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Gemeinhin hat die Woche sieben Tage, jeder Tag 24 Stunden, was ein wöchentliches Stundenaufkommen von 168 ergibt. Damit muss man auskommen und sämtliche Aktivitäten wie Arbeit, Sport und Freizeit in dieses Zeitfenster pressen. Im Grunde kein Problem, doch gibt es Menschen mit einem so kreativen, vielfältigen und großen Output, dass dieser den Eindruck erweckt, sie wären mit wesentlich mehr Zeit als man selbst gesegnet. Oder am Ende vielleicht auch einfach nur mit weniger Schlaf? Alexander Gerlach ist so ein Mensch. Als Niconé hat er seit Start des Musik/Mode-Projekts in 2007 zahlreiche T-Shirt-Designs entworfen, diverse Produktionen – oft an der Seite von Sascha Braemer, in Kooperation mit Freunden wie Acid Pauli und Gunjah, aber auch so manches Mal solo – veröffentlicht, wieder mit Braemer und Kollege Philip Bader das Label Dantze gegründet und ist zudem an den Wochenenden in den Clubs unterwegs. Gut, ein wenig müde sieht er schon aus, als wir uns an einem der letzten Sommertage 2013 im Büro von Stil vor Talent in Berlin-Friedrichshain auf ein Wasser und dieses Interview treffen. Grundlage des Gesprächs soll das jetzt erscheinende Solodebüt des Herrn Gerlach sein, das unter dem Titel „Let Love Begin“ eben über Stil vor Talent in die Läden kommt und Alexanders Interpretation modernen Clubsounds präsentiert, ohne sich lediglich auf dieses Genre festlegen zu lassen. Deep House vereint sich mit Experimentellem, trifft auf Weltmusik und wird angereichert durch eine unterschwellig spürbare Popaffinität. Die Visitenkarte eines Musikers, der gelernt hat, über den Tellerrand zu blicken.


Was hat dich dazu veranlasst, nach zahlreichen Produktionen an der Seite von Freunden und Kollegen – darunter ein gemeinsames Album mit Sascha Braemer („Romantic Thrills“ in 2011) – nun einen Solo-Longplayer zu machen? War das eine spontane Eingebung oder eher der lange gehegte Traum der absoluten Selbstverwirklichung?
Niconé: Alles Aspekte, keine Frage. Definitiv ist es aber so, dass Sascha auch gerade an einem Soloalbum arbeitet und ich dachte, dann muss ich auch eins machen. Gruppenzwang quasi. Aber nein, ich hatte das schon länger vor, und so macht gerade jeder seins und im nächsten Jahr produzieren wir dann ein zweites zusammen. Mir war es wichtig, dass ich Niconé weiter pushe. Ich hatte bereits einige Skizzen, als mich Oliver (Koletzki) im Urlaub anrief und meinte, er hätte auf Stil vor Talent einen Albumslot frei. Ob ich nicht was mit Sascha machen könne. Als ich ihm die aktuelle Situation erklärte und meinte, ich könne es schaffen, alleine ein Album auf die Beine zu stellen, war die Idee final geboren. Ich hatte drei Monate Zeit, und ich stehe auf diese Herausforderung, diesen Druck. Die Peitsche habe ich mir gegeben und bin auch ziemlich happy darüber.

Genießt man die Zeit, die man dann allein im Studio verbringt, wenn man sonst recht häufig mit anderen Menschen zusammen ist?
Durch das viele Fliegen bin ich schon zu einem Menschenhasser geworden. (lacht.) Das gemeinsame Produzieren macht mir schon Spaß und geht immer relativ leicht von der Hand. Leichter, als allein zu arbeiten, eben durch den zweiten Input. Aber letztendlich macht es mir alleine auch Spaß, ich könnte nicht sagen, was ich lieber tue. Es gab ja auch schon vor diesem Album Solotracks, aber natürlich ist es was anderes, ob man nur einen Track oder einen ganz Longplayer macht. Ich wollte es einfach wissen …

So ganz allein warst du am Ende ja auch diesmal nicht, wirft man einen Blick auf die Liste der Gäste, darunter Narra, Sascha Braemer & Yvy und Gunjah … Hierbei handelt es sich aber ausschließlich um klassische Featurings und nicht um Kollaborationen?
Richtig, es ist genau so. Ich hatte von den Tracks Skizzen, die ich allein erarbeitet habe. Diese habe ich an die Sänger und Sängerinnen geschickt, die sich dann eine entsprechende Skizze aussuchten, auch wenn ich vorher ungefähre Vorstellungen hatte, wer was machen soll. Mit Sascha habe ich zwei Stücke produziert, weil das einfach immer super funktioniert.

Wäre es eine Option gewesen, „Let Love Begin“ auf dem eigenen Label Dantze zu veröffentlichen, oder sind Infrastruktur und Erfahrung, die ein Label wie Stil vor Talent auf dem Albumsektor hat, unabdingbar
Dantze gibt es seit 2006, doch so viele Leute kennen das Label noch gar nicht. Wir sind nicht so krass, schalten keine Werbung und posten nicht rum. Es ist mehr ein Hobby, jeder von uns hat mal ein Stück übrig, und das bringen wir dann dort heraus. Wir haben viele Partys in Berlin gemacht, die immer gut laufen. Aber jetzt haben wir einen Labelmanager, jetzt soll es richtig los gehen. Ich könnte mir also für die Zukunft vorstellen, dass auch mal ein Album auf Dantze erscheint. Und die Plattencover für Dantze mache auch immer noch ich. Stil vor Talent ist ein gutes Label, das mich immer unterstützt hat, also erscheint mein Album eben hier. Und ich bin sehr glücklich darüber.

Welchen Bedeutung hat „Let Love Begin“ für dich auf beruflicher Ebene?
Ein Album bekommt immer mehr Aufmerksamkeit als einzelne Singles. Gerade bei der Flut an neuen Tracks bei Beatport geht einer ganz schnell mal unter, wenn du aber gleich mit mehreren kommst, ist die Aufmerksamkeit eben größer. Und ich sehe es natürlich auch als musikalische Visitenkarte. Auf dem Album sind nur Tracks, die ich auch selbst spielen würde. Ich wollte kein Easy Listening-Ding machen, es aber auch nicht so hart werden lassen, dass die Leute im Café weggepustet werden, wenn es dort läuft. Alle Stücke sind wirklich spielbar. Erst am letzten Wochenende habe ich im Club das komplette Album runtergespielt, und das war echt super.

Und persönlich?
Das Album ist mein Ding, ich konnte bestimmen, was passieren soll. Die vollen drei Monate ging es nur darum. Als es dann fertig war, musste ich erst mal tief Luft holen. Eigentlich wollte ich direkt weitermachen, eine neue Single herausbringen, steckte aber irgendwie in einem Loch. Ich hatte gar keinen Bock und auch keine Idee. Das ging rund einen Monat so, hat sich inzwischen aber wieder reguliert. Ich bin tatsächlich stets ein wenig getrieben, muss immer irgendwas machen. Eigentlich sind auch immer Ideen da, aber kurz nach der Fertigstellung des Albums hatte ich das Gefühl, der Eimer sei einmal ausgegossen worden, eine gewisse Leere machte sich breit.

Woher kommt all der Input, der sich in ständig vorhandenen Ideen und dem daraus resultierenden Tatendrang äußert?
Vieles kommt von außen, wenn ich auf Reisen bin, Urlaub mache. Dort kaufe ich mir ohne Ende traditionelle CDs und entdecke neue Sounds. Ich bin nicht so der Clubgänger. Wenn ich in den Club gehe, dann lege ich dort selbst auf und höre kaum, was Kollegen spielen. Einerseits finde ich das schade, anderseits ist es aber auch gut, dadurch habe ich meinen eigenen Stil und äffe niemanden nach. Und natürlich habe ich auch eine riesige Plattensammlung, auf die ich zurückgreifen kann.

Niconé ist ja eigentlich als Fashion&Music-Projekt an der Seite deiner damaligen Freundin Helena Kapidzic gestartet. Verdingst du dich auch in Sachen Shirt-Design nach wie vor oder ruht dieser Part eher?
Helena und ich haben uns irgendwann getrennt, dadurch ist das Fashion-Ding ein wenig in Vergessenheit geraten. Das liegt gar nicht daran, dass wir uns nicht mehr verstehen – sie singt ja als Narra auch auf meinem Album – aber irgendwie funktionierte die Kommunikation nicht mehr so recht. So ist dann eben die Musik in den Vordergrund gerückt, aber es gab 2013 schon zwei neue T-Shirt-Designs von mir. Ich wollte in diesem Jahr noch ein paar Shirts entwickeln. Einen Schuh würde ich gerne machen, einen Niconé-Schuh. Aber es gibt ja schon New Balance mit großem N. Vielleicht wäre eine Kooperation mit denen gut, dann haben die den Schuh quasi schon da und wissen, wie es geht – und ich schreibe einfach „iconé“ hinten dran. (lacht)

Du bist schon lange in Berlin beheimatet und hast es geschafft, dich gegen den Wust an neuen, zugereisten DJs und Produzenten zu positionieren. Wird es zunehmend schwerer, oder flaut der jahrelange Hype nicht aufgrund der massiv steigenden Kosten für Wohnraum etc. gerade eher ab?
Ich habe mit Niconé ganz unten angefangen und inzwischen ein gutes Standing und gute Clubs, in denen ich hier spiele. Ich bekomme natürlich mit, dass sehr viele hierher ziehen und Musik machen, darunter sind tatsächlich auch sehr viele gute Leute – viel Schrott gibt es natürlich auch. Ich finde es gut, dass es in dieser Stadt so viel Input gibt. Auch gut finde ich die vielen Touristen, die in den Clubs sind. Der Berliner ist ja erst mal genervt von ihnen. Wenn ich aber im Watergate oder im Sisyphos spiele, und es sind viele Leute von außerhalb da, finde ich das super. Die haben wenigstens Lust auf Party, während der ‚richtige‘ Berliner mehr nur über die Musik redet und eigentlich alles schlecht macht. (lacht) Der Hype war sicher schon mal größer, denn es gibt inzwischen viele, die auf Berlin abkotzen. Ich könnte mir trotzdem niemals vorstellen, woanders zu leben.

Watergate, Katerholzig, Sisyphos … du spielst hin den besten Clubs der Stadt, aber natürlich auch inzwischen außerhalb und auf Festivals. Doch wie wichtig ist es dir, in deiner eigenen Stadt regelmäßig vertreten zu sein?
Ich möchte eigentlich jeden Monat wenigstens einmal in Berlin spielen – meist klappt das sogar zwei Mal –, weil es einfach Spaß macht. Außerdem kann ich dann nach Haue laufen, oder setze mich ins Taxi und bin da. Oder ich kann noch weiter gehen in einen anderen Club. Ich lande auf jeden Fall immer irgendwann zu Hause und muss nicht einchecken oder Auto fahren … Im Flieger auszunüchtern, tut so weh im Kopf.

Ändert sich in Sachen Touring und Gigs etwas, wenn das Album veröffentlicht ist? Gibt es einen konkrete „Let Love Begin“-Tour?
Tatsächlich bin ich ja die ganze Zeit unterwegs, nun halt unter dem Tour-Titel „Let Love Begin“, – wobei ich ja immer unterwegs bin für Liebe und Frieden. Es gibt eine Releaseparty im Watergate, bei der ich das Album in Szene setze. Ich werde bei meinen nächsten Gigs eben vieles vom neuen Album spielen. / Nicole Ankelmann

Fast kurz & beinahe knapp

Deine erste selbstgekaufte Platte …
Mit meinen Eltern zusammen habe ich „Der Traumzauberbaum“ auf dem Label Amiga gekauft. Eine Märchenplatte. Die erste Platte, die ich aber tatsächlich von meinem eigenen Geld gekauft habe, das ich – damals noch in der DDR – im Telelotto gewonnen habe und von dem ich mir auch meinen ersten eigenen Plattenspieler kaufen konnte, war eine Single von Bad Boys Blue. Und im selben Zug habe ich mir Nenas „Lass mich dein Pirat sein“ zugelegt.

Dein schönstes Erlebnis im eben vergangenen Sommer 2013 …
Der Moment, in dem das Album definitiv fertig war und ich alles abgeschickt habe, das war ein super Moment. Als ich die Master durchgehört habe, es gut fand und sagte: „Bitte, Oliver Koletzki, hier ist das Album, mache das Beste daraus.“

Dein derzeitiges Lieblingskleidungsstück …
Shorts. Ich habe schwarze Shorts und würde am liebsten nur noch Shorts tragen. Dazu Turnis oder so Bastschuhe. Wichtig ist dabei aber immer: Wenn kurze Hose, dann langärmeliges Oberteil. Ich finde kurze Hose und kurzes T-Shirt ganz komisch. Kurze Hose und Tank geht auch wieder. Aber ich würde auch im Winter gerne kurze Hosen tragen, ich fühle mich darin echt gut. (lacht) Ich habe tatsächlich schöne Waden, die sind besser als mein Bauch. Die kann ich wirklich jedem zeigen …

Der aktuell peinlichste Trend …
Vielleicht ist es kein wirklicher Trend, aber im Sommer ist es schon ein wenig nervig, dass es beinahe jeden Tag ein OpenAir gibt. Gerade hier in Berlin reagiert man inzwischen auf die Frage: „Kommst du mit zum OpenAir?“ eher genervt. „Boah nee, schon wieder ein OpenAir?“

Etwas, das du in deinem Leben unbedingt noch machen möchtest …
Ich wollte ja immer mal Kinder haben, denke aber langsam wirklich, dass man immer, wenn man sich was wünscht, es nicht bekommt. Daher habe ich damit abgeschlossen. Ich wollte auch immer mal Fallschirmspringen, das will ich auch nicht mehr. Inzwischen habe ich Schiss. Früher hätte ich das ganz locker gemacht, jetzt nicht mehr. Tauchen war ich schon, das fand ich großartig. Ein ganz neues Körpergefühl, wie im Weltraum. In den Weltraum wollte ich auch immer, will ich jetzt auch nicht mehr. (lacht) Ich möchte mal ein eigenes Boot haben, aber dort wo es warm ist. Die Niconé.

Berühmte letzte Worte …
Let love begin!

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