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Am 27. Juni stieg im Butan Club in Wuppertal unsere letzte FAZEmag Veranstaltung unter dem Titel Focus on: Berlin. Einer der Protagonisten an diesem Abend war Recondite. Mit seinen Veröffentlichungen auf Ghostly International, Innervisions und Dystopian machte er sich einen Namen und erntete auch von Kollegen wie Richie Hawtin, Laurent Garnier und Tale of Us großen Beifall und viel Respekt.

Von Techno bis Hardcore-Schlager-Goa, in den Biografien der Künstler ist meist davon die Rede, dass sie bereits hinter den Turntables standen, ehe sie richtig laufen konnten. Die Frage nach der Berufswahl stellte sich quasi nie. Anders lief das bei Lorenz Brunner alias Recondite, denn Musiker zu werden war erst mal kein Thema für ihn: „Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich mich geweigert habe den empfohlenen Gitarrenunterricht nach der zweiten Stunde weiter zu besuchen. Mich als jemanden zu bezeichnen, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat, kann ich erst seit diesem Jahr.“ Das er nun letztlich bei elektronischer Musik angelangt ist, war für ihn die logische Schlussfolgerung aus der jahrelangn Leidenschaft für HipHop. „Den Stimmen, sprich den Raps und Vocals, wurde ich einfach überdrüssig. Mit dem gesprochenen Wort wird eine Aussage transportiert, die jeden von Musik und Harmonien geschaffenen Interpretationsspielraum vernichtet. Das ist auch der Grund, weshalb ich ungern Vocals in meine Musik einbaue. Das würde vielleicht eine größere Zuhörerschaft erreichen, aber nur, weil eine Aussage klar und konsumbereit auf dem Silbertablett serviert wird.“ Der ursprünglich aus Niederbayern stammende Produzent wohnt mittlerweile in der deutschen Hauptstadt. Berlin ist zwar nach wie vor Mekka elektronischer Musik, im Zeitalter von SoundCloud und Facebook jedoch spielt der Wohnort kaum mehr eine Rolle, oder doch? „Für mich persönlich war es anscheinend zwingend notwendig oder zumindest sehr hilfreich. Klar habe ich bereits in meiner Heimat Musik gemacht, aber leider Gottes sind auch die Vernetzungen wichtig. Man lernt dadurch natürlich gute Menschen kennen. Ich würde dennoch dabei bleiben wollen, dass sich Qualität früher oder später durchsetzt, auch wenn man in der Pampa wohnt – es dauert dann möglicherweise nur länger, bis man mehr Menschen erreichen kann.“ Sich an einem Ort aufzuhalten, an den es so viel Kunstschaffende zieht, hat natürlich seine Vorteile. So dauert es nicht lange bis man auf Gleichgesinnte trifft. „Zuerst kam SCUBA (aka Paul Rose), den ich beim Sport kennenlernte. Er war der erste Unterstützer meiner Musik, der bereits selbst in diesem Geschäft aktiv war. Danach kam der ehemalige Chefredakteur von Resident Advisor. Er schrieb eine unglaublich gute Review zu meiner ersten Platte (PLAN001), wofür ich ihm bis heute sehr dankbar bin.“ Durch beständige und gute Arbeit ergaben sich weitere Kontakte. „Über Rødhåd kam ich zu Dystopian und durch die Verbindung mit Acid Techno treffe ich jetzt Richie Hawtin regelmäßig auf meinen Gigs.“ Brunner zeichnet sich auch durch seine Vielseitigkeit aus. Mit dem Album „Hinterland“ präsentierte er ruhigere Stücke mit Tiefgang und auch einer gewissen Melancholie. Hits wie „Cleric“ hingegen sind schneller, härter und voller Energie. „Die Konzentration auf nur eine Stilrichtung käme einer musikalischen oder kreativen Kastration gleich. Gerade die Diversität ist für mich eine der Sachen, die mich immer weiter machen lässt.“ Diese Denkweise trägt sicherlich ihren Beitrag zum Erfolg des Künstlers bei. Die Art und Weise, wie und vor allem wo Recondite an Produktionen herangeht, ist vermutlich eher unüblich. „Ich habe kein Studio in dem Sinne. Es gibt einen Raum in unserer Wohnung, der für mich zum Musikmachen da ist. Dort stehen Lautsprecher, Bildschirm, Computer, ein kleiner Mixer und zwei Midi Controller, das war es. Ich habe vor einigen Jahren alles, was ich an analoger Hardware hatte, verkauft. Für mich ist es sehr wichtig, komplett flexibel zu sein und überall Musik machen zu können, wenn ich mich danach fühle. Das kann dann auch mal auf einem Hochsitz am Waldrand sein.“ Was das Produzieren betrifft, macht sich Recondite keinen unnötigen Druck: „Wenn ich zu Hause bin, stehe ich meist früh auf, trinke einen Kaffee und mache dann Sport. Danach frühstücke ich ausgiebig und lese Zeitung. Wenn ich anschließend Lust habe mache ich Musik.“ Auf der ganzen Welt aktiv, ist sein Tagesablauf oft abhängig von Reiseplänen und Timetables. Ab und an ist es dann wichtig eine Pause einzulegen und sich zurückzuziehen. Vermutlich gibt es hierfür keinen besseren Ort als die Heimat und den Kreis der Familie. „Dort kommt es mir so vor, als ob die Zeit stehen bleiben würde. Man sollte sich das nicht zu romantisch vorstellen, aber für mich persönlich komme ich dort einfach aus meinem sehr bewegten und wechselhaften Alltag heraus und bewege mich in einem Umfeld, das ich seit Lebzeiten kenne.“ Lorenz Brunner hält es nicht lange in der Großstadt. Regelmäßig sucht er die Wälder und Berge in seiner Umgebung auf um aufzutanken. „Das Aufwachsen inmitten der Natur war hier wohl prägend. Wir sind mehrmals umgezogen während meiner Kindheit – meist an sehr abgelegene Orte. Dadurch habe ich viel Zeit allein im Wald verbracht. Und bin so auch einfach die Stille und das natürliche Umfeld gewohnt. Es wird der
Tag kommen, an dem ich dorthin zurückkehren werde. Darauf freue ich mich.“

Interview aus dem Heft #28, Juni 2014

 

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www.soundcloud.com/recondite