In der seit nunmehr über einem Jahr anhaltenden Situation weiterhin produktiv, wenn nicht sogar produktiver als zuvor zu sein – um die Zeit möglichst sinnvoll zu verbringen – war und ist wohl für viele Akteure das Credo. Bei Simon Haehnel und Tobias Müller aka andhim ist dies aktuell besonders deutlich. Läuteten sie Ende Januar das Jahr mit der Single „Better Days“ ein, folgte nur vier Wochen später ein Remix für Tim Engelhardts Album-Auskopplung „Idiosynkrasia“. Ende April dann eine weitere Interpretation des Duos, in diesem Fall für den Schweden Sailor & I und seine Single „Sleep“, der andhim einen eklektischen Breakbeat-Touch verpassten. Anfang Mai kam dann, in diesem Fall auf Positiva Records, der Remix zu „Foolproof“ von Gorgon City und Hayden James sowie die Kollaboration „One By One“ mit Superstar Diplo und Elderbrook. Und als wäre das alles nicht schon Output genug, steht neben einem weiteren Remix mit „German Spring“ die nächste eigene EP für Mitte Juni bereits in den Startlöchern. Ihr lest ein Interview unter anderem über Motivation, Standortwechsel und Diversität.

Simon, ein äußerst produktives erstes Halbjahr neigt sich dem Ende zu …

In der Tat, wir waren wirklich sehr fleißig im Studio und haben den Lockdown optimal genutzt. Das liegt aber auch daran, dass Tobias Anfang des Jahres nach Berlin gezogen ist und wir jetzt das erste Mal in unserer Karriere in derselben Stadt leben. Wir sind in ein neues Studio gezogen und hängen von morgens bis abends zusammen ab.

Wie habt ihr euch in dieser Zeit – auch menschlich – weiterentwickeln können? So eine unmittelbare Nähe bringt sicherlich weitere Vorteile zusätzlich zur beruflichen Produktivität.

Tobi und ich sind wie ein altes Ehepaar. Wir kennen uns in- und auswendig. Deshalb hat sich jetzt nicht besonders viel in unserer Freundschaft verändert. Dennoch, die Dynamik ist eine ganz andere, wenn man in derselben Ecke wohnt. Er holt mich morgens mit dem Fahrrad ab, wir gehen ins Studio, gehen zusammen Mittagessen und kochen abends zusammen mit Freunden. Alles ist wesentlich entschleunigter, und man hat nicht mehr den Stress, alles in zwei Tagen schaffen zu müssen, wenn man sich trifft.

Euer aktueller Output ist äußerst vielfältig, die meisten Songs haben Breakbeat-Einflüsse. Schlägt andhim eine neue Richtung ein?

Wir versuchen immer, abwechslungsreich zu bleiben in unserer Musik und uns möglichst nicht zu wiederholen. Aber ja, wir feiern gerade gebrochene Beats sehr, und es macht einfach Spaß, mal ein bisschen anders an Songs heranzugehen. Ich schätze aber, dass das eher eine Momentaufnahme bleibt, die ganz gut zum aktuellen Zeitgeist passt. Es wird dieses Jahr auch wieder geradere Songs von uns geben.

Euer Song „One By One“ mit Diplo, auch bekannt von Major Lazer, hat eine Menge Aufmerksamkeit erzeugt. Wie kam es zu der Kollaboration?

Wir haben den Song tatsächlich schon vor zwei Jahren fertig gehabt. Es fing alles damit an, dass Diplo uns auf Instagram angeschrieben hat und uns fragte, ob wir Musik mit ihm machen wollen. Das war natürlich echt schräg im ersten Moment, weil er sonst mit Künstler*innen wie Justin Bieber, Dua Lipa oder Mark Ronson arbeitet. Aber wir hatten da Mega-Bock drauf und sind stolz auf das Ergebnis. Neben dem gemeinsamen Song bringen wir Ende Juli eine EP auf seinem Label Higher Ground raus und arbeiten auch noch an ein paar anderen Sachen mit ihm. Mal sehen, was sich da so ergibt. Wir lassen das auf uns zukommen und erzwingen nichts. Wir haben einfach nur Lust, Musik zu machen und uns mit anderen Künstler*innen auszutauschen.

Der Song hat zweifelsfrei auch eingängige Pop-Attitüden. Könnt ihr euch vorstellen, noch tiefer ins Popbusiness einzutauchen?

Wir lieben Popmusik. Der Begriff ist in den letzten Jahren allerdings zu einer Art Schimpfwort avanciert, das finde ich schade. Wir freuen uns, wenn viele Menschen unsere Musik hören oder sie im Radio läuft. Das ist ein tolles Gefühl. Aber wir würden uns dafür nicht verbiegen oder unseren Sound gänzlich ändern. Es war und ist nicht unser Anspruch, massentauglich zu sein. Wenn einzelne Lieder von uns ihren Weg in den Mainstream finden, dann ist das ok. Wenn nicht, dann auch. Wir forcieren das nicht. Es ist allerdings eine ganz andere Art zu arbeiten mit Leuten und Labels aus dem Popbusiness, und das macht uns großen Spaß. Wir finden es auch sehr spannend, an größeren Projekten im Hintergrund zu arbeiten, einfach nur als Produzenten, fernab von andhim.

Neben euren Originalen gab es auch zahlreiche Remixes – erzählt uns mehr zu euren Connections zu James Hayden, Sailor & I und Tim Engelhardt.

Nun ja, es gibt ja zwei Arten von Remix-Anfragen. Entweder man kennt den Künstler bzw. die Künstlerin und bekommt einen Anruf à la „Ey, kannst du einen Remix machen?“ oder man wird offiziell vom Management des jeweiligen Künstler bzw. Künstlerin angefragt. Sailor & I kannten wir vorher nicht persönlich, aber sein Album hat uns so gut gefallen, dass wir unbedingt etwas dazu beitragen wollten, als wir gefragt wurden. Der Remix ist auch sehr experimentell geworden und hat einfach Spaß gemacht. James Hayden kennen wir aus Australien und da wir das Land so vermissen, mussten wir hier auch schlichtweg einen Remix machen (lacht). Tim Engelhardt und Stil vor Talent sind natürlich Familie für uns, und da waren wir direkt dabei. Insgesamt sind wir sehr zufrieden mit den Ergebnissen, die alle ziemlich unterschiedlich sind.

Euer Track „German Spring“ ist gerade auf eurem Label „Superfriends“ erschienen.

Ja. Nach „German Summer“ und „German Winter“ ist „German Spring“ nun die dritte Hommage an die Jahreszeiten und wird mit, Achtung Spoiler, „German Fall“ im Herbst als Reihe abgeschlossen. Der Track vermittelt eine gewisse Aufbruchsstimmung, einen Umbruch, wenn man so will. Genauso, wie wir den Winter hinter uns lassen, gehen wir nun gemeinsam mit neuer Hoffnung in die Zukunft. Der Song hat wirklich eine, wie ich finde, tolle Dramaturgie und ist sehr emotional. Wir hoffen, dass er euch da draußen gefällt und ihr den Winter und den Lockdown gemeinsam mit uns abschütteln könnt.

Ein ebenfalls sehr erfolgreiches „Corona-Projekt“ ist dein Podcast „After Party“ mit Oliver Koletzki, der aktuell in eine „verlängerte Sommerpause“ gegangen ist.

Oliver und ich haben jetzt ein Jahr lang mit viel Freude unseren Podcast gemacht, der wirklich sehr spontan aus einer Bierlaune heraus entstanden ist. Die Resonanz der Hörer*innen hat uns wirklich umgehauen und uns unendlich glücklich gemacht. Wir wussten ja gar nicht genau, was wir da machen, aber es schien so, als ob der Podcast ein bisschen Normalität in die Herzen der Clubber*innen zurückbringen konnte, während man so in Erinnerungen schwelgte. Nach einem Jahr war vieles allerdings zu Ende erzählt und wir wollten uns nicht jede Woche aufs Neue mit dem endlosen Thema Corona beschäftigen. Deshalb machen wir jetzt mal einen kleinen Break und warten, was so in den nächsten Monaten passiert und wie sich die Lage entwickelt, um wieder mit neuen und spannenden Geschichten zurückzukommen. Erste Ideen gibt es schon.

Wie sehen eure nächsten Wochen und Monate aus, sowohl musikalisch als auch privat?

Letzte Woche ist ein Remix für unseren Freund Kadosh auf Disco Halal erschienen. Ende Juli kommt unsere „Good Times“-EP mit zwei absoluten 90er-Rave-Nostalgie-Raketen. Da freuen wir uns extrem drauf. Ansonsten gibt es wieder neues Merch von uns, und sogar einen Ring, den wir zusammen mit Vikajewels  kreiert haben. Mehr Infos gibt’s unter www.vikajewels.com. Ein paar Musikvideos wird es auch noch geben und bestimmt noch das ein oder andere darüber hinaus. Wir wissen es manchmal nicht und agieren eher spontan als mit großem Vorlauf. Ein Privatleben haben wir irgendwie nicht, daran müssen wir noch arbeiten (lacht).

 

Aus dem FAZEmag 112/06.21
Text: Triple P
instagram.com/andhim_music