Italien genießt in der Techno-Welt schon seit Jahren einen hervorragenden Ruf. Das hängt mit dem Enthusiasmus der italienischen Technojünger und den Skills der italienischen DJs zusammen. Die Altmeister: Mauro Picotto und Marco Carola, Joseph Capriati, Sam Paganini, Luigi Madonna, Dandi & Ugo und Angelo Del Core aka Angy Kore. Genau diesen sympathischen Italiener haben wir zum Interview gebeten, denn dieser Tage erscheint sein neues Album mit dem Titel „Der Rauch“.


Du bist seit mehr als 16 Jahren als DJ tätig. Wenn du dich mit dem jungen Angelo vergleichst: In welchen Bereichen bist du besser geworden und was ist verloren gegangen? Wie hat sich das DJing im Laufe der Jahre verändert?

Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie schwierig es vor 16 Jahren war, mit Labels in Verbindung zu treten. Im Internet gab es keine Informationen darüber, wo man seine Demos einreichen konnte. Um mein erstes Demo abgeben zu können, musste ich acht Stunden lang von meiner Heimatstadt zum Labelbüro fahren – die Adresse hatte ich auf dem Rückcover einer CD gefunden, die ich gekauft hatte. Glücklicherweise stellte sich die Reise als wertvoll heraus, sie fanden Gefallen an meinen Produktionen und seit diesem Tag teile ich mein Leben mit der elektronischen Musik. Aber auch viele andere Dinge änderten sich; zu Beginn meiner DJ-Karriere gab es weder Beatport noch Spotify. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie ich meine Großmutter darum bat, mir etwas Geld zu geben, damit ich mir Platten kaufen konnte – fast schon ein magischer Moment. Einmal die Woche ließ ich die Schule sausen und ging in den einzigen lokalen Recordstore in meiner Nähe, hörte mir stundenlang die Neuerscheinungen an und kaufte sie. Damals war es noch etwas Besonderes, einen simplen Track zu besitzen, heute kann man die meisten Songs kostenlos streamen – man wird sie jedoch nie auf dieselbe Weise würdigen. Dann kamen noch Facebook, Instagram und der ganze andere Scheiß hinzu. Auf der einen Seite ist das natürlich eine super Gelegenheit für aufstrebende DJs, um sich der Welt zu präsentieren, aber in vielen anderen Fällen ist es einfach nur schädlich, da es auch viele falsche Künstler hervorbringt. Leute, die kein Talent haben, geben vor, Künstler zu sein. Durch die sozialen Netzwerke gehen leider sehr viele talentierte Künstler unter, die meisten Menschen schauen sich nur die Popularität eines Musikers an, anstatt die Musik zu hören.

Du hast mit Hardstyle angefangen und spielst jetzt Techno. Warum hast du deinen Stil geändert?

Ende 2000 verfiel ich der Minimal-Techno-Bewegung; für mich war es etwas Innovatives, eine Art intelligente Musik, die auch von einem reiferen Publikum geliebt werden konnte – ehrlich gesagt kam mir Hardstyle dann doch etwas zu kindlich rüber. Ich liebte diese Musik zwar immer noch, doch da ich nun auch von Minimal Techno fasziniert war, beschloss ich, beides miteinander zu mischen und ein neues Projekt zu kreieren: Minimal-Techno-Sound mit Hardstyle-Einflüssen – Angy Kore! Im Laufe der Jahre hat sich mein Sound natürlich stark weiterentwickelt, aber in meinen Tracks kann man auch heute noch die Hardstyle-Einflüsse heraushören.

Du bist der stolze Besitzer des Labels Himmel. Inwieweit ist es deiner Meinung nach sinnvoll, ein Label zu gründen?

Und wie stolz! Ich habe es vor drei Jahren gegründet. Ich lebte zu der Zeit seit etwa einem Jahr in Frankfurt und wollte etwas für dieses erstaunliche Land tun, das mich willkommen hieß, also benannte ich mein Label mit einem deutschen Wort: Himmel. Himmel gab mir in diesen Jahren so viel Befriedigung. Ich hatte das Vergnügen, viele großartige Künstler zu veröffentlichen, und wir erschienen in vielen Charts. Auch mein aktuelles Album ist hier erschienen.

Das Album heißt „Der Rauch“. Meinst du den Nebel von den Nebelmaschinen oder was steckt hinter diesem Titel?

Nein. Der Grund dafür ist etwas seltsam. Als ich an dem Album arbeitete und währenddessen rauchte, schrie mich meine reizende Freundin an: „Kannst du das Fenster öffnen, wenn du im Studio rauchst?“ Ich hatte bereits ein halbes Album ohne Titel produziert und ihre Worte inspirierten mich zu „Der Rauch“.

Warum benutzt du so viele deutsche Wörter für deine Tracks? Und wie würdest du den Sound des Albums beschreiben?

Ich finde die deutsche Sprache so stark und aggressiv, wie Techno es sein muss. Leider hatte ich noch keine Zeit, die Sprache zu lernen, obwohl ich in Deutschland lebe. Jedes Mal, wenn ich ein Wort höre, das mir gefällt, notiere ich es mir und benutze es für einen Titeltrack. Mein Album zu beschreiben, ist sehr kompliziert. Es sind die 1990er-Jahre, die auf den modernen Sound treffen. Es handelt sich um alternativen Techno, der die konventionellen Regeln zerstören und verschiedene Musikschattierungen berühren will. Von melodisch bis sauer, von groovig bis hart – ich habe versucht, alle Ideen, die ich während meines langjährigen Musikerdaseins gesammelt habe, in „Der Rauch“ einzubringen.

Die meisten Tracks sind sehr straight und werden produziert, um die Tanzfläche zu dominieren. Was ist die Idee hinter dem gesamten Album? Wie lange hat es gedauert, bis das Album fertig war?

Es gab keinen bestimmten Plan oder eine bestimmte Strategie für dieses Album, ich wollte es einfach machen. Die enthaltenen Tracks sind spontan in Nächten in meinem Studio entstanden. Ich fing an, einige Tracks zu produzieren, und hörte auf, sie zu zählen. Ich erkannte, dass es ziemlich viele waren, aber ich war mir sicher, dass das Löschen einiger von ihnen ein Fehler wäre, denn jeder einzelne Track ist ein Teil von mir – so schnürte ich ein extragroßes Paket. An den 18 Tracks habe ich insgesamt etwa vier Monate gearbeitet.

Obwohl es sich um ein sehr cluborientiertes und grobes Album handelt, zeigt es deine Vielfalt beim Produzieren. Welche Tracks gelten als Club-Singles?

Diese Frage beinhaltet den Grund, warum es so schwierig war, einen Haupttrack für dieses Album zu finden. Ich denke, dass alle von ihnen spielbar sind und in Clubs funktionieren, aber die Tracks, die meiner Meinung nach wirklich eine Single verdienen würden, sind „Break It“, „Solar Edge“ und „Dogma“. Diese Tracks spiele ich ausnahmslos bei jedem meiner Auftritte und die Reaktionen sind jedes Mal atemberaubend.

Mit welchem Equipment arbeitest du?

Im Moment arbeite ich mit Ableton. Ich produziere fast alle Sounds analog. Ich erstelle meine eigenen Drums mit Roland TR-8, meine Bässe mit Novation Bass Station 2 und die Synths mit Roland JDX1! Um ehrlich zu sein habe ich dieses Setup aber erst seit Kurzem. Es ist verrückt, das zu sagen, aber in den letzten 16 Jahren habe ich meine Tracks nur mit Fruity Loops Studio produziert – und darauf bin ich wirklich stolz.

Deine letzte EP „Izy Spray“ mit Dandi & Ugo wurde auf Luft veröffentlicht. Wie ist der Kontakt zustande gekommen?

Luft ist mein zweites Label, das ich mit meinem lieben Freund Gabriel Padrevita gegründet habe, einem jungen und talentierten Produzenten. Vor einiger Zeit war ich Mitglied von Italo Business, in Zusammenarbeit mit Dandi & Ugo und Piatto. Italo Business war ein massives, einflussreiches Label oder auch eine Partei-Bewegung zwischen 2009 und 2015, aber leider beschlossen Dandi & Ugo aus persönlichen Gründen, sich von ihrem DJ-Dasein zurückzuziehen und das Label aufzugeben. Nach einigen Jahren der Pause beschlossen sie, mit den Produktionen fortzufahren, und wir kamen wieder zusammen, um einige Kooperationen zu machen – eine davon ist „Izy Spray“. Das war die erste Zusammenarbeit, doch sicherlich nicht die letzte. In Zukunft werden wir sogar wieder auf andere Kooperationen zurückgreifen – wie in den alten und goldenen Italo-Business-Zeiten.

Wie verbringst du gerne deine Freizeit?

Ich bin ein Retro-Spiel-Liebhaber; ich würde sagen, ich bin ein Freak. Ich habe mehr als 40 000 Videospiele, die bis in die 1970er-Jahre zurückreichen. Die klassischen Arcade-Videospiele bringen mich zurück in meine Kindheit und entspannen mich mehr als alles andere. In meiner Freizeit verbringe ich Stunden mit Spielen von Nintendo 8/16 Bit, Sega Mega Drive und anderen Vintage-Konsolen.

Kannst du gute Pasta zubereiten?

Natürlich, ich bin Italiener! (lacht) Pasta ist meine Spezialität, ich kann sie auf verschiedenste Arten zubereiten und bin wirklich überragend darin. Das Lustige daran ist: Ich habe es erst in Deutschland gelernt. Vorher habe ich es nicht mal auf die Reihe bekommen, „Pasta al pomodoro“ zu machen.

Wünsche für das laufende Jahr?

Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich in den letzten Jahren erreicht habe, ich erwarte nichts und wünsche mir nichts Besonderes. Ich werde nur – wie immer – intensiv und mit großer Leidenschaft weiterarbeiten und beobachten, was das Schicksal für mich bereithält. Die ständige Arbeit zahlt sich immer mit Befriedigung aus!

Die schlimmste Jugendsünde?

Oh mein Gott, ich kann dir so viele Geschichten erzählen, ich war wirklich eine Katastrophe, als ich jung war. Als ich zwölf Jahre alt war, fuhr ich heimlich mit dem Auto meines Großvaters, es war ein klassischer FIAT 500, auf den er wirklich stolz war. Ich fuhr einige Meter damit und fuhr versehentlich in ein Nachbarhaus, wo ich das Auto zerquetschte und direkt in der Küche herauskam. Meine Familie musste den Schaden von etwa 10 000 Euro begleichen und das Auto war natürlich reif für den Müll. Es war ein Wunder, das mir nichts passiert ist.

„Der Rauch“ ist auf Himmel erschienen und hörenswert.

Aus dem FAZEmag 087/05.2018
Text: Sven Schäfer