Marco Effe schickte 2008 seine erste EP in die Umlaufbahn und feierte zwei Jahre später seinen Durchbruch mit der „Malaysia/Muar“-EP, die auf Gregor Treshers Label Break New Stil erschien. Von da an gab es eigentlich nur eine Richtung: nach oben. Es folgten Tracks auf Cocoon, Nick Currys Cécille Records oder Dubfires Sci+Tec-Imprint. Genug Gründe, um den Italiener mal zu einem Gespräch zu bitten. 

Marco, im Jahr 2008 erschien deine erste EP „Wet June“. Kannst du dich noch daran erinnern, wie das Feedback zu der Veröffentlichung war?

Nun, die Veröffentlichung liegt ja schon ein paar Jahre zurück und seitdem sind viele Dinge geschehen, aber ich fühle immer noch diese Emotionen, die mir die Motivation gaben, mein Leben komplett der Musik zu widmen. Ich stand am Anfang meiner Karriere und alles kam mir wie ein Spiel vor. Aber als dann meine erste EP erschien, hatte ich sofort großen Erfolg. Als ich dann auch noch mitbekam, dass einige der bedeutendsten Künstler meine Musik auf der ganzen Welt spielten, realisierte ich, dass es das großartigste Gefühl der Welt ist, wenn Menschen zu meiner Musik feiern.

Wenn du an diese Zeit zurückdenkst, inwieweit hast du dich verändert? Wie würdest du deine Entwicklung bis heute beschreiben? 

Die Musik entwickelt sich ständig und dadurch entdeckst du beinahe täglich weitere und andere Gefühle. Wenn man diesen Emotionen folgt, verändert und verbessert man sich, um mit dem zufrieden zu sein, was man macht. Insofern hat sich auch meine Karriere über die Jahre entwickelt. Liebe folgt dabei keiner Logik. Ich bin immer meiner Passion durch die verschiedensten Genres gefolgt und dabei habe ich Schritt für Schritt gelernt, wie ich mein Wissen und meine Erfahrung weiterentwickeln kann, um weiterhin das zu tun, was ich liebe. Ich halte zwar nicht viel von der Einteilung von Musik in Genres, aber ich glaube, dass sich die wirkliche Entwicklung eines Künstlers an der Qualität seiner Werke bemisst.

Du wurdest in den Achtzigerjahren geboren. Hast du dich mit dem Sound der Dekade beschäftigt? Hat dich der Synth-Pop dieser Zeit beeinflusst oder bist du mehr ein (musikalisches) Kind der Neunziger?

Ich wurde nicht nur musikalisch von den Achtzigern beeinflusst. Diese Dekade war der Beginn einer neuen musikalischen Ära, da Synthesizer vermehrt benutzt wurden und das Wort „Electronic“ schon in der Luft lag. Der Wunsch nach Freiheit war identitätsstiftend zu dieser Zeit und Freiheit ist für mich und meine Arbeit der zentrale Punkt. 

Was hattest du als Kind für Pläne und Träume? Hast du immer davon geträumt, Musiker zu werden?

Lass es mich so ausdrücken: Nachdem ich meine Liebe zur Musik gefunden hatte, gab es keine anderen Pläne mehr. Mein einziger Traum war es, das Leben jeden Tag aufs Neue zu genießen, ohne dabei zu sehr an morgen zu denken. Als es dann mit der Musik losging, habe ich einfach das gemacht, was ich in diesem Moment für das Richtige hielt. Alles begann mit der Liebe und Hingabe eines Kindes, das erfolgreich werden wollte. Wenn man jünger ist, ist es schwer, sich vorzustellen, dass man eines Tages die Aufmerksamkeit von so vielen Menschen auf der ganzen Welt erregt und von einem Land zum anderen reist, um das zu machen, was man liebt. Das macht das Ganze um einiges einfacher. Das war das Einzige, was klar war.

Was würde der junge Marco Effe den jetzigen fragen, wenn die beiden sich treffen würden?

Also, das wäre auf jeden Fall eine interessante Begegnung! Das Hauptaugenmerk der Unterhaltung würde darauf liegen, wie man es schafft, seine Leidenschaft in einen echten Beruf zu überführen. Eine Reihe von Fragen würden an den „alten“ Marco gestellt werden, dieser würde daraufhin dem „jungen“ Marco raten, seinen Träumen zu folgen, da nichts unmöglich ist, wenn man daran glaubt. Es ist schon seltsam, wie manche Dinge sich Schritt für Schritt entwickeln und man selbst es gar nicht richtig bemerkt, bis man in der Position ist, zurückschauen zu können. 

Was hat dich denn als Künstler am meisten beeinflusst?

Alles, was uns umgibt, ist ein Schlüsselelement dessen, was uns inspiriert. Der Ort, an dem wir leben, die Menschen, die uns umgeben, Filme und all das. All das sind Einflüsse, die wir indirekt in uns aufnehmen, und wir senden sie in Form von persönlichem Ausdruck zurück in die Welt. Manche Erinnerungen und Eindrücke der Vergangenheit mögen uns beeinflussen, aber ich werde eher von den neuen und unterschiedlichen Sachen angezogen und möchte den Klang der Zukunft entdecken und erforschen!

Du hast auf so verschiedenen Labels wie Sci+Tec, Break New Soil, Cécille oder Cocoon veröffentlicht. Macht es dich stolz, dass man dir die Möglichkeit gegeben hat, auf so vielen geschätzten Labels zu veröffentlichen?

Ich bin natürlich froh, dass ich die Möglichkeit erhalten habe, meine Musik auf Labels wie diesen releasen zu können. Was mir jedoch dabei geholfen hat, war die Chance, mich auf verschiedenen Wegen ausdrücken zu können. Ich produziere, was mir persönlich gefällt, ohne dabei einem bestimmten Genre folgen zu müssen. Deswegen ist es wichtig für mich, gute Arbeitsbeziehungen zu den verschiedensten Labels aufrechtzuerhalten, um so meine Gefühle und meine Hingabe mit so vielen Menschen wie möglich teilen zu können.

Im Augenblick gibt es eine Menge sehr talentierter Produzenten aus Italien. Ich denke da an Marco Faraone, Sam Paganini oder Pirupa. Gibt es vielleicht so etwas wie einen „italienischen Stil“ und kennst du einige von den Jungs besser?

Ich bin stolz, ein italienischer Künstler zu sein, da Italien schon immer eine Nation voller Talente war. Viele Musiker wie Ennio Morricone, Giorgio Moroder und andere von hier haben ihren Sound über die Jahre in die Welt getragen, gerade in den Siebzigern und Achtzigern. Durch diesen musikalischen Background kann es gut sein, dass sich die Geschichte jetzt so wiederholt. Die Beziehung, die ich zu den Künstlern aus Italien habe, definiere ich dadurch, dass wir alle durch die Musik vereint sind. Einige von ihnen sind auch sehr enge Freunde von mir.

Du hast eine ganze Menge EPs und Singles veröffentlicht. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, ein Album zu produzieren?

Meiner Meinung nach ist es für einen Künstler ein großer Schritt, ein Album zu produzieren. Ein Album ist ein Ausdruck konzentrierter Musik in einem gewissen Konzept, das einen bestimmten Zeitpunkt in deinem Leben widerspiegelt. Ich habe schon darüber nachgedacht, in der nächsten Zeit ein Album zu produzieren, aber ich möchte mich wirklich bereit dafür fühlen, da es etwas Besonderes für mich und den Zuhörer sein soll.

Du bist ein sehr beschäftigter Mann, arbeitest viel an neuen Tracks und bist ständig unterwegs, um Shows zu spielen. Findest du noch ausreichend Zeit für Familie und Freunde?

Ich stehe meiner Familie sehr nah und ich liebe es, Zeit mit meinen Freunden zu verbringen. Deshalb tue ich alles, um diese Beziehungen eng zu halten, da ich der Meinung bin, dass nur sie mir die positiven Gefühle geben können, die für mich so wichtig sind. Ich versuche auch oft, Freunde in meine Arbeit einzubinden, weil die Schönheit des Lebens mit den Menschen, die du liebst, geteilt werden muss und das ein guter Weg ist, Zeit miteinander zu verbringen. Aber wir finden auch sonst immer ausreichend Zeit, um uns zu treffen. 

Wie erholst du dich denn von deinen ganzen Touren? Hast du neben der Musik noch weitere Hobbys?

Ich organisiere meinen Arbeitstag extrem gut, sodass ich mir immer wieder so viel Raum und Zeit nehmen kann, wie ich für mich selbst brauche. Ich trainiere gerne und viel, spiele Fußball oder gucke Filme. Jedoch gibt es nichts Besseres, als mit guter Musik auf den Ohren den Himmel zu beobachten und nach neuer Inspiration zu suchen.

Marco, vielen Dank für das Interview. Verrätst du uns zum Abschluss noch deine aktuellen Top Five?

Lost Archives – Special (Indigo Aera)
Shlomo – Obsession (Wolfskuil Ltd)
Marco Effe – Resolution (Etruria Beat)
SLV – Gizeh (Virgo)
Hector Oaks – Inherent Speech (Reclaim Your City)

Aus dem FAZEmag 056/10.2016
Interview: Daniel Matthias
www.soundcloud.com/marco-effe