jeweils auch Restaurants, im Cocoon sogar Sterneküche. In Berlin gab‘s das, glaub ich, zuletzt im Cookies. Ich rechne allerdings damit, dass das Clubrestaurant ein Revival erleben wird. Ganz einfach auch weil in einem Restaurant ganz andere Kommunikation möglich ist.

Wann warst du das erste Mal in einem Sternerestaurant?

Verbrieftermaßen 1994 beim damals einzigen Sternerestaurant Berlins, dem Rockendorf.
In dem übrigens DJ Clé (Loyoto, Märtini Brös) mal eine Ausbildung gemacht hat. Es war eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde. Ich hatte eine Lady dabei, die ich sehr hot fand, und vorher ausgerechnet, dass ich mit 500 DM auskommen würde, eine Kreditkarte hatte ich damals noch nicht. Also zwei Mal 100 DM für das Menü, zwei Mal Champagner vorab für 40 DM, eine Flasche Wein für 60 DM. Alles supi, bis zum Schluss ein Kellner vorbeikam und fragte ob wir einen Digestif möchten. Ich wählte die hübscheste Flasche, und der Armagnac mundete so gut, dass ich uns gleich noch zwei bestellte. Das jedes 0,02-Liter- Gläschen 75 DM kostete, weil der Armagnac von 1927 stammte, wurde nicht wirklich transparent kommuniziert. Das war alles hochgradig peinlich, die Lady musste aushelfen, und ich hatte was gelernt.
Siegfried Rockendorf, der Meisterkoch, hatte übrigens ein tragisches Ende, er schlich wohl nach einem Fest in seine eigene Küche und verschluckte ein großes Stück Rinderfilet und erstickte daran. Ein echter Schlampanpanian before Schlampanpan.

Geht’s bei Schlampanpan nur um Sterneküche?

Um Gottes Willen, wer soll sich das leisten können? Es geht um Neugier, um den Spaß daran, etwas zu erschmecken und zu entdecken. Wir in Berlin haben ja wirklich die Traumsituation, dass es so viele verschiedenen spannende Küchen gibt, dass es nie langweilig wird. Letzte Woche habe ich nach den Riten des Schlampanpan eine „Week Mondial“ gefeiert und war in drei seltenen Länderküchen: Kambodschanisch, Bergkarabach und Norwegisch. Mit ein bisschen Mühe kann man aber auch alles nachkochen, wenn man nicht hier in Berlin ist.

Gibt es weitere Schlampanpan-Riten?

Oh ja, neben dem Schlemmermonat gibt es eine Vielzahl von Feiertagen, die bestimmten Speisen und Lebensmitteln gewidmet sind und die man zelebrieren kann, wenn man diese mag. Dazu gibt es Rituale wie die Funkelwoche (Besuch von Restaurants mit mindestens 3 Michelin-Sternen einer Woche) oder eben die Week Mondial. Man kann sich aussuchen, was man feiert. Der Schlampanpan-Kalender ist eine freiwillige Guideline. Es gibt überdies die elf Schlampanpan-Gebote, Richtlinie für den Schlampanpanian.

Mal abgesehen vom Schlampanpan, was macht denn nun dein Buch?

Im Moment gibt es ja dutzende von Techno-Dokus, ich bin froh, dass ich mich da nicht einreihe. Die Zeit von 89-92 ist hinreichend dokumentiert, mein Buch handelt von 1994-97 über die letzten tausend Tage von „Frontpage“ und seiner Verlagsgesellschaft, der Technomedia. Um die Leute darauf einzustimmen, mache ich auf FB „Frontpage 1000 Tage Techno“ täglich einen kleinen Post mit historischem Stuff aus dem Heft.

 

 

 

www.schlampanpan.de

 

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