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Es ist schon beeindruckend, wie es ein einzelner Künstler in der heutigen digitalisierten und schnelllebigen Zeit schafft, konstant relevant und am Puls der Zeit zu bleiben. Mittlerweile blickt Timo Maas, der Anfang der 1980er-Jahre seine musikalische Laufbahn initiierte, auf eine 35 Jahre andauernde Karriere zurück. Wie viele Male er dabei den Erdball umkreiste, in bzw. aus einem Flieger stieg oder wie viele Stunden er in diesen 384 Monaten an einem DJ-Pult stand? Unzählige. Am 12. Februar wird der aus Rinteln bei Hannover stammende Maas im Staples Center im kalifornischen Los Angeles sitzen. Mit etwas Glück ist sein Gepäck auf der Rückreise dann um eine Grammy-Trophäe schwerer. Mit seiner Interpretation von „Nineteen Hundred And Eighty Five“ von Paul McCartney & Wings, die er gemeinsam mit James Teej anfertigte, ist Timo Maas in der Kategorie „Best Remix“ bei der mittlerweile 59. Ausgabe des Awards nominiert.


Die Vocals vom Original-Song aus dem Jahr 1973 durften somit erstmals in der Geschichte offiziell für einen Remix genutzt werden. Sir Paul gab diese höchstpersönlich frei und teilte den Remix sogar über seine sozialen Netzwerke. Das Projekt sorgte bereits zu Beginn für Furore, da zunächst nicht öffentlich gemacht wurde, von wem der Remix ist, und dieser nur als „White Label“ in geringer Auflage in England erschien. Sie ließen 300 Platten pressen, stempelten McCartneys Gesicht drauf, platzierten 150 davon in Londons beliebtestem Plattenladen „Phonica“ und 150 bei „deejay.de“. Innerhalb von ein paar Stunden war die Platte in beiden Läden ausverkauft. Das Rätselraten begann und im Netz stiegen die Schwarzmarktpreise für die Platte auf bis zu 400 Dollar. Angefangen, an einer eigenen Interpretation zu arbeiten, hat Maas eigentlich schon 2009, seine Ideen dann jedoch in einem Ordner auf der Festplatte liegen lassen – bis der Kanadier Teej, seines Zeichens Label-Gründer von My Favorite Robot, die entscheidenden Impulse im Studio gab. „Ich hatte über die Jahre immer mal wieder an den Spuren gearbeitet, aber nicht wirklich das Resultat bekommen, welches mir vorschwebte. Als ich dann bei einer gemeinsamen Studiosession eher zufällig über die Spuren auf meinem Rechner gestolpert bin und diese James vorspielte, flammte das ,Feuer’ wieder auf und wir entschieden uns, einfach mal loszulegen, mal zu schauen, ob etwas dabei rumkommt. James ist ein fantastischer Producer und Engineer und die Kombination aus Skills, speziell guten Vibes und null Druck, da ja niemand auf einen Remix gewartet hatte, hat uns dann erlaubt, diese Neuinterpretation zu kreieren.“ Über die Entscheidung des Grammy-Komitees, die Nominierung zum wohl wichtigsten Musikpreis der Welt, freute sich Timo Maas genauso wie vor 14 Jahren, als er für seinen Remix mit Martin Buttrich für Tori Amos‘ „Don’t Make Me Come To Vegas“ ebenfalls nominiert war. „Die Situation war etwas surreal, um ehrlich zu sein. Speziell für mich, da ich ja bereits 2003 nominiert war. Das erste Gespräch mit James nach dem Anruf vom Management war extrem emotional für uns beide. Eine Art krasser Schock, aber im absolut positiven Sinn. Das hat uns irgendwie gezeigt, dass die unglaublichsten Ergebnisse möglich sind, wenn man ganz fest an eine Sache glaubt und fähig und willig ist, alles dafür zu geben.“

Nur wenige Wochen später traf Maas den Ex-Beatle bei einem seiner Konzerte in Düsseldorf. „Das war eine sehr spezielle Situation. Kosmopolitisches Landei trifft eine der größten musikalischen Legenden aller Zeiten (lacht). Zuerst sagte er mir, wie sehr er den Remix liebt. Alles andere bleibt zwischen ihm und mir. Wir hatten nur ein paar Minuten miteinander, aber das ist sicherlich eines dieser Erlebnisse, die für immer in meinen Erinnerungen eingebrannt sind. Eine ganz tolle und unglaublich nette Person.“ Und das, obwohl Timo Maas im Laufe seiner Karriere bereits mit Namen wie Madonna, Depeche Mode und Fatboy Slim zusammengearbeitet hat. Über einen Platz in seinem Haus für die mögliche Trophäe hat er sich bislang noch keine Gedanken gemacht. „Das wäre viel zu spekulativ. Die Nominierung ist bereits eine so große Ehre und das Feld der Konkurrenten ist sehr stark.“ Zu diesen gehören u. a. Joe Goddard mit seinem Remix von „Wide Open“ der Chemical Brothers, Kaskade & Lipless mit dem Remix zu „Only“ von RY X und Bob Moses’ „Tearing Me Up“ (RAC Remix). Für Timo Maas, der bereits seit 15 Jahren Resident im DC 10 auf Ibiza ist, war 2016 generell ein Jahr der Remixe und Kollaborationen. Er veröffentlichte auf Loco Dice’ Desolat Recordings, indem er „Get Comfy“ vom Labelchef remixte, mit Martin Buttrich erschien im Dezember die EP „Nach Acht“ auf Rhythm Assault. Und mit James Teej erschienen – neben „1985“ – gleich drei Werke. „Wir haben über die letzten Jahre ein Level ,of thinking and working’ entwickelt, das uns erlaubt, Ideen sehr tief und breit zu entwickeln und zu realisieren. Wir haben einen sehr ähnlichen Musikgeschmack und viele gemeinsame musikalische Berührungspunkte. James ist sehr gut darin, die Ideen technisch umzusetzen und auch in gewissen Momenten für das bestmögliche Ergebnis nochmals voranzutreiben, ganz egal ob wir an Clubtracks, Remixen oder auch Songs arbeiten. Studioarbeit – speziell die Entwicklung von Ideen für Songs oder Tracks – ist ein kontinuierlicher Lernprozess. Ich habe das Glück, dass ich über meine recht lange Karriere hinweg immer wieder mit aus meiner Sicht unglaublich guten Partnern zusammengearbeitet habe wie natürlich Martin Buttrich, Santos, James und auch momentan für viele Sachen mit Mark Deutsche. James kann man beim besten Willen nicht wirklich in eine Kategorie stecken. Seine musikalische Bandbreite ist immens, seine Skills sind es ebenfalls – somit macht es enorm viel Spaß, an gemeinsamen Projekten zu arbeiten.“

Aber auch allein glänzte Maas im vergangenen Jahr, so u. a. auf seinem eigenen Label Rockets & Ponies mit der „Starter EP“. Für die kommenden Wochen stehen darüber hinaus mitnichten nur berufliche Highlights an. „Papa werde ich ja auch noch die Tage wieder. Das ist auf jeden Fall das Über-Highlight im Moment. Musikalisch geht ebenfalls einiges, beispielsweise ein Remix für youANDme und die ,Cuba EP’ mit James im März. Außerdem eine weitere EP auf Joris Voorns Label Rejected sowie Remixe für Claptone, Mathias Schaffhäuser und einige andere. Auch ein neues Album ist in der Planung und ein weiteres Pop-Projekt mit einem recht bekannten alten Freund von mir im komplett neuen Gewand – Stillstand ist doof (lacht).“ Die Tatsache, dass er nach all den Jahren noch immer nicht müde geworden ist, erklärt er sich recht einfach. „Ich denke, in erster Linie liegt das an der Liebe zur Musik und vielleicht auch an dem Fakt, dass ich bereits in jungen Jahren festgestellt habe, dass der beste Weg zu kommunizieren für mich einfach meine Musik ist. Ob als DJ oder als Producer.“ Verfolgt man seine Aktivitäten in sozialen Netzwerken, stellt man recht schnell fest, dass er seine knappe freie Zeit gerne in der Küche verbringt – natürlich auch dort auf hohem Niveau, geht man nach den Kommentaren und den digitalen Feedbacks. Seine Spezialitäten? „Meine Freunde und Familie sagen: Jegliche Art von Barbecues und Fleisch, zweifelsohne Rouladen – und meine Hühnersuppe soll auch ganz gut sein.“ / Rafael Da Cruz

Aus dem FAZEmag 060/02.2017

Nachtrag: Hier sind die Gewinner der Grammy Awards 2017

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