Seit geraumer Zeit sind Festivals und Open-Airs eine starke Konkurrenz für Clubs und immer wieder ist von einem Clubsterben in deutschen Städten die Rede. Sicherlich gibt es verschiedenste Faktoren, die dazu führen, dass immer mehr Clubs vor Problemen stehen – wie z. B. die aktuell andauernde Corona-Pandemie. Trotzdem kann man sich generell einmal die Frage stellen, ob das typische Club-Konzept heute noch zeitgemäß ist oder ob sich andere Konzepte in Zukunft zunehmend etablieren werden und wie diese aussehen könnten. Schließlich befindet sich unsere Gesellschaft auch in einem steten Wandel – sei es im Bezug auf die Arbeitswelt, der Demografie oder dem Lifestyle. In diesem Zusammenhang ist es auch sicherlich interessant zu erfahren, ob die derzeitige Pandemie einiges Neues angestoßen hat, das sich vielleicht nach Pandemiezeiten weiter durchsetzen wird. Hierzu befragten wir Sebastian Riedel, Juliet Sikora und Claudia Mohr.

 

Sebastian Riedel ist 42 Jahre alt, selbsternannter Kulturaktivist und im erweiterten Vorstand der Clubcommission tätig. Er ist Mitbegründer des Clubs Ritter Butzke und betreibt das dazugehörige Label.

Juliet Sikora (Foto Mitte) ist DJ und betreibt gemeinsam mit Tube & Berger das Dortmunder Label Kitball Records.

Claudia Mohr, Jahrgang 1980, ist Vorstandsmitglied des Clubkombinat e.V. und Betreiberin des Schrødingers und des Waagenbaus in Hamburg.


Ihr alle seid maßgeblich in der elektronischen Clubszene aktiv und gestaltet sie mit. Was meint ihr, werden andere Veranstaltungskonzepte die typischen Clubnächte auf Dauer ablösen?

Sebastian: Ich denke nicht. Was wir als eine Clubnacht bezeichnen, gab es in den Generationen vor uns auch schon, auch wenn sie es anders bezeichnet haben. Es ging schon damals darum, dass sich junge Leute zu Musikveranstaltungen treffen, zum Tanzen, Trinken, um neue Leute kennen zu lernen und vor allem den Alltag hinter sich zu lassen. Ob das dann um 16 Uhr startet oder doch erst um 1 Uhr nachts ist dabei genauso egal wie das Musikgenre.

Juliet: Das glaube ich auch nicht, denn seit Menschengedenken gibt es Zusammenkünfte von Menschen, bei denen Musik gehört wird. Ob es damals am Lagerfeuer war oder jetzt im Club mit bunten Lichtern und Strobo. Allerdings wird sich verändern, dass wir mal über den Tellerrand schauen und mutiger und kreativer werden müssen, um neue Eventkonzepte zu stricken – aus einer „einfachen“ Clubnacht ein Happening zelebrieren. Ich glaube, dass der wöchentliche Clubbetrieb, der sich nur auf Freitag und Samstag festlegt, eher Probleme bekommen wird, da sich die Leute von den anderen, erfrischend neu daherkommenden Konzepten eher angezogen fühlen. Trotz alledem wird es weiterhin Clubs geben, die aber für sich auch neue Wege beschreiten müssen, damit der Cashflow bleibt – vielleicht unter der Woche Konzepte wie Café, Restaurant, Konzertbühne, Lesungen oder ähnliches.

Claudia: Ich denke die typische Clubnacht gibt es schon seit 20 Jahren nicht mehr, wenn es sie denn überhaupt jemals gab. Wir haben allein schon durch die verschiedenen Musikgenres und die Örtlichkeiten, in denen sich Clubs befinden, sehr unterschiedliche Konzepte. Man merkt aber seit einigen Jahren, vor allem in der Technoszene, in der ich mich bewege und arbeite, dass die Leute einen Ausgleich zu ihrem sonstigen Leben suchen, der meist zeitlich und auch inhaltlich über einen 5-6 stündigen Clubbesuch hinausgeht. Sie suchen eine Parallelwelt, die frei ist von vorgefertigten Mustern. Dieser Drang ist mittlerweile so stark, dass viele das komplette Wochenende in dieser Parallelwelt verbringen möchten, also weit mehr als ein „kurzer Besuch“. Es geht also in Konzepte, die eine komplette Bandbreite an verschiedenen Bedürfnissen abbilden und so entstehen Symbiosen aus verschiedenen Kunst- und Kulturformen wie kleine Minifestivals. Außerdem ist der Drang im Freien zu sein größer geworden…

Ist aus eurer Sicht die Corona-Pandemie eine Art Brandbeschleuniger, was das Experimentieren mit neuen bzw. anderen Konzepten angeht?

Sebastian: Nein. Natürlich setzen sich viele damit auseinander, was man in der jetzigen Zeit den Ravern für Alternativen anbieten kann, aber ich habe bis jetzt nichts gesehen wovon ich denke, dass es eine Clubnacht ersetzen würde. DJ-Streams, Sitzkonzerte und Biergartenshows werden den Clubs keine Konkurrenz machen.

Juliet: Definitiv und ich muss sagen, dass ich das auch sehr gut finde. Neue und frische Konzepte sind eine Wohltat für die Eventbranche. Viel zu lange hat man sich mit dem dargebotenen zufriedengestellt. Der Mut etwas „Neues“ auszuprobieren war einfach nicht da. Man wollte das Risiko nicht eingehen, dass man eventuell erst einmal Geld verliert bzw. investiert. Dadurch hatten wir an vielen Stellen einen Einheitsbrei, gerade in der Clubkultur in Deutschland.

Claudia: Nicht zwingend. Das macht unsere Gesellschaft eher ganz von alleine! Natürlich macht die Kulturszene seit Corona das, was sie am besten kann: sich anpassen! Wir sind es gewohnt, kreativ zu arbeiten und uns den äußeren Umständen anzupassen. Wir stehen (auch ohne Corona) häufig suboptimalen Voraussetzungen gegenüber, sind in Locations, die eigentlich nicht für das ausgelegt sind, was wir dort veranstalten wollen. Außerdem sind wir es gewohnt auf charmante und kreative Art und Weise Mittel und Wege zu finden, damit wir erlebbare Kultur verwirklichen können. Jetzt, in Corona-Zeiten, ist es natürlich merklich schlimmer, da die Alltagsfluchtmöglichkeiten gänzlich wegfallen.

Welche Konzepte fahrt ihr aktuell, wenn es die Corona-Lage zulässt?

Sebastian: Wir haben im letzten Sommer die Außenfläche unseres Restaurants erweitert und dort DJ-Konzerte unter dem Namen „Kulturgarten“ veranstaltet. Das war sehr schön und emotional, aber auch extrem aufwendig. Wir werden im kommenden Sommer das Konzept nicht wiederholen, obwohl wir immer ausverkauft waren. Ansonsten haben wir ein sehr aufwendiges Streaming-Konzept entwickelt. Mit „Ritter Butzke on Tour“ bringen wir Künstler in besondere Orte, die auch von der Pandemie betroffen sind. Wir waren zum Beispiel im Naturkundemuseum, in der Staatsoper oder im Aquarium des Zoos.

Juliet: Ich bin ja schon immer sehr kreativ gewesen. So hatten wir bspw. den „Winterrooftop“ – feiern mit Skiklamotten im Dezember auf unserer geliebten Dachterrasse. Letztes Jahr hatten wir versucht unser Kittball-Café jeden Sonntag ganz coronakonform stattfinden zu lassen, wobei die DJs jeweils einen Kuchen gebacken haben. Die Einnahmen haben wir dann zusätzlich, zu der kleinen Gage, unter den DJs verteilt. Des Weiteren haben wir auch mit der Juicy Beats die Parksession gemacht, was fast eher ein Picknick mit fast 400 Leuten war, die endlich mal wieder laut Musik hören, ein kaltes Bier und Freunde treffen konnten. So hatte man für ein paar Stunden in Ansätzen das Gefühl einer Normalität verspürt.

Claudia: Wir verlegen den Club ins Freie! Wir veranstalten Open Airs, Konzerte, Lesungen, Podiumsdiskussionen, Workshops…quasi kleine Mikrofestivals.

Was für eine Zielgruppe wollt ihr mit eurem Konzept ansprechen?

Sebastian: Alle, die es interessiert. Mit den Streams haben wir fast eine Million Leute erreicht und da sind ganz unterschiedliche Zuschauer dabei. Wir wollen ja bewusst mehr als nur ein DJ-Set zeigen. Deshalb haben auch Leute, die normalerweise nicht zu uns in den Club kommen, Spaß daran. Das Gleiche gilt übrigens auch für unseren Kulturgarten im letzten Sommer. Die Besucher waren extrem bunt gemischt und es gab einen erstaunlich hohen Anteil an Nichtberlinern.

Juliet: Da sind wir gar nicht so festgelegt. Uns ist es wichtig, dass unsere Gäste Spaß an der Musik haben. Das friedliche Zusammenkommen von Menschen und das Entstehen von besonderen Momenten ist zu erwarten, wenn man unsere Events besucht.

Claudia: Wir versuchen möglichst ohne Schubladen zu denken und zu planen. Deswegen sind unsere Konzepte einfach für Menschen ausgelegt.

Wie ist das Feedback von den Besuchern?

Sebastian: Das Feedback war super. Die Menschen waren so dankbar, dass wir ihnen einen so tollen Abend bereitet haben, dass sehr viele immer wieder kamen. Im Gegensatz zu einer Clubnacht, die sonst gegen 10 oder 11 Uhr endet, mussten wir hier immer um 22 Uhr die Veranstaltung beenden. Das hatte zur Konsequenz, dass noch alle Gäste da waren und es gerade richtig abging. Der Spruch „man muss aufhören, wenn es am schönsten ist“ versinnbildlicht den Moment am besten.

Juliet: Bis jetzt habe ich immer das übergeordnete Gefühl, dass wir auf unseren Events die Leute glücklich bekommen. Gerade im letzten Jahr waren unsere Besucher sehr dankbar, dass wir den Mut aufgebracht und uns der Aufgabe angenommen haben überhaupt was zu machen.

Claudia: Durchweg positiv. Alle sind froh, dass es überhaupt irgendein Angebot gibt. Es gibt viele Menschen, die auch happy sind, dass sich nun auch ein großer Teil des Angebotes draußen und tagsüber abspielt. So können auch Menschen mit Kindern oder einem sehr fordernden Job weiterhin an den Kulturangeboten teilnehmen.

Warum bedarf es neuer bzw. anderer Konzepte?

Sebastian: Bedarf es meiner Meinung nach nicht unbedingt, aber es in der Natur der Sache, dass sich jüngere Generationen immer wieder neu erfinden möchten und damit immer wieder etwas Neues passiert. Und klar, dass es ja auch sonst irgendwann etwas langweilig werden würde…

Claudia: Wir sind im Wandel. Stillstand ist Rückschritt. In einer Gesellschaft, in der der Leistungsdruck immer stärker wird, brauchen wir Alternativen zu den kommerziellen und klassischen Kulturangeboten. Wir müssen in weniger Zeit mehr Ausgleich schaffen.

Wie schätzt ihr die Zukunft ein? Wie wird sich das alles weiterentwickeln?

Sebastian: Nach jedem Sturm kommt auch wieder Sonnenschein. Auch wenn jetzt alles scheiße ist und einiges nach Corona nicht mehr so sein wird wie vorher, werden wir auch wieder sehr exzessive Zeiten erleben.

Juliet: Sollten wir ohne Einschränkung irgendwann wieder feiern können, wird es erst einmal einen riesigen Boom geben. Man sieht da gerade Tendenzen aus UK, die Öffnungen der Außengastronomie zum Beispiel. Wie lange wird dies allerdings anhalten? Wird es für eine Veränderung bei den Gästen sorgen, was die Wertigkeit von Events im Generellen angeht? Die Zukunft vorherzusehen ist schwierig. Fakt ist, dass wir den ein oder anderen geliebten Club verlieren werden. Sicherlich wird auch das ein oder andere Festival auf der Strecke bleiben. Ich hoffe nur für uns alle, dass wir es nicht verlernt haben die Kultur und auch das Nachtleben als wichtigen Inhalt unseres Seins und als positiv gemeintes Ablassventil zu sehen, den Alltag für ein paar Stunden zu vergessen und einfach das Hier und Jetzt zu genießen.

Claudia: Immer weiter, alles ist im Fluss. Es wird immer Bedürfnisse geben, die sich durch den äußeren Rahmen verändern und bedingen und wir Kultur-Kuratierende werden immer neue Wege finden, eine Parallelwelt, ein Taka-Tuka-Land, ein Lummerland oder die Villa Kunterbunt für die Menschen zu schaffen.

 

Interview: Benjamin Laudien
Foto Sebastian Riedel: Marrie Staggat
Foto Kitball-Veranstaltung: Thien Duc Pham

 

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