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Sie sind eine Ausnahme im Mixerbereich. Und speziell bei Housern so sagenumwoben wie begehrt: Rotary-Mixer. Sie stehen im Ruf, außerordentliche Premium-Produkte von Premium-Herstellern zu sein, die Ihren Fader-Kollegen klanglich weit überlegen sind. Bereits seit 1999 mischt der US-Hersteller Rane mit dem Modell MP2016 erfolgreich in diesem Nischensegment mit: Einem modernen Rotary-Geschöpf, das Legenden wie dem Bozak CMA 10-2DL und Urei 1620 nachempfunden ist. Interessant zu wissen: Der Rane MP2016 ist in aktualisierter S-Version bis zum heutigen Tage erhältlich. Ein für ein DJ-Produkt ungewöhnlich langer Lebenszyklus, der auf die zeitlose Qualität des Mixers deutet. Dennoch legt Rane dieser Tage das neue Rotary-Modell MP2015 nach. Dieses ist zweifellos an das Vorgängermodell angelehnt. Unterscheidet sich aber davon in vielerlei Hinsicht auch grundlegend. So ist der Verbau von zwei getrennten Soundkarten, ähnlich den großen Rane Sixty-Modellen, nur ein Highlight des 4+1-Kanalmixers.


Warum überhaupt Rotary?
Der Umgang mit einem Rotary-Mixer erfordert zweifellos Übung. Vor allem, wenn man bislang nur Fader-Kisten unter den Fingern hatte. Dabei stand historisch gesehen der Rotary-Mixer am Anfang der DJ-Kultur. Zwar wurde der erste Stereo-Fader-Mixer namens „Rosie“ ebenfalls bereits Anfang der 70er von Alex Rosner entwickelt. Der Bedarf nach schnellen Kanalwechseln und Techniken wie Cuts und Joggling kam aber erst Mitte der 70er unter anderem mit den HipHop-Godfathern EdHerc und Grandmaster Flash auf. In den großen Diskotheken New Yorks wie dem Studio 54 oder Limelight war seiner Zeit ein anderer Sound bestimmend: Disco. Eine Musik, bei der sanfte Übergänge gefragt waren. Und da die DJs zumeist aus dem Radiobereich kamen, waren Sie mit dem Drehregler-Prinzip blind vertraut. Zumeist mit einem integrierten Preamp ausgestattet, wurde das Rotary-Prinzip einfach in die Clubs übertragen. Hier muss zwangläufig wieder der eingangs erwähnte Name Bozak fallen. Denn die ebenso high-end klingenden wie horrend teuren Modelle von Rudy Bozak wurden zum DJ-Mixer-Standard in den In-Diskotheken Amerikas. So gilt das 1971 zusammen mit Alex Rosner entwickelte Modell CMA 10-2DL als erster waschechter DJ-Mixer. Von hier aus ist der Sprung zur zweiten Rotary-Legende Urei 1620 nicht mehr weit. Denn nachdem Tony Bozak verstorben war und seine Company die DJ-Linie nicht mehr weiter verfolgte, übernahm Soundcraft unter dem Brand Urei das Konzept des CMA 10-2DL. Wenn man so will, ist der Urei 1620 somit der erste DJ-Mixer-Clone der Geschichte. In verfeinerter und modernisierter Form dann wiederum herausgebracht von Rane im Jahre 1999.

Der Disco-Bezug macht jedenfalls auch deutlich, warum das Rotary-Prinzip gerade im stilverwandten House-Bereich noch immer beliebt ist: Es erlaubt extreme lange, feinfühlige Übergänge ohne Klangeinbußen. Aber das Feingefühl muss der DJ auch zweifellos in den Fingern haben. So bleibt der Rotary ein Lieblingstool für Könner und Connaisseure. Natürlich auch aufgrund des Preises.

Der kleine, große Unterschied
Natürlich wäre es unsinnig, den noch immer produzierten MP2016S mit einem gleich gearteten Modell zu kannibalisieren. Ebenso wollte sich Rane sich nicht mit einem weiteren Update begnügen. Und drittens wollten die Amerikaner den hochwertigen Rotary-Spaß endlich auch Digital-Jockeys zugänglich machen. Die logische Konsequenz konnte nur lauten: Machen wir aus analog digital. So komplett wie möglich. So gut wie möglich. Denn das erweitert den Funktionsumfang erheblich. Und noch etwas hat sich geändert: War der MP2016S noch ein Rackeinbau-Tool klassischer Bozak-Prägung, kommt das Modell 2015 nun als Tabletop-Mixer daher. Eine ebenfalls vortreffliche Entscheidung. Denn das erleichtert die Bedienung enorm. So muss man sich nicht zwischen schweren Armen oder seltsamen Tischeinlass-Konstruktionen entscheiden. Geblieben ist das Mixer-plus-Vorverstärker-Konzept. Daher hat die MP-Reihe nicht zuletzt Ihren Namen (Mixer plus Preamp).

Vor dem Kauf sollte man sich vergewissern, dass in der heimischen Kanzel noch genügend Platz ist. Denn der MP2015 ist auch ohne Fader-Elemente eine echte Größe. 19,7 x 38,1 x 49 Zentimeter, um genau zu sein. Auch die sieben Kilogramm sind trotz des digitalen Innenlebens nicht von schlechten Eltern. Ein Großteil davon dürfte auf die hochwertigen Bedienelemente und das schwarze Metallchassis entfallen. Die nach ihrer Funktion größengestaffelten Potentiometer sind über jeden Zweifel erhaben. Deren angenehme Drehbarkeit darf als exzeptionell bezeichnet werden. Das übersichtliche Layout und enorme Raumangebot machen die Bedienung selbst für die Wurstfinger von DJ Adipositas zum Hochgenuss. Spätestens jetzt zeigt sich die Überlegenheit des Tabletop- gegenüber dem Rackeinbau-Designs. Gekrönt wird der hervorragende Ersteindruck durch den stilechten Vintage-Look. Das pechschwarze Tool mit den verchromten Poti-Köpfen und Rane-geprägten Holzohren ist ein optischer Leckerbissen. So richtig interessant wird es, wenn der Quader unter Spannung steht. Denn die verschiedenfarbig beleuchteten Druckknöpfe und ellenlangen LED-Pegelanzeigen in jedem Kanal Masterkanal sorgen zusammen mit dem nostalgischen Grunddesign für einen reizvollen Kontrast aus Retro und High-Tech

Baby got back
Beim Blick auf das Hinterteil des MP2015 wird sofort deutlich, dass der Vierkanalmixer mit allen digitalen Wassern gewaschen ist. So befinden sich hier die beiden USB-Ports für die getrennten Soundkarten. Jedem Kanalzug ist neben dem umschaltbaren Phono-/CD-Cinch-Eingang weiterhin ein digitaler S/PDIF-Port zugeordnet. Und auch die Session-Schleife verfügt sowohl über Cinch- als auch S/PDIF-Anschlüsse. Darüber hinaus verlassen eine Stereo-Effektschleife sowie ein symmetrischer XLR-Master- und Klinke-Booth-Paar das Gerät. Auch kopfhörerseitig ist die Schönheit bestens ausgestattet: Einer befindet sich auf der vorderen Geräteoberseite, zwei weitere auf der Front. Perfekt.

Hands on the MP
Wie bereits angedeutet, ist der MP2015 ein Vierkanal-Pult mit zusätzlichem Submix-Channel. Jedem Kanal wurden dabei ein 3-Band-EQ sowie eigener Multimode-Filter spendiert. Über besagten FX-Loop lässt sich zudem ein externes Effektgerät einschleifen und von jedem Kanal abgreifen. Wer drauf besteht, kann weiterhin ein hochwertiges Mikrofon anschließen. Ein kombinierter Klinke/XLR-Port samt Phantomspeisung ist vorhanden. Der Klang lässt sich mit einem Bass-/Treble-Poti anpassen und die Musik weg“duck“en, um die Mikrofonstimme freizulegen. Die grundsätzliche Bedienung des MP-2015 ist aufgrund des streng geometrischen Layouts schnell zu durchschauen. Ganz unten befinden sich die dicken Kanal-Potis mit Vorhör-Schalter und gleich darüber die Filterregler Die internen Filter lassen sich über Kippschalter zwischen Lowpass, Highpass und kombiniertem Low-Highpass verstellen. Für unten enorm druckvollen und oben sehr fein-transparenten Klang sorgen Linkwitz-Riley-R4-Filter, die beispielsweise auch als Frequenzweichen in Mehrwege-Aktiv-Lautsprechern genutzt werden. Mit seinen 24 db/Okt. Flankensteilheit klingt das Filter wirklich außerordentlich exquisit. Und da Frequenzspektrum die gesamte Breite des für Menschen hörbaren Bereichs abdeckt (20 Hz bis 20 kHz), lässt sich das Musiksignal im LP- und HP-Maximum komplett wegfiltern. Jede Filtereinheit pro Kanal lässt sich über einen beleuchteten Druckschalter zu- und wieder abschalten. Dank der umfangreichen Vorhörsektion inklusive Split-Schalter und Cue/Mix-Regler gewährleistet der MP-2015 zudem, dass alle Aktionen vor dem Scharfschalten kontrolliert werden können. Nebenbei bemerkt: Der Kopfhörerverstärker macht richtig Dampf. Lasst mich Rücksicht auf eure Lauscher also etwas Vorsicht walten. Hä? Ja, genau deswegen …
Apropos Submix-Kanal: Dieser ist ebenso wie die Hauptkanäle vom eigenen Filterelement bis zum Dreiband-EQ voll ausgestattet. Lediglich ein Gain fehlt. Dafür besitzt er einen zusätzlichen Resonance-Regler, um die Filteraktivität global abermals lebendiger zu gestalten. Sowohl sämtliche Haupt- als auch der zusätzliche Session/Aux- und sogar externe Effekt-Kanal lassen sich per einfachem Knopfdruck auf den Submix-Kanal routen, um sie dort zusammenzufassen. Bitte nicht täuschen: Der Kanal, über den das Signal in den Sub-geführt wurde, wird damit natürlich nicht wieder frei. Wer Not hat, kann den Submix übrigens auch zum eigenständigen Hauptkanal umfunktionieren. Mit dem Submix ist das Ende der internen Kette aber immer noch nicht erreicht. Denn ganz am oberen Geräterand wartet in der Mastersektion eine weitere Bearbeitungsmöglichkeit: die Isolatoren. Drei weitere Riesenpotis eröffnen die Möglichkeit, das Mastersignal in den Bändern Low, Mid und High fein abzustimmen oder bis zum Cut beziehungsweise zur Überbetonung zu verändern. Mit zwei kleine Potis zwischen den drei großen lassen sich zudem die Übergangsfrequenzen einstellen. Also in welchem Bereich die drei Isolatoren jeweils zupacken. Rane macht damit die sonst weithin stiefmütterlich behandelte Mastersektion zu einer Hauptattraktion. Wer es spätestens hiermit nicht schafft, wirklich das Beste (oder böseste) aus dem ohnehin umwerfenden 32-bit-Klang des MP-2015 herauszuholen, sollte wirklich nochmal ganz grundsätzlich über sein Hobby – oder gar Job – nachdenken.

Soundkarten: Nimm Zwei
Dank der vollen Digitalisierung macht der Kulthersteller nun auch Digital-Jockeys den Rotary-Spaß zugänglich. Ähnlich wie beim Rane Sixty-Eight lassen sich zwei getrennte Laptop-Systeme an die Dual-Soundkarte einbinden. Dabei ist der MP-2016 übrigens kein dediziertes Serato-Tool. Ableton Live, NI Traktor – alles ist möglich und wird sofort erkannt. Für den Datenfluss stehen pro Soundkarte 10 Playback- und 14 Recording-Kanäle zur Verfügung. Und natürlich lässt sich der Rane-Neuling über die gesamte Funktionsbreite als MIDI-Controller für die jeweils genutzte Software nutzen. Das ist in jedem Falle eine Sensation. Die USB 2.0 High Speed-Soundkarten sind übrigens Class Compliant, lassen sich also sowohl auf Mac OSX- wie auch PC Windows-Plattformen betreiben. Windows-Nutzer sind dabei natürlich weiterhin auf die Installation Mixer-spezifischer ASIO-Treibern angewiesen. Diese wird Rane in Kürze bereitstellen.

Gut Ding will Kohle haben
(Auch) diesem Rotary-Mixer aus dem Hause Rane darf man einen enorm langen Lebenszyklus prophezeien. Nie zuvor wurde moderne Digitaltechnik mit nostalgischem Hardwareflair derart konsequent und durchdacht umgesetzt. Hier stimmt einfach alles: Der Klang. Das Bedienfeeling. Das Design. Und nicht zuletzt die flexible Einsetzbarkeit. Dank der vielen Klangbearbeitungsfunktionen werden selbst sonst Crosser-gewohnte House- aber auch Techno- und Trance-DJs ihre geliebten Fader schnell vergessen haben. Solange Sie eben grundlegende Skills wie das manuelle Beatmatching beherrschen. Technische Perfektion, wie sie der MP-2015 offenbart, geht natürlich ins Geld: 4.154 EUR UVP (rund 3.500 EUR Straße) schweben in der Region eines kleinen Gebrauchtwagens. Im Gegensatz dazu wird der Wert des Ausnahmemixers mit den Jahren jedoch keinesfalls sinken. Sondern eher noch steigen. Wer als DJ bisher keine Träume mehr hatte: Jetzt hat er einen.

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