In den vergangenen 13 Jahren hat sich Tycho von dem Teilzeit-Soloprojekt eines Grafikers zu einer international renommierten und gar für einen Grammy nominierten Gruppierung entwickelt. Dieser Tage erscheint mit „Weather“ der fünfte Langspieler der Band um Scott Hansen, der mit seiner unverwechselbaren Designarbeit als ISO50 bereits weltweiten Ruhm erlangt hat. Dabei hat jedes bislang veröffentlichte Werk das Merkmal, dass es immer um jeweils neue Elemente ergänzt wurde. So klingt jedes Album wie eine Weiterentwicklung des Vorgängers. In vielerlei Hinsicht ist „Weather“ der Höhepunkt von Tychos Karriere – auch Vocals integrieren Hansen und Co. nun erstmals. „Pink & Blue“ kombiniert die Grundlage von Hansens unverwechselbaren, lebendigen, charakteristischen Klanglandschaften mit dem zarten, samtigen Gesang von Hannah Cottrell, auch bekannt als Saint Sinner.


Und so stellt man sich die Frage, was man als Künstler ins Kalkül einbeziehen muss, um fast eineinhalb Jahrzehnte genau diesen künstlerischen Schritt vorzubereiten und auf eine äußerst beeindruckende Art und Weise umzusetzen. „Ich könnte nicht glücklicher sein mit dem Ergebnis. Ich habe all meine Erfahrung als Produzent und Musiker hier eingebracht und fand den Prozess auf diesem neuen Gebiet sehr inspirierend“, erzählt Hansen uns im Interview. Produktiv an „Weather“ gesessen hat er rund ein Jahr, währenddessen nahm er aber auch die Instrumental-Version des Albums auf und arbeitete zudem noch an einem anderen Projekt. „Bis heute sind alle Alben aus einer iterativen Denkweise bzw. Handlung heraus entstanden. Es wurde jedes Mal etwas hinzugefügt. Nach ‚The Science Of Patterns‘ im Jahr 2002 und ‚Past Is Prologue‘ von 2006 – zwei primär elektronischen Soloarbeiten – begann ich, organischere Klänge und Instrumente einzubauen. ‚Dive‘ aus 2011 wurde um Gitarre und Bassgitarre erweitert, während ‚Awake‘ 2014 mit Gitarren, die in den Vordergrund gerückt wurden, und Live-Drums daherkam. ‚Epoch‘ schärfte 2016 diesen Klang weiter, indem die elektronischen und organischen Komponenten, die Tycho ausmachen, in Einklang gebracht wurden. ‚Weather‘ will der Musik eine menschlichere Seite offenbaren, wobei die stimmlichen und lyrischen Komponenten der Musik eine ganz neue Dimension von Wärme und Leben verleihen. Ich denke, ,Weather‘ verdankt den früheren Aufnahmen viel und ist eine Weiterentwicklung auf ganz eigene Art und Weise, aber es fühlt sich für mich wie etwas ganz anderes und Neues an. Wie ein Hauch von frischer Luft, den ich dringend brauchte.“

An der Art und Weise, wie er im Studio arbeitet, habe sich nicht viel verändert. „Bis auf die Tatsache, dass ich nun natürlich mehr Tools bzw. Werkzeuge habe. Aber im Prinzip geht es nur darum, Ideen zu einem großen Ganzen zusammenzufügen.“ Das hat er nun mit den Vocals von Hannah Cottrell gemacht. Das Ergebnis wird schon jetzt von Kritikern auf der ganzen Welt gefeiert. „Es war ein wirklich inspirierender Prozess, mit Hannah zu arbeiten. Ich hatte schon einmal versucht, Musik mit Vocals zu machen, aber es fühlte sich nie wirklich so an, wie ich es mir vorgestellt hatte. Das war 2004 der Fall mit ,Past Is Prologue’. Mit ,Dive’ wurde mir klar, dass ich mich für drei Alben auf Instrumentalplatten konzentrieren möchte, die schlussendlich zur Trilogie wurden. Als das nun vorbei war, fühlte ich, dass es an der Zeit war, die Idee des Gesangs neu aufzurollen. Bei Hannah klickte es einfach sofort und ich wusste, dass sie die Stimme für die Platte war. Es war eine wirklich interessante Herausforderung, Platz für den Gesang in den meist sehr dichten Kompositionen zu schaffen. Das half mir, eine neue Perspektive auf meine eigene Musik zu bekommen – eine, die ich bislang nicht hatte.“

Und so wird es Anfang 2020 eine Album-Tournee geben, bei der die Vocals in die Live-Show integriert werden. Drei Termine finden in Deutschland statt: am 13.02.20 in Hamburg, am 14.02.20 in Köln und am 19.02.20 in Berlin.

Aus dem FAZEmag 089/07.2019
Text: Triple P
Foto: Scott Hansen