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In letzter Zeit war es etwas ruhiger um youANDme. Das Berliner Duo hat 2015 zuminest releasetechnisch bisher etwas ruhiger angehen lassen. Hinter den Kulissen sah das natürlich ganz anders aus, und letzten Monat wich die Ruhe dem Sturm mit „Jungle Book“, dem Auftakt zu einer ganzen Reihe neuer EPs und Tracks, die Martin Müller und Daniel Ströter in den kommenden Wochen und Monaten veröffentlichen werden. Wie es zu dieser Flut an neuen VÖs kam, hat uns Martin im Interview erzählt.


Werfen wir nochmal einen kurzen Blick zurück, wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?

Das war damals in der Jugend, als in unserer alten nordthüringischen Heimat die ersten Partys für elektronische Musik losgingen. In der Gegend gab es nur eine kleine, eingeschworene Szene, und somit kannte man die meisten und ist schnell ins Gespräch gekommen. Ich habe schon aufgelegt, und Daniel produzierte mit einer Groovebox erste Tracks.

Und wie kam es, dass ihr dann gemeinsam angefangen habt zu musizieren?

Wir haben viel zusammen abgehangen und die wenige Kohle zusammengekratzt, um weitere Kisten zu kaufen und Beats zu bauen. Es war eine extrem spannende Zeit, da man mit jedem Schritt eine neue Tür geöffnet hat. Das ist auch das Schöne am Produzieren. Es wird nie langweilig, und man entdeckt ständig etwas Neues. Jetzt gerade haben wir angefangen, uns ein Modularsystem aufzubauen, wogegen wir uns jahrelang erfolgreich gewehrt haben (lacht). Dank einiger unserer Freunde, die auch schlimme “Gear-Nerds“ sind, wird man aber ständig in irgendwelchen Studios angefixt.

Ihr habt bis August eine relativ lange VÖ-Pause gehabt. Wie kam das? Lag das auch an deinem Soloprojekt youAND:THEMACHINES?

Ja, teilweise. Das youAND:THEMACHINES-Album und die dazugehörige Tour haben viel Zeit beansprucht. 2014 hatten wir auch noch zehnjähriges Jubiläum unseres Labels Rotary Cocktail Recordings, für das wir eine umfassende Compilation zusammengestellt haben. Damit waren wir dann in der zweiten Jahreshälfte unterwegs. Neben einem Remix für Steve Bug auf der Poker Flat 150 und unserer Nummer „Quince“ für die „15 Years Of Poker Flat“-Compilation, blieb letztes Jahr kaum mehr Zeit für andere Sachen.

Dafür kommen jetzt aber einige Tracks und EPs …

Wir hätten das auch gerne besser über das Jahr verteilt gehabt, aber da die Sachen auf unterschiedlichen Labels releast werden, ist man natürlich auch von den jeweiligen Zeitplänen abhängig. Die Desolat-EP sollte zum Beispiel schon im Frühjahr erscheinen. Wir hatten dann allerdings die Möglichkeit, neben den zwei tollen Pablo Bolivar-Remixen, zusätzlich noch einen von Loco Dice zu bekommen. Er war ziemlich busy in der Endphase seines neuen Albums, und deshalb hat sich das verschoben. Die Scheibe kommt jetzt im September noch kurz vor Dice’ neuem Album. Die Cocoon-Nummer „Jungle Book“ kam im August raus, und im Oktober erscheint noch eine neue EP mit Brothers’ Vibe auf dem US Label Finale Sessions, das zur Balance Alliance von Chez Damier und Michael Zucker gehört. Am Jahresende werden noch zwei Compilation-Beiträge veröffentlich. Unsere Ambient-Nummer „Submersion“ befindet sich mit Stücken von Lowtec, Roger 23, Wolfgang Ruebsam u.a. auf der „20 Jahre Palham“-Compilation von unseren alten Freunden aus dem Thüringer Wald. Auf der Studio R 004 ist unser „Daemon“ zusammen mit Tracks von XDB und The Analog Roland Orchestra vertreten. Allgemein versaut einem im Moment der sogenannte “Vinylstau“ in den Presswerken ebenfalls die Planungen. Man hat teilweise drei bis vier Monate Wartezeit, und oft verschiebt sich dann nochmal was. Das erschwert die Labelarbeit, aber trotzdem ist Vinyl nach wie vor unser liebstes Medium, auch wenn wir neben Platten zusätzlich noch mit Sticks spielen. Man kann nur hoffen, dass die Majors ihre ganzen Reissues irgendwann mal durch haben und dann wieder etwas mehr Luft bei der Herstellung ist.

Wie kam es, dass „Jungle Book“ auf der Cocoon „O“ Compilation gelandet ist?

Wir standen immer mal wieder in Kontakt mit Cocoon und haben ihnen die Nummer geschickt, als sie fertig war. Am nächsten Tag kam sofort die Zusage, was uns sehr gefreut hat. Diese 6-fach-Vinylbox von Cocoon war immer etwas Besonderes. Als die erste damals rauskam, gab es sie nur an einem Tag als limitierte Edition von 1.000 Stück in zwölf Läden weltweit. Wir sind dann morgens um 7 Uhr in den Plattenladen DSL nach Kassel gefahren und dort standen wir dann mit 50 anderen Verrückten in der Schlange und waren glücklich, noch ein Exemplar bekommen zu haben. Umso schöner ist es, dass nun auch mal eine Nummer von uns dabei ist.

Nicht euer erster Beitrag auf Väths Label, da gab es schon 2011 eine Split-Single mit Ilario Alicante. Erinnerst du dich, wie und wann ihr Väth kennengelernt habt?

Seine Musik haben wir schon in der Jugend im Radio bei der HR3 Clubnight kennen gelernt, was für uns damals eine Art musikalische Früherziehung war. Er hat ja in den Shows von alten Warp-Sachen über obskure Elektroplatten bis hin zu Dub Techno und Detroit Techno ein ziemlich breites Spektrum abgedeckt. Als 2011 dann die Platte mit Ilario veröffentlicht wurde, haben uns die Jungs in den Cocoon Club nach Frankfurt zu Ingos Geburtstag gebucht und da haben wir dann das erste Mal mit Sven gespielt.

Wie kam die Auswahl der Labels für die EPs nd Tracks zustande?

Wenn eine Nummer fertig ist, überlegt man sich, zu welchem Label sie stilistisch passen könnte – und manchmal klappt das auch genauso. Mit den meisten Labels waren wir auf irgendeine Art schon verbunden, entweder freundschaftlich, wie mit Michael Zucker von Finale Sessions, oder man hat sich schon mal irgendwo kennengelernt und ist in Kontakt geblieben.

Bei der ganzen Menge, die nun herauskommt – habt ihr keinen Gedanken an ein Album verschwendet?

Klar, wenn man mal schnell den großen Promoeffekt eines Albums mitnehmen möchte, hätte das marketingtechnisch sicher Sinn gemacht. Das klingt vielleicht etwas abgedroschen, aber nur mal eben seine aktuellen Tracks von der Festplatte zusammen zu schmeißen, macht für uns noch lange kein gutes Album aus. Da sollten schon alle Nummern eine zusammenhängende Geschichte erzählen, über die man sich vorher Gedanken macht und es dann so produziert, so dass vom Anfang bis zum Ende ein roter Faden erkennbar ist.

Warum habt ihr eigentlich bisher kein Album veröffentlicht?

Bisher kam es aus den eben genannten Gründen meistens eher zu Single-Releases und Remixen, aber wir haben tatsächlich schon eine Grundidee fertig, die noch ausformuliert werden muss. Zur Zeit macht es im Studio gerade wieder extrem viel Spaß, da endlich einmal die alten und neuen Kisten ohne Jitterprobleme zusammen laufen (danke ERM!).

CUTZ.ME – Geschichte oder wird da evt. noch was kommen?

Das war immer so ein „Fun-Label“, bei dem man ohne Druck und feste Releasepläne einfach veröffentlichen kann, wenn man etwas Passendes hat. Im Frühjahr haben wir erst einen unserer alten Remixe re-released, der nicht mehr verfügbar war. Aber auch hier kommt bald wieder etwas Neues heraus.

Und wie sieht es mit Rotary Cocktail und Polymorph aus?

Auf Rotary Cocktail kam Ende August eine alte Nummer von Dub Taylor im 2015er Gewand raus. Die war mal auf einem alten Album von ihm, aber sie klang so schlecht, dass sie unspielbar war. Alex kam dann mit der Idee einer Neuauflage auf uns, weil viele alte Fans ständig danach gefragt haben. Jetzt wurde die Nummer neu gemischt und gemastert und klingt endlich super. Marko Fürstenberg hat einen tollen Remix angefertigt, und zusätzlich enthält das Release noch zwei unveröffentlichte Versionen. Als nächstes ist was von unseren Freuden Deepa & Biri aus Tel Aviv geplant, und dann wird Michal mit seinem Projekt The Analog Roland Orchestra die „Patterns“-Serie fortführen. Das ist immer ganz spannend, weil er mit seinen Geräten live jammt, und das wird ohne Editierung direkt auf Platte geschnitten. Auf seinem YouTube-Kanal kann man sich die Jams auch anschauen. Für Polymorph hat Daniel gerade etwas Neues am Start, und ich denke, das kommt Anfang nächstes Jahr raus.

Nach der ganzen VÖ-Welle geht es mit dem Album weiter?

Das Album ist auf jeden Fall in Arbeit, aber es kommen auch viele interessante Kollaborationen mit anderen Musikern aus unserem Umfeld. Tim Toh ist gerade nach Berlin gezogen und wohnt in der Nachbarschaft. Wir jammen regelmäßig, und die erste EP haben wir gerade abgemischt. Mit Michal treffen wir uns oft und da kommt sicher auch nochmal was. Er hat eine von unseren Studiogeheimwaffen gebaut. Das ist eine modifizierte 505, die jetzt unglaubliche Drum-Sounds macht. Anfang nächstes Jahr gibt es dann eine weitere Platte auf einem unserer Lieblingslabels, Drumpoet Community aus Zürich. Darauf freuen wir uns schon ganz besonders, denn wenn alles klappt, gibt es dafür einen Remix von einem unserer alten Helden. / Tassilo Dicke

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youAND:THEMACHINES – Behind Reshaped (Ornaments)
Marko Fürstenberg – Ghosts From The Past (Ornaments)

www.we-are-youandme.com

Interview aus dem FAZEmag 043/09.2015