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Es gibt Menschen, für die müsste eine Filmfigur gescriptet werden, wenn sie nicht schon wirklich existierten. So ein Mensch ist der Kanadier Tiga James Sontag, der als DJ seit über 20 Jahren rund um den Globus jettet und Dope für Scharen von Club- und Festivaljüngern ist. Irgendwann nach London, vor Paris und Dubai – zwischen Flügen mehr an der Zahl als Tage, an denen er am Himmel hin- und herdüste – habe ich ihn am Telefon, während er in seinem Berliner Hotelzimmer zu Abend isst: der Star-DJ, der Techno-Posterboy, die Synthie-Pop-Ikone, der Electroclash-Hedonist und Underground-Prinz. Im Kern scheint er aber immer derselbe zu sein, geradezu alterslos und wandelbar. Tiga, der schon als Kind mit dem Hippie-DJ-Vater tourt, der 2001 gemeinsam mit Produzentenlegende und Kumpel Jori Hulkkonen ein „Sunglasses At Night“-Cover eher zufällig als Hit hinlegt, der mit den subversivsten Größen kollaboriert und sie remixt und nebenbei noch Boss des renommierten Labels Turbo Recordings ist, hat jetzt mit Anfang 40 und sieben Jahre nach der letzten Platte „Ciao“ sein erst drittes Studioalbum veröffentlicht. Auf „No Fantasy Required“ spielt er wie ein David Lynch der elektronischen Musik mit Fantasieprodukten von unserem Selbst im Limbus von Unveränderlichkeit und Veränderung. Und während er, sein Dinner auf dem Schoß, drauf los erzählt, scheint er auf einmal viel mehr als die Summe all jener rumorenden Klischees zu sein – einfach Tiga.


Du scheinst kaum verändert. Spürst du Zeit oder ist das etwas Abstraktes für dich?

Das ist eine verrückte Frage, da ich heute darüber nachgedacht habe. Ich weiß nicht, nein, ich spüre sie nicht vergehen. Ich glaube, das hat etwas mit meinem Gedächtnis zu tun. Wenn jemand beispielsweise in Spanien Urlaub macht, ist er aufgeregt, sein Gehirn sagt: „Das nimmst du mit!“ Meins ist das andere Extrem, es hat beschlossen, dass es immer wieder in Spanien sein wird, ich war da schon hundertmal. Es ist, als würdest du dich daran erinnern wollen, wie du dir die Zähne putzt. Unterbewusst glaube ich, ist weniger Erinnerung mehr Glück.

Weil du dich freier fühlst?

Ich fühle mich vielleicht in dem Moment freier, aber ich brauche es nicht zu bekämpfen, mein Gehirn hat’s für mich entschieden. Das andere ist, ich sehe nicht so anders aus, ich fühle mich nicht sehr anders. Vielleicht ist es Glück oder es sind die Gene, aber wenn du in den Spiegel schaust, keinen dicken Bauch hast und dich nicht fragen musst, wer das ist … Aber ich weiß natürlich, dass die Zeit vergeht. Ich kam das erste Mal nach Berlin vor 23 Jahren. Es ist bizarr, wenn man etwas immer noch macht, das man schon sehr lange macht –

vielleicht ist es die Perspektive. Ich hab so lange Zeit schon überlebt, so viele Leute kommen und gehen sehen, ganze Generationen. Sie waren jung, sie gingen zu Partys, sie kriegten Jobs und verschwanden – das passierte so viele Male und ich stehe immer noch hier und frage mich: „Was geschieht gerade?“ Ich bin wie ein Baum, der in einem Park steht.

Interessante Metapher. Wenn wir über Erinnerungen sprechen – was ist mit emotionalen Momenten?

Oh, warte, eine Sekunde. Das ist gerade ein emotionaler Moment, mein Essen ist hier (geht weg, kommt zurück). Oh, mein Gott, bin ich hungrig und glücklich. Hmm, das ist köstlich.

Was gibt’s denn?

Gegrillten Fisch und Pommes. Ich esse jeden Tag Pommes. Sie sind das Beste auf der ganzen Welt! Nur weil sie günstig sind, vergessen die Leute, wie gut Pommes sind und behandeln sie, als seien sie keine große Sache. Hm, emotionale Momente … ja, natürlich, die sind irgendwo da drin.

In welchen Momenten fühlst du dich am realsten, lebendigsten?

Ich liebe es, Fußball zu spielen und draußen zu sein, manchmal lege ich mich ins Gras und schaue in den Himmel. Ich liebe die Natur. Aber am lebendigsten dann, wenn man im Studio etwas auf den Punkt trifft. Wenn man weiß, man schreibt die Story fort, hat etwas Neues, und es ist gut – besonders, wenn man mit jemandem zusammenarbeitet. Es ist Kreation!

Du hast einen randvoll gepackten Terminkalender. Wie diszipliniert und strukturiert bist du?

Ich bin sehr diszipliniert. Also, ein bisschen faul, ein bisschen schiebe ich auf – aber im Kern bin ich eine sehr disziplinierte Person. Tatsächlich genieße ich diese Kontrolle. Ich habe viel Verantwortung.

Gibt’s denn noch Momente, in denen du das Gefühl hast, keine Kontrolle zu haben? Du hast ja erst vor Kurzem das allererste Mal live performt.

Ich war total nervös. Ich war total erschrocken. Aber totale Kontrolle ist unglaublich langweilig. Wenn dein ganzes Leben gesettelt und perfekt ist, dann ist nichts mehr übrig – erschieß dich, es ist vorbei. Man braucht diesen Mangel an Kontrolle, die Furcht, die Gefahr, um sich weiterzuentwickeln, weiter zu pushen. Genau deshalb war die Live-Show so wichtig für mich und hat mich so glücklich gemacht.

So zu sein, als würde niemand zuschauen oder -hören, ist das das Ziel?

Ich bin sehr umsichtig, diesen unschuldigen, dummen, albernen Teil in mir zu beschützen und zu bewahren. Aber ich bin noch nicht dort angelangt, wo ich das reproduzieren kann. Aber ich will es. Denn dann werden die Dinge wirklich crazy. Hoffentlich brauche ich nur noch ein bisschen mehr Zeit. Alter ist relativ, aber andererseits wird man sterben. Schau dir Bowie an …

Wie war das für dich?

Das war echt scheiße. Normalerweise interessiert es mich nicht, wenn Leute sterben. Ich beschäftige mich nicht damit. Aber diesmal hat es mich gekümmert. Er ist nicht wie andere Leute. Er ist die Nummer eins, ein echtes Vorbild. Er ist ein Einfluss. Wenn man ein kreativer Mensch ist und sein Leben interessant leben und erfolgreich sein möchte, als Mensch und als Künstler, dann gibt es keinen anderen wie ihn, niemanden. Ich glaube nicht, dass wir so was nochmal sehen werden … Es gibt einige wenige Menschen, wo es einfach beruhigend ist zu wissen, dass sie irgendwo da draußen sind. Es ist wie ein Beweis, dass es real sein kann. Ich denke, was Bowie den Leuten gezeigt hat, ist, dass du deine eigenen Regeln machen kannst.

Deine “Three Rules” (einer der Tracks auf dem neuen Album)?

Ich habe einen albernen Song gemacht (lacht). Yeah, ich mag Listen. Und Nummern. Ich glaube, ich vereinfache Dinge.

Dein Name ist einfach, aber außergewöhnlich. Wie war es für dich als Kind, wenn du ihn genannt hast?

Das hat mich in meinem ganzen Leben noch niemand gefragt. Es war gut. Ich mochte es, war irgendwie immer stolz darauf. Dinge wie dein Name setzen dich auf einen Kurs. Sogar so etwas Kleines, Dummes. Ich hatte einen sehr ungewöhnlichen Namen und ich sah sehr ungewöhnlich aus, hatte lange Haare und war anders als die anderen. Auch meine Eltern waren anders. Du hast dann die Wahl: Entweder du akzeptierst es und führst es weiter im Sinn von „ich will noch mehr anders sein“ oder du bekämpfst es und willst wie alle sein.

Man sollte also man selbst sein?

Ja. Simple Anweisung, schwierige Ausführung. Für jeden. Um wirklich man selbst zu sein, braucht man Vertrauen. Es ist tricky.

Wie wichtig ist dieses Gefühl, wenn du mit jemandem zusammenarbeitest?

Die verrückten Ideen passieren nur in diesem totalen Vertrauen. Wenn du dich beurteilt fühlst, oder unter Druck, oder eingeschüchtert, dann können sie nicht existieren. Darum ist mein Freund Jori Hulkkonen ein perfektes Beispiel. Wir haben „Sunglasses At Night“ zusammen gemacht, wir kennen uns schon lange. Mit ihm kann ich ein absoluter Idiot sein – ich meine so richtig. Wenn andere Leute mitkriegen würden, was wir machen, was ich ausprobiere, dann würden sie sagen, ich sollte vielleicht in eine Anstalt eingewiesen werden. Klar, meine Freunde sagen vielleicht auch mal „Bist Du irre?“, aber im selben Moment fühle ich mich frei, etwas auszuprobieren. Deshalb arbeite ich hauptsächlich mit Freunden. Ich weiß nicht, wie es wäre, wenn man mich mit Timbaland ins Studio packen würde … Einer meiner Helden ist Iggy Pop. Man muss bescheuert sein können. In dem Moment, wo man sich selbst ernst nimmt, ist man an einem gefährlichen Ort. Dann fängt man an, ein bisschen wie Coldplay zu sein. Da möchte ich nicht hin. / Csilla Letay

„No Fantasy Required“ ist am 4. März auf Counter Records/Ninja Tune erschienen.

 

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Aus dem FAZEmag 049/03.2016