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Musikmachen ist für Peter M. Kersten eine ziemlich spontane Sache. Das hat er schon in früheren Interviews erklärt, und das hört man auch seinem bisherigen OEuvre in vielfältiger Weise an. Hauptamtlich bringt der Hamburger Jung seine Musik unter dem Namen Lawrence heraus. Als solcher sorgt er auch hinter den Decks für magische Clubnächte. In lockerer Beständigkeit tauchen Lawrence-EPs und -Alben im Handel auf, die stets stilvoll wie eindringlich tieferes Hörvergnügen erzeugen. Nachdem die letzten beiden Longplayer („Lowlights From The Past And Future“ von 2006 und „Until Then, Goodbye“ von 2009) auf Mule Electronic, Sublabel des japanischen Mule Musiq, erschienen und er ebenso mit Maxis auf Pampa, Smallville, Kompakt oder Ghostly International seine Fans beglückte, zieht es ihn mit seinem sechsten Longplayer wieder zu Dial zurück. Jenem Label, das er zusammen mit David Lieske aka Carsten Jost seit über dreizehn Jahren betreibt. Die elf Stücke auf „Films & Windows“ sind von unzähligen Filmen inspiriert. Alles Weitere dazu im folgenden Gespräch:

Was hat sich für dich als Künstler seit deinem letzten Album besonders verändert?

Peter: Mein letztes Album, „Until Then, Goodbye“, war eine Sammlung musikalisch sehr heterogener Ideen und Fragmente, die in einer sehr rastlosen Phase meines Lebens entstanden sind. Ambient, Livetakes, House … Es war grenzenlos. Bei „Films And Windows“ hingegen steht der Club im Mittelpunkt, obwohl ich auch hier versuche, die Grenzen der Hörgewohnheiten zu brechen, und soundmäßig in andere, ausserirdische Welten aufzubrechen.

Wie lange denkst du denn im Voraus über ein neues Album – und was du damit erzählen möchtest – nach?

Ich denke eigentlich ständig über das Format Album nach, da es auch in der elektronischen Musik die Königsdisziplin ist.


Und wie bist du an die Produktion deines neuen Werks „Films & Windows“ herangegangen?


Als ich zum ersten mal „Kurama“ in der Panorama Bar spielte, waren die Reaktionen überwältigend. Da wusste ich: So soll mein kommendes Album klingen. Reduzierte Struktur, kosmische Sounds, tiefste Tiefe und pures Glück in der Melodie.

Lass uns mal über den Titel der Platte sprechen: Wie haben bestimmte Filme oder die Erinnerung daran deine Arbeit im Studio bei der Aufnahme beeinflusst?

Filme und Erinnerungen, oft aber auch die Musik oder Kunst anderer, versetzen mich in die perfekte Stimmung zum Produzieren. „Au Hasard Balthazar“ von Bresson habe ich in der Zeit der Albumproduktion ungefähr zwanzig Mal gesehen, ebenso „Le Cercle Rouge“ von Melville sowie fast alle Studio Ghibli-Filme. Das hat natürlich ganz konkret überhaupt nichts mit meinem Album zu tun, aber es ist ein Einfluss.

Welche weiteren Filmmusiken waren für dich als Künstler sonst noch wichtig?

Philippe Sarde, Nino Rota, die Gruppo Improvvisazione Nuova Consonanza um Ennio Morricone und Franco Evangelisti sind schon große Inspirationen für mich. Ebenso liebe ich auch gut selektierte Soundtracks, wie „Exorzist“, „Die große Ekstase des Holzschnitzers Steiner“, „Conversation Piece“, „The Shining“, „2001“, „Stroszek“ – klar, fast alle Kubrick- und Herzog-Filme, die waren ja nicht nur großartige Regisseure, sondern auch besessen von besonderer Musik.

Was gefällt dir im Allgemeinen an der Verbindung von Bild und Klang?

Es wird ja immer von der Macht der Bilder gesprochen, aber auch Musik ist extrem manipulativ, besonders in Verbindung mit Bildern. Es gibt wenige Filme, die ohne Musik funktionieren. Terence Mallicks „Badlands“ habe ich schon ein paar Mal nur gehört. Funktioniert wunderbar. Ebenso nur das Bild allein. Denn es ist so ein fantastischer Film, der ist wirklich überwältigend auf allen Ebenen.
„Films & Windows“ ist insgesamt sehr tanzbar geworden und vielleicht auch ein wenig reduzierter als manche deiner vorherigen Werke.

War das für dich eine logische Entwicklung oder ist das einfach intuitiv aus dem Aufnahmeprozess heraus entstanden?

Der Club ist immer noch eine absolute Ausnahmezone, da hier Tracks und Sounds immer wieder völlig neue Welten öffnen. Auch ich suche musikalisch nach unerhörten, magischen Erlebnissen, das Ganze kann natürlich nur intuitiv passieren. Magie per Definition ist ein Widerspruch.

Könntest du es dir auch vorstellen, einmal live Klänge zu einem bestimmten Film zu spielen, wie es etwa Kollegen wie Juju & Jordash und andere schon gemacht haben?

Zu einem Stummfilm etwa? Ich weiß nicht. Einen Filmsoundtrack einzuspielen – das könnte ich mir eher vorstellen.

Sowohl als Künstler wie auch Labelmacher siehst du es als wichtig an, stets neugierig und offen gegenüber unterschiedlicher Musik zu bleiben.Wie äußert sich das in einer normalen Arbeitswoche im Studio und Büro?

Ich höre sehr viel Musik auf meinem Küchenplattenspieler, das ist eigentlich der schönste Ort: Beim Kochen, Teetrinken, Essen, abends beim Wein … Manchmal dann auch bis frühmorgens. Der Plattenspieler ist so alt, dass er keine Bassmusik abspielen kann, da höre ich dann eben Bela Bartok, Sofia Gubaidulina oder alte Folkways Records.


Welche Pläne und Projekte stehen bei dir und eurem Label Dial für den Rest des Jahres an?

Das Jahr ist ziemlich vollgestopft, nur mit tollen Sachen. Mein Album erscheint im September, und zwei Remix Maxis mit Carsten Jost, XDB und Steven Tang werden folgen. Eine große Releasetour ist geplant, außerdem wird es noch zwei große Ausstellungen in der Galerie Mathew geben, die ich mit David Lieske seit einiger Zeit leite.

Und zum Schluss noch die Frage: Welcher Gig in der letzten Zeit hat dich besonders beeindruckt oder verwirrt?

Extrem beeindruckt UND verwirrt hat mich die Performance der Villa Design Group im Kunsthaus Bregenz im August. Das Überlagern von eigens vorgetragenen Texten, einer Filmcollage und dem Auftritt von zwölf in Chemikalienschutzanzüge gekleideten Profimodels hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

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