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Achim Brandenburg hat gerade den neuesten Mix für die Londoner Institution Fabric abgeliefert. Doch auch abseits der Musik gibt es viele gute Gründe für ein Gespräch mit dem Prosumer. Schon in früheren Interviews hat er öffentlich gemacht, dass er unter Depressionen leidet. In seiner neuen Heimat Schottland engagiert er sich aktuell für eine neue Stiftung, die von der Krankheit Betroffenen Hilfe anbietet.

Achim, wie sehr hat sich dein Leben in den letzten Jahren verändert?
Naja, man wird eben älter. (lacht) Das hat natürlich irgendwie damit zu tun. Ich habe das Glück, immer mehr ich selbst sein zu dürfen. Für mich ist das Gefühl, immer mehr bei mir anzukommen, die Hauptveränderung. Die externen Faktoren habe ich teilweise verändert, teilweise wurden sie verändert. Ich werde ja oft nach meinem Wegzug aus Berlin gefragt. Wo die Leute „Wie kannst du nur?“ ausrufen. Das war für mich aber kein Bruch. Berlin erschien mir einfach nicht mehr als der richtige Ort zum Leben. Umso lieber komme ich jetzt zu Besuch.

Wirklich ruhiger bist du aber sowieso nicht geworden, oder?
Nein. Ich hätte mehr zurückschalten müssen, wäre ich nicht weggezogen. Berlin ist eine tolle und oft auch inspirierende Stadt. Aber es fällt mir dort schwerer, überhaupt Ruhe zu finden.
Ich bin ja auch nie krank oder muss einen Gig absagen, weil es mir scheiße geht. Jetzt habe ich genug Zeit, um zu mir kommen zu können und Kraft zu tanken.

Wann und wo genießt du Musik am meisten?
Es gibt da nicht den einen Moment, den ich über den anderen stellen mag. Es gibt so Augenblicke im Plattenladen, in denen ich etwas finde, was ganz neu ist, oder was ich schon lange kenne, aber nie wusste, was es ist. Manche Platten können im Clubkontext ein „Wow“-Erlebnis erzeugen.
Als ich mal in Moskau aufgelegt habe, war das etwa Nitro Deluxe – „This Brutal House“. Eine super Nummer, die jedoch nicht immer funktioniert. Aber so gut, wie sie dort funktionierte, habe ich das noch nie erlebt. Die Leute sind dermaßen abgegangen! Und das nicht, weil ich etwas einen besonders tollen Mix hingelegt habe. Sie hat einfach in dem Moment gestimmt. Da ist mit den Leuten viel passiert. Vor ein paar Monaten bin ich in Edinburgh an einer Bar vorbeigegangen. Drinnen lief „Voodoo Ray“ (von A Guy Called Gerald). Und dieser Soundfetzen hat schon ausgereicht, um bei mir etwas auszulösen.

Welcher Track deines „Fabric 79“-Mixes sticht für dich dahingehend heraus, dass er einen Bruch darstellt? Für mich als Hörer war das die Traxxmen-Produktion, die sich in ihrer Klangästhetik schon sehr vom Rest unterscheidet.
Das ist eine krasse Nummer. Ich spiele die auch schon lange genug im Club, um zu wissen, dass sie polarisiert. In meinen Ohren ist es ein phänomenaler Track. Der könnte heute wieder genau so veröffentlicht werden. Der Sound ist ein bisschen lo-fi, aber auch das ist ja wieder in Mode. Ich finde die Nummer einfach zeitlos, gleichzeitig ist sie auch ein Zeitdokument. Die fällt ein wenig aus dem Mix heraus. Es gibt aber auch ein paar andere Brüche, wo ich links abbiege. Nach dem Doms & Deykers Stück, das sehr jacky ist, kommt die discoide Domu-Nummer. Das ist einer meiner Lieblingsübergänge. Es ist ein Flow darin. Das mag ich.

Können wir auch in diesem Interview über das Thema Depression sprechen, oder ist es dir lieber, wenn wir bei der Musik bleiben?
Ich empfinde mich selbst jetzt nicht als den wahnsinnig aufregendsten Menschen. In Interviews werde ich seit Jahren auch im Endeffekt immer das Gleiche sagen. Ich frage mich, ob es daher nicht vielleicht Menschen gibt, die denken: Jetzt kommt er wieder mit seinen Depressionen an …

Das glaube ich nicht. Immerhin hat so ein Thema schon eine etwas andere Gewichtung, als wenn man über Houseplatten philosophiert …
Ich überlege echt, ob ich das weglassen soll, da ich nicht möchte, dass es so eine „Jammernummer“ wird. Auf der anderen Seite habe ich aber auch soviel Feedback darauf bekommen, nachdem ich das Thema angesprochen. Ich finde, es ist schon wichtig. Als es mir selbst richtig scheiße ging und ich mich damit sehr isoliert gefühlt habe, hätte ich mir gewünscht, dass es da andere Leute gibt, die sagen: „Hey, mir geht es genauso.“ Als ich damit begann, in Interviews die Depressionen zur Sprache zu bringen, kamen wahnsinnig viele Rückmeldungen über Facebook. Wo Leute meinten: „Danke, dass du darüber sprichst.“ Es hat ihnen wirklich viel bedeutet. Ich kenne auch viele Künstler, die davon betroffen sind.

Im Clubkontext, wo alle happy sein wollen, fällt es sicherlich nicht leicht, sich anderen zu offenbaren, dass es einem gerade eigentlich echt scheiße geht …
Es ist mir selbst auch absolut klar, dass am Wochenende dieser Teil meiner Person nicht gefragt ist. Das ist auch völlig okay. Die Leute zahlen nicht dafür, dass sie in den Club kommen und ich da stehe und sage: „Heute gehts mir nicht so gut.“ Ich bin auch froh darüber, dass ich, wenn es mir am Wochenende mal scheiße geht, spätestens mit der Musik da wieder herauskomme.

Du kannst in so einer Situation, inmitten von Leuten, bei deinem Set dann tatsächlich abschalten und fühlst dich durch das Spielen besser?
Ich habe mich schon als Kind immer in meine Platten geflüchtet. Wenn es daheim Zoff gab, habe ich Musik gehört. Bis zu einem gewissen Punkt ist das heute noch so. Es gibt einfach Sachen, in denen ich mich wunderbar verlieren kann und in denen ich mich aufgehoben fühle. Wenn ich mal einen emotional düsteren Tag habe, dann hilft mir das schon immer wieder. Ich bin gerade mit einer Frau in Edinburgh in Kontakt gekommen, deren Sohn sich im letzten Jahr umgebracht hat. Er hatte mit Depressionen zu kämpfen und kam damit nicht klar. Er war auch im Nachtleben aktiv, mit allem, was so dazugehört. Seine Mutter hat versucht, mit ihm weiterzukommen, aber es war extrem schwierig. Denn niemand wirft einem Hilfsangebote nach. Als ich soweit war, dass ich mich aus der Depression herausziehen konnte, bin ich in Berlin zur Krisenhilfe. Die sind in der Lage, dir sofort zu helfen. Da bekommst du innerhalb eines Tages einen Termin, damit du mit jemandem reden kannst. Es wird dort eine Erstversorgung gemacht. Doch bis man dann einen Therapieplatz hat, vergehen oft Wochen und Monate. Je nachdem, wie scheiße es dir geht, kannst du dich aber nur begrenzte Zeit mit dem „Ich habe mich mal gekümmert“ über Wasser halten. Jene Frau aus Edinburgh hat eine Stiftung gegründet, die den Namen ihres Sohnes trägt, die Joshua Nolan Foundation. Für deren Fundraising lege ich demnächst auch auf. Mit den Geldmitteln, die die Stiftung bekommt, wollen sie erreichen, dass von Depressionen Betroffene schnell Hilfe bekommen und Aufklärungsarbeit über psychische Probleme geleistet wird. Das Thema wird ja total totgeschwiegen. Im Nachtleben geht es auch immer nur um „Gude Laune“. Aber es redet niemand darüber, dass zum Beispiel immer mal wieder jemand an einer Überdosis stirbt. Ich glaube, dass davon vieles kein Unfall ist. In Schottland bezahlt das Gesundheitssystem psychisch kranken Menschen zwar Therapien. Aber wenn du nicht erst zum Hausarzt gehen magst, der dir eine Empfehlung schreibt, wonach du ewig warten musst, bis am Ende einer für dich da ist, dann kostet es dich 50 Pfund. In Schottland ist übrigens Suizid die Haupttodesursache für junge Männer unter 25. Es sterben dort mehr Leute durch die eigene Hand als durch Krebs.

Was war die wichtigste Erkenntnis für dich, seit du deine Depressionen angesprochen hast?
Es gab Feedback von Leuten, die gesagt haben, dass sie es durch meine Thematisierung der Krankheit geschafft haben, sich selbst um Hilfsangebote zu kümmern, da das „Ich bin alleine“-Gefühl plötzlich weggefallen ist. Dadurch, dass ich offen darüber spreche, erhalten auch noch mehr Menschen Informationen zum Thema. Für mich selbst ist es natürlich auch hilfreich. Das schlimmste, was man in einer Depression machen kann, ist es, sie wegzudrücken und so zu tun, als sei alles okay. Dadurch isolierst du dich immer weiter. Ich bin dankbar dafür, dass ich offen darüber reden kann und dass das Feedback bisher nur positiv war. / Benedikt Schmidt

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