So ein Debütalbum ist etwas Besonderes. Es braucht in der Regel viel Zeit, bis alles sitzt und passt. Jahre können dabei vergehen. Seit Mitte vergangenen Monats gibt es nun den ersten Longplayer von Mathieu Mourareau alias Matt Minimal überall zu kaufen: Nach sieben Jahren des Tourens und Veröffentlichens hat er sich zu einem Album durchgerungen und präsentiert ein sehr persönliches Werk. Wir haben uns mit dem Franzosen über seine Arbeit und sein Debütalbum „Child“ unterhalten.

Matt, wie kam es dazu, dass du deine Brötchen heute als DJ und Produzent verdienst?

Nun, Musik im Allgemeinen begeisterte mich bereits sehr früh. Jede Art und jeder Stil ließen mich tanzen, träumen und nachdenken. Erst im Alter von 14 hörte ich mich aktiver in die unterschiedlichen Spielarten elektronischer Musik ein – von Hardcore bis House über Techno zu Electronica. Viele verschiedene Einflüsse prägten mich, doch dann entdeckte ich Stephan Bodzins Album „Liebe ist” sowie weitere Künstler wie Nathan Fake und Max Cooper. Eine neue Welt tat sich auf. Auch die eher minimalistische Musik von Bloody Mary und Magda war zu Beginn eine große Inspiration. Mit dem DJing begann ich dann sogar etwas später als mit dem Produzieren eigener Tracks. Mit FL Studio versuchte ich, meine ersten Ideen umzusetzen. Auflegen war im Prinzip das Mittel zum Zweck, denn ich wollte die Musik, die mich so sehr begeisterte, mit den Leuten teilen. Ein anderer Beruf oder Zeitvertreib kam ab diesem Zeitpunkt schon nicht mehr in Frage. Das war es, was ich machen wollte.

Damals war es Bodzin – gibt es für dich auch heute noch Künstler, bei denen dir die Spucke wegbleibt?

Eine nur schwer zu beantwortende Frage. Es gibt sehr viel Musik, die mich seit der ersten Stunde begleitet. Bodzins „Liebe ist“ jedoch war etwas, das ich so noch nie zuvor gehört hatte. Diese Gefühle und Emotionen, das lässt sich nicht wirklich in Worte fassen. Abgesehen von meiner Leidenschaft für melodischen Techno erfreue ich mich sehr an dunkleren Gefilden. Maceo Plex oder Truncate stehen da hoch im Kurs. Ich mag es sehr, wenn ein Track sich auf wesentliche Sachen wie eine Kick, eine fette Bassline und einige abstrakte Stabs oder Synth-Sounds reduziert.

Du bist Franzose und wohnst auch nach wie vor im Süden des Landes. Wie erlebst du die elektronische Szene und das Nachtleben in deiner Heimat?

Gerade im Bezug auf elektronische Musik kann man in Südfrankreich einiges erleben. Es gibt viele Clubs, die Wert auf ein gutes Line-up legen und großartige Partys feiern. Die Gäste sind außerdem sehr empfänglich für gute Musik und wissen die Arbeit eines DJs sehr zu würdigen. Ein Heimspiel ist für mich also immer eine große Freude und ich kann daraus viel positive Energie ziehen.

Erlebst du da spürbare Unterschiede zur Szene in Deutschland?

Ich habe nun schon viele Male in Deutschland gespielt und werde dort auch noch immer regelmäßig gebucht. Ein wesentlicher Unterschied zur französischen Szene ist, dass die Leute in Deutschland offener sind. Auch die Feierkultur ist eine besondere in meinen Augen. Die Clubs sind „undergroundiger“ und dunkler als die bei uns und während in Frankreich um 6:00 Uhr spätestens das Licht angeht, wird vielerorts in Deutschland noch lange weitergefeiert. Wie schon erwähnt, genieße ich es sehr, in meiner Heimat zu spielen, doch meiner Meinung nach sind die Gigs in Deutschland immer etwas Aufregendes und Besonderes.

Mit deinem neuen und ersten Album „Child“ werden sich diese nun sicherlich mehren. Wie kam es denn zu der Entscheidung, ein Album zu produzieren?

Seit Jahren hatte ich das Projekt Album auf dem Schirm und ich freue mich sehr darüber, dass „Child“ endlich draußen ist. Das Format ist außerdem nach wie vor sehr hochwertig und eröffnet dem Künstler darüber hinaus neue Wege sowie neue Möglichkeiten, sich musikalisch auszudrücken und eine Geschichte zu erzählen.

Die Geschichte hinter deinem Debütalbum „Child“ ist eine ganz persönliche, nämlich die deiner eigenen Kindheit. Lass uns mehr darüber wissen!

Ganz richtig, aber auch die Zeit zwischen Kindheit und meinem jetzigen Alter spielt eine große Rolle. Ich denke sehr oft an die vergangenen Jahre und die vielen tollen Momente zurück. Es war eine Zeit, in der man sich nicht um den nächsten Tag scherte. Freunde und Hobbys standen ganz oben auf der Liste. Doch wie jeder andere hatte auch ich Phasen, in denen es nicht so rund lief, in denen ich die Welt nicht mehr verstand. Der Gedanke, diese Zeit und dieses Wechselspiel der Emotionen in ein Album zu packen, begeisterte mich. Wer sich das Album anhört, der wird merken, dass sich härtere Tracks wie „Voyager“ oder „Traum“ den unschöneren Zeiten widmen. „Freedom“ hingegen verkörpert die Sonnenseite des Lebens. Jeder Track auf dem Album ist also ein persönliches, musikgewordenes Gefühl.

Ein schönes Konzept. Wie bist du produktionstechnisch an das Album bzw. die einzelnen Tracks herangegangen?

Obwohl ich mich nicht bewusst auf eine bestimmte Herangehensweise festgelegt habe, beginne ich meine Tracks in der Regel immer auf dieselbe Weise, und zwar mit dem Beat. Danach jamme ich mit meinen Synthies, bis ich mit einer Idee zufrieden bin. Zum Einsatz kamen hier vor allem meine TR8 für die Rhythmen, der Moog Sub37 für die Basslines und einige Melodieteile sowie ein Juno 106 oder der Roland SH101. Seit einigen Jahren benutze ich Ableton als Software, bei der ich mittlerweile auch auf viele eigene Samples zurückgreifen kann. Eigene Sounds sind meiner Meinung nach eine sehr wichtige Sache.

Was ist – abgesehen von eigenen Sounds und Samples – noch wichtig für einen guten Track?

Man braucht keine Unmengen an analogem Equipment im Studio. Klar, jeder hätte sie gerne, aber viel wichtiger als jeder Synthie ist die Inspiration für einen Track.

Ich persönlich habe zwei Favoriten im Studio. Zum einen den Moog, da ich ihn mittlerweile blind bedienen kann und seinen Sound sehr schätze. Zum anderen meine TR8, auf die ich nicht mehr verzichten könnte. Essenziell wichtig für einen guten Track ist außerdem Geduld, denn eine Produktion braucht Zeit.

Was halten die letzten Monate des Jahres für dich bereit?

Ich werde erneut für einige Gigs auf Mauritius sein und am 20. Oktober auf dem ADE spielen. Danach zieht es mich nach Athen und in die Heimat zurück. An Silvester jedoch werde ich in Deutschland spielen, darauf freue ich mich schon sehr.

Auch für 2017 gibt es schon Pläne – unter anderem sind einige „Child“-Shows in Südamerika und Europa geplant. /JH

Aus dem FAZEmag 056/10.2016