Andreas Tomalla ist eine Ikone der elektronischen Tanzmusik. Wenn euch der Name auf Anhieb nichts sagt, ist das kein Beinbruch. Bekannter ist Andreas unter seinem Künstlernamen Talla 2XLC. Der 1963 geborene Tomalla hat sehr großen Anteil daran, dass der Begriff Techno Mitte der 1980er-Jahre auftauchte und populär wurde. Aber das und vieles mehr steht in dem in Kürze erscheinenden autobiografischen Buch von Tomalla mit dem Namen „Am Anfang war der Technoclub“. Wir haben mit Talla gesprochen und ihn gefragt, worauf man sich bei dem Buch, das auch als Hörbuch erscheint, freuen kann.


Bevor wir allerdings beginnen, wollen wir noch kurz den Namen Talla 2XLC erklären. Alte Fans werden jetzt eventuell gähnen und dürfen zum nächsten Abschnitt springen. Der Künstlername Talla 2XLC ist die Kombination aus seinem Nachnamen und einem alten Kassetten-Mixtape. Um von der GEMA als eigenständiger Künstler anerkannt zu werden, wählte Talla diesen Zusatz für sein bis heute bekanntes Pseudonym. Ach ja, der Name steht nicht für „zweimal lange klingeln“, wie es früher hieß.

 

Es gibt nicht viele DJs, deren Leben interessant genug ist, um ein Buch zu füllen. Dein autobiografisches Werk „Am Anfang war der Technoclub“ erscheint als klassisches Buch und Hörbuch und wird auf der Internationalen Buchmesse vorgestellt. Wie ist es zu diesem Buch gekommen? Wer hatte die Idee und wie wurde sie umgesetzt?

Eigentlich ist meine Frau Wafa der Motor hinter der Buch-Idee gewesen. Schon vor Jahren, als ich ihr viele Anekdoten aus der Zeit vor unserem gemeinsamen Leben erzählte, sagte sie, dass wir ein Buch schreiben müssten. Das hörte ich dann öfter aus ihrem Munde und als Max [Westbam, Anm. d Red.] sein Buch herausbrachte, konnte sie mich davon überzeugen, dass nun ein guter Zeitpunkt wäre, es endlich zu tun.

Wie lange hat es gedauert, das Buch so hinzubekommen, dass du damit zufrieden bist?

Die reine Aufnahme meiner Storys hat schon mehr als ein Jahr gedauert. Das alles in eine lesbare Form zu bringen, ähnlich lang. Es gibt nur diese eine Version und ich habe mich eigentlich nicht an anderen Büchern orientiert. Es ist schlicht und einfach die Story meines „elektronischen Lebens“, mit allen Höhen und Tiefen.

Welche Aspekte bzw. Kapitel sind dir besonders wichtig und wurden am häufigsten umgeschrieben?

Generell sind mir alle Kapitel gleich wichtig. Klar, die Zeiten im Plattenladen City Music und im Dorian Gray haben mich am meisten geprägt. Es war eine tolle Zeit, weil alles frisch und neu war. Alle Phasen des Techno hautnah mitzuerleben, war megaspannend. Umgeschrieben wurde eigentlich nichts, der Verlag hat am Ende lektoriert, ein bisschen gekürzt und doppelte Stellen gelöscht.

Du bist 1963 geboren und hast Anfang der 1980er-Jahre begonnen, in einer Tanzschule namens Kiel-Blell als DJ aufzulegen. Wann fand der erste Auftritt in einem Club statt? Kannst du dich noch an den ersten Gig erinnern?

Natürlich kann ich mich noch daran erinnern. Der erste Auftritt war in einer Disco namens Nouvelle in der Nähe der Tanzschule, in der ich mein erstes Engagement für zwei Samstage im Monat hatte. Als der Betreiber der Diskothek merkte, dass ich erst 16 war, war es flugs wieder beendet. Aber zumindest hatte ich schon mal Profiluft geschnuppert und mehr Geld bekommen als die 30 Mark in der Tanzschule.

Die Geschichte, wie der Begriff Techno in Frankfurt populär geworden ist, dürfte allen Talla-Fans bekannt sein. Aber für alle anderen: Wie genau ist das passiert?

Im Buch steht es natürlich ausführlicher drin, also umreiße ich es hier kurz: Als ich 1982 in dem Plattenladen City Music im Frankfurter Hauptbahnhof arbeitete, kamen viele Kunden zu mir, weil ich mich bei elektronischen Sounds gut auskannte. Die Platten waren aber querbeet im Dance-Bereich eingeordnet und ich musste jedes Mal von A bis Z herumkriechen, um die Scheiben zum Anhören herauszusuchen. Das war sehr nervig. Also dachte ich: Jetzt packe ich die alle unter einem Begriff zusammen. Da die elektronische Musik und die Geräte vor allem eine relativ neue Technologie waren, dachte ich an den Begriff Technology-Music. Das war jedoch zu sperrig, also löschte ich „-logy“ und „Music“, schrieb „Techno” auf eine Trennscheibe und sortierte alles, was elektronisch klang, darunter ein.

Der Rest ist bekannt. Immer mehr Kunden kamen zu dir und verlangten nach Techno. Aber gehen wir nun zum Beginn deiner Produzenten-Karriere: Anfänglich war dein Sound vom EBM geprägt, Electronic Body Music – so klangen auch die Singles deiner frühen Projekte Moskwa TV und Bigod 20. Wie und wieso hast du die Liebe zu dieser besonderen Art der elektronischen Musik entwickelt?

Na ja, angefangen hatte ich eher mit Italo Disco und Electronic Pop und auch mit Depeche-Mode-Klängen, wenn man Axodry und auch Moskwa TV heranzieht. Infiziert mit dem „Techno-Virus“ wurde ich klar durch Kraftwerk, aber auch durch japanische Bands wie YMO oder Logic System. EBM, der harte Sound aus Belgien, kam erst Ende der 1980er-Jahre. Das war für mich eine Weiterentwicklung der softeren Sounds, was ich sehr gut fand. Dann schwappte nahtlos der House aus Chicago und Detroit herüber und alles vermischte sich zu „Technohouse”. Aber es stimmt, EBM war eine ganze Zeit lang, ungefähr bis Mitte der 1990er-Jahre, meine zweite große Liebe, weil ich die industriellen Klänge einfach so gerne mochte. Mein Bigod-20-Projekt verdealte ich sogar in die USA zu Sire Records, wo auch Madonna, Depeche Mode oder Ministry veröffentlichten. Dort brachten wir zwei Alben heraus und waren sogar in Film-Soundtracks wie beispielsweise „Sliver“ mit Sharon Stone zu hören. Erst 1994 wandte ich mich mehr dem Trance zu, weil ich Melodien schon sehr gerne mochte.

 

Im Laufe der Jahre wurde der Begriff Techno immer enger gefasst. Das hat dir nicht gefallen, oder? Hing diese Trendwende mit deiner DJ-Auszeit Anfang der 1990er-Jahre zusammen?

Ich hatte mein DJing zu dieser Zeit reduziert, weil ich gerade meine neuen Labels samt Firma gründete und das außerordentlich viel Arbeit war. Also spielte ich lediglich im Technoclub und reduzierte meine Bookings bis etwa Ende 1994. Aber das hatte nichts mit den Begriffen Techno und Trance zu tun.

Du bist jahrelang Resident im legendären Dorian Gray gewesen. Wie viele Stunden hast du damals am Abend aufgelegt und wie sind deine Erinnerungen an das Gray? Wie kann man sich eine musikalische Reise an solch einem Abend vorstellen?

Das Dorian Gray war unglaublich und ist schwer zu beschreiben. Es war mein zweites Wohnzimmer für viele Jahre. Es gab und gibt für mich keinen vergleichbaren Club auf der Welt. Auch dass das Gray im Untergrund eines internationalen Flughafens war und keine Sperrzeiten hatte, war einzigartig. Ich spielte dort meistens freitags auf unserem „Technoclub“-Event, später aber auch des Öfteren sonntagmorgens. Meistens spielte ich zwei bis drei Stunden, an meinem 20-jährigen DJ-Jubiläum sogar zehn Stunden. Freitags öffneten wir um 21:00 Uhr und bis 00:00 Uhr spielte der Warm-up-DJ leisere Musik. Um Mitternacht wurde dann auf dem Mainfloor das Licht kurz gelöscht, die Nebelmaschine angeschmissen und dann starteten wir als Residents, spielten die ganze Nacht, später auch mit Gast-DJs – es war eine unglaubliche Energie.

Du hast den Spitznamen „Techno-Papst“. Viele jüngere Fans werden sich eventuell fragen: „Wieso das? Talla spielt doch Trance.“ Was würdest du erwidern?

Lass mich dazu ein bisschen weiter ausholen. Wenn man die Historie der elektronischen Musik kennt, stellt sich diese Frage nicht. Als ich 1984 den weltweit ersten Club im Club-Event-Bereich ins Leben rief, kamen mir mein Begriff Techno, den ich ja seit 1982 von dem Wort „Technologie“ ableitete, und das Wort „Club“ in den Sinn – so entstand daraus der Name und die Marke „Technoclub“. Dieses Nichtwissen jüngerer Fans ist auch ein Grund, warum ich mit Alex Azary das „Momem“-Museum in Frankfurt starten will. Heutzutage denkt ein 16-Jähriger, Steve Aoki hätte Techno erfunden. Um dem nach vielen Jahren ein bisschen entgegenzuwirken, habe ich vor Kurzem eine weitere Marke ins Leben gerufen, die sich „That’s Trance!“ nennt. Die gibt es inzwischen als Label, Internetradioshow und Spotify-Playlist. „Die Technoclub“-Marke werde ich Stück für Stück zur „Classix“-Marke ändern, um dem heutigen Schubladendenken gerecht zu werden.

Du bist schon viele Jahre mit deiner Frau verheiratet und trittst auch sehr oft mit ihr in der Öffentlichkeit auf. Wie habt ihr euch damals kennengelernt und wie ist es, mit dem DJ und Produzenten Talla 2XLC zusammenzuleben?

Kennengelernt haben wir uns tatsächlich im Dorian Gray, und das recht zufällig. Denn normalerweise wäre ich an diesem Abend gar nicht dort gewesen und zum anderen wurde sie von einer Freundin gegen ihren Willen hingeschleppt. Es ist nie einfach, mit einem Künstler zusammen zu sein, der zuallererst mit dem Nachtleben verheiratet ist. Aber wir sind Soulmates, sie steht hinter dem, was ich tue, und wir arbeiten seit Jahren großartig zusammen. Sie hat mir auch in schweren Zeiten sehr geholfen und dafür bin ich ihr mehr als dankbar. Wafa wirkt auch als Autorin am Buch mit.

Wie schätzt du die Techno- und Trance-Szene heutzutage ein?

Schwierig zu sagen. Ich denke, ich bin sehr offen, und das wünsche ich mir auch für die Fans der verschiedenen Musikrichtungen. Leider sind oft eher Schubladendenken oder Tunnelblick angesagt. Darum finde ich gerade die amerikanischen Fans vorbildlich, denn sie hören fast alles gerne, von hart bis zart, von Trance bis Techno. So müsste es überall sein. Es gibt zumindest die Entwicklung seit Kalkbrenner und Co, dass die Melodien des Trance Einzug halten in die Technoszene. Inzwischen hat sich auch bei Beatport die Sparte „Melodic Techno“ gebildet und kreative Köpfe wie Boris Brejcha, Solomun oder Maceo Plex hätten ohne Oldschool Trance vielleicht einen anderen Soundweg eingeschlagen. Mal sehen, wo die Reise hinführt.

Warum kann man dein Buch öfter als einmal lesen?

Weil ich einfach so viele Erlebnisse in die 225 Seiten gepackt habe, dass man immer noch mal etwas Neues entdeckt – wie bei einem guten Film. Man kann aber variieren und holt sich auch das Hörbuch, das ein sehr guter Sprecher für uns gesprochen hat.

Welche Projekte stehen in Kürze bei dir an?

Neben Buch und Hörbuch, die ja beide schon sehr wichtige Releases für mich sind, gibt es gerade ein Artist-Album von mir. Im Frühjahr erscheint dann eine Best-of-Doppel-CD und gerade bin ich als Avatar in einem Playstation/Xbox-Spiel von Deck 13 zu sehen. Das Spiel heißt „The Surge 2“ und ist weltweit erschienen. Ich bin dort nicht nur als DJ zu sehen, sondern spiele auch einen exklusiven Song und gebe den Playern eine Quest auf. Richtig genial, oder?

Welche drei Tracks hört man fast immer in einem Talla-2XLC-Set?

Meine Single „Terra Australis”, Alan Walkers „Faded” im Talla-Rework und meinen Song „The Spring Is My Love”, ein Cover von RMB.

 

Techno-Lexikon-Einschub: Dorian Gray
Das Dorian Gray war eine erfolgreiche Diskothek, die von Ende 1978 bis 2000 im Frankfurter Flughafen beheimatet war. Die Gründer und Betreiber Gerd Schüler und Michael Presinger fühlten sich vom legendären New Yorker Studio 54 inspiriert und führten das Konzept der Großraumdiskotheken in Deutschland ein. Benannt wurde die Diskothek nach dem Buch „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde. Das Dorian Gray befand sich auf Ebene 0 (Tiefebene) der Halle C im Terminal 1 des Flughafens. Damit war das Dorian Gray nicht von der Sperrstunde betroffen, die zu dieser Zeit in Frankfurt bei 4:00 Uhr morgens lag. Zu den Residents zählten neben Talla 2XLC DJ Dag, Sven Väth, Torsten Fenslau, Ulli Brenner, Michael Münzing (SNAP), Mark Spoon und Pascal FEOS. Mittlerweile befindet sich eine Einkaufspassage in den ehemaligen Gray-Räumen.

 

Aus dem FAZEmag 092/10.2019
Text: Sven Schäfer
www.talla2xlc.com