Eine neue MPC ist doch immer eine gute Gelegenheit, kurz die Geschichte der elektronischen Musikinstrumente zu checken. Back then, in den späten Achtzigern wurde die allererste MPC eingeführt. 12-Bit-Qualität und fünf Sekunden Samplezeit bedeuteten damals die Welt für Hip-Hop-Producer. Das Midi Production Center ging durch die Decke und begründete eine ganz neue Art, an Musik heranzugehen. Und vor allem auch eine erschwingliche, sonst hätte sich damals kein einziger Beatmaker das Gerät angeschafft. Und auch eine sehr intuitive, nicht auf klassischer Musikbildung basierende Herangehensweise. Die MPC war damals eine Blaupause für eine ganz neue Logik, Musik zu denken.

Zurück in der Realität sehen wir, dass sehr vieles, was diese neue Gerätegattung ausgemacht hat, in anderen Produkten implementiert ist: Kaum ein 50-Euro-Keyboard, das keine der legendären Drumpads besitzt. Kaum ein Sequenzer, der nicht den legendären MPC-Swing anbietet. Trotzdem: Die Geschichte der Akai-MPCs ging weiter und hat bisher mehr als 15 neue Modelle der Groovebox hervorgebracht. Und das mit Erfolg: Nach einer Flaute, als MPCs nicht mehr waren als mittelmäßige Controller für das eigentliche Herzstück, eine eher wackligere Software, kam eine Wende in der Instrumentenentwicklung: eigenständige Maschinen, die es verstanden, das ganze MPC-Gefühl mit hochmodernem Workflow zu kombinieren. Das neueste Familienmitglied ist die vor wenigen Tagen offiziell releaste MPC Studio. Das Spannende hier: Nach Jahren traut sich Akai wieder, einen reinen Controller für eine Software zu bauen. Doch im Jahr 2021 ist sowohl die MPC-Software beim Update 2.9 als auch die Controller-Entwicklung in ganz anderen Sphären. Von daher ist die Frage: Womit haben wir es bei der MPC Studio zu tun?

Mit der günstigsten, kleinsten und leichtesten MPC aller Zeiten. 323 Euro teuer, 3,7 cm dick und 800 Gramm schwer. Passt in jeden Rucksack und braucht nur ein USB-Kabel, um sofort mit dem Laptop zu interagieren. Die Frage lässt sich vielleicht auch so beantworten. Aber da ist noch mehr.

Das Ganze funktioniert nämlich nur in Symbiose mit der Software. Und diese Symbiose funktioniert verdammt gut, es ist ein nahtloses Interagieren. Es ist so ähnlich wie bei Ableton und seinem Push-Controller. Klar, die Zuweisungen zu den Software-Parametern stimmen sowieso perfekt. Aber man hat auch mittels dieses Controllers das Gefühl, mittendrin im MPC-Workflow zu sein. Der einzige Makel: Der winzige Bildschirm ist wirklich winzig. Fast zu winzig, um sich nur auf ihn zu verlassen, sodass der ein oder andere Blick auf den Computer-Bildschirm sein muss.

Wo wir schon mal bei der Oberfläche sind, lasst uns gleich richtig loslegen. Natürlich gibt es wieder 16 Drumpads, die natürlich heutzutage eine RGB-Beleuchtung haben. Ich habe schon erwähnt, dass Touchpads eigentlich nichts Besonderes sind, weil sie sowieso auf jedem Billigkeyboard zu finden sind. Stimmt, aber das hier ist das Original. Ich habe bis auf die Maschine von Native Instruments bisher kein Gerät gefunden, das so gute, anschlagsdynamische und ausgefeilte Drumpads hat wie die echten MPCs. Die MPC Studio ist hier keine Ausnahme. Links und rechts neben den Pads sind allerlei Buttons, die einen einfachen Zugriff auf ziemlich viele Parameter geben. Transport-Sektion, Einspielhilfen, Projektorganisation, Swing, Automationen. Das alles kann man mit Buttons regeln, anstatt in unzähligen Untermenüs zu landen. Mit dem großen Drehregler kann man die Intensität vieler Funktionen noch genauer einstellen.

Doch das eigentliche Highlight auf der Oberfläche habe ich noch nicht erwähnt: Als erste MPC hat die MPC Studio einen ziemlich wuchtigen Touchstrip spendiert bekommen. Dieser befindet sich direkt neben den Drumpads und hat mich sofort mit einer interessanten, griffigen Textur überzeugt. Dieser Touchstrip funktioniert wie ein sehr großes Modwheel und macht viele musikalische Parameter spielbar: Effekte, Sustain, Expression, Mixereinstellungen, Glides oder Note-Repeats können alle auf diese sehr intuitive Art gesteuert werden. Mit dem Touchstrip können längere Beatsequenzen sehr dynamisch und dramatisch werden, da es das ideale Tool für Automationen ist. Zusammen mit den perfekt für Beats abgestimmten Multieffekten der MPC-Software funktioniert das Ganze fast wie das Kaoss Pad von Korg: Stutters, Filterverläufe, Hallfahnen oder Glitches auf diese Weise zu spielen, macht schon ziemlich Spaß.

Auf der Rückseite findet man die Anschlüsse an die Außenwelt: Eine USB-B-Buchse sowie MIDI In und Out. Das macht die MPC Studio direkt attraktiver für die elektronischen Musiker unter uns. Mit dem MIDI-Anschluss kann dein gesamter Synthesizer-Park gesynct werden mit der MPC als Master-Clock. Oder du kannst deine Sequenzen an eine Drummachine senden und deren Parameter auch mit dem Touchstrip der MPC spielen. Damit kommen wir direkt schon mal zu den zwei Arten, wie man musikalische Ideen realisieren kann: Entweder durch das Einspielen über die Drumpads mit allen Features, die über die Jahre dazugekommen sind und gut miteinander harmonieren: Overdub, Quantize oder Note-Repeat.

Für alle melodischen Sounds gibt es Einspielhilfen, die es auch nicht geschulten Musiker*innen einfach machen, komplexe harmonische Ideen einzuspielen. Dafür gibt es den Scale-Modus, indem alle Noten einer Skala grün auf den Pads beleuchtet sind. Oder den Chord-Progression-Modus, in dem aufeinander aufgebaute Akkorde auf den Pads liegen. Ich persönlich  finde es deutlich intuitiver, wenn man melodische Ideen auf einem Keyboard spielt, statt auf Drumpads. Aber Hilfen wie der Scale-Mode etc. verbessern das Ganze doch schon ziemlich. Hier könnte man sich für die Zukunft noch überlegen, MPE-Pads einzubauen und somit noch expressiver mit den Pads zu spielen.

Die zweite Art ist der mächtige Step-Sequenzer, mit dem man blitzschnell groovende House-Rhythmen oder bretternde Techno-Drums programmiert. Der Step-Sequenzer ist darüber hinaus auch praktisch, wenn man mit externen Synthies arbeitet.

Eine Sache, für die die MPC weithin bekannt ist, ist natürlich Swing. Diesen kann man einfach mit einem Klick auf den Swing-Button sowie dem Drehregler einstellen. Dieses Rezept klappt einfach immer noch sehr gut und war lange die Blaupause für Computer-Grooves. Auf diesem Sektor gab es bis vor Kurzem wenig Konkurrenz, bis die Einführung von künstlicher Intelligenz in die digitale Musikproduktion kam. Man könnte beim nächsten Software-Update so etwas wie das Drumify-Plug-in vom Magenta-Studio integrieren und damit Swing noch weiter denken.

Die Expansion-Packs sind ein deutlicher Pluspunkt, weil sie gerade zu Beginn die Basis deiner Beats sind. Die Samples sind dabei am Puls der Zeit in einem positiven Sinne, denn hier wird nicht nur den heute angesagten Trends  nachgejagt, sondern auf zeitlose, knackige Samples gesetzt. Der klare Fokus liegt dabei auf urbanen Hip-Hop-Sounds, aber auch Techno-Grooves sind hier kein Novum.

Alles in allem hat man hier wahrscheinlich den schnellsten Weg, einen Beat anzufangen, in der Hand. Ich glaube, wenige werden hier ihren ganzen Song mit jedem Detail konzipieren, doch die MPC Studio könnte das Instrument sein, mit dem alles losgeht. Die Instrumente, die man benutzt, ändern die Art, wie wir Musik machen, gewaltig. Und die MPC zwingt einen wirklich auf eine angenehme Weise in ihre eigene Logik und Denkweise, Musik zu machen. Wenn man das raushat, geht alles schnell und macht richtig Spaß. Wenn man dann ein gewisses Level erreicht hat, kann man ganz einfach die Einzelspuren in die DAW per Drag & Drop ziehen und es geht weiter.

Am Ende noch kurz mein Lieblingsfeature aus der Software: Du kannst deine Sequenzen, die du mit der neuen MPC Studio gemacht hast, auch einfach für ältere MPC-Versionen bouncen, und umgekehrt. Für alle, die eine der früheren MPCs haben, ist das wirklich fresh.

 

Aus dem FAZEmag 116/10.21
Text: Bastian Gies
www.akaipro.de

 

Akai MPC One – DAW 2 go