skrillex


Eigentlich immer schon war Sonny Moore aka Skrillex ein Typ, der lieber angepackt und sein Ding durchgezogen hat, statt nur lang und breit darüber zu reden. Ein kauziger Mischpult- Rocker mit langer Headbanger-Mähne, Undercut und schwarzer Nerd-Brille, der den harten Electro-Underground plötzlich in den Mainstream und die Schlagzeilen katapultierte – eine Tatsache, die dem amerikanischen EDM -Revoluzzer, Producer und DJ gerade in der jüngsten Vergangenheit nicht nur positives Feedback, sondern auch den einen oder anderen nicht ganz so freundlich gemeinten Comment beschert hat. Völlig überraschend erschien kürzlich mit „Recess“ das unangekündigte Longplaydebüt des unberechenbaren Twenty-Somethings. FAZEmag besuchte Skrillex zum Interview in seinem Heim in Los Angeles.

Zumindest seine unauffällige Nachbarschaft lässt nicht unbedingt darauf schließen, wer in dem riesigen, blau-weißen Gebäudekomplex mit dem Kamera-überwachten Privatparkplatz beheimatet ist: Anstatt sich ganz standesgemäß ein lauschiges Plätzchen hoch über der Stadt in den angesagten Hollywood Hills zu suchen, hat sich Sonny Moore für ein mehrstöckiges Loft in einer biederen, fast spießigen Wohngegend in Downtown Los Angeles entschieden. Außen weder Klingel noch Namensschild, nur eine Hausnummer. Gegenüber ein buddhistischer Zen-Tempel und ein Plastiktütenautomat für Hundegassigeher. Fancy geht anders. Und doch lebt er nur einen Steinwurf entfernt von dem heruntergekommenen Lagerhaus, in dem das notorisch unter Strom stehende Allroundtalent vor Jahren seine allerersten Tracks gebaut hat. Zu Fuß nur wenige Blocks, andererseits aber trotzdem ganze Welten von dem globalen Popkulturphänomen namens Skrillex entfernt, durch das er heute unfreiwillig polarisiert und die Camps in Fans und Hater spaltet.

Bereits mit seiner 2010er Debüt-EP „Scary Monsters And Nice Sprites“ hat Moore aus dem Stand über eine halbe Million Platten verkauft und als Newcomer gleich zwei Grammy Awards abgeräumt – zwei von insgesamt sechs Exemplaren der international begehrtesten Musiktrophäe, die der Brostepper bis dato mit nach Hause nehmen durfte. Als sein Alter Ego Skrillex hat Sonny Moore die gesamte Electroszene auf den Kopf gestellt; ein Ex-Metaller, der vom Frontmann der Hardcore- Band From First To Last in Schallgeschwindigkeit zum neuen Pop-Icon einer ganzen Generation avancierte und der im Herzen eigentlich ein Punk geblieben ist. Ein Superstar wider Willen mit eher durchschnittlichem Aussehen und schluffigem Skaterlook irgendwo zwischen Corey Feldman und Steve Urkel, der so gar nichts mit anderen Teenieschwärmen wie Justin Bieber oder Jason Derulo gemein hat, obwohl er mittlerweile in einer vergleichbaren Liga spielt. Ein Producer und DJ, der sich einzig mit seinen Abgehtracks und krachigen Remixen für Lady Gaga, Black Eyed Peas oder seine Ex-Freundin Ellie Goulding nach oben geboxt hat, ohne sich in irgendwelchen Anflügen von David Guetta’esken Sell-Out-Eitelkeiten an den Kommerz zu verscherbeln. Verdächtig.

Doch zumindest bei ihm Zuhause sieht es aus, wie man es von dem Mann hinter der Marke Skrillex vermuten würde: An der Wand diverse Goldene und Platin-Schallplatten, die ihm für seine drei bisher releasten EPs verliehen wurden. Konzertplakate. Ein paar Skateboards, einige Paare Sneakers, ein gigantischer Flachbildscreen mit angeschlossenen Spielekonsolen, ein Tisch mit DJ-Equipment und leeren Starbucks-Bechern, Oldschool-Spielautomat in der Küche, und im ersten Stock schließlich eine futuristische Raumkapsel mit einem neu eingerichteten Studio, in dem sein gerade veröffentlichtes Albumdebüt „Recess“ entstand. Schon vor offiziellem Release waren die Songs von „Recess“ als anonymes Pre-Listening im Stundenabstand auf der Gratis-iTunes-App, dem intergalaktischen Ballerspiel „Alien Ride“ zu hören, bevor am darauf folgenden Freitag überraschend das Album erschien.

Überrumplungstaktik a la Skrillex?

Ich bin mir darüber bewusst, dass mir jetzt viele Leute vorwerfen, ich würde Beyoncé mit dieser Veröffentlichungstaktik kopieren, doch das ist Quatsch. Fakt ist, dass ich bisher noch nie einen einzigen Release angekündigt habe. Bei der letzten „Bangarang“-EP hatten wir nicht mal ein Marketingbudget, und ich habe auch keine Interviews gegeben. Meine Wurzeln liegen immer noch in der Underground Music. Ich kann verstehen, dass viele heute an Mainstream-Sound denken, wenn sie den Namen Skrillex hören. Doch das alles ist ganz organisch gewachsen, hauptsächlich durch das Internet.

Du musstest dich in der letzten Zeit immer nervigeren Fragen stellen, was dazu geführt hat, dass immer weniger Interviews mit dir zu lesen waren. Eine Zeit lang war es regelrecht schick, dich zu bashen. Belastend?
Natürlich. Nervige Fragen gibt es immer wieder. Wenn ich so hohle Sachen wie „Warum denkst du, hassen dich alle?“ oder „Glaubst du, du wärst ein Dubstep-Artist?“ höre, muss ich mich echt zusammenreißen. Wenn man Antworten von mir will, sollte man nicht versuchen, mich mit reißerischen Fragen zu provozieren, die ganz klar nur auf Online-Klicks ausgerichtet sind.

Also ist es okay für dich, wenn du auch von einigen gehasst wirst?
Ich habe es nicht in der Hand. Ich kann und will niemandem vorschreiben, was er zu denken, zu mögen oder nicht zu mögen hat. Obwohl der Hass ein starker Gefühlsausdruck ist, ist er irgendwie seltsam. Hass ist nicht kreativ oder inspirierend, sondern einfach ein nutzloses Gefühl. Mir kommt es nicht darauf an, geliebt zu werden. Liebe und Hass sind zwei sehr nahe beieinander liegende Gefühle. Beides ist sehr intensiv. Kunst ist dazu da, Emotionen zu erzeugen. Dabei ist es egal, ob man sie liebt oder hasst – man hat als Wahrnehmender eine gewisse Verbindung und denkt darüber nach. Meiner Meinung nach sollte jeder sein Leben lieber damit verbringen, positive Dinge zu tun und kreativ zu sein. Etwas Konstruktives zu schaffen, das einen glücklich macht.

Mit „Recess“ erschien nach drei EPs und dem größtenteils von dir komponierten Soundtrack zu Harmony Korines Leinwandschocker „Spring Breakers“ dein lange fälliges Debütalbum.
Ich habe irgendwann anfangen, eine Geschichte zu erzählen, die ich mit jeder meiner EPs und nun auch mit dem Album weiterspinne. Das Seltsame ist: Es steckt eigentlich gar kein bewusstes Konzept dahinter, doch wenn ich bisher an Songsammlungen gearbeitet habe, dann haben sie am Ende irgendwie immer eine Art Konzept ergeben; einen Sinn, eine Handlung. Ich hasse Konzeptalben, weil sie so gewollt sind und jede Phantasie im Keim ersticken. „Recess“ ist der perfekte Name mit dem perfekten Titeltrack für dieses Album – die Bedeutung dahinter ist einfach Spaß. Ein Wort, welches meine Arbeit und meinen Stil nahezu perfekt beschreibt. Es gibt zwar viele Interpretationsarten, andererseits sollte man meinen Kram nicht immer allzu ernst nehmen.

Du scheinst sehr oft auf eine sehr subtile Art mit Klischees und Genre-Stereotypen zu spielen. Vieles in deiner Musik scheint beim näheren Hinschauen sehr ironisch bis hin zur Selbstironie. Etwas, was viele Hörer gar nicht wirklich wahrnehmen…
Das war schon immer so. Ich bin mit Mangas und japanischen Anime-Filmen groß geworden – Zeug, das einerseits sehr schön anzusehen, aber auch sehr intensiv ist. Alles ist sehr überspitzt dargestellt. Diese Cuteness zum Beispiel ist komplett übertrieben. Gleichzeitig ist das auch eine große Inspiration für meine Musik und meinen Style. Schon auf „Scary Monsters And Nice Sprites“ habe ich den Blueprint dafür abgeliefert, was auch heute noch in meiner Musik zählt: Einerseits süß und niedlich, auf der anderen Seite kann sich alles innerhalb von Sekundenbruchteilen in ein böses, schwarzes Monster verwandeln. „Bangarang“ war eine Referenz an „Peter Pan“ und die Lost Boys, die auf ewig jung sein wollten. „Recess“ ist eine Fortführung dieser Idee: Sich einfach nicht um morgen kümmern, sondern es heute richtig krachen zu lassen! It’s playtime!

Du hast auf „Recess“ eine ganze Menge wirklich namhafter Special Guests wie Major Lazer-Mastermind Diplo, Chance The Rapper, die Ragga Twins, Kill The Noise, Passion Pit-Frontmann Michael Angelakos und viele andere versammelt. Die Grundideen der Tracks sind während deiner letzten Touren um die ganze Welt entstanden?

Die meisten Zusammenarbeiten entstanden mehr oder weniger durch zufälliges Abhängen miteinander; deswegen hat es auch so lange gedauert, die Platte zusammenzustellen. Die Arbeit mit Fatman Scoop zum Beispiel begann, als Jake von Kill The Noise eine Idee für einen Track hatte, den er mir schickte. Er hatte einen extrem ungewöhnlichen HipHop-Beat, auf den nur die Vocals von Fatman gepasst hätten. Ich habe sie schon im ersten Moment in meinem geistigen Ohr gehört. Er hat einfach eine unverwechselbare Stimme – jemand musste ihn einfach wieder zurück auf die Bildfläche bringen … Die Ragga Twins habe ich in London im Studio getroffen. Sie riefen mich an und fragten, ob ich nicht Bock hätte, mal vorbei zu kommen. Also haben wir diesen über acht Minuten langen, einfachen Beat gebaut. Ein Dubstep-Beat aus Kick, Snare und Subbass, sonst nichts. Noch eine kleine Melodie obendrauf – fertig. Sie freestylten über die gesamte Laufzeit des Tracks; die besten Parts wurden dann auf dem Stück „All Is Fair In Love And Brostep“ verwendet.

Auffällig ist, dass es auf dem Album überraschend viele Tracks mit echten Lyrics gibt. Warst du neben der Musik auch für die
Texte verantwortlich?

Ein paar habe ich mitgeschrieben. „Dirty Vibe“ zum Beispiel. Der ganze Track wurde um ein Vocal-Sample komponiert, das ich irgendwo gefunden habe. Auf dem Original hörte man das Wort „Certified“ – ich habe ein D davor gebaut, so dass es dann „Dirtyfied“ hieß. Aus dieser ganzen Idee entstand am Ende „Dirty Vibe“. Grundsätzlich würde ich sagen, dass mir Texte schon immer wichtiger werden, allerdings gibt es keine wirkliche Botschaft innerhalb der Lyrics. Meine Message ist der Vibe. Ich will, dass die Leute sich gut fühlen bei meiner Musik.

Klingt fast ein wenig nach Hippie…
Ich drücke mich auf diesem Album aus. Ich erzeuge bei den Leuten Gefühle, gleichzeitig transportiere ich meine Emotionen. Es gibt so viele Künstler, die noch in „Coolness“-Abgrenzungen denken. Solches Schubladendenken war mir schon immer egal. Ich bin der, der den Kids sagt: Fuck that, macht doch einfach, worauf ihr Bock habt und schert euch nicht um irgendwelche Idioten, die anderen ihre Meinung aufdrängen wollen. Seid ihr selbst und seid kreativ dabei.

Mit dem Track „Ease My Mind“ hast du dir offenbar selbst eine Hymne geschrieben!

Eher für die Kids, die ihn mitsingen. Dieser Track spiegelt die momentane amerikanische Dance-Kultur perfekt wider. Er ist emotional aufgeladen und gerade das macht ihn am Ende des Tages wieder so ironisch. Im Grunde ist er nur eine lustige, dumme Idee: Kitschig, pathetisch und klischeehaft zugleich – und genau das liebe ich im Grunde. Das Girl in dem Song will von den grellen Scheinwerfern geblendet werden, sie will die laute Musik spüren, sie will einfach den DJ! Diese neue Generation von Dance-Kids hat in den DJs ihre neuen Superstars gefunden. Der Song ist also eher als augenzwinkernde Ode an die US-Kultur zu verstehen.

Du bringst auf „Recess“ die verschiedensten Styles zusammen: Dubstep, Breakbeat, Pop, Soul, Funk, Electro, House … Gibt es irgendein Musikgenre, das du aus ganzem Herzen hasst und niemals in deine Tracks einbauen würdest?
Alles ist möglich! Als kleiner Junge hatte ich diesen Onkel; irgendwann kam er in mein Kinderzimmer, als ich gerade Fear Factorys „Demanufacture“ hörte. Ich muss so ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein. Er fragte, was das für ein Riesenschrott wäre und dass irgendwer demnächst sogar Techno und Country zusammen mixen würde. Und genau das hat Avicii kürzlich ziemlich erfolgreich gemacht. Das zeigt doch, dass wirklich alles möglich ist, wenn man es gut anstellt. Es geht nicht darum, zwei Dinge zusamzusammen zu bringen, die sowieso harmonieren. Die große Kunst ist, Genres zu clashen, die vermeintlich nicht zusammen passen und sie irgendwie passend zu machen.

Bedeutet deine Heimatstadt L.A. bei all deinen Reisen und Gigs in verschiedenen Clubs rund um die Welt immer noch einen Einfluss
auf deine Musik?

Unbedingt! Schon alleine der Titeltrack von „Recess“ ist wie dafür gemacht, mit runtergelassenem Autofenster langsam die Straßen von L.A. rauf und runter zu cruisen! Und auch „All Is Fair In Love And Brostep“ und „Try It Out“ vermitteln dieses Gefühl, durch die Nacht zu fahren und all die grellen Lichter auf sich wirken zu lassen. Ich liebe Los Angeles. Außerdem hat es auch viel mit Nostalgie zu tun. Hier war ich das erste Mal nachts aus in Electro-Clubs und habe meine ersten Erfahrungen mit dieser Musik gemacht. L.A. bedeutet für mich großartige Erinnerungen. Natürlich auch daran, dass ich hier die ersten Skrillex-Tracks gebaut habe. Ich glaube, je älter man wird, desto mehr besinnt man sich auf seine Wurzeln.

Am 21.12.2012 hast du zusammen mit deinem Buddy Zedd in Mexiko zwischen den großen Maya-Pyramiden einen Endzeit-Rave gefeiert. Irgendeine Erklärung im Nachhinein, warum die Welt doch nicht untergegangen ist?
Ich denke, die Maya haben sich einfach verrechnet. Es war absolut nicht unsere Schuld. Während des Auflegens habe ich mir ein paar Mal vorgestellt, dass die Außerirdischen vielleicht landen, mit uns feiern und dann auf ihren Planeten mitnehmen würden. Oder dass sie uns zerstören würden. Dass sie jedenfalls irgendwas tun würden. Doch am Ende des Tages war es nur eine tolle Party, die absolut keine Anflüge von Weltuntergang hatte. Leider…

Dein wildestes DJ-Erlebnis der jüngsten Zeit?
Ich habe kürzlich in Barcelona im legendären Moog-Club vor einer Hand voll Leute aufgelegt. Nach meinem 3-Stunden-Set waren alle komplett verschwitzt, sechs Uhr morgens, das Wasser tropfte von der Decke und alle Lichter an. Als ich die ersten Klänge von Totos „Africa“ angespielt habe, sind alle komplett durchgedreht. Das ist das Schöne an elektronischer Musik: Man schickt die Leute auf einen Trip und kann alle Regeln brechen. Und wenn man sie auf die richtige Art bricht, entsteht pure Magie!

 

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