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„Vision“ ist dein zweites Album. Wie sieht deine aktuelle Vision von Technomusik aus und inwiefern hat sich diese im Laufe der vergangenen Jahre verändert?

Meine Vision kann man dem Album entnehmen. Das ist meine Vision von Techno. Das Grundgerüst hat sich gar nicht so sehr verändert, nur habe ich mich diesmal noch mehr auf gewisse Details und vor allem den Klang konzentriert. Ich finde, viele Produktionen sind klanglich wieder interessanter geworden. Ich möchte, dass die Leute Techno wieder mehr erleben und nicht nur hören. Es soll ein Klangerlebnis sein. Eine Vision verändert sich mit der Zeit auch etwas. Man taucht tiefer in die Thematik ein, beschäftigt sich plötzlich mehr mit dem Klang statt nur mit dem Inhalt.

Nach „Zeitgeist“ kommt „Vision“, und das nach – in Techno-Zeiten gemessen – relativ kurzer Zeit. Wieso dachtest du, dass ein weiteres Album besser ist als diverse Singles oder EPs?

Es war einfach wieder an der Zeit, etwas Neues zu machen. Die Musik ändert sich ständig und wir alle verändern uns mit ihr. Ein Album ist immer ein größeres Projekt, aber auch wichtig, um den Künstler besser zu verstehen. Man kann ein Thema genauer ausarbeiten und aufbauen. Es ist auch etwas Persönlicheres als eine EP.

Alex Bau und sein Label Credo gehören schon lange zum etablierten Techno-Circle. Wie ist der Kontakt zu Alex zustande gekommen und wieso kommt das Release auf Credo und nicht mehr auf MOD?

Alex und ich kennen uns schon ewig. Zu einer Zeit, in der ich noch gar nicht aufgelegt habe, war Alex schon sehr aktiv. Später kam es, dass wir zusammen Partys in Passau veranstaltet haben und in Kontakt geblieben sind. Ich habe Alex von meiner „Vision“ erzählt und wie wichtig mir der Klang ist. Er hat mich gleich verstanden. Daher war es naheliegend für mich, ihm das Album zu geben. Ich wollte es nicht auf meinem eigenen Label bringen, sondern etwas Neues machen.

Du bist jetzt viele Jahre im Techno-Business aktiv. Der direkte Draht zu deinen Fans war und ist dir sehr wichtig. Vor welche Herausforderungen stellen dich die Fans, die deine Nähe suchen, wenn du gestresst vom vielen Reisen bist?

Wenn ich vom Reisen gestresst bin, dann wissen das meine Fans natürlich nicht und ich finde, es gehört auch dazu, mir das nicht anmerken zu lassen. Das Einzige, was dann passiert, ist, dass ich mich vor und nach dem Gig etwas mehr ins Backstage zurückziehe. Aber ich verstehe auch, wenn Fans Fotos machen möchten und mich gerne treffen. Ich gebe immer mein Bestes, um sie glücklich zu machen.

Je mehr Liebe einem widerfährt, desto mehr Hater treten auf den Plan. Wie gehst du mit negativer Kritik um? Vielleicht hast du ja Nina Kraviz‘ Statement gelesen, die auf harsche Kritik geantwortet hat. Mit wem teilst du deine Sorgen und wie kannst du entspannen?

Davon habe ich noch nichts mitbekommen. Jeder geht anders damit um. Manche sind gar nicht connected, manche greifen die Fans auch verbal an. Es ist wichtig, auch mal sagen zu können, wenn etwas nicht okay ist. Sei es die Art der Kritik oder der Ton, der unpassend ist. Falls mich einer beleidigt, bin ich nicht gewillt, ihm auch nur eine Sekunde zu opfern, um darüber nachzudenken. Konstruktive Kritik nehmen wir alle an und denken darüber nach, alles andere ist irrelevant. Ich teile mit niemandem meine Sorgen, ich gehe dann eine Runde spazieren und versuche, alle negativen Gedanken auszulüften.

Social Media werden immer wichtiger. Wie schafft man es, immer „echt“ zu bleiben und sich nicht zu verstellen? Oder ist es mitunter nicht möglich, sich nicht zu verstellen, um die schöne, heile Techno-Welt aufrechtzuerhalten?

Die Techno-Welt ist zum Glück noch zum großen Teil eine heile Welt. Man muss sich nicht unbedingt verstellen und nach Likes fischen. Mein Motto ist da eher: Spread Love & Happiness. Das Wichtigste ist jedoch, sich selbst treu zu bleiben und ganz genau zu wissen, was man will, und vor allem, was man nicht will!

Dein Sound hat sich weiterentwickelt. Nicht nur anhand der englischen Namen wirkt das Produkt internationaler als noch vor Jahren. Stücke wie „Red Phase“ kann man sich in jedem Set von Chris Liebing über Sam Paganini bis Adam Beyer vorstellen. Welche Herangehensweise hast du an die Produktion eines Tracks? Welche Künstler haben dich zu „Vision“ inspiriert?

Inspiriert haben mich eigentlich alle Künstler, von denen ich Tracks spiele. Aber auch Menschen, Orte und die vielen Reisen geben mir sehr viel Input. Ich muss ehrlich sagen, dass eine erste Version meines Albums eigentlich schon Anfang des Jahres fertig war, ich aber nicht genau das geschafft hatte, was ich mir erhofft hatte: Eine klare Linie zu finden. Daraufhin habe ich alles im Papierkorb entsorgt, um komplett neu zu starten. Mir war es wichtig, mit einem Intro als Vorbereitung auf das, was kommt, zu beginnen. Das Album sollte sich aufbauen und klanglich ein Erlebnis sein, um Techno nicht nur hören, sondern auch erleben zu können. Aber klare Herangehensweisen habe ich da nicht.

Wie läuft die Arbeit beim Produzieren ab? Wie gehst du vor und mit welchem Equipment arbeitest du?

Ich arbeite schon seit Jahren mit Ableton. Das ist das Programm, welches für mich am intuitivsten ist. Zuerst baue ich mir einen Grundgroove und den Rest baue ich um diesen herum. Ich lasse mich da aber sehr vom Gefühl leiten. Am nächsten Tag höre ich es noch mal an und schmeiße circa die Hälfte der Spuren wieder raus. Dann passt es meistens. Die letzten Jahre habe ich mir immer mehr Equipment angeschafft und experimentiere viel damit. Darunter die „Roland Aira“-Reihe, die ich super finde. Auch einen Korg-Synthie, mit dem ich Stunden verbringe. Letztens habe ich mir mein erstes Modular-System gekauft. Mal schauen, wie weit diese Reise geht. Das finde ich superspannend.

Wie oft testest du deine neu produzierten Tracks im Club, bis du von ihnen überzeugt bist, und wie oft kommt es vor, dass du einen angetesteten Track wieder komplett umwirfst?

Generell teste ich neue Stücke jedes Mal an. Ein ausschlaggebender Punkt ist erst mal immer, ob ich den Track dann selbst gerne spiele oder nicht. Wenn er in die Playlist kommt, ist das schon mal gut. Dass ich einen angetesteten Track verwerfe, kommt nicht oft vor – meistens sind das die Tracks, die es nicht mal schaffen, das Studio zu verlassen.

Du hast gesagt, du hast große Teile des im Frühjahr fertiggestellten Albums „entsorgt“. Speicherst du diese Stücke dann noch irgendwo in einem Unterordner oder wirfst du sie komplett weg? 

Natürlich sind die noch als Rohmaterial irgendwo gespeichert. Aber es passiert selten, dass ich den Ordner wieder öffne. Ich kann einen fertigen Track nicht noch mal umbauen. Es hatte ja Sinn, wenn man hier und da Filter eingesetzt hat oder andere Effekte. Warum ein Break dort ist, wo er ist. Bevor ich da noch lange basteln muss, fange ich lieber neu an.

Mit „Papillon“ hattest du einen Mega-Hit, der immer noch von Club-Gästen gewünscht wird. Siehst du es eher als Bürde oder als Geschenk an, dass dir solch ein szeneübergreifender Hit gelungen ist?

Ich sehe es als Geschenk. Und ehrlich gesagt spiele ich den immer noch gerne. Es ist unglaublich, welche Energien der Track im Club schafft. Welche Euphorie auf dem Floor plötzlich herrscht, wenn die ersten Klänge kommen und sie „Papillon“ erkennen. Der ganze Club flippt immer noch aus. Wenn der Abend passt und ich sehe, die Leute wollen es hören, dann spiele ich es gerne immer wieder. Und ich bin sehr dankbar dafür, einen Track zu haben, der den Ravern so eine gute Zeit gibt.

Welche Momente aus diesem Jahr haben sich besonders in dein Hirn gebrannt und was erhoffst du dir für 2017?

Das Jahr fing ja super an. Ich bin zum dritten Mal von den FAZE-Lesern zum „Best DJ“ gewählt worden. Das brennt sich ein! Oder die Bootshaus-Party in Köln. Bis dahin hatte ich meinen Geburtstag noch nie so richtig gefeiert und das haben wir dieses Jahr nachgeholt. Ich selbst bin großer Fan von Speedy J. Ihn für dieses Date gewonnen zu haben, hat mich sehr gefreut. Und am Schluss war es eine ziemlich dicke Party. So viele Menschen aus ganz Deutschland – das war sicher ein Highlight. 2016 hatte ich zum Glück den Wettergott auf meiner Seite und ich hatte eine tolle Festival-Saison und wirklich super Clubnächte. Für 2017 wünsche ich mir, dass es weiter geht. Dass ich motiviert bleibe und wir viele tolle Events haben!

Ich weiß, dass du ein sehr ehrlicher und gerechtigkeitsfanatischer Mensch bist. Was stört dich an unserer Techno-Szene und was findest du großartig?

Nun ja, mich stört eindeutig das Gehate gegen EDM. Oder das Haten allgemein in der Szene. Welches Line-up cool ist oder nicht. Und dieses „früher war alles besser“. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es nicht eher ein allgemeines gesellschaftliches Problem ist, auch durch Social Media bedingt. Großartig finde ich immer noch die „Love Message“. Gerade in der heutigen Zeit sollten wir alle wieder näher zusammenrücken und mehr Love & Happiness streuen. Das eigentliche Techno-Motto, weshalb wir alle hier sind und zusammen feiern, ist in Vergessenheit geraten: Techno, Love & Happiness. Wir brauchen wieder mehr Toleranz. Großartig finde ich aber auch, dass Techno auf den großen Bühnen angekommen ist. Club und Festival gehören zusammen. Beides ist notwendig.

Wie verbringst du die Festtage und was sind deine Pläne für 2017?

Dieses Jahr klinke ich mich über Weihnachten und Silvester komplett aus. Ich hatte so viele tolle Gigs, das möchte ich verarbeiten und etwas Zeit für mich haben. Am allermeisten freue ich mich darauf, mit der Kuscheldecke auf der Couch zu liegen und mir alle Märchen anzuschauen, die im TV kommen! Hatte ich schon seit zehn Jahren nicht mehr, denn immer dann, wenn es sich alle gemütlich machen, habe ich meine Koffer zur Türe gebracht. Dieses Jahr nicht! Darauf freue ich mich wahnsinnig. Das ist mal was anderes und so kann ich mit frischem Schwung ins neue Jahr starten.

Klaudia Gawlas’ Top-5-Tracks 2016

  1. Keith Carnal – Racidence (Arts)
  2. Flug & Miki Craven – If You Missed It (Nonlinear Systems)
  3. A.Paul – Fathom Vers. 2 (SickWeirdRough)
  4. Drumcell – Rooted Resentment/Luis-Flores-Remix (CLR)
  5. Dubspeeka – K374 (Skeleton)

Aus dem FAZEmag 058/12.2016

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