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Acid-Sounds prägen die elektronische Musiklandschaft seit Ende der 80er-Jahre. Immer wieder wird der säureartige Klang von Künstler*innen aufgegriffen und in verschiedenen Styles verarbeitet. In diesem Artikel schauen wir uns gemeinsam mit euch die verschiedenen Ausprägungen des quietschigen Acid-Sounds an und geben euch Tipps, wie ihr die unterschiedlichen Klangfarben der 303-Bassline nachbaut.

Wie entstand der Acid-Sound?

1981 brachte Roland die TB-303 auf den Markt, die erst einmal ein Verkaufsflop war. 1984 wurde das Gerät schon wieder vom Markt genommen, da die Zielgruppe nicht erreicht wurde: Das TB steht nämlich für Transistor Bassline und sollte Sologitarristen, die sich keinen Bassisten leisten konnten, begleitend unterstützen. Einige Jahre nachdem die TB-303 wieder vom Markt genommen wurde, entdeckten einige Künstler den Bassline Synthesizer wieder und experimentierten mit den verschiedenen Parametern. Eine der ersten Nummern mit der typischen Acid-Bassline war dann auf der Acid-Tracks-Platte von „Phuture“ zu hören, die 1987 auf „Trax Records“ veröffentlicht wurde.

Acid-Sound – Basispatch und Synthese in der TB-303

Typischerweise liegen dem Acid-Sound eine Sägezahn- oder Rechteckwelle zu Grunde. Diese beiden Wave-Formen sind die einzigen, die auf der TB-303 zu finden sind. Weitere Parameter des analogen Originals sind Tuning, Env Mod für Hüllkurven-Modulation, Decay als einziger Amp-Hüllkurven-Parameter sowie ein Accent-Regler, mit dem sich ein feststehender Velocity-Wert in einzelne Noten des Patterns programmieren lassen.

Die beiden wichtigsten Parameter der TB-303 sind sicherlich der Cut-off-Regler und die Resonance. Mit den beiden Werten tweaken wir den Acid-Sound und lassen mit der Öffnung des Cut-off-Filters immer mehr quietschige, säureartige Obertöne durch, die wir durch die Resonance ins Bodenlose treiben können.

Typische Effekte für 303-Sound

Die klassischen Effekte für 303-Sound sind ein leicht zugemischter Delay, der Breite im Patch schafft, sowie ein sehr dezenter Reverb, der sich an den Delay anschließt. Den Biss des Acid- Sounds erreichen und verstärken wir mit Distortion. Hier kann man sich so richtig ausleben und mit verschiedenen Verzerrern experimentieren: Von der leichten Saturation bis zum extremen Overdrive-Effekt klingt jede Form der Übersteuerung einfach super auf einem 303-Patch.

Classic Acid und Modern Acid Techno

Wenn man nur auf das Sounddesign im Acid Patch achtet, muss man feststellen, dass es gar keinen so großen Unterschied zwischen klassischen Acid-Tracks und neuem modernem Acid Techno gibt. Es klingt oft sägezahnwellen-typisch knarzig und in beiden Styles kommt auch der etwas hohlere Klang der Rechteckwelle vor. Die Klangfarben der Distortion-Effekte ähneln sich auch: Es geht um Biss, knarzige Obertöne und eine extreme Überbetonung der mittleren Frequenzen.

Dass sich die Sounddesigns so ähneln, liegt offensichtlich daran, dass sich der moderne Acid-Techno-Sound stark an seinem klassischen Vorbild orientiert. In den letzten Jahren wurde der Sound von Emmanuel Top, Rob Acid und deren Kollegen von bekannten DJs wieder auf zeitgenössische, große Bühnen geholt: Der Acid-Sound feiert somit seine Wiedergeburt.

In beiden Jahrzehnten stand die Acid-Line mal ganz allein im Zentrum des Tracks und mal gibt es eine durchgehende Acid-Line, die durch einen gegenläufigen Acid-Sound unterstützt wird. Meistens wird hier mit punktierten Noten gearbeitet, um dem Rhythmus einen entsprechenden Groove zu verpassen.

Acid und Trance – Kai-Tracid-Sound der 90er

Andere Produzenten der 90er-Jahre schufen auf einer anderen Ebene einen Kontrast zur Acid-Line: Kai Tracid verheiratete mit seinen Veröffentlichungen Acid und Trance miteinander und begeisterte zahlreiche Raver*innen der ersten Dekade mit diesem Sound. Die zum Teil rhythmischen „gated“ Trance-Flächen schmiegten sich in seinen Nummern regelrecht an die Acid-Line und erzeugten einen idealen Kontrast zwischen cheesy und harter Dance-Nummer.

Wir haben mit Kai Tracid eine Masterclass aufgenommen, in der er seinen Studio-Workflow mit euch teilt und euch zeigt, wie er seine TB-303 eingestellt und mit welchen Synthesizern er die Trance-Flächen kreiert hat.

Hard Techno und schnelle Acid Riffs

Im Hard-Techno-Style kommt der Acid-Sound auch vor. Meistens finden wir hier eher Riff-artige Pattern ohne Pausen, die sich energetisch durch den Track schlängeln. Im Break wird das Pattern dann oft auf halber Zeit abgespielt, sodass sich im Drop die Energie des schnellen Patterns neu entladen kann. Das ist aber nur ein Ansatz, wie man den Acid-Sound abwechslungsreich gestalten kann. Wichtig ist, dass die Acid-Line mit Hilfe der Parameter in Bewegung ist und auch mal aus dem Track genommen wird oder sich durch zum Beispiel Half-Time-Einsatz in der Rhythmik stark verändert.

Das Sounddesign für diesen typischen Riff-Klang erreicht ihr mit extremer Distortion wie Overdrive oder dem Ableton Amp, wobei der Sound stark zugefiltert und die Resonanz sehr hoch eingestellt ist. Mit Abletons „Overdrive“ könnt ihr ganz leicht eine Betonung der tiefen Mitten erzeugen, was dem Patch noch mehr Riff-Charakter verpasst und an Power-Chords einer E-Gitarre erinnert.

Elektro-Sound und Acid

Acid-Lines im gezügelten Tempo finden wir oft bei Elektro-Beats, die ebenfalls wieder von modernen Labels releast werden. Hier wird der 303-Patch gerne mal in Reverb gehüllt, was einen eher sphärischen Klang mit viel Tiefe erzeugt. Neben dem Acid-Sound stehen oft Synth-Flächen mit transponierten Noten-Pattern, die einen Kontrast zwischen dem knackigen Elektro-Beat und den kurzen Acid-Noten bilden.

Experimenteller Acid-Sound – Aphex Twin und IDM

In experimenteller Form finden wir den Acid-Sound bei IDM-Nummern wie von Aphex Twin vor.

In dem Track „Digeridoo“ hat der Ausnahme-Künstler den Acid-Sound in einen Digeridoo-Sound verwandelt. Mit sehr gezielt eingesetzten Flanger- und Phasingeffekten und der besonderen Rhythmisierung konnte der Produzent diesen experimentellen Klang erreichen. Dem Patch innewohnende Drive verrät uns aber hier und da, dass der Sound synthetisch erzeugt wurde, was man im nächsten Takt aber auch schon wieder vergisst. Wenn ein/e Produzent*in euch so schlau und gekonnt ablenken kann, fällt der Track unter IDM – Intelligence Dance Music.

Fazit: Acid-Sounddesign – Kontraste schaffen

Acid-Sound ist vielseitig einsetzbar und zeigt sich in verschiedenen Ausprägungen. Wichtig ist immer, dass die Sounds getweakt werden und sich abwechslungsreich durch den Track ziehen. Mit der Verwendung von Distortion geben wir dem Sound eine bestimmte Klangfarbe, die dann oft stilprägend ist, wie wir das zum Beispiel bei den Hard-Techno-Riffs festgestellt haben.

Das Grundrezept für den gelungenen Einsatz eines Acid-Sounds scheint das Erzeugen eines Kontrastes zu sein. Kai Tracid stellt seiner Acid-Line Trance-Flächen gegenüber, Hard-Techno-Künstler*innen schaffen Kontraste durch Half-Time-Einsätze der Bassline, und im Elektrosound entsteht der Kontrast durch die Tiefenstaffelung und die unterschiedlichen Notenlängen der einzelnen Elemente.

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Aus dem FAZEmag 116/10.21
Text: Fafi
www.sinee.de/

 

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