Manchmal muss man Neues wagen, den Mut haben, seinen Horizont zu erweitern, und die Kraft aufbringen, etwas umzusetzen, was zu Beginn schwer realisierbar scheint. Die Kombination von House und klassischer Musik klingt nach einem starken Kontrast. Das ist es aber eigentlich gar nicht, denn scheinbar konträre Genres können sich gegenseitig befruchten, ergänzen und zusammen etwas ganz Neues entstehen lassen. Das dachte sich auch das deutsche DJ- und Produzenten-Duo Milk & Sugar: Lange hatten sie mit dem Gedanken gespielt, legendären House-Nummern eine neue Soundfarbe zu verleihen, indem sie diese mit großem Sinfonieorchester neu produzieren. Ihr Traum wurde Wirklichkeit und nun erscheint im März das Ergebnis der Zusammenarbeit mit den Münchner Symphonikern. Wir haben mit Milk & Sugar über die Entstehung ihres ersten Klassik-Projekts „Ibiza Symphonica“ und die Herausforderungen gesprochen, die es mit sich brachte.

 


Review: Milk & Sugar und die Münchner Symphoniker – Ibiza Symphonica (Warner Classics)

Milk-&-Sugar-Sound im Orchestergewand. Wie hört sich das für euch an?

Steven: Eigentlich ist es ganz logisch: Wir wollten die besten House-Nummern mit Orchester neu aufnehmen, weil wir uns für diese Klassiker mit Orchestersound noch einmal eine ganz andere Klangdimension erhofft haben. Dass wir es tatsächlich schaffen würden, unsere Vision von „Classic meets House“ zu realisieren, hat uns tatsächlich selbst etwas überrascht. Es ist unglaublich, wie viel Support und Zuspruch wir von allen Seiten und den Akteuren selbst bekommen haben.

Wie ist die Idee zu „Ibiza Symphonica“ mit den Münchner Symphonikern entstanden?

Mike: Ich wollte schon seit Derrick May in den 90ern mal ein Orchesterprojekt auf die Beine stellen, aber letztendlich war es von der Logistik und den Kosten her sehr schwer umsetzbar. Seit 2016 wuchs dann der Mut zu diesem Risiko – et voilà: Am 6. März erscheint das Album.

Was hat euch dazu gebracht, ausgerechnet diese Hits mit orchestralem Klang neu zu arrangieren? Fiel euch die Auswahl leicht?

Mike: Die Auswahl erfolgte rein subjektiv und zufällig. Entstanden ist eine grobe Liste an Tracks im Jahr 2017 nach einer langen Partynacht auf der IMS auf Ibiza. Dort haben wir bei einem A&R-Kollegen auf seinem Zimmer eine Afterparty gefeiert – dabei ist dann das ganze Projekt in seinen Grundzügen entstanden, Tracklist inklusive.

Wie genau sah die Arbeit an den Reworks mit den Münchner Symphonikern aus?

Steven: Es war eine sehr komplexe Angelegenheit. Zuerst mussten wir den Symphonikern Demos vorlegen, die bis dahin komplett am Computer mit Orchester-Libraries vorproduziert wurden. Nach der Abnahme wurden dann auf dieser Basis die Partituren für das Orchester geschrieben. Dafür mussten wir uns aber einen Fachmann heranholen. Erst als alles fertig war, sind wir für drei Tage mit dem gesamten Orchester ins Studio gegangen und haben das Album aufgenommen.

Das neue Album nennt sich ja „Ibiza Symphonica“. Inwieweit haben die Tracks für euch einen Bezug zu der Partyinsel?

Mike: Wir haben unsere Lieblingstracks von der Insel umgesetzt. Die Plattenfirma fand die Auswahl, bis auf zwei Tracks, schließlich sehr gut.

Was bedeutet Ibiza für euch generell und welche Gefühle kommen beim Gedanken an die Insel bei euch auf?

Steven: Es ist schon sehr bewegend, wenn man realisiert, wie lange wir als DJs und Produzenten die gesamte Entwicklung des Genres der elektronischen Musik miterleben durften. Alle Titel des Albums haben wir im Original auf Vinyl und die meisten davon im Space Ibiza auf der Terrasse gespielt. Da wird man schnell mal ein wenig nostalgisch.

Was hat sich an dem Klang und an der Wirkung der Nummern durch das neue Klassik-Arrangement verändert?

Steven: Der ganze Sound ist eigentlich noch wuchtiger und organischer geworden. Das kann man besonders gut bei „Right Here, Right Now“ hören.

Hattet ihr Erwartungen an das gemeinsame Projekt mit den Münchenern?

Mike: Eigentlich nur wenige – aber natürlich haben wir gehofft, dass der Verkauf der Platte gut läuft. Immerhin hat es ganze drei Jahre gedauert, bis wir dieses Projekt fertigstellen konnten.

Wie lief die Zusammenarbeit mit dem Sänger Rufus Martin?

Mike: Rufus hat ehrlich gesagt ungeplant den Gesangspart bei „Sky And Sand“ übernommen. Zur Zusammenarbeit mit ihm kam es eher zufällig, da der Track und das Album eigentlich bereits fertig produziert waren. Ich war aber nicht zu 100 Prozent zufrieden mit den vorhandenen Vocals. Ich bat Rufus, mir eine Demoversion zuzusenden, und die war so unglaublich gut, dass wir das Album noch mal gestoppt und die Nummer mit Rufus’ Gesang erneut aufgenommen haben. Er hat diesen Song zu seinem ganz eigenen gemacht.

Hattet ihr schon vor diesem Projekt Berührungspunkte mit klassischer Musik?

Mike: Nein, bis dahin nicht.
Steven: Ich habe im Rahmen meines Abiturs eine Musikprüfung gemacht. Dadurch hatte ich eher eine leichte Abneigung gegenüber Partituren, aber glücklicherweise musste ich die ja nicht selbst schreiben. (lacht)

Wieso funktioniert Housemusik eurer Meinung nach auch im Kontext klassischer Musik?

Mike: Das kann man nicht grundsätzlich so sagen. Das hängt ganz individuell von dem jeweiligen House-Track ab und dem klassischen Arrangement. Bestimmte Songs funktionieren sehr gut in diesem Kontext, andere eher nicht.

Wie wichtig findet ihr solche genreübergreifenden Kooperationen? Sollte die elektronische Musikszene mehr mit der klassischen zusammenarbeiten?

Mike: Solche Kooperationen sind sehr wichtig für beide Seiten und sie gibt es ja seit vielen Jahren. Derrick May, Laurent Garnier oder auch Pete Tong haben solche Projekte ja schon umgesetzt, um nur einige wenige zu nennen.

Was nehmt ihr aus der Zusammenarbeit mit den Münchner Symphonikern mit? Habt ihr neue Inspirationen für die Zukunft gewonnen?

Steven: Wir haben einen interessanten Einblick in eine andere musikalische Welt bekommen und es hat unseren Horizont auf jeden Fall erweitert. Wir ziehen unseren Hut vor den Symphonikern und der Planung ihres Management-Teams, denn es ist unglaublich viel Organisation nötig, um mit 60 Mann oder mehr auf Tour zu gehen. An dieser Stelle: Chapeau!

Wie sehen eure Pläne für den Rest des Jahres aus, welche Highlights birgt 2020 für euch?

Mike: Es wird natürlich weiterhin auch Clubmusik von uns geben. Unter anderem eine Kooperation mit Eddie Amador. Die Nummer „Holding On“ wird Anfang dieses Monats pünktlich zur Miami Music Conference veröffentlicht. Außerdem wird es einige Konzerte mit den Münchner Symphonikern geben, sowohl auf Festivals als auch in klassischen Konzert-Locations im Winter. Die genauen Termine werden wir noch in den nächsten Wochen auf unserer Facebook-Seite bekannt geben.

Aus dem FAZEmag 097/03.2020
Text: Hanna Frömberg
Bild: Thomas von Aagh
www.milkandsugar.de