Corona macht vielen sehr zu schaffen – auch gesundheitlich, denn psychische Probleme treten seit der Krise häufiger auf. Viele verbringen ihre Zeit isoliert in den eigenen vier Wänden und halten sich mit Social Media auf dem Laufenden. Durch das Internet sind wir in der Lage, mit unseren Freund*innen und Bekannten weiterhin in Kontakt zu bleiben – wenn auch nur digital. Doch die Onlinewelt hat auch negative Seiten, da sie oftmals die Realität verzerrt wiedergibt und alles künstlich erscheinen lässt. Wir haben mit Mountain Bird aka Adam Öhman über seine neue EP „Once We Were Present“ gesprochen, in der es um Digitalisierung und Depressionen geht.

 

Adam Öhman findet, die Folgen der Digitalisierung seien überall sichtbar: „Ich denke, die Digitalisierung ist überall präsent. Es ist so, dass ich denjenigen, der diese Fragen verfasst hat, nie getroffen habe. Das ist ein perfektes Beispiel dafür.“ Adam stellt klar, dass soziale Medien weder negative noch positive Seiten haben, denn für ihn entstünde Gutes und Schlechtes in der Art, wie man sie verwendet. Dazu seine passende Analogie: „(…) als ich ein Auto gefahren bin und absichtlich ein anderes Auto angefahren habe. An dem Auto ist nichts auszusetzen, aber die Art und Weise, wie ich es benutzte, war falsch. Das sind die sozialen Medien – ein mächtiges Werkzeug in den Händen von anfälligen Affen.“

Beim Interview mit Adam Öhman aka Mountain Bird sind uns seine selbstreflektierten Antworten ins Auge gefallen. Sein Song „It Won’t Be Easy“ findet sich unter dem Tag „Religion & Spiritualität“, er erklärt uns: „Ich bin ein Gläubiger der Wissenschaft, verstehe aber durchaus, dass Religion in bestimmten Elementen einer modernen Gesellschaft gebraucht wird. Ich respektiere jeden, der einen Glauben hat und denke, meiner ist die Musik.“ Inhaltlich befasst sich Adams EP auch mit Depressionen, einer psychischen Störung, die sich durch die gesamte Weltbevölkerung zieht. Für ihn sei dieses Tabuthema schon lange nichts Persönliches mehr. „Ich habe das Schlimmste durchgemacht, was mich als Person bis heute geprägt hat. So habe ich Freunde und Bekannte verloren und viele Beziehungen sind einfach den Bach runtergegangen. Depressionen sind wie ein Parasit. Es erfordert ein hohes Maß an menschlicher Stärke, um sie zu überstehen. Meine unpopuläre Meinung ist, dass jeder Mensch durch eine Depression gehen sollte, die nicht ernsthaft ist. Sie verschiebt, wie man andere wahrnimmt. Sie verschiebt alles. Wenn man es schafft, sie zu überstehen, glaube ich, dass man stärker ist als je zuvor.“

Auf der EP findet sich „Too Blue“, ein Ohrwurm, der trotz der Lyrics, die von Depressionen handeln, tanzbar ist. Adam Öhman zufolge sei Musik perfekt, um Depressionen zu heilen: „Musik ist ein emotionaler Cocktail, der dazu verleitet, sich etwas anderes vorzustellen, als den aktuellen Zustand, was sie perfekt macht, um Depressionen zu heilen.“ Für ihn sei die Musik eine Art imaginärer Freund gewesen, der ihm sagte, dass am Ende alles gut werden würde. Vielen Menschen fällt der Lockdown sehr zur Last. Für ihn sei dies weniger problematisch, denn er arbeitet von zu Hause aus, er vermisse es aber, wieder mal auszugehen. „Ich schreibe die meisten meiner Sachen von zu Hause aus und gehe dann ins Studio, wenn der Song schon existiert. Ich arbeite also großartig! Was mir fehlt, ist die Pause davon, die mir geholfen hat, wieder ruhig zu werden. Ein oder zwei Bier trinken zu gehen, nur um eine Pause zu bekommen, und mich für eine Weile ich selbst sein zu lassen – das hat wirklich geholfen. Keine Gigs – das ist natürlich scheiße zurzeit (…). Ich bin schon auf halbem Weg, eine VR-Simulation zu werden.“

Adams Aussage trifft es hier auf den Punkt. Aktuell findet das Leben fast nur noch online statt, denn wegen der Social-Distancing-Regeln und Veranstaltungsverbote bleibt einem nicht mehr viel übrig, als in der Onlinewelt ein Refugium zu suchen und irgendwie das reale Leben damit zu substituieren.

 

 

Aus dem FAZEmag 110/0.2021
Text: Niklas Fust
Foto: Erik Oegnelooh
www.facebook.com/mountainbirdswe