Basement-Jaxx


Nach fünfjähriger Pause melden sich Simon Ratcliffe und Felix Button, zwei Pioniere der britischen Electronica-Bewegung, zurück – und wie. Ihr siebtes Album „Junto“ ist ein Manifest für eine Welt mit besserer Musik, mehr individueller Freiheit, lüsternen Meerjungfrauen und kontaktfreudigen Aliens. FAZEmag besuchte das Duo in seiner neuen Heimat, den Tileyard Studios am Londoner Kings Cross.

Vom moderigen Basement im sozialen Spannungsbiet Brixton in ein schickes, mehrstöckiges Bürogebäude mit Panoramablick über die Londoner City: Rechtzeitig zum 20. Bandjubiläum haben die Jaxx ihren Keller im Süden der britischen Hauptstadt verlassen, und sind Teil des neuen, cleanen, poshen UK geworden. Mit einem sündhaft teuren Studio nördlich von Kings Cross. Eine Ecke, die über Jahrzehnte zu den abgefucktesten der gesamten Insel zählte, und in der Drogen, Prostitution, Hausbesetzungen und Polizeirazzien an der Tagesordnung waren. Doch seit der Eurostar Einzug gehalten hat, setzt die Regierung alles daran, das einstige Schmuddelviertel auf Vordermann zu bringen. Eben, indem man die heruntergekommenen Bars und Billig-Hotels abreißt und schicke neue Gebäude errichtet, in der sich die Musik-, Mode- und Designerszene niederlassen soll. Ein Plan, der aufgeht, weil die Kulturschaffenden mit dicken Bankkonten mitspielen. Und obwohl Felix und Simon nicht verraten, was sie für zwei helle Räume plus Küche plus Gesangskabine hingeblättert haben, es muss beachtlich gewesen sein. Aber, so betonen sie unisono, es wäre halt nicht nur höchste Zeit für elementare Veränderungen gewesen (neues Label, neues Studio, neue, entspannte Arbeitsweise), sondern bislang habe sich der Aufwand auch gelohnt. Einfach weil „Junto“ wesentlich optimistischer und abwechslungsreicher klinge, weil man hier UFOs gesichtet, und ein paar spannende Gäste direkt vor der Haustür aufgetan habe. Aber alles der Reihe nach…

Meine Herren, warum die lange Pause – nachdem ihr zuvor zehn Jahre lang ein unglaubliches kreatives Tempo vorgelegt habt?

Simon: Das ist genau der Grund. Wir waren eine Dekade in diesem Zyklus aus Album-Tour-Album gefangen, was uns so ausgepowert hat, dass wir dringend eine Auszeit brauchten. Und sei es nur, um zu verhindern, dass wir den Punkt erreichen, an dem wir uns nur noch selbst kopieren.

Felix: Was nicht bedeutet, dass wir gar nichts gemacht hätten. Wir haben zum Beispiel regelmäßig ge-DJt und Soundtracks zu zwei Filmen komponiert. Gleichzeitig haben wir die Studios gewechselt. Einfach, weil wir genug von unserem muffigen Kellerloch hatten, in das zuletzt auch noch Wasser eingedrungen ist. Also haben wir uns umgesehen und diesen wunderbaren Ort gefunden, an dem sich ein strahlend blauer Himmel genießen lässt. Es ist also so, als hätten wir endlich Licht. (lacht) Und zu unseren Nachbarn zählen Mark Ronson, Chasen & Status und Zane Lowe.

Wie schlägt sich die neue Wohlfühlatmosphäre musikalisch nieder – ist das neue Album allein deshalb optimistischer und euphorischer ausgefallen?

Felix: Es ist auf jeden Fall positiver als „Scars“, das ganz klar von unserer wachsenden Unzufriedenheit mit den Verhältnissen in Brixton geprägt war. Also mit diesem beißenden Uringeruch, den Wasserschäden und der Tatsache, dass ich da zwei Mal überfallen wurde. Außerdem hatte ich einen Stalker, der mich bis nach Hause verfolgt hat. Es war ein Alptraum, den wir dringend beenden mussten. Und als ich die neuen Räumlichkeiten betrat, war das wie der Startschuss zu einem Neuanfang. Und wenige Tage später habe ich hier ein Ufo beobachtet.

Du hast was?

Felix: Ich habe etwas am Himmel gesehen, das nur ein UFO sein konnte – weil außer Polizei-Helikoptern nichts so niedrig über der Stadtmitte fliegen darf. Und das hat dafür gesorgt, dass ich mich intensiv mit diesen Verschwörungs- und Weltuntergangstheorien befasst, und einen Song darüber geschrieben habe. Nämlich „We Are Not Alone“, der sich mit der Idee befasst, dass es da draußen etwas gibt, das wir nicht verstehen und das wir auch gar nicht verstehen müssen. Das vielleicht ständig um uns herum ist oder sich in einer anderen Dimension bewegt, weshalb wir es nicht sehen können. Worüber ich einen Vortrag an der Oxford University gehalten habe. Ich habe den Kids erzählt, was ich da gesehen habe, und sie meinten, das wäre ein gutes Omen fürs neue Album. Also sie sind nicht ausgeflippt, sondern waren total cool. Und das ist der Grund, warum ich Studenten liebe: Sie sind sehr offen und sehr positiv ausgerichtet.

Und warum „Jonto“? Wiese ein spanischer Titel?

Simon: Er bedeutet „zusammen“. Und das passt wunderbar zum Song „Power To The People“, für den wir eine Aktion gestartet haben, bei dem Leute ihre eigenen Remixe anfertigen. Wir haben dafür eine Website eingerichtet: www.powertothepeople.fm. Und eine der spannendsten Versionen stammt aus Paraguay. Sie ist in Spanisch, und in einer Strophe wird „together“ mit „junto“ übersetzt. Was wir für einen tollen Albumtitel hielten. Denn bei den neuen Songs geht es darum, dass Leute zusammenkommen und kreativ sind, Spaß haben und ihre eigene Zukunft gestalten. Sprich: Es geht um Licht, um Positivismus. Und das Tolle an einem Wort, das nicht unserer eigenen Sprache entstammt, ist halt, dass es etwas Exotisches hat. Und – fast noch wichtiger – dass es alle Menschen gleich aussprechen. Na ja, bis auf die Engländer, die wahrscheinlich nicht einmal das hinkriegen. (lacht)

Habt ihr noch eure Residencies auf Ibiza?

Simon: In diesem Sommer waren wir einen Monat lang im Pacha. Und wir haben auch schon im Space aufgelegt, einem wirklich coolen Laden. Unser letzter Gig war gegen vier Uhr morgens, was eine nette Zeit ist. Denn dann spielst du für die „Heads“, während alle anderen längst im Bett sind. Und du bringst Sachen, die in der Zone sind, also Deep House oder Techno. Du kannst es richtig krachen lassen.

Felix: Wobei wir mittlerweile ganz andere Sachen spielen als vor ein paar Jahren. Einfach weil sich die Musiklandschaft verändert hat. Und wir lassen den Pop, der ja längst elektronische Musik ist, immer weiter zurück. Denn seien wir ehrlich: Eine Menge DJs haben keine Ahnung, was sie da machen. Sie sind völlig gesichtslos. Dabei besteht die Kunst darin, fast nur anonymen Kram zu bringen, aber daraus ein eigenes Szenario zu kreieren. Man muss seine Fähigkeiten einsetzen und die Leute auf eine Reise schicken.

Und auf Ibiza gibt es auch Meerjungfrauen, die Sex mit Menschen haben, wie ihr es in „Mermaid Of Salinas“ beschreibt?

Felix: Das Stück handelt von unserem Gitarristen Andrea Terrano, der mich mal nach Ibiza begleitet hat. Wir sind dann zum Strand, und als ich mich einmal kurz umgedreht habe, war er verschwunden. Eine Stunde später tauchte er wieder auf – mit dem breitesten Grinsen der Welt. Es stellte sich heraus, dass er kurz ins Wasser gesprungen war und da diese Frau getroffen hatte, mit der es tatsächlich zum spontanen Sex kam. Insofern ging es ihm so gut, wie lange nicht mehr. Denn er hatte eine schmerzhafte Trennung hinter sich, und das war sein heilender Moment. Seitdem spricht er ständig von „seiner Meerjungfrau“. (lacht) / Marcel Anders

 

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