Mark Reeve – Mit Leidenschaft und jeder Menge Ehrgeiz



Wenn der Stein einmal ins Rollen kommt, lässt er sich nur schwer aufhalten. Zugegeben, eine sehr abgedroschene Redewendung, doch sie hat sich nun einmal bewahrheitet. Ein ähnliches Szenario lässt sich auf die Karriere von Mark Reeve übertragen, der mit seinen Releases auf Drumcode, Cocoon, Soma, Intec, Traumschallplatten, Trapez, Herzblut und Bedrock gleich einen beachtlichen Felsen losgetreten hat. Im vergangenen Dezember erschien auf Adam Beyers Drumcode seine zweite EP „Run Back“. Ein Anlass für uns, mit ihm über seine Arbeit zu sprechen.

Mark, du warst schon früh von elektronischer Musik begeistert und hast bereits mit 16 regelmäßig aufgelegt. Wie kam es dazu?

Meine Leidenschaft für die Musik kam wirklich schon früh. Mit 12 oder 13 Jahren habe ich den Tapes von vielen Artists gelauscht, auch die von Carl Cox waren dabei. Außerdem war ich ein riesiger Grooverider- und LTJ-Bukem-Fan und habe jahrelang Drum ’n’ Bass gehört. Mein Musikgeschmack war damals schon ziemlich breit und ich habe mich für viele Stile und Spielarten begeistert. Nun ja, ein paar Jahre später, ich muss um die 16 gewesen sein, tat sich dann die Möglichkeit auf, in einem kleinen Club aufzulegen.

Und welche Platten hast du zu dieser Zeit gespielt?

Auf der ersten Party liefen die Sachen von Snap!, Rick Astley, Ace of Base, Culture Beat und Dr. Alban. Die ganzen Hits von damals eben. Auflegen wollte ich eigentlich Drum ’n’ Bass, doch das hat auf der Tanzfläche leider nicht funktioniert.

Mitte der 90er-Jahre hat es deine Mutter und dich von der südlichen Küste Großbritanniens nach Hessen verschlagen. Für einen jungen Teenager gibt es sicher Schöneres, als in ein anderes Land zu ziehen. Wie erging es dir zu Beginn in Deutschland?

Für meine Familie war es nicht komplett neu oder ganz fremd, denn meine Mutter kommt von hier. Ich selbst habe mir jedoch schwergetan. Die Mentalität ist eine ganz andere und die sprachliche Barriere machte mir zu schaffen. Auch verstand niemand meinen englischen Humor. Es war wirklich kein leichtes Spiel in der ersten Zeit.

Doch der Umzug sollte sich auch für dich lohnen. Welchen Eindruck hattest du vom Frankfurter Nachtleben?

Mit der Zeit lernte ich neue Leute kennen, die sich ebenso für elektronische Musik begeisterten wie ich. Sie waren allerdings schon ein paar Jahre älter und schwärmten mir regelmäßig vom Club Omen vor. Aber so was muss man natürlich am eigenen Leib erfahren. Eine Freundin nahm mich also mit und ich hörte zum ersten Mal ein Set von Sven Väth. Ich war so begeistert von der Musik, der Atomsphäre und der Euphorie, die Sven verbreitet hat, dass ich am Tag darauf sofort wieder hingegangen bin. Für mich stand nach diesem Wochenende fest: ich möchte das Gleiche machen!

Und wie ging es weiter?

Ich habe angefangen, wie ein Verrückter Platten zu kaufen. In Darmstadt, Frankfurt, Mannheim – wo immer es Vinyl gab, habe ich leidenschaftlich eingekauft. Außerdem fing ich an, eigene Partys bei mir in Bensheim sowie Open Airs im Odenwald zu veranstalten. Durch meine Vinyl-Homebase, das Pentagon in Darmstadt, bin ich später auch mit DJ-Größen wie Ricardo Villalobos zusammengekommen.

Das Netzwerk wuchs und wuchs, aber wie sah es denn mit eigenen Produktionen aus?

Naja, ich war zu der Zeit noch ein Jungspund und verfügte nicht über die ausreichenden Mittel, um selbst zu produzieren. Das war damals noch eine andere Hausnummer. Wenn du dir aber trotzdem eine kleine Fanbase aufbauen möchtest, bleibt dir nichts anderes übrig, als eigene Partys zu machen. Das hat auch ganz gut geklappt, aber natürlich nicht auf internationaler Ebene.

Also mussten doch die eigenen Produktionen her.

Genau. Anfang der 2000er hatte ich dann auch alles zusammen, meinen PC zusammengeschraubt und Software gekauft, sodass ich anfangen konnte, die ersten eigenen Beats zu machen. Damals habe ich noch mit Reason gearbeitet. Meine fertigen Stücke habe ich als White Label pressen lassen und über Discomania vertrieben. Der Verkauf lief mittelmäßig. Ich wusste, dass ich die großen Labels auf mich aufmerksam machen musste, wenn ich wirklich Erfolg haben möchte. Das gelang mir einige Zeit später mit Tapesh aus Düsseldorf. Wir produzierten zusammen und konnten Defected, CR2 und Toolroom für uns begeistern. Das war zwar ein Erfolg, doch ich habe gemerkt, dass es nicht die Richtung war, in die ich gehen möchte.

Der Durchbruch folgte 2011 mit deiner ersten EP auf Cocoon. Wie hast du das angestellt?

Mein Freund Ingo Boss verwaltete die Musik von Sven Väth und steckte ihm eine Pressung von „Daybreak on Mars“ sprichwörtlich in den Plattenkoffer. Väth spielte die Platte und fand sie so gut, dass er die ganze EP auf Cocoon veröffentlichen wollte. Das war natürlich ein riesen Ding für mich, ein Traum, der wahr wurde.

Doch der Stein sollte dadurch erst so richtig ins Rollen kommen.

So ist es. Wenn du deine Tracks auf einem Label wie Cocoon veröffentlichst, dann wirst du ganz anders wahrgenommen. Automatisch bist du für andere Labels interessant. So hat zum Beispiel Intec an meine Tür geklopft, auch Adam Beyer war von meiner EP angetan. Den Track „Morning on Mars“ hat er in beinahe jedem Set gespielt. Also schickte ich auch ihm meine Demos. Es dauerte nicht lange, bis die Veröffentlichung von vier Tracks auf Drumcode feststand. Drei Jahre ist das jetzt her.

Einen weiteren Meilenstein konntest du im vergangenen Dezember setzen. Da erschien deine EP „Run Back“ mit weiteren vier Tracks auf Beyers Techno-Imprint. Wird es da nicht auch mal Zeit für ein Album?

Ich muss sagen, Adam nimmt es – genau wie Sven damals auch – sehr, sehr genau, wenn es Veröffentlichungen auf dem eigenen Label betrifft. Da wird auf jedes Detail geachtet und man merkt, wie viel Erfahrung die Jungs haben. „Run Back“ war deshalb auch die EP, an der ich am längsten geschraubt habe. Noch nie zuvor habe ich so viel Zeit in Tracks gesteckt, aber ich bin der Meinung, dass es sich gelohnt hat. Es ist mein bisher bestes Release. Vier Tracks – und doch gibt es keine wirkliche B-Seite. Erfreulicherweise sitze ich schon an den nächsten Nummern – und ja, vielleicht finde ich 2016 auch Zeit für ein Mark-Reeve-Album. Aber ich möchte mich nicht selbst unter Druck setzen, denn da soll wirklich alles passen. Ob es auch auf Drumcode kommen wird, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Ich bin jedoch wirklich sehr froh und dankbar dafür, wie sich das Verhältnis zum Label und zu allem, was damit zu tun hat, entwickelt hat. Es ist zu meiner Homebase geworden, auf die ich mich voll und ganz konzentrieren möchte. / Gutkind

Aus dem FAZEmag 047/01.2016