T.Engelhardt_01_Credit_Katja Ruge5


 

Während ein Großteil der heutigen Teenager die kostbare freie Zeit damit verbringt, Follower und Likes zu generieren, da sich ihr Leben fast ausschließlich virtuell abspielt, gibt es in seltenen Fällen scheinbar doch noch so etwas wie Hoffnung. Hoffnung, dass jemand aus der Masse heraussticht und seine Interessen abseits des rechteckigen Smartphone-Bildschirms findet. So ein Fall ist ganz klar Tim Engelhardt, aktuell einer der heißesten Shootingstars im elektronischen Kosmos. Seine erste Produktion? Mit gerade einmal 14 Jahren. Erst kürzlich ist der aus dem Westerwald stammende Produzent und Live-Act volljährig geworden. Sein Sound klingt dabei, als wäre der Jungspund schon seit eh und je ein Bestandteil der Szene. Seine Diskografie listet Imprints wie Innervisions, Green oder Einmusika. Mit „Moments Of Truth“ erscheint nun sein mit zehn Titeln bestücktes Debütalbum auf Steve Bugs Poker Flat.

Das Werk strotzt dabei vor intuitiver, emotionaler Verspieltheit und bündelt sein gesamtes bis dato erlangtes musikalisches Wissen. Deutlich zum Vorschein kommt in Bezug auf die melodischen Strukturen und Kompositionen sein Background als Pianist. „Harmonien sind mir wichtig, es ist aber nicht so, dass ich bei jedem Track unbedingt ein Bett aus Akkorden brauche. Jedoch muss ein Track gewisse Ansprüche erfüllen: Wichtig sind mir die Spannung und die Antizipation, die ich durch sorgfältig geschriebene Melodien am besten erreiche.“ Inspiration fand Engelhardt dabei sicherlich in den Tiefen des Westerwalds, genauso wie die allseits bekannten Dominik Eulberg und Gabriel Ananda, die ebenfalls aus dieser Ecke stammen. „Wenn ich das Album beschreiben müsste, würde ich behaupten, dass es größtenteils Songs birgt, die ich nachts aufgenommen habe. Mit Erinnerungen an tiefe, ehrliche und auch verletzliche Momente, in denen alles um mich herum verschwand und ich so etwas wie verloren war.“ Erste Berührungspunkte mit der elektronischen Musik fand er hingegen mit nicht gerade ruhigen Tönen. „Es fing alles damit an, dass mein älterer Bruder mir Mixe von DJs wie Carl Cox gab. Damals konnte ich damit nicht wirklich viel anfangen und es erschien mir alles etwas einfach, da ich von meinen Klavierstunden doch etwas komplexere Musik gewohnt war. Dann habe ich irgendwann versucht, das ,besser’ zu machen. Ein Album, welches mich in meiner Anfangszeit sehr beeinflusst hat, war Marek Hemmanns ,In Between’ – für mich auch heute noch ein Meisterwerk.“ Der Thematik seines Alters begegnet er dabei gänzlich gelassen. „Damals, mit 14, als ich mein erstes Release hatte, habe ich einfach ohne Hintergedanken Musik gemacht. Früher habe ich jeden Tag Fußball gespielt und war sehr sportlich, allerdings muss ich sagen, dass die Musik irgendwann die wichtigste Rolle in meinem Leben eingenommen hat. Im Moment dreht sich also bei mir alles um Musik. Ich finde es erstaunlich, was Töne alles auslösen können, und bin fasziniert von den Möglichkeiten, die sich mir gerade bieten. Schon damals war jeder Track war für mich ein Schritt nach vorne. Im Prinzip wollte ich bloß gute Musik machen und diese für Leute zugänglich machen. Mittlerweile bin ich etwas selektiver geworden und schaue, dass ich nicht zu viel veröffentliche. Ich mache mir länger Gedanken darüber, ob ein Track auch wirklich eine Veröffentlichung verdient hat und meinen Ansprüchen genügt.“

Den Prozess zum heutigen Vollblut-Produzenten durchlief er nahezu als Autodidakt, erinnert er sich. „Ich habe mir über die Jahre fast alles selbst beigebracht. Es gab immer mal wieder gute Tipps von Robert Babicz und Andreas Lindemann, besonders im Bezug auf das Mixing, für die ich sehr dankbar bin, aber das Songwriting war immer eine persönliche Sache für mich. Im Moment arbeite ich mit Ableton Live als Sequenzer und ein paar erlesenen Hardware-Tools wie z. B. meinem Minimoog Voyager, der meistens für Bässe eingesetzt wird, oder dem Clavia Nord Rack 2 und dem Oberheim Matrix 1000 für alle Arten von Klängen.“ Seinen Durchbruch erlangte er mit seiner EP „Everything Is All You Have“ 2015 auf Poker Flat, gefolgt von „Enigmatism“ im gleichen Jahr auf dem gleichen Imprint. „Ende 2014 hatte mein Booker Marcel Janovsky die Idee, mal etwas an Poker Flat zu schicken. Da er und Steve sich schon lange kennen, hatten wir recht schnell eine Antwort – und die war zu meiner Überraschung sehr positiv. Im Gegensatz zu einigen anderen Labels ist es bei Poker Flat für mich so, dass ich Songs abgebe und es immer eine klare Antwort gibt: ja oder nein. Diese künstlerische Freiheit finde ich sehr wichtig und ohne diese gäbe es das Album wohl auch gar nicht. Die erste Skizze des Titeltracks ist tatsächlich schon über drei Jahre alt und viele Sounds sind ursprünglich aus alten Sessions, also könnte man sagen, es ist ein Werk, das sich über mehrere Jahre entwickelt hat. Ich habe ca. 40 Songs geschrieben und allein ein Jahr für die finale Selektion und technische Details gebraucht.“ In Worten formuliert, klingen die meisten Titel wohl vielmehr nach Songs als nach Tracks. „Das würde ich so unterschreiben. Gerade deswegen finde ich es auch so passend, dass sie jetzt als Album veröffentlicht werden. Meine EPs kommen meist etwas funktionaler daher, darum war es mir auch besonders wichtig, mich auf einem Album dann doch in einer anderen Art auszudrücken.“

Die vergangenen Wochen verbrachte er damit, sein Live-Setup zu überarbeiten und eine neue Show zu arrangieren. „Ich benutze dafür Ableton, einen Arturia Microbrute und eine APC40 sowie einen kleinen Korg-Controller. Im Prinzip habe ich alle Spuren meiner Tracks dabei und kann sie, je nach Situation, entweder beliebig kombinieren oder in der ursprünglichen Form spielen, was es mir ermöglicht, etwas vorher Ungehörtes zu schaffen aus Material, das ich über die Jahre gesammelt habe. In Bezug auf das Album heißt das natürlich auch, dass ich die Songs in den Clubkontext setzen kann und viele Melodien dann in neuem Gewand zu hören sein werden.“ Während er noch vollkommen im Album-Modus war, erschien mit „No More Words“ zeitgleich ein weiterer Titel Tim Engelhardts, in diesem Fall als Teil der gefeierten „Secret Weapons“-Serie auf Innervisions. Für die kommenden Monate sind weitere Veröffentlichungen auf Cityfox und Poker Flat geplant. Darüber hinaus steht der Umzug in die Domstadt Köln an. „Irgendwie hat dort für mich alles angefangen und mittlerweile sind viele der Leute, mit denen ich zusammenarbeite, zu Freunden geworden. Es fühlt sich einfach richtig an und ich denke, es ist ein guter Schritt, um in der Clubwelt weiter Fuß zu fassen.“

Aus dem FAZEmag 063/05.2017
Text: Triple P
Foto: Katja Ruge
www.facebook.com/tim.engelhardt.artist