Ihr Sound: genial. Ihr Lebensweg: filmreif. Die Rede ist von der thailändischen Techno-Produzentin Nakadia, die am 31. März ihre Autobiografie “Positive Energy” veröffentlicht hat. Die mit bürgerlichem Namen Seephrai Mungphanklang heißende Künstlerin wuchs in bitterer Armut auf und schaffte es dennoch, die Weltspitze des Technos zu erklimmen. Wie sie ihren steinigen Karrierepfad meisterte und warum nun sogar Hollywood ruft, erfahrt ihr im Interview.

Du hast erzählt, dass du derzeit einen Deutschkurs besuchst. Wie entwickeln sich deine Kenntnisse und wie fühlt es sich an, deutsch zu sprechen?

Ich lebe jetzt seit zehn Jahren in Berlin, hatte aufgrund meiner vielen Auftritte aber nie die Möglichkeit, die deutsche Sprache zu erlernen. Mit der Corona-Krise hat sich das nun geändert. Ich investiere viel Zeit ins Lernen, aber wie sagt man doch so schön: “Deutsche Sprache, schwere Sprache.” Es ist wirklich nicht leicht, aber ich hoffe, dass ich mein baldiges A1-Examen bestehen kann. Das wäre für mich sehr wichtig, da ich meine Zukunft in Deutschland und in Berlin sehe – ich liebe diese Stadt.

Am 31. März hast du deine Autobiografie “Positive Energy” veröffentlicht. Was kannst du uns über das Buch und die Intention dazu erzählen?

Mein bisheriges Leben war ziemlich verrückt und meiner Auffassung nach auch einzigartig in der DJ-Branche. Seit Beginn meiner Karriere wurde ich mit Leuten konfrontiert, die mich falsch beurteilt und missverstanden haben, weil sie schlichtweg keine Ahnung von meiner Geschichte hatten. Ein Buch wollte ich schon immer schreiben, aber erst jetzt war ausreichend Zeit da. Das Feedback, das ich bisher zum Buch erhalten habe, ist unfassbar positiv. Viele Menschen sehen mich nun mit anderen Augen, was mich sehr glücklich macht. Und: Man soll ja nicht den Tag vor dem Abend loben, aber es sind sogar schon Leute aus Hollywood an mich herangetreten, die meine Lebensgeschichte verfilmen wollen. Wie es scheint, sollen die Dreharbeiten tatsächlich bald beginnen. Ich bin sehr gespannt.

Du bist in einer ärmlichen ländlichen Gegend in Thailand aufgewachsen. Wie hast du dort gelebt?

Das Leben in Khonburi, meinem Heimatort, ist im Vergleich zu Deutschland wie auf einem fremden Planeten. Als ich klein war, hatten wir nichts – keinen Strom, kein fließend Wasser. Wir lebten in selbstgebauten Häusern aus altem Holz und Metall. Wenn du keine Arbeit hattest, gab es für dich nichts zu tun. Du saßt die ganze Zeit zu Hause und hast die Wolken beobachtet, die an dir vorbeizogen. So wollte ich nicht den Rest meines Lebens verbringen, also verließ ich die Schule und das Dorf mit 15 Jahren.

Als Teenager hast du damals in einem Internetcafé gearbeitet, über das du auch Sebastian Lehmann, deinen jetzigen Manager und Co-Autor des Buchs, kennengelernt hast. 2002 hatte er dich nach Berlin eingeladen. Wie kam das zustande? Hattest du keine Angst, der Einladung eines “Fremden” ins ferne Berlin zu folgen?

Angst hatte ich keine, aber vielleicht war ich naiv. Als ich die Einladung nach Europa von ihm erhielt, gab es für mich nur eine Option – ich musste hin. Ein völlig Fremder war er aber nicht, da wir uns in Thailand bereits kennengelernt hatten. Seb hatte lange Zeit als Promoter gearbeitet und als er mich über die Webcam zu Musik bewegen sah, dachte er, es sei eine gute Idee, mich mit elektronischer Musik in Berührung zu bringen – ein Genre, von dem ich noch nie zuvor in meinem Leben gehört hatte.

Du bist also nach Berlin gegangen und kamst dort auch zum ersten Mal mit Techno in Kontakt. Wie war deine Erfahrung? Ein Kulturschock?

Es war kein Schock, aber es hat mich aufgeweckt! Ich wusste sofort, dass dies meine Erfüllung sein würde. In der zweiten Nacht meines Europa-Aufenthalts besuchten wir eine Party in Karlsruhe, wo Marusha auflegte. Vor ihrem Set durfte ich sie dank Sebs Connection kennenlernen. Allein das war schon großartig, aber als sie dann auflegte … ich war komplett überwältigt und wurde süchtig nach dieser Musik.

2011 bist du nach Berlin gezogen. Wenn dir die Stadt so gut gefällt, warum bist du dann nicht eher hergekommen?

In den Jahren zuvor war ich monatelang mit einem Schengen-Visum durch Europa getourt. 2010 entschied die deutsche Botschaft in Thailand plötzlich, mein Visum abzulehnen und mich zu blockieren. Sie setzten mich sogar auf die schwarze Liste für Terroristen. Ich blieb also zunächst in Bangkok, wo zu der Zeit bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten – es war furchtbar. Dank der Hilfe des Auswärtigen Amtes und auch mit Sebastians Unterstützung haben wir uns schließlich doch noch durchsetzen können – das glückliche Ende eines zähen Kampfes.

In deinem Buch sprichst du über negative Dinge wie Vorurteile und kulturelle Differenzen, mit denen du dich immer wieder auseinandersetzen musstest. Kannst du uns Beispiele nennen? Wie bist du damit umgegangen?

Die ersten sechs Jahre meiner Karriere waren sehr kompliziert. Die Sprache, die Kultur, alles war neu. Darüber hinaus musste ich natürlich erst einmal lernen zu mixen. Ich hatte keine Freunde, von denen ich lernen konnte, und Tutorials im Internet suchte man vergeblich. Ich war ganz auf mich gestellt, ohne Inspiration und ohne Idee, was ich überhaupt machen will. Aber ich lernte dazu und irgendwann konnte ich tatsächlich halbwegs anständig mit Platten auflegen und mir ein musikalisches Knowledge aneignen. Leider gab es immer wieder Menschen, die mir Steine in den Karriereweg legen wollten, weil ich eben eine Frau – oder noch schlimmer – ein Thai-Mädchen war. Doch ich habe mich damit arrangiert, was mich zusätzlich anspornte und mich härter arbeiten ließ. Zehn Jahre hat es gedauert, bis ich mich nicht mehr vor mir selbst behaupten musste. Es gibt immer Menschen, die mich herabwürdigen, weil sie mich nicht kennen. Aber sollte mich das interessieren? Vor Corona hatte ich ein unglaubliches Tourleben, von dem andere nur träumen können. Aber die Zeiten haben sich geändert und viele Menschen sind nun weltoffener und unvoreingenommener. Außerdem bin ich mit Nina Kraviz, Charlotte de Witte und Amelie Lens ja in bester Gesellschaft. Ich bin sehr glücklich.

Während deiner Karriere hattest du über 1.600 Auftritte in 76 Ländern, das ist eine ganze Menge. Gibt es eine bestimmte Clubnacht oder ein Event, an das du dich besonders gerne zurückerinnerst?

Einer meiner letzten Auftritte war beim Rainbow Serpent Festival in der Nähe von Melbourne – eine Art australische Version des Burning Man. Ich durfte zur besten Playtime am Sonntagnachmittag an die Decks. Es war eine einzigartige Erfahrung, vor 20.000 Menschen mitten in der Wüste zu spielen. Aber auch meine Gigs auf der Love Parade im Jahr 2006 und beim Family Picknick in Frankreich (ich durfte dort zwischen Dubfire und Jamie Jones spielen) werde ich nie vergessen. Es gibt einfach zu viele wunderbare Erinnerungen.

Wir erinnern uns an eine Party im renommierten Nachtclub Illuzion in Phuket. Du hast dort zusammen mit Sven Väth gespielt. Mit Sicherheit ebenfalls ein besonderer Moment für dich. Wie hast du Sven kennengelernt?

Die Party war eins von neun Events, das ich zusammen mit Sven in Thailand organisiert habe. Kennengelernt habe ich ihn bei seinem berühmten Boiler-Room-Set in Berlin im Jahr 2013. Da wir beide wenige Wochen später nach Thailand fliegen wollten, tauschten wir Nummern aus und ich half ihm mit seinen Bookings. Einige seiner Gigs fanden nicht in der passenden Location statt, also griff ich ihm ein wenig unter die Arme. Er war sehr froh darüber, dass ich ihn hierbei unterstützte. Wir verstanden uns auf Anhieb sehr gut und entschieden, gemeinsam Partys zu veranstalten. Die erste fand auf Koh Samui unter dem Titel “Nakadia welcomes Sven Väth” statt. Eine tolle Nacht, die wir niemals vergessen werden. Wir haben zusammen Geschichte in Thailand geschrieben. Sven war äußerst beeindruckt, weshalb wir unsere Kooperationen fortsetzten. Im nächsten Jahr bin ich dann seiner Agentur beigetreten.

Wie würdest du deinen Musikstil beschreiben?

Ich spiele Techno aus tiefster Überzeugung und aus tiefstem Herzen. Ich versuche, meine Musik groovig zu gestalten und sie zwischen verschiedenen Emotionen hin- und hergleiten zu lassen. Meine Sets haben immer eine Geschichte, die sie erzählen und bestehen aus drei Akten. Ich hasse flache Sets ohne Struktur.

Was sind deine Pläne für die nahe Zukunft? Dürfen wir in musikalischer Hinsicht bald Neues von dir erwarten?

Ich muss gestehen, dass ich momentan sehr viele Tracks in der Warteschleife habe. Ohne Clubs und Tanzflächen macht es derzeit wenig Sinn für mich, meine energiegeladenen Tracks zu releasen. Ich habe allerdings vor Kurzem eine Scheibe auf Analytic Trail mit meinem neapolitanischen Freund Irregular Synth veröffentlicht. Auch eine EP auf Kraftek steht bald an. Carl Cox hat die A-Side dieser Platte in vielen seiner 2019er-Techno-Sets gespielt. Auf dieses Release freue ich mich deshalb ganz besonders.

 

 

 

Aus dem FAZEmag 110/04.2021
Text: Milan Trame
www.nakadia.com