Die Folgen des Coronavirus nehmen weiter zu. Öffentliche Einrichtungen und Geschäfte schließen, der öffentliche Nahverkehr wird stark reduziert. Auch für die Club- und Veranstaltungsszene ist die Pandemie ein herber Schlag. Schon jetzt steht fest: in den nächsten Wochen und Monaten wird es keine öffentlichen Partys geben. Das kann man als Gast sicherlich verkraften, doch wie gehen die Veranstalter eigentlich mit der Situation um? Wir haben mit unserem langjährigen Freund Tobias Wicht gesprochen, der über viele Jahre den Butan Club in Wuppertal geführt hat und nun als Veranstalter in wechselnden Locations agiert.

Hi Tobi, zunächst hoffen wir natürlich, dass es dich und deine Familie noch nicht erwischt hat. Geht es dir gut? Welche Auswirkungen auf dein Privatleben hat die aktuelle Situation? Sind Nudeln und Klopapier schon gebunkert?

Uns geht es gut. Privat sind meine Kids zu Hause, da die Schulen ja geschlossen wurden. Wir haben damit aber keine großen Probleme – da muss man die alleinerziehende Krankenschwester mal im Hinterkopf haben – die hat mit der aktuellen Situation (Betreuung und Arbeitsaufkommen ) bestimmt ganz andere Probleme. Von daher geht es uns vergleichsweise sehr gut. Und da auch der Fußballverein meines Sohnes geschlossen wurde – dort bin ich Hobbytrainer – haben wir nun Zeit, unser Wohnzimmer mal durchzustreichen und den Kindern eine Menge Nützliches und Unnützes beizubringen – das kann ich.

Kommen wir zum Beruflichen. Du bist seit vielen Jahren im Veranstaltungsbereich tätig. Welche Maßnahmen hast du getroffen und wie schwerwiegend schätzt du die Folgen von Corona ein? Hast du schon einmal etwas (auch nur ansatzweise) Vergleichbares erlebt?

Die aktuelle Situation ist mit keiner vorherigen Situation vergleichbar. Das Versammlungsverbot ist ja eigentlich ein Berufsverbot für viele von uns, ob Kellner, Türsteher oder DJ, alle haben frei und daher auch keine Einnahmen. Die angekündigten Wirtschaftshilfen werden keinem dieser Menschen weiterhelfen. Eine blöde Situation für viele von uns.

Ob Türsteher oder Geschäftsführer, viele Menschen, die im Eventbereich arbeiten, befinden sich nun in einer äußerst ungünstigen Lage, die natürlich vor allem das Finanzielle betrifft. Glaubst du, die Schließung von Clubs, Bars und Kneipen ist dennoch die richtige Konsequenz?

Aktuell schon – da muss man mal das eigene Schicksal hinten anstellen. Wenn sich in zu kurzer Zeit zu viele Menschen anstecken, dann fehlen ja anscheinend die Kapazitäten in den Krankenhäusern und dadurch werden schlicht und ergreifend Menschen sterben – aus meiner Sicht gilt das mit allen verfügbaren Mitteln zu verhindern. Wer da weiter Veranstaltungen durchführt, bevor die Freigabe der Behörden kommt (Stichwort illegale Raves etc.), verhält sich asozial. Das wird es sicher geben, aber mit solchen Menschen möchte ich nichts zu tun haben. Problematisch sehe ich jedoch diese Trippelschritt-Strategie der Regierung – die hätten direkt sagen müssen: „So Freunde, jetzt ist Feierabend – alles wird geschlossen. Das ruft auch haftungs-technisch einige Probleme für Geschäftsführer von GmbHs hervor. Stichwort: persönliche Haftung bei Insolvenzverschleppung ohne Vorhandensein einer Situation, die auf höhere Gewalt zurückzuführen ist. Da haben unsere Politiker ganz schön rumgedruckst. In solchen Situationen braucht man klare Kante und klare Vorgaben sowie einen Rettungsschirm für die kleinen Veranstalter, Restaurantbesitzer und so weiter. Die Darlehen und das Kurzarbeitergeld sind nett, aber das hat eher etwas von Bafög und erinnert an die Bankenkrise, bei der nur Großunternehmen betroffen waren, bzw. geholfen wurde.

Auf die Boris-Brejcha-Party im Stahlwerk in Düsseldorf am 3. April haben sich viele Leute ganz besonders gefreut. Mittlerweile wurde sie auf den 26. Dezember verschoben. Doch selbst wenn das Event stattgefunden hätte, wäre es zu Einschränkungen (Besuchergrenze, Hygienemaßnahmen etc.) gekommen. Wäre dir das lieber gewesen?

Auch unter besonderen Bedingungen versuche ich normalerweise, die Veranstaltungen stets durchzuführen. Was wir jetzt erleben, ist jedoch etwas anderes. Eine Freigabe durch die Behörden wäre bis zum ursprünglichen Veranstaltungstermin vermutlich sowieso nicht erfolgt, daher ist eine Verschiebung das einzig Sinnvolle. Boris und sein Management sind wirklich tolle Menschen, daher war die Umsetzung eines Ersatztermins glücklicherweise überhaupt kein Problem. Das ist bestimmt nicht bei jedem Künstler so einfach möglich – aber da haben wir Glück im Unglück.

Viele ClubsDJs, und Veranstalter lassen ihre Gäste nicht im Stich und bieten DJ-Sets als Livestream an. Habt ihr auch etwas in der Richtung geplant?

Frank Sonic hat ja schon den kostenlosen Sound of Butan-Podcast zusammen mit Milo Sonor realisiert – u. a. mit tollen Sets von Klaudia Gawlas, Anfisa Letyago und vielen weiteren.

„Rave on“ trotz Corona? Es ist naheliegend, dass es in nächster Zeit einen signifikanten Anstieg an illegalen Partys geben wird. Wenn die Clubs dicht machen, werden eben eigenhändig Partys organisiert, die Menschen wollen schließlich feiern. Könnte das womöglich ein schlechtes Licht auf die Szene werfen?

Da ist jeder gefordert, NICHT mitzumachen! Sowas ist aktuell nicht angesagt, finde ich. In jüngeren Jahren habe ich ja selber viele Raves veranstaltet, auch ohne Genehmigung. In der heutigen Situation würde ich das auf keinen Fall machen. Denkt an eure eigene Oma oder die nette ältere Dame aus der Nachbarschaft, die durch so etwas auf einem Krankenhausflur landen oder gar ,sterben könnte. Von daher werden nur Idioten auf solche Veranstaltungen gehen, die sich nicht um das Wohlbefinden anderer scheren. Die wird es geben – aus jedem Genre – aber will man mit solchen Menschen Zeit verbringen? Ich nicht. Ich hoffe aber, dass unsere Szene so etwas begreift und es sowas nicht geben wird. Wenn die Menschheit Corona im Griff hat, schmeiße ich auf jeden Fall einen dicken Rave! :-) See you on the Dancefloor!

 

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