Den Vorwurf, ein neues Tool böte für den persönlichen Bedarf „too much“ oder „too little“, lässt Pioneer DJ auch weiterhin nicht aufkommen. Denn das eine neue Tool gibt es ja nie. Vielmehr existiert ein Grundkonzept, das die Japaner durch variierende Ausstattungen den unterschiedlichen Erwartungen und Geldbeuteln anpassen. Dass macht das Angebot zwar einerseits etwas unübersichtlich, aber so kann eben auch jedes DJ-Tierchen sein Pioneer-Pläsierchen finden.


Aktuelles Beispiel ist der neue Ableger der DDJ-Reihe mit der Chiffre 800. Der Controller richtet sich an Profis (und solche, die es werden wollen), denen im Zweifelsfall eine mobile Einsetzbarkeit wichtiger ist, als beispielsweise eine physische Vierkanalausstattung des Mixers. Insbesondere in diesem Punkt unterscheidet er sich dann auch vom Controller-Flaggschiff DDJ-1000. Denn mit der Reduzierung von vier auf zwei Kanalzüge, konnte auch eine Verkleinerung des gesamten Tools einhergehen. In der Länge ist er fast 10 cm und in der Breite 3 cm kürzer als der 1000er. Zudem hat er mehr als 1 kg an Gewicht verloren. Alles in allem also ein Controller, den man nun als transportabel bezeichnen kann. Eine maßgeschneiderte Transporttasche mit schützender Noppenschaumeinlage bietet Pioneer DJ für 119 EUR an.

Was das Layout und damit verbunden den Funktionsumfang betrifft, zieht das 800er-Modell mit dem 1000er praktisch gleichauf. So verfügt die mittige Mixersektion erfreulicherweise über die gesamte Palette der 14 Beat FX: Flanger, Delay, Reverb, Spiral, Pitch, Roll und auch die neuen Typen Low Cut Echo sowie Mobius Wellenformen… alles da. Sie lassen sich, wie gewohnt, per Drehschalter allen Kanälen, inklusive des Samplers, separat zuteilen oder auf den Master legen. Ebenso können die Effekte in der Lautstärke bzw. Intensität eingestellt und im Timing automatisch oder manuell angepasst werden. Die entscheidenden Effekt-Informationen werden in einem Minidisplay rudimentär, aber unmissverständlich dargestellt. Kommen wir zu den kleinen Wermutstropfen: Der Crossfader arbeitet zwar kontaktlos leichtläufig und ist von unzweifelhaft hoher Qualität, doch ist er eben kein High-End „Magvel“-Bauteil. Anders als beim 1000er lassen sich zudem die Beat FX nicht dem Mikrofonkanal zuweisen. Auch ist es bei den Beat FX nun zwingend notwendig, das Gerät mit der rekordbox DJ-Software zu koppeln. Das ist beim großen Bruder anders. Dort sind die Beat FX im Mixer verbaut und lassen sich somit autark einsetzen. Lediglich die Soundcolor-Effekte müssen über die Software abgeholt werden. Die vier Soundcolor-Effekte Pitch, Dub Echo, Noise und Filter sind übrigens beim DDJ-800 allesamt vorhanden. Ebenfalls lassen sie sich über den entsprechenden Soundcolor-Poti pro Kanal modulieren. Eine neue und sinnvolle Einrichtung ist der „Sampler Level“-Regler im Mixerzentrum, um die globale Klanghappenlautstärke mit einem Dreh anpassen zu können.

Ansonsten funktioniert die Mixerhandhabung so, wie man es erwartet. Auf jeden der beiden Kanäle lässt sich per Slide-Switch wahlweise ein Phono/Line-Zuspieler oder eines von zwei virtuellen rekordbox DJ-Decks legen. Von extern angeschlossen werden können folgerichtig jeweils ein Plattenspieler oder Line-Signalgeber (in der Regel CD-Player). Ergänzend ist rückseitig ein weiterer Aux-Cinch-Eingang z. B. für Mobilgeräte vorhanden, der oberseitig in der Eingangslautstärke getrimmt werden kann. Mikrofonanschlüsse lugen gleich zwei hervor: Ein symmetrischer im XLR- und ein unsymmetrischer im Klinke-Format. Sie lassen sich getrennt in der Lautstärke justieren, jedoch nur gemeinsam ein- und ausschalten und über 2-Band-EQs frequenzregeln. Ausgangsseitig zeigt sich der DDJ-800 angemessen bestückt. Als Master sind Stereo-Cinch- und XLR-Outs vorhanden, komplettiert um ein getrennt regelbares, symmetrisches Klinke-Ausgangspaar für die Kanzelbeschallung. Ein stirnseitiger Kopfhöreranschluss ist natürlich ebenfalls vorhanden, die Headphone-Sektion mit Potis für die Lautstärke sowie Cue-Master-Mischung befindet sich an bewährter Stelle links unten im Mixer. Die im Gehäuse des DDJ-800 integrierte Soundkarte arbeitet mit den gängigen 24 Bit und 44,1 kHz und bietet 12 Ein- und Ausgänge.

Wenden wir uns den Playereinheiten zu. Im Vergleich zum DDJ-1000 fallen die wichtigsten Werkzeuge – Jogwheel und Performance-Pads – beim DDJ-800 kleiner aus. In der Qualität und Handhabung ziehen sie jedoch gleichauf. So lassen sich bei den Pads die gleichen vier Modi anwählen: Hot Cue, Pad Effekte 1, Beat Jump und Sampler auf Ebene 1 sowie Keyboard, Pad Effekte 2, Beat Loop und Key Shift auf der über „Shift“ erreichbaren Ebene 2. Hinzu kommen Navigation-Buttons, um zwischen den beiden Pad-Pages zu wechseln. Die RGB-beleuchteten Pads sind angenehm gummiert, reagieren aber, wie schon beim 1000er, nicht auf Druckstärke. Gerade für die Modi Keyboard und Sampler wäre eine solche Anschlagdynamik natürlich das Tüpfelchen auf dem i gewesen. Diesen Sonderpunkt verdient sich das Tool jedoch für seine Jogwheels. Wie erwähnt, sind sie mit einem Durchmesser von 15 cm immerhin 5 cm kleiner als beim Topmodell, gleichzeitig reichen sie zum Erreichen des gewünschten Vinyl-Feelings völlig aus. Zumal alle technischen Vorzüge der großen Player vorhanden sind. Angefangen beim einstellbaren „Jog Adjust“-Drehwiderstand bis hin zu separat ausgeführten Slip- und Slip-Reverse- bzw. Vinyl- und Vinyl-Reverse-Buttons. Der Pitch-Fader erstreckt sich dankenswerterweise über die volle 100 mm-Distanz, sodass man seine Finger in gewohnt feinfühliger Weise wirken lassen kann. Additive wie Master-Tempo, eine umschaltbare Pitch-Range, klassische Loop- und Cue-Sektionen sowie Quantize gehören natürlich ebenfalls zum guten Ton.

Absolute Highlights sind zweifellos die Farbdisplays innerhalb der Jogwheels. Hier können in unterschiedlichen Ansichten unter anderem der Track-Status, die Wellenform inklusive der Cue-Punkte, das Tempo, die Tonart und – so vorhanden – das Track-Artwork angezeigt werden. Die Darstellung ist messerscharf, die Augen sollten es allerdings auch sein, denn die Informationen sind aufgrund der geringen Darstellungsfläche naturgemäß eng gesteckt und klein. Trotzdem verringert sich die Zeit, die man auf den Laptopscreen schauen muss, bereits nach kurzer Übungsphase dramatisch. Als Software-Gegenstück ist der DDJ-800 natürlich auf das hauseigene rekordbox DJ zugeschnitten. Die Lizenz für eine Vollversion ist im Lieferumfang enthalten, DVS-ready ist der Controller auch, allerdings muss man softwareseitig das entsprechende Plus-Pack zukaufen. Hard- und Software harmonieren dann auch ohne jeden Fehl und Tadel. Der Controller erweist sich dabei als echte Spaßmaschine, mit der sich herstellertypisch ebenso flüssig wie kreativ arbeiten lässt. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Beat FX lassen sich natürlich auch auf die externen Zuspieler anwenden. Nur ist deren Quelle rekordbox DJ und nicht der Controllermixer selbst. Klanglich bietet der DDJ-800 die solide, neutral druckvolle Pioneer-DJ-Qualität. 899 EUR UVP? Passt…
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