Fotos: Lucien Oriol, Michele Stroppa, Toni Brugnoli x Mono

Vergangene Woche haben wir ausführlich über die Entstehung von Gabber als Musikform und Szene berichtet und aufgeführt, welche Entwicklungen mit zum Nischendasein geführt haben. Im zweiten Teil möchten wir uns daher   –wie angekündigt – näher damit auseinandersetzen, warum sich das Genre seit einiger Zeit wieder größerer Beliebtheit erfreut und welche Entwicklungen und Künstler in letzter Zeit maßgeblich dazu beigetragen haben. Um das fundiert beantworten zu können, haben wir mit Gabber Eleganza und Paul Orzoni gesprochen und konnten gemeinsam einen Ausblick wagen, wohin es mit der Szene gehen könnte.

Springen wir zeitlich ins Jahr 2010, also knapp 15 Jahre nach den Ereignissen im Bunker, finden wir zwei wirklich interessante Künstler, die erst unabhängig voneinander und anschließend gemeinsam an einem Gedanken festhielten: Das etablierte Gefilde der elektronischen Szene mit frischem Wind zu revitalisieren. Doch erst etwas zu den Beiden persönlich.

Alberto Guerrini, der unter seinem Künstlernamen Gabber Eleganza bekannt ist, Mitte der 80er in Bergamo aufgewachsen und schon früh durch einen Schulfreund in Kontakt mit Gabber gekommen ist, startete 2009 sein Fanzine Gabber in the Name of Love und kurz darauf auch den Blog Gabber Eleganza, der als Hommage an vergangene Zeiten der Szene verstanden werden darf. Mit dem Konzept der Hakke-Show kombinierte Guerrini jüngst ein DJ-Set mit einem eigens dazu ausgesuchten Tänzerensemble, zu einer lebendigen Show die auf internationalen Gewässern Fuß fasste. Neben Gigs rund um den Globus, in Locations wie dem Oval Space in London, der Empty Gallery in Hong Kong oder dem Berghain, ist er auch mit Radioformaten wie RinseFM oder Radar Radio in Verbindung zu bringen.

Paul Orzoni, der Teil und Gründungsmitglied des Projektes und Labels Casual Gabberz aus Frankreich ist, zusammen mit Mathilde Fernandez als Ascendant Vierge fungiert aber auch eigenständig unter seinem Künstlernamen Paul Seul veröffentlicht, arbeitete 2012 in Amsterdam und kam durch einen Zufall mit Gründern von ID&T in Kontakt. Diese konnte er davon überzeugen, den in der Versenkung verschwunden geglaubten Gabber auch nach Frankreich zu bringen. Unterstützung erhielt er bei seinem Vorhaben auch durch Francois Maas, Legende und Mitverantwortlicher des Thunderdome.

Wenn ihr euch zurückerinnert, wie seid ihr in Kontakt mit Hardcore / Gabber gekommen?


Gabber Eleganza: Zu Hardcore bin ich schon ein paar Jahre vorher gekommen, den ersten echten Gabber habe ich dann aber mit 14 gesehen. Das war für mich damals wie ein Alien, komplett fernab meiner Welt, wirklich faszinierend.

Paul Seul: Ich erinnere mich daran, wie ich in meiner Kindheit immer und immer wieder den melodischen Teil von „Jiieehaaaa“ – Diss Reaction (Thunderdome IX) hörte und stoppte, sobald die Kicks einsetzten. Das war natürlich zu hart für mein 10-Jähriges Ich. Die CD hatte mein bester Freund damals von seinem älteren Cousin bekommen, der zu der Zeit im Norden Frankreichs als DJ tätig war.

Alberto, wie kamst du schließlich darauf, das Fanzine und den Blog zu starten?

Gabber Eleganza: Ich wollte meine eigene Vision und Ansicht von Gabber transportieren und mit den typischen Vorurteilen und Ansichten gegenüber der Szene aufräumen. Den Leuten eine ganz neue Sichtweise auf die Szene geben.

 

Zusammen mit seinem Freund Marco Fusolini von Studio Temp, einem in Bergamo ansässigen Design-Studio, entschied er sich also, ein Gabber-Fanzine mit einer Auflage von 100 Stück, die über Automatic Books, einem Verlag aus Venedig erschienen sind, zu produzieren. Diese waren recht schnell ausverkauft was Alberto daraufhin dazu veranlasste, den Blog Gabber Eleganza zu starten.

Paul hingegen, der schon einige Monate zurück aus Amsterdam wieder in Paris unterwegs war, kam in Kontakt mit Maxime Guénégou (Aprile) und Esteban Gonzales (Claude Murder). Zusammen mit den Beiden und weiteren Freunden kamen sie auf den Gedanken Casual Gabberz schließlich als Partykonzept und Kollektiv zu etablieren. Zwischen 2013 und 2016 feierten sie somit mehrere Partys unter dem Namen, wobei sie sowohl auf originale Hardcore-DJs zählten, als auch auf DJs die Interesse an härteren Sounds bekundeten. Nach der Gründung des Kollektivs traf Paul dann auf Evil Grimace, der mit „3 Litres“ schnell eine Hymne für das noch junge Vorhaben schuf. Nachdem der Track zwei Jahre auf Soundcloud herumgeisterte und selbstveröffentlicht wurde, gründeten die Casual Gabberz schließlich ihr eigenes Label Casual Gabberz Records um fortan ihre eigene Musik releasen zu können. Der liebgewonnene Track erschien dann schließlich 2016 auch über PRR! PRR! Etwa zur gleichen Zeit produzierte Paul auch mit Von Bikräv Musik im Hardcore-Bereich, woraufhin sich die Idee zur Compilation „Inutile de Fuir“ herauskristallisierte.

Paul Seul: Sie sollte als Manifest unserer Begeisterung für Klang und Kultur der Gabber-Szene dienen, unsere Partys und die vielen Gast-DJs, zuletzt aber auch einfach unsere Pariser Truppe auf Raves in den Niederlanden, widerspiegeln. Wir haben das mit viel Herzblut und Respekt der Sache gegenüber getan, ohne nostalgische Absichten. Da es wirklich viel zu sagen gab, passte das Ganze nicht auf ein traditionelles Format, weswegen wir 51 Tracks zusammenstellten, die wir gemeinsam mit einem 80-minütigen, gleichnamigen Film von Kevin Elamrani-Lince veröffentlichten.

Wie wurdet ihr im Laufe der Zeit aufeinander aufmerksam?

Paul Seul: Ich verfolgte Albertos Blog seit 2012 und plante über die Casual Gabberz-Nächte hinaus eine Veranstaltung, die alle weiteren Aspekten der Gabber-Kultur, eine Ausstellung, Vorträge, einen Hakken-Tanzkurs aber auch ganz klassisch eine Party beinhalteten sollte. Im Grunde wollte ich Albertos Blog ins echte Leben projizieren und habe ihn schließlich darum gebeten, als Co-Kurator für die Gabber-Expo mit dem Titel: GABBER – Une Culture à 180 BPM im Point Éphémère, zu fungieren. Alberto hat zu unserer Geschichte auch einen legendären Post veröffentlicht. Uns verbindet eine gute Freundschaft und wir teilen unsere gemeinsame Nähe zum Berliner Label Live From Earth, auf dem schon bald neue Sachen erscheinen werden…

Welche Veränderungen hat die Gabber-Szene eurer Ansicht nach im Vergleich zu früher durchlebt und wo steht sie heute?

Gabber Eleganza: Gabber ist mittlerweile als Teil der elektronischen Szene vollständig akzeptiert und wird als ernsthaft wahrgenommen und nicht mehr nur als „lustiger Bruder des Techno für verrückte Kids“ abgestempelt. Insgesamt wird Hardcore als Genre auch vermehrt von den Techno-DJs akzeptiert. Angefangen bei der Post-Internet-Generation vor sechs bis sieben Jahren, ist Hardcore insbesondere in den letzten zwei Jahren gänzlich in der elektronischen Szene angekommen.

Paul Seul: Die Hardcore-Szene ist meiner Meinung nach stark gewachsen. Wenn ich mir die vielen Veranstaltungen mittlerweile so anschaue, bin ich wirklich froh darüber. Dennoch nehme ich mich irgendwo als Außenseiter wahr, sehe aber die Chance durch Casual Gabberz, Hardcore und Gabber einem breiteren Publikum präsentieren zu können. Ich bin manchmal schon ganz schön erstaunt darüber, wie positiv die Reaktion der Leute auf Gabber ist, von denen man es auf den ersten Blick gar nicht erwartet. Ich kann verstehen wenn Leute den Underground vor größerem Zulauf schützen wollen, finde es aber dennoch gut für die Gabber-Szene insgesamt. Wir (Casual Gabberz) stehen auf Reibung, zu gern würden wir Gabber auf größeren Hardcode-Veranstaltungen präsentieren.

Im ersten Teil des Artikels sind wir auch auf die markante Optik der Gabbers eingegangen, die ihren Bezug durch die Nähe zum Fußball findet. Auch Alberto hat sich der Thematik angenähert. Schon seit den frühen Tagen seines 360Grad-Projektes Gabber Eleganza geht Alberto mit seinen Posts immer wieder auf die Optik ein und produzierte später sogar eigenen Merch. Ein Shirt trug beispielsweise den Aufdruck „Total Football“, was auch gleichzeitig den dritten Tracktitel seiner Singe „Never Sleep #1“ ziert.

Welche Relevanz hat die einheitliche Gabber-Optik heute überhaupt noch?

Paul Seul: Es ist Jahre her, dass die Hardcore-Optik von Modefirmen adaptiert und gehypt wurde. Ich bin kein Spezialist aber sie scheint heute zumindest noch immer relevant zu sein! Ich bin persönlich erstaunt, wenn ich bei Veranstaltungen in Holland, den OG-Early-Hardcore-Look sehe. So ikonisch!

Woher entspringt eurer Meinung nach das wiederaufkommende Interesse an der Szene und welche Künstler beobachtet ihr Momentan?

Paul Seul: Hmm … ich glaube einerseits wurde die Musikrichtung einfach unterschätzt, auf der anderen Seite beschreibt sie so wunderbar unsere chaotische Welt heutzutage. Was den zweiten Teil der Frage angeht, versuche ich noch immer die letzten 30 Jahre zu verdauen. Um dennoch darauf einzugehen, Ich aber auch die restlichen Jungs von Casual Gabbers finden die aufkommende Uptempo-Szene im Gesamten wirklich interessant auch wenn sich da viel Müll tummelt.

Gabber Eleganza: Ich folge der holländischen Gabber-Szene nicht mehr ganz in dem Maße wie noch vor ein paar Jahren aber im Hardcore-Techno Bereich finde ich neben den Casual Gabberz auch KRTM, Niksi, New Frames, HDmirror oder Somniac sehr interessant. Auf Raves gehe ich auch nicht mehr so wirklich, bin aber immer sehr froh darüber die Hardcore-Local-Szene in Berlin zu beobachten, wenn ich vor Ort bin. Außerdem höre ich auch kreuz und quer andere Sachen, Jamaikanische Musik z. B. finde ich sehr gut.

Bevor wir noch etwas näher darauf eingehen welche Entwicklungen und Projekte wir aktuell sonst noch rechts und links beobachten können im Bereich des Hardcore und Gabber, haben wir die Jungs noch gefragt wie um die Zukunft steht.

Auf was dürfen wir uns von euch beiden in Zukunft freuen? Könnt ihr schon über anstehende Projekte mit uns reden?

Gabber Eleganza: Ich arbeite gerade an der Etablierung meines neuen Labels Never Sleep Records, die Erstveröffentlichung, ein Album von Lizzitsky, erscheint am 31. März. Außerdem noch an einer neuen Tanzperformance, die zeitgenössische Kunst und Musik in gezielter Form vermischt und noch an zwei Büchern die ich Anfang 2021 vorstellen werde.

Paul Seul: Wir touren viel mit den Casual Gabberz und haben auch eine neue Veröffentlichungen auf unserem Label, darunter das lang erwartete Evil Grimace Album! Außerdem kommen spannende Sachen unter Ascendant Vierge und ich plane auch eine neue Solo-EP, viel zu tun…

Schaut mal bei Minute 19:46 rein (Evil Grimace – Bim Bim)

Gabber Future – Zwischen Bali, Warschau und Stockholm

Um das Bild des Kosmos von Gabber und Hardcore zu vollenden wollen wir noch einen Blick darauf werfen, was sonst noch im digitalen und analogen Äther von Gabber und Hardcore umherschwirrt. Dafür versuchen wir anhand von drei Beispielen zu zeigen, wohin es mit dem Sound in Zukunft hingehen könnte.

Wixapol S.A. aus Warschau entspringt einem kleinen Kollektiv von Freunden rund um DJs Sporty Spice, Mikouaj Rejw und Torrentz.eu, denen die Clubkultur in Polen allmählich zu langsam, elitär und glattgebügelt vorkam. Auch der Sound in den lokalen Diskotheken empfanden sie zunehmend als monoton und zu langsam. Aus einer kleinen Party für nicht mehr als 50 Leuten, die 2012 stattfand, ist mittlerweile ein landesweiter Hype gewachsen der Leute aus den verschiedensten Winkeln Polens aber auch den Umländern anzieht. Der Zusatz S.A. basiert auf der Kennung polnischer Aktienfirmen und soll darauf hinweisen, dass ein jeder Teilnehmer der Partys so gesehen einen Aktionär darstellt. Die Party also zunehmend auch als Sozialprojekt verstanden werden darf. Motivation dahinter ist auch die momentan herrschende politische Spaltung in Polen, durch den gemeinsamen Nenner der Musik zumindest während den Partys abzulegen und LGBT+ Anhänger nebst Hooligans friedlich miteinander feiern zu lassen.

Gabber Modus Operandi ist das Projekt der beiden indonesischen Electro-Punks Aditya Surya Taruna und Ican Harem, die auf wunderbare Art und Weise eine Brücke von traditioneller Folklore, im Stile des Jathilan oder Dangdut Koplo, über die Gamelanmusik Javas bis hin zu den abendländlich-geprägten Genres wie Footwork, Gabber oder Noise bilden. Auf SVBKVLT erschien 2019 ihr Album „HOXXXYA“, das sich soundtechnisch zwischen Banjar, Denpasar und Metal-Rock bewegt.

Drömfakulteten nennt sich das gänzlich weibliche Studio-Kollektiv der Stockholmer Produzentinnen rund um HAJ300, Kasja Blom alias Kablam und Sissel Wincent. Gemeinsam mit stetig wechselnden Mitgliedern, residierten sie bis Ende 2019 in einer zum Studio umgebauten ehemaligen Fahrradwerkstatt, im Stadtteil Södermalm. Soundtechnisch bilden sie mit Hardcore-Sounds ein Novum innerhalb des Spektrums der sonst eher als etwas rückständig empfundenen Booking- und Clubszene Stockholms.

Wir hoffen euch ein bisschen tiefer in die Welt von Hardcore und Gabber haben blicken lassen zu können.

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