Anfang der Nullerjahre tauchte ein neuer Stern am Rave-Himmel auf, gestartet aus der französischen Stadt Dijon. Sein Name: Vitalic. Sein Geschoss: die „Poney EP“. Mit dieser auf DJ Hells Label International Deejay Gigolo Records veröffentlichten EP gelang ihm auch direkt der Durchbruch auf dem Dancefloor inklusive Klassiker-Status. Das Geheimnis seines Erfolges liegt jenseits von Genregrenzen. Um die schert sich Pascal Arbez-Nicolas – so sein bürgerlicher Name – nämlich nicht. Er pendelt zwischen Techno und Disco, packt Rock- und Pop-Elemente dazu und achtet stets darauf, dass er sich regelmäßig häutet, um neue Ansätze zu verfolgen. „Voyager“ heißt Vitalics neues Album, mit dem er vor allem die Synthie-Galaxien der 80er-Jahre bereist, um sie ins Hier und Jetzt zu transformieren. Ein Gespräch unter dem Sternenhimmel.

Vitalic

Vitalic – Der Zeitreisende


Wie lange warst du mit „Voyager“ unterwegs, bis es fertig war, und wie hast du diese Zeit und das Ende dieses Prozesses empfunden?

Ich habe zwei Jahre lang am Album gearbeitet und fühle mich auch extrem erleichtert jetzt. Es fühlt sich gut an, wenn dann die Schritte wie Fotoshooting und Pressearbeit folgen. Es war okay, nicht hart, aber recht langsam. Das ist meine Art. Vier Alben in 15 Jahren sind auch nicht viel. Es ist nicht einfach, neue Wege zu finden und Wiederholungen zu vermeiden.

„Voyager“ verbreitet einen Cosmic-Disco-Vibe. Wie fängt man den ein?

Das ist eine Art von Gefühl. Man folgt ihm einfach und hat eine gewisse Vorstellung davon, was Zukunft sein könnte. Eine schöne Zukunft, die manchmal etwas düster ist, aber nicht negativ. Die Schlussfolgerung daraus war, nicht etwas zu machen, dass irgendwie arty-farty wirkt. Wie haben wir uns damals die Zukunft vorgestellt bzw. wie haben wir sie uns erträumt? Leider ist sie ja nicht so sexy, obwohl wir viel sexy Stuff wie Mobiltelefone oder andere Elektronik-Gadgets haben.

Haben denn auch Science-Fiction-Filme einen gewissen Einfluss auf das Album gehabt?

Irgendwie schon. Aber es geht mehr in die musikalische Richtung: Jean-Michel Jarre und diese typische Synthesizer-Musik aus den 70er- und 80er-Jahren. Filme haben mich eher generell beeinflusst, aber nicht hier konkret. Es geht hier darum, die Musik aus dieser vergangenen Zeit mit den Augen und Ohren der Gegenwart wahrzunehmen.

Wer hat dich damals noch beeinflusst?

Giorgio Moroder, für mich der König dieser Epoche. Er hatte diesen experimentellen Dreh mit Synthesizern, aber dazu noch sehr tanzbar und mit einem Pop-Touch. Wie „Midnight Express“. Ich war als Kind wirklich tief beeindruckt, als ich den Song gehört habe. Moroder ist sicherlich schuld daran, dass ich heutzutage meine Musik so mache.

Wann hattest du die ersten Ambitionen, Musik zu machen?

Ich war vielleicht fünf Jahre alt und erinnere mich, dass ich mit meiner Mutter im Auto saß und sie gefragt habe, wie die Zukunft der Musik aussehen würde, weil ich Angst um die Musik hatte, keine Ahnung, warum. Und ich glaube, sie sagte, dass es was mit Synthesizern sei, und für mich war damals dann klar, dass ich Musik machen wollte. Es hat dann noch viele Jahre gedauert, bis ich mir auch meinen ersten Synthesizer gekauft habe. Das war nach dem Abitur, als mir meine Eltern etwas Geld geschenkt hatten, und ich entschied mich für einen Korg MS-20. Der war damals noch ziemlich billig, umgerechnet 200 EUR.

Wie viele Synthies hast du inzwischen und welche hast du für „Voyager“ benutzt?

Ich habe eine ganz ordentliche Sammlung, um die 20 Stück. Ich nutze sie aber nicht alle, nur wenn ich mal einen bestimmten Sound brauche. Vier, fünf Stück sind immer in Gebrauch. Für das Album habe ich zwei Buchlas, einen Polymath, einen ARP 2600 und einen Moog benutzt. Dazu die Software Serum von Xfer. Die wird normalerweise eher für EDM benutzt, sie ist aber richtig kraftvoll und es macht Spaß, damit zu programmieren.

Hat sich deine Studioarbeit im Laufe deiner Alben verändert?

Nein, meine Arbeitsweise hat sich nicht geändert. In der Regel weiß ich, was ich machen möchte, und versuche, die Dinge zu erreichen, die ich in meinem Kopf habe. Natürlich gibt es auch mal Abweichungen durch gewisse Begebenheiten, aber der Workflow ist gleich: Ich suche mir eine Melodie, probiere die aus und dann kommt ein Sound mit einer Bassdrum. Ich mache einen Track auch nie in einem Stück, sondern lasse ihn erst mal liegen und vervollständige ihn erst ein paar Wochen oder einen Monat später.

Es gibt drei Gäste auf deinem Album, erzähl uns von ihnen.

Mit Miss Kittin bin ich schon länger befreundet, wir haben ja auch beide bei Gigolo Records veröffentlicht. Ich sehe sie jeden Monat zum Abendessen in einem Restaurant und habe sie dann gefragt. Ich hatte einen Song mit einem Hauch Siebziger, slow und mit Vocoder. Den habe ich ihr im Studio vorgespielt und sie sagte dann: „Warte, ich hab’s. Ich gehe eben in mein Studio und in einer Stunde hast du es.“ Eine Stunde später hatte ich die Datei und es war perfekt. Die Story, die Worte, wie sie es singt – ich liebe es. David Shaw, ehemaliges Mitglied von Black Strobe, ist ein sehr cooler und verrückter Typ. Ich habe ihn nach einem Mexiko-Gig angerufen, da kannte ich ihn auch noch nicht persönlich. Ich sagte ihm, dass ich hervorragenden Schnaps aus Mexiko mitgebracht hätte und gerne einen Song mit ihm machen würde. Er sagte Ja und wir haben dann in einer Nacht den Song eingespielt. Mark Kerr (Anm. d. Red.: Bruder von Simple-Minds-Sänger Jim Kerr) ist Mitglied der Band Maestro, die auf Joakims Label Tigersushi veröffentlicht. Ich habe ihn zweimal live gesehen und wollte ihn dabei haben, da er ein total verrückter Disco-Fanatiker ist.

Mit deinem letzten Album „Rave Age“ bist du auf großer VTLZR-Live-Tour mit Musikern gewesen. Können wir was Ähnliches zum neuen Album erwarten?

Es wird eine Live-Tour geben, die wird sich aber sehr von VTLZR unterscheiden. Es wird sich bewegende Elemente auf der Bühne geben, die mit LEDs bestückt sind und sich synchron mit der Musik bewegen. Es wird ein kosmischer Trip, nur mit mir und den Maschinen in einer Art Raumschiff. Ich werde auch erstmals live in Deutschland spielen, darauf freue ich mich auch sehr.

Als Musiker, der auf der ganzen Welt seine Gigs hat, bist du natürlich auch ein „Voyager“. Bist du gerne unterwegs? Was nimmst du von deinen Reisen mit nach Hause?

Ich mag die Reisen sehr. Das ist auch immer eine Erfahrung mit sich selbst, wenn man beispielsweise über 30 Stunden allein unterwegs ist, um von Perth zurück nach Paris zu kommen. Ich glaube, man muss das auch mögen, sonst könnte man das nicht machen. Menschen an diesen Orten treffen, seine Erfahrungen machen – das macht einen auch zu der Person, die man letztlich ist.

Du lebst mittlerweile in Paris. Was fasziniert dich an dieser Stadt?

Seit vier Jahren lebe ich jetzt hier, ich habe aber auch noch ein Haus in Dijon. Vor Paris habe ich in Rom gewohnt, davor in Lyon, schon mal in Paris und in England. Ich bin alle zwei Jahre umgezogen, aber jetzt habe ich mich entschieden, in Paris zu bleiben. Ich liebe diese neue Energie in der Stadt, das Nachtleben, die Restaurants, da hat sich viel getan in den letzten Jahren.

Hat sich denn nach den Anschlägen im letzten Jahr was verändert?

Das würde ich nicht sagen. Wir sind natürlich im Alltagsleben etwas aufmerksamer und wachsamer geworden, aber davon abgesehen hat sich mein Leben nicht verändert.

Abschließend noch die Frage, warum du mit Clivage Music ein neues Label gegründet hast, auf dem „Voyager“ erscheinen wird. Es gibt ja auch noch dein anderes und schon lange etabliertes Label Citizen Records.

Ich möchte eine neue Ära beginnen, etwas komplett anderes. Citizen verbinde ich auch viel mehr mit meiner Zeit in Dijon und ich habe auf dem Label auch den musikalischen Bogen sehr weit gespannt. CIivage Music soll verdreht-verrückte Disco-Sounds präsentieren. Nach der ganzen Nummer mit „Voyager“ werde ich mich darum intensiv kümmern.

KURZ & KNAPP

Mein erster Gig …
… war in Dijon im Rahmen der Fête de la Musique. An diesem Tag darf man überall in den Straßen Musik machen und auch die Bars und Restaurants stellen Platz zur Verfügung. Ein Plattenladen hatte mich eingeladen – mein erster Live-Gig – und es waren dann um die 1000 Menschen vor Ort.

Meine erste Gage …
… betrug 150 EUR. Das war auf einer Party in den Bergen, mitten in Frankreich. Gegen Ende der Nacht verschwand der Veranstalter und letztlich bekam ich nichts. Keine schöne Erfahrung.

Meine erste Platte …
… war eine New-Beat-Platte aus Belgien. Das Duo Confetti’s hatte diesen großen Hit „The Sound Of C…“ und ich war total verrückt danach.

Mein liebster All-Time-Discotrack …
… ist „Tryouts For The Human Race“ von den Sparks, produziert hat den Song Giorgio Moroder. Er war auf einer Disco-Compilation meiner Eltern und so habe ich ihn mir immer und immer wieder angehört. Nach all den Jahren inspiriert mich der Song immer noch.

Auf meinem MP3-Player läuft zurzeit …
… das Album „Musique De France“ von Acid Arab. Sie mischen traditionelle arabische Sounds mit Drum Machines und der TB-303. Das ist sehr festlich und ein großer Spaß.

Der älteste Track in meinem aktuellen Set …
… ist ein Remix von „Funky Town“, den ich selbst mal gemacht habe. Ein zeitloser Klassiker.

Mein Lieblingstrack in meinem aktuellen Set …
… ist „Hypercommunication“ von Poni Hoax im Alter-Ego-Remix. So sollte Electro-Disco sein – martialisch und melodisch gleichzeitig.

Keine Clubnacht ohne …
… Wodka-Pfefferminz-Perrier. Das ist mein liebster Longdrink, wenn ich tanzen gehe.

Mein liebster Flughafen …
… ist Paris Charles de Gaulle, der Terminal 2E. Ich liebe das Design von Jean Nouvel, die Air-France-Lounge ist sehr gemütlich und bietet großartiges Essen. In der Regel starten dort nachts meine Langstreckenflüge. Ich liebe die Stille und die ruhige Atmosphäre von Flughäfen in der Nacht.

Wenn ich die Sterne betrachte …
… realisiere ich, wie klein und unbedeutend ich bin, und ich bin mir sicher, dass wir nur einen ganz kleinen Teil des Universums kennen.


Vitalic live in Deutschland:
30.03.2017 | Berlin, Gretchen
31.03.2017 | München, Technikum
01.04.2017 | Köln, Gebäude 9

Aus dem FAZEmag 059/01.2017
Text: Tassilo Dicke
Fotos: David Hugonot Petit
Art Director : Charlie le Mindu
Make-up: Sophie Faucet