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„Ich mag das 21. Jahrhundert – dank der heutigen Technologie kann ich mit Künstlern der Vergangenheit Musik machen.“ Was widersprüchlich klingt, löst sich in einem großartig frischen, unkonventionellen Sound auf, wie der Shootingstar aus der Londoner Clubszene Romare mit seinem ersten Album „Projections“ zeigt. Gerade bei Ninja Tune erschienen, umfasst es elf Tracks, die mit alten Samples zwischen Blues, Jazz, Funk und Soul, Swing, Gospel und Worksongs oszillieren und dabei auf groovige Basslines und housige Beats, überraschende Breaks und Einwürfe, hypnotische Synth Riffs, vorgaloppierende Drums oder entrückte Ambientanleihen treffen. In all dieser Vielfalt, in all der bisweilen verstörenden Gegensätzlichkeit ist der Sound harmonisch-atmosphärisch dicht, liebenswert nostalgisch, und doch freudig leicht und lässig neu. Die Samples, wie unter anderem ein kleines Snippet von Nina Simone, und Romares eigene Tunes verschmelzen zu eingängigen Stücken. Manche sind ruhiger, andere wie „Rainbow“ oder Roots“ werden die Tanzflächen mit Sicherheit schnell infizieren. In diesem spannenden Mix vereint der junge Produzent Archie Fairhurst – so heißt der Musiker wirklich – seine Faszination für frühe afroamerikanische Kultur und heutige elektronische Clubkultur. Dem afroamerikanischen Cut ’n’ Paste-Künstler Romare Bearden hat Archie Fairhurst nicht nur den Namen entlehnt, sondern sich auch durch dessen Technik bei der Entstehung der Songs inspirieren lassen und nun sein Album nach einer Fotografie-Ausstellung Beardens benannt. Mit seiner konzeptionellen, aber gleichermaßen intuitiven Herangehensweise – auch hier scheint Romare einen Widerspruch aufzulösen – ist es dem Londoner gelungen, mit seiner Collage als Technik und Gesamtwerk zugleich Projektionen einer neuen Generation von elektronischer Tanzmusik zu schaffen. Wir haben uns mit Archie Fairhurst alias Romare über sein Album „Projections“ unterhalten.

Archie, wie fühlst du dich nun nach Veröffentlichung des Albums?

Aufgeregt. Für mich ist es eine Erforschung neuer Sounds.

Wie und wie lang hast du an dem Album gearbeitet?

Etwa ein Jahr. Ich hab die Musik produziert, indem ich Samples von alten Schallplatten und anderen Medien, die ich gesammelt habe, mit meinen eigenen Kompositionen vermischt habe. Ich denke, man kann etwas erzählen, wenn man die Geschichte und den Kontext von Samples nebeneinander stellt. Ich erfinde sie neu, indem ich ihren Klang verändere, mit anderen Samples mixe und dann mit meiner eigenen Musik, meinen eigenen Kompositionen verschmelze. Das Werk selbst ist somit auch eine Collage. Das ist die Art, wie ich von Anfang an als Romare arbeite.

Woher kommt deine Faszination für Romare Bearden und afroamerikanische Musik im Allgemeinen?

Ich bin ihm in meinem letzten Studienjahr “begegnet”, in einem Modul, das “African American Visual Culture” hieß. Ich hab mich schon immer für Formen Afroamerikanischer Musik interessiert und ich wollte das Sampling weiter ausloten. Und so hab ich mich nach ihm benannt. Ich wollte einen Künstlernamen, der den Prozess symbolisiert, der in meine Art Musik zu machen, eingeht.

Pablo Picasso hat auch viele Collagen hergestellt und war zudem von afrikanischer Kunst beeinflusst – was denkst du über ihn?

Ich mag seine Kunst, aber er ist auch sehr bekannt. Es inspiriert mich, mich mit eher unbekannten Künstlern zu beschäftigen.

Als Kind hast du CDs deines Vaters zum Hören nach ihrem Cover aus dem Regal rausgesucht. Inwieweit beeinflusst die äußere Erscheinung Dinge?

Das Cover beeinflusst die Musik in der gleichen Weise wie die Musik das Cover. Nur wird gute Musik natürlich immer ein schlechtes Cover schlagen. Ein gutes Cover betont gute Musik dagegen immer.

Du hast nun das Cover deines Albums selbst gestaltet. War das ein Zufallsprodukt oder steckte dahinter ein Konzept?

Ich wollte ein einheitliches Gesamtkunstwerk schaffen, wobei ich vermeiden musste, Urheberrechte durch die Verwendung von Fotos zu verletzen. Also habe ich die Figuren nachgezeichnet, ausgeschnitten und geklebt. Eine nette Abwechslung.

Das Cover kann sich sehen lassen. Vielleicht wäre der Beruf des Designers auch etwas für dich?

Ich wollte Bildender Künstler werden als ich jünger war. Aber das Gefühl im Bauch, wenn du die richtige Musik hörst, belohnt dich mehr.

Als DJ kommst du viel rum, auch in Deutschland warst du einige Male. Was ist deiner Meinung nach charakteristisch für deutsche Clubs und deutsche Clubkultur? Gibt es Unterschiede zu England bzw. London?

In Deutschland werde ich immer gut versorgt. Hier gibt es eine starke Schallplattenkultur, so dass die Turntables gut gepflegt sind. Aus meiner begrenzten Sicht gibt es mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede.

Vermisst du etwas, wenn du nicht in London bist?

Pints! [etwa 0,5683 Liter Bier – Anm. d. Red.]

Ok, letzte Frage. Tee oder Kaffee?

Beides!
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Interview: Csilla Letay