Credit: Thomas von Aagh


Mike K und Steven Harding aka Milk & Sugar sind für den weltweiten House- und Club-Sektor wie das Smartphone für den normalen Menschen, im Prinzip also nicht mehr wegzudenken. Seit nunmehr 24 Jahren prägen die beiden Münchner mit ihrem Schaffen die gesamte Szene und lieferten in diesen knapp zweieinhalb Jahrzehnten unvergessliche Hits, darunter „Let The Sun Shine“ 2003, seines Zeichens Platz 1 der Billboard Dance Charts und Top 20 der UK Pop-Charts. Der Track wurde zu einem Meilenstein der House-Musik und zu einer Hymne für Milk & Sugar. Bereits drei Jahre zuvor gelang ihnen mit „Higher & Higher“ ein internationales Juwel. Als DJs, Produzenten und Labelbetreiber hat das Duo mehrere Auszeichnungen, wie den deutschen und italienischen DJ-Award, und zahlreiche goldene Schallplatten gewonnen. Auch als Remixer haben sie unzählige Erfolge zelebriert. Mit ihren Compilation-Serien Club Cuts, House Nation und Beach Sessions liefern sie Jahr für Jahr gefeierte Kopplungen. Nachdem sie im vergangenen Jahr mit den Münchner Symphonikern ihr erstes  Klassik-Projekt „Ibiza Symphonica“ realisierten und den Lockdown äußerst produktiv nutzten, erscheinen nun mit „Summer Sessions 2021“ mit tanzbaren Tracks auch die „Beach Sessions 2021“ für gechilltere Momente. Darüber hinaus lieferte Purple Disco Machine vor einigen Wochen einen sensationellen Remix für „Let The Sun Shine“ ab und gemeinsam mit Roland Clark sowie Lurine Cato haben Milk & Sugar zwei frische Original-Tracks am Start. In diesem Monat mixt das Duo den offiziellen FAZEmag-Download-Mix.

Im letzten Jahr haben wir noch über eure Fusion mit dem Symphonieorchester gesprochen. In der Zwischenzeit ist die Welt eine andere. Wie ist es euch mit der Pandemie rund um Covid-19 ergangen?

Mike: Zuerst waren wir natürlich unter Schock, als plötzlich alle Auftritte abgesagt wurden. Wir haben uns gedacht, dass bis Herbst alles wieder normal wird. Und damit meinen wir Herbst 2020. Wie sehr man sich irren kann! Wir sind dann sofort, praktisch in der ersten Lockdown-Woche, dazu übergangen, Livestreams zu senden, und machen das seitdem wöchentlich je zwei Stunden auf Facebook, Twitch und YouTube. So haben wir die Möglichkeit, direkt mit unseren Fans in Kontakt zu treten und auch live zu chatten. Gleichzeitig behalten wir unsere musikalische Routine bei und sind jederzeit bereit für den Restart. Wir waren auch sehr produktiv und haben auf der Release-Seite den Kopf nicht in den Sand gesteckt.

Über Produktivität sprechen wir mit vielen Künstler*innen regelmäßig, einige haben diese gesteigert, andere orientieren sich um.

Steven: Ja, viele haben der Musik für immer den Rücken gekehrt, was natürlich unglaublich weh tut! Neulich haben wir mit einem DJ telefoniert, der sagte, er sei in die Firma seines Vaters in Polen eingestiegen und nach Warschau gezogen. Es gibt viele interessante, aber auch viele tragische Geschichten. Wir haben uns in Produktionen gestürzt und unserem Label mehr Zeit gewidmet. Es wird eher eine Umstellung werden, am Wochenende nicht mehr mit Freunden zum Grillen an den See zu fahren, wenn die Auftritte wieder losgehen (lacht).

Wie fühlt sich das für euch an, wenn ein Teil der Identität auf Eis liegt?

Mike: Das war vor allem am Anfang komisch, aber der fehlende Kontakt zu unserer Crowd hat sich dann relativiert, als wir festgestellt haben dass wir sie auch übers Internet, über unseren Livestream, erreichen können. Der Live-Chat ist zu einem richtigen Treffpunkt geworden und wir freuen uns über jedes Feedback und merken vor allem, wie hungrig die Leute wieder auf „Clubbing“ sind.

Nichtsdestotrotz gibt es bereits Licht am Ende des Tunnels, in einigen Ländern öffnet der Kultursektor wieder, es gibt News im Tagestakt. Was passiert da bei euch aktuell?

Steven: Wir stehen in den Startlöchern, aber sind gespannt, wie lang es tatsächlich dauert, bis man wieder von einer gewissen Art von Normalität sprechen kann. Vor allem international ist noch viel Unsicherheit vorhanden, und die neue Deltavariante könnte den Restart weiter hinauszögern. Es bleibt spannend.

Deutschland ist in Sachen Kultur noch sehr zögerlich …

Mike: Natürlich würden wir wieder gerne vor ausverkauftem Publikum spielen. Aber dass das noch immer gefährlich ist, hat ja die EURO 2020 gezeigt, wo sich in den Stadien in Dänemark und St. Petersburg viele Leute angesteckt haben. Eigentlich unvorstellbar, zum Fußball dürfen 14.000 Leute ins Stadion und zu Open-Air-Veranstaltungen nur 250 sitzend. Die Logik muss man uns auch erst einmal erklären. Wahrscheinlich ist es ganz wie im alten Rom: „Brot und Spiele“ für das Volk. In den USA und Australien scheint man wieder zur Normalität zurückzukehren, auch in gewissen Teilen Asiens, aber viele dieser Länder sind ja noch immer quasi abgeschottet. Da macht es die geografische Lage Deutschlands nicht einfacher.

Credit: Thomas von Aagh

Lasst uns über Musik sprechen – sowohl im Juli als auch August ist es Zeit für zwei Compilations. Einmal tanzbar, einmal für den Strand. Erzählt uns mehr über Konzept, ausgewählte Stücke und Co.

Mike: Kaum ein Sommer wurde so sehnsüchtig erwartet wie der jetzige, in dem so viel Hoffnung steckt. Hoffnung auf die Rückkehr zu ein wenig Normalität, die eine oder andere gemeinsam gefeierte Party und womöglich sogar einen Abstecher nach Ibiza. Die Veröffentlichung der diesjährigen „Summer Sessions“-Compilation ist musikalisch angesiedelt zwischen balearischem House und Deep-House. So lässt sich das Ibiza-Beach-Feeling zumindest schon einmal akustisch in die hiesigen Gefilde holen.

Steven: Unsere „Beach Sessions“ ist unser erfolgreichstes Release überhaupt! In den letzten beiden Jahren waren mir #1 und #2 der iTunes-Album-Charts bei „All Genres“, sensationell für ein Nischenprodukt. Es ist einfach die perfekte Compilation für den Sommer. Ein Mix für richtiges Strandfeeling und der andere für das erste oder dritte Sundowner-Bier! Das Mixing der Compilation ist jedes Jahr ein Highlight für uns.

Neben den Compilations sind drei weitere Releases bei euch aktuell. Eins davon ist der Remix von Purple Disco Machine zu eurem Mega-Hit „Let The Sun Shine”. Wie entstand die Kollaboration und wie würdet ihr seine Interpretation beschreiben? Bei Beatport hat sich die Nummer ja ganz oben festgesetzt.

Steven: Ja, unglaublich, fünf Wochen bereits an der Spitze im House-Genre! Da scheinen wir einen echten Evergreen geschaffen zu haben. Der Song transportiert einfach gute Laune, egal, in welcher Version. Das Ganze war eigentlich recht unspektakulär. Wir haben bei Tino angefragt, ob er sich einen Remix vorstellen könnte und er hat sich „Let The Sun Shine“ ausgesucht. An dieser Stelle noch einmal ein großes Danke für die tolle Umsetzung. Den Track immer wieder in neuen Facetten zu hören, ist großartig.

Mit Roland Clark veröffentlicht ihr „Celebrate“, eine Art Post-Covid-Hymne mit positiven Lyrics. Erzählt uns mehr zu diesem Feel-Good-Track.

Mike: Dieser Track ist definitiv vom Lockdown beeinflusst, keine Frage. Weil wir in unseren gestreamten Livesets insgesamt grooviger spielen können als zur Primetime vor echtem Publikum, hat sich auch unser Sound weiterentwickelt, und “Celebrate” ist so eine Nummer, die sich in unsere Livestreams mit der Coolness und den hypnotischen Vocals von Roland Clark einfach perfekt einfügt. Sie klingt locker und hat gewisse Discoeinflüsse, aber ist definitiv unser Sound von 2021.

„All I Need“ ist Nummer drei im Bunde mit Lurine Cato von einem Gospel-Chor aus UK. Wie entstand dieses Feature?

Steven: Lurine, die übrigens im BBC Gospel Chor singt, haben wir am selben Tag aufgenommen, als sie für das Ibiza Symphonica Project “Right Here, Right Now” und „Lola’s Theme” eingesungen hat. Es hat dann eine ganze Weile gedauert, bis wir die Nummer fertig produziert hatten, aber ich glaube, man hört die Liebe und den Aufwand in der Produktion. Es gibt so viele verschiedene Schichten zu entdecken und Lurine ist eine fantastische Sängerin, mit der das Recording einfach Spaß macht.

In diesem Monat mixt ihr den offiziellen FAZEmag-Download-Mix. Was habt ihr hier für unsere Hörer*innen vorbereitet?

Mike: Wir wollen hier nicht zu viele Infos im Vorfeld ausplaudern, aber es wird auf jeden Fall eine schöne Mischung aus coolem groovigen House und vielleicht mit dem einen oder anderen Klassiker.

Das Jahr vergeht mal wieder wie im Flug und der Kalender zeigt bereits Juli. Was steht für die nächsten Wochen und Monate fix in der Agenda, gerne auch abseits von Musik und Gigs?

Steven: In erster Linie freuen wir uns auf Shows mit bzw. vor Publikum. Aber abseits dessen auf jeden Fall in den Urlaub, sofern uns nicht wieder eine Virus-Variante einen Strich durch die Rechnung macht!

 

Aus dem FAZEmag 113/07.21
Text: Matt Eagle
Web: facebook.com/milksugar
Credit: Thomas von Aagh

 

Das könnte dich auch interessieren:
“Miami Sessions 2021” – in den Frühling mit Milk & Sugar
Purple Disco Machine remixt Milk & Sugars Klassiker “Let The Sun Shine”