Credit: Mike Terry


Er ist der große Gratwandler dieser Zeit: Max Richter pendelt mit seinen bilderstarken Kompositionen zwischen elektronischen Ambient-Sounds, reduziertem Minimalismus und atmosphärischer Contemporary-Klassik. Noch nie hat sich der 55-jährige Brite so richtig entscheiden können zwischen U- und E-Musik, zwischen seinem Solo-Schaffen, hochkarätigen TV- und Film-Soundtracks oder Auftragsarbeiten für Ballett, Theaterbühne und multimediale Kunstinstallationen. Doch Richter will nicht nur unterhalten, sondern betrachtet sein Werk eher als Plattform zum gesellschaftlichen Diskurs – wie er auch mit seinem neuen Album „Exiles“ demonstriert. 

82,4 Millionen. Das ist die Zahl der Menschen, die nach jüngsten Schätzungen der Vereinten Nationen weltweit auf der Flucht vor Krieg, Gewalt oder Verfolgung sind. Ein Gebiet von der Bevölkerungsdichte Deutschlands im Exodus nach Nirgendwo. Was vor einer Dekade mit der positiven Aufbruchsstimmung während des Arabischen Frühlings begann und sich in der Folgezeit in Form der sogenannten „Migrantenkrise“ fortsetzte, das stellt heute den thematischen Grundstein von „Exiles“ dar: Eine sechs Stücke umfassende Song-Sammlung, auf der Max Richter orchestrale Neueinspielungen früherer Tracks mit bisher unveröffentlichten Kompositionen zu einem Quasi-Konzeptalbum vereint. Schon immer hat sich der Brite auch als überzeugter Aktivist betrachtet, den im Zweifelsfall mit kritischen Köpfen wie Bob Dylan oder Neil Young ebenso viel verbindet wie mit alten Meistern wie Bach oder Beethoven. Nach seinem letzten Longplayer „Voices“, auf dem Richter sich im vergangenen Jahr der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte widmete, verhandelt er auf seinem neuen Album Themen wie Vertreibung und andere Formen des unfreiwilligen Unterwegsseins.

„Alle Stücke auf dieser Platte könnte man als Satelliten zum Titeltrack von ,Exiles‘ ansehen“, meldet sich Richter aus seinem eine knappe Autostunde außerhalb von London gelegenen Studio. Eine willkommene Abgeschiedenheit für den Klangverdichter und Denker, wenn er nicht gerade mit verschiedensten Programmen rund um den Globus jettet. 2018 hat er mit seiner achtstündigen „Sleep“-Live-Performance die Zuschauer*innen an der Chinesischen Mauer im wahrsten Sinne des Wortes zum Träumen gebracht; momentan konzentriert sich der englische Workaholic schon wieder auf das nächste Großprojekt: eine Zusammenarbeit mit seinem britischen Landsmann, Star-Choreograf Wayne McGregor, sowie dem National Ballet Of Canada, mit denen er die Buch-Trilogie „Maddaddam“ der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood als dystopisches Tanztheater inszeniert: die Geschichte einer Pandemie und von weltweiten Fluten. Klingt seltsam vertraut. Ebenso das Motiv von „Exiles“, wie Richter fortfährt. „Der Titelsong zeichnet ein Bild der Welt, in der wir leben. Das trifft auch auf die übrigen Stücke zu. ,In The Nature Of Daylight‘ stammt von ,The Blue Notebooks‘; einer Art Protestalbum. ,The Haunted Ocean‘ war ursprünglich auf dem Soundtrack zu ,Waltz With Bashir‘ zu finden, in dem es um den Krieg im Libanon geht. Und ,Infra 5‘ wurde von den Terroranschlägen auf die Londoner U-Bahn im Jahr 2005 inspiriert.“

Musik als Sittengemälde. Als moralischer Kompass. Und auch als Medium zum internationalen Kulturaustausch, wie Richter aufzeigt. „Exiles“ wurde Ende 2019 im estländischen Tallinn mit dem renommierten „Baltic Sea Philharmonic“-Orchester eingespielt; einem jungen Ensemble mit Musiker*innen aus dem gesamten Ostsee-Raum.

„Dieses Orchester sollte eben diese Grenzenlosigkeit verkörpern, von der in der Musik erzählt wird. Von einer Welt ohne Grenzen. Nachdem sich viele Länder in den letzten Jahrzehnten geöffnet haben, beginnen sie nun wieder, sich abzuschotten und ein xenophobes Gesellschaftsklima zu schaffen. Und ich spreche nicht nur von Großbritannien. Diese jungen Menschen mit den verschiedensten kulturellen Backgrounds zusammen musizieren zu sehen, hat mir viel Hoffnung gemacht. Es hat gezeigt, dass es gar nicht so unmöglich ist, diese gemeinsame Vision einer besseren Gesellschaft zu leben.“ Wenn auch nur für eine begrenzte Zeit im Studio. Ob sein neues Album auch als ein versteckter Fingerzeig in Richtung des Brexit-Befürworter-Lagers zu verstehen ist? Richter gibt sich vornehm britisch. „Hierzulande ist diese Sache ein absolut toxisches Thema, über das man momentan lieber nicht sprechen sollte. Die Wunden sind einfach noch zu frisch. In gewisser Weise war das ,Voices‘-Album eine Reaktion auf den Brexit“, den Richter als „zynisches Anti-Zivilisationsprojekt“ und als „eine der großen Tragödien unserer Zeit“ beschreibt. „Ich denke, die negativen Kurz- und Langzeitfolgen sind für alle Beteiligten noch weit jenseits aller Prognosen. Es ist traurig, dass man zugelassen hat, mit diesem rückwärtsgewandten Psychodrama das Verhältnis zu einem so großartigen Forum wie der EU zu zerstören.“

Verbitterung, auf die Max Richter mit der musikalischen Einladung zum Austausch reagiert. „Für mich stellen Kunst und Kultur ein Medium dar, durch das wir innerhalb dieser Gesellschaft miteinander kommunizieren. Sie bieten die Gelegenheit, über wichtige Themen zu diskutieren und tragen im besten Fall dazu bei, wichtige Probleme zu lösen, vor denen wir alle stehen. Wie ein gemeinsamer Raum, in dem wir uns bewegen. Wir sind heute immer noch mit den gleichen Herausforderungen wie vor 50 Jahren konfrontiert. Aber nicht nur das: Es sind auch noch unzählige neue Probleme hinzugekommen, die die bestehenden sogar noch verschlimmern. Nichtsdestotrotz muss man immer wieder den Finger in die Wunde legen und Fragen stellen. Auch wenn sie unbequem sind. Auf ,Exiles‘ tue ich das nun mit einem großen Orchester. Kunst, Literatur und Musik haben mir immer geholfen, mich in schweren Zeiten aufzuheitern, Trost zu finden und neuen Mut. Auch Jahrhunderte nach ihrem Tod gelingt es Beethoven oder Schubert heute immer noch, meinen Tag ein wenig besser zu machen.“

Wie nahe Schrecken und Schönheit manchmal beieinander liegen, das demonstriert Max Richter auch mit dem Opener von „Exiles“, dem bisher unveröffentlichten „Flowers Of Herself“, das Anfang des Jahres die virtuelle High-Fashion-Show des italienischen Luxus-Labels Fendi untermalte. Für Richter kein Widerspruch zwischen tiefen Emotionen und kommerzieller Vermarktung. „In meinen Augen gibt es die verschiedensten Wege, sich der Musik zu nähern und einen Zugang zu ihr aufzubauen. Als klassisch ausgebildeter Musiker finde ich Zugang bei Konzerten, einer Plattenaufnahme oder vielleicht einem Konzertreview. Andere entdecken Musik in Fernsehserien, in Filmen oder bei Modenschauen. Es gibt keine richtige oder falsche Form. Man sollte sich nicht rausnehmen, darüber zu urteilen, was der angemessene Rahmen für Musik ist und was nicht. Wir alle nehmen die Welt auf unsere ganz persönliche Weise wahr. Mit diesem Album hinterfrage ich die Welt, die wir uns erschaffen haben. Jedes Stück auf seine Art.“

 

Aus dem FAZEmag 115/09.21
Foto: Mike Terry
Text: Thomas Clausen
www.maxrichtermusic.com/