Das erste Mal, als für ihn alles so wirklich einen Sinn ergab, war, als er zum ersten Mal das Livealbum „Everything Everything“ von Underworld hörte. Von da an nahm alles seinen Lauf, berichtet Anthony Favier aka NTO. Inspiriert vom Besuch beim Sziget-Festival sowie Künstler*innen wie Stephan Bodzin, James Holden oder den Anfängen von Paul Kalkbrenner wurde der Südfranzose ebenfalls früh musikalisch aktiv. 2013 gründete er mit Worakls und Joachim Pastor noch Hungry Music. Mit Hits wie „Trauma“ und „La clé de champ“, die mehrere Millionen Streams auf DSPs vorweisen, startete NTO auch international durch. Von den Niederlanden, Deutschland über Osteuropa bis nach Kanada, über Festivals wie das Dour, DGTL, Osheaga oder das Igloofest sowie ein Set für Cercle vom Tour Saint-Jacques in Paris bespielte er bislang zahlreiche Länder und Venues. Mit tiefen Bässen und hypnotischen Harmonien hat sich NTO in den letzten Jahren eine riesige Fangemeinde aufgebaut. Nach „The Kid And The Planes“ und „Zig Zag“ enthüllt er nun mit „Invisible“ die dritte Single von seinem kommenden Album. Neben dem Original gibt es eine Piano-Version von Sofiane Pamart sowie einen Remix von Paul Kalkbrenner. Damit geht für den Franzosen ein Traum in Erfüllung.

 

Inspiriert ist der Track, zu dem es auch ein beeindruckendes Musikvideo in Kollaboration mit dem Regisseur Jean Charles Charavin gibt, von der Geschichte eines als Außenseiter geltenden Teenagers, erzählt NTO: „Dieser Track ist all denjenigen gewidmet, die sich bereits einmal ‚unsichtbar‘ bzw. von der Welt ausgeschlossen gefühlt haben. Die Atmosphäre des Tracks ist inspiriert von einem introvertierten Teenager, der sich unbewusst auf die Suche nach dieser einen Person begibt, die ihm das Gefühl gibt, ’sichtbar‘ zu sein, ihm Wertschätzung entgegenbringt und lebendig fühlen lässt.“

Über die musikalische Umsetzung der Geschichte hinter der Single „Invisible“ berichtet NTO: „Die Melodie ist sowohl sehr melancholisch als auch voller Hoffnung, da sie auf einem kraftvollen Dancefloor-Rhythmus aufbaut. Der Song ist in verschiedene Kapitel unterteilt, die die verschiedenen Zustände symbolisieren, die der ‚Unsichtbare‘ durchlebt.“ Dass er einen seiner absoluten Idole für einen Remix gewinnen konnte, empfindet NTO als eine wahre Sensation: „Ich wollte es anderen Künstler*innen, die ich liebe und bewundere, überlassen, ihre eigene Geschichte rund um das melodische Thema des Tracks zu erzählen. Paul ist einer der Künstler, die mich inspiriert haben, Produzent zu werden, als ich vor 15 Jahren anfing, Musik zu machen. Einen Track zu remixen, der mir viel bedeutet, ist also ein unbezahlbares Geschenk! Der ursprüngliche Track kombiniert eine sich aufbauende, erzählerische Geschichte mit einem Dancefloor-Beat. Paul fügt die charakteristische Farbe und Produktion hinzu, die ihm den Titel als melodische Techno-Ikone eingebracht hat“, berichtet NTO über die Zusammenarbeit.

 

 

Kalkbrenner verpasst dem Titel dabei seine markante Handschrift – den klassischen atmosphärischen Pattern aus der Originalversion versieht er mit stampfenden Drums, die einen ordentlich Schub verleihen. Dabei hatte Kalkbrenner zurzeit gar keine Remixe geplant: „Ich bekomme unglaublich viele Remix-Anfragen, von denen ich aktuell nahezu alle absage, da ich zurzeit eigentlich keine mache. Ich höre mir trotzdem vieles an, und es gibt sehr viele Songs, die mir auch gefallen. Aber nur sehr wenige lösen bei mir ein solch besonderes Gefühl aus und ein Empfinden, dass ich einen Mehrwert dazu beitragen könnte. In diesem Fall habe ich den Song ein einziges Mal gehört und hatte sofort eine Idee. Die Arbeit ging mir dann ganz natürlich von der Hand. Der Track bewegt sich stetig vorwärts wie auf einer geraden Linie.“

Und so wurde für die Neu-Interpretation extra ein neues Musikvideo gedreht, in dem beide Protagonisten ebenfalls selbst kurz zu sehen sind. Der visuelle Aspekt spielt in der Kunst beider Akteure generell eine wichtige Rolle. Dies untermauerten beide bereits in der jüngsten Vergangenheit durch aufwendig produzierte Streams oder Kamera-Installationen während ihrer Shows. „Für mich war es schon immer wichtig, einen ganzheitlichen Ansatz mit meiner Kunst zu verfolgen. Und da ich schon immer ein Fan von Film und der gesamten Kultur war, habe ich schon recht früh den visuellen Aspekt, so gut es ging, probiert zu berücksichtigen“, berichtet NTO. Paul Kalkbrenner entschied sich bereits vor einigen Jahren dazu, seinen Audienzen besondere Einblicke in seine Arbeit auf der Bühne zu geben: „Als ich irgendwann vor zehn Jahren anfing, auf den größten Festivals zu spielen, habe ich recht schnell gemerkt, dass meine Show nicht ausschließlich in Form von Musik, sondern auch visuell stattfinden soll. Mit der Zeit hat dann quasi jede größere Künstler*in eigene Visuals mitgebracht, sodass für mich an diesem Punkt die Luft raus war bei diesem Thema. Irgendwann hatte ich dann die Idee, meine Aktivität filmen zu lassen wie eine Art Livestream, zumal ich ja auf der Bühne aktiv etwas tue und dies meiner Meinung nach für die Leute interessant sein könnte. Für mich rücken die Kameras den Fokus der gesamten Show wieder auf die Musik und das auditive Erlebnis, da das Publikum so einen visuellen Zugang zu ihr hat. Da die Bilder vermehrt dunkel sind, führt dies auch zu einer besonderen Intimität, die bei grellen oder bunten Visuals so nicht möglich wäre.“

Ende Mai hat Kalkbrenner eine besondere Show geplant: „Ich kann noch nicht wirklich viel darüber sagen, aber wir arbeiten gerade an einem unglaublichen Projekt. Solch eine Show hat in der Form so noch niemand vor mir gespielt. Das wird sicherlich mein absolutes Highlight des gesamten Lockdowns sein.“ Grundsätzlich werfen beide eine positive Perspektive auf die Post-Corona-Zeit, wenn auch mit Einschränkungen: „Ich glaube, die Szene wird gestärkt aus der Pandemie hervortreten. So viele Sehnsüchte wurden in den letzten Monaten geschürt. Es könnte eine Art großes Wiedersehen werden“, prophezeit NTO, während Kalkbrenner einen wahren Konsumrausch vorhersagt: „Die meisten geben zurzeit nur wenig bis gar kein Geld aus, und ich glaube, dass, sobald wieder so etwas wie Normalität herrscht, dieses ausgegeben werden wird. Davon wird auch unsere Szene sicherlich profitieren. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass die seit nunmehr seit fast eineinhalb Jahren immer weiter geschobenen Line-ups der ganzen Festivals eins zu eins übernommen werden. Dazu sind die Trends in unserer Szene zu kurzlebig. Zeitgleich bin ich auch davon überzeugt, dass es gerade jüngere Künstler*innen aktuell unheimlich schwer haben. Du kannst das Album des Jahres abliefern, auftreten ist dir dennoch nicht möglich, um überhaupt eine Fanbase zu vergrößern. Auch in den Clubs wird es meiner Meinung nach nicht sonderlich viele Neuerungen geben, da allzu viel noch nachgeholt werden muss.“

Bis dahin wird NTO weiterhin intensiv an seinem Debütalbum arbeiten. Generell ist er gerade dabei, ein neues Kapitel seiner Karriere zu eröffnen. Sein Wunsch sei es, seinen Instinkten freien Lauf lassen zu können, als würde er durch etwas angetrieben, das ich nicht kontrollieren kann“. Mit Hilfe des Mittelmeers, das seine persönliche Inspirationsquelle sei, wolle er die Tiefe seiner Musik erforschen. „Es gibt unerklärliche Aspekte des Lebens und ich muss diese Leere mit Musik füllen. Ist es nicht letztendlich genau das, was Techno ausmacht? Ein magisches und kreatives Ventil, das es uns allen erlaubt, dem Weltschmerz gemeinsam entgegenzutreten?“ Die Ergebnisse dieses mediterranen Sound-Experiments werden auf NTOs kommendem Album zu hören sein, das noch dieses Jahr erscheinen wird. „Ich bin in Marseille geboren, in der Nähe des Meeres, und jedes Jahr verbringe ich einige Zeit auf Korsika. Das hat definitiv einen großen Einfluss auf das Werk.“

 

 

 

Aus dem FAZEmag 111/05.2021
Text: Triple P
Foto: Thibaud Robiolle
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