Daniel Goldman alias Naturalize kommt aus Dänemark und ist bei einem der größten Labels im Psytrance-Bereich unter Vertrag: Blue Tunes Records. Ein Label, das seit Januar 2016 demonstriert, dass klassischer Progressive Trance sehr lebendig und treibend ist. Das beweist auch Daniel mit mehreren Top-20-Veröffentlichungen wie „I Want Your Soul“ oder „All I Wanna Do“. Mit seinem Track „Faithful Souls“ erreichte der gebürtige Däne im August 2016 sogar Platz 1 der „Psytrance Top 100“ auf Beatport, und das für mehr als zwei Wochen.


Hallo, Daniel. Man könnte meinen, dass Norddeutschland deine zweite Heimat geworden ist, weil du so oft in und um Hamburg auflegst. Ursprünglich kommst du aus Aarhus in Dänemark. Legst du lieber in deiner Heimat auf oder in Deutschland?

Hey, Denise! Ja, das stimmt – ich komme aus Aarhus, der zweitgrößten Stadt Dänemarks, aber Hamburg wurde definitiv zu meiner zweiten Heimat. Ich ziehe es zweifellos vor, in Deutschland aufzulegen und nicht in meinem eigenen Land. Ich kann nur für mich sprechen, aber ich habe das Gefühl, dass die Progressive-Szene in Dänemark in den letzten Jahren viel kleiner geworden ist. Die Stimmung ist nicht mehr die gleiche, besonders in Aarhus, wo ich herkomme. Die Polizei hat tatsächlich gesagt, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun würde, um jedes offizielle Psytrance-Event zu verbieten. Das liegt daran, dass zu viele Menschen mit Drogen erwischt wurden, also ist die Situation irgendwie schwierig.

Gibt es einen Unterschied zwischen der Progressive-Trance-Szene in Deutschland und der in Dänemark?

Ich muss ehrlich sein und sagen, dass die Progressive-Szene in Dänemark für mich nicht mehr das ist, was sie einmal war. Man merkt, dass die Stimmung anders ist als früher. Vielleicht werde ich aber auch einfach nur älter und klüger. (lacht) Der größte Unterschied zwischen den Szenen ist, dass die Menschen in Dänemark sehr voreingenommen sind. Es kann durchaus schwer sein, mit den Dänen über die Szene zu sprechen, weil die Medien es so aussehen lassen, als wäre die Musik nur für Leute, die Drogen nehmen. So muss man alle außerhalb der Szene vom Gegenteil überzeugen, weil sie nur die Medienversion kennen. In Deutschland fühlt es sich freier und akzeptierter an, zum Beispiel sieht man sehr oft Menschen, die im Alter deiner Eltern oder Großeltern sein könnten – das habe ich in den letzten zehn Jahren in Dänemark vielleicht ein- oder zweimal erlebt. Hoffentlich wird es mit der Zeit besser und die Szene bekommt mehr Anerkennung.

Teilweise ist die Szene ja auch in Deutschland noch sehr verpönt, aber das hat sich über die Jahre meiner Meinung nach durchaus verbessert. Wann und wo hattest du denn eigentlich deinen ersten Auslandsauftritt?

Mein allererster Auftritt war in Deutschland im Jahr 2011. Das war in Kiel, der Club hieß „Die Pumpe“. Ich durfte dort eine Stunde lang auflegen, direkt vor Fabio & Moon. Das war schon echt eine große Sache für mich.

Drei Jahre zuvor, Anfang 2008, hast du mit dem DJing und dem Produzieren begonnen. Gab es einen entscheidenden Moment, der dich dazu veranlasst hat, im Bereich der elektronischen Musik zu arbeiten, insbesondere im Progressive Trance?

Ich habe schon als Teenager elektronische Musik gehört. Damals war das für mich eine ganz neue Welt. Eine Fantasiewelt voller schöner Farben, Laser, Lichter und pumpender, schneller Beats. Das hat mich einfach nur mit Freude erfüllt. Vor allem Progressive Trance hat mich von Anfang an gefesselt mit diesen groovigen Rhythmen und den funky Basslines. Kurz nachdem ich mit dem DJing angefangen hatte, beschloss ich, meinen eigenen Sound zu kreieren. Ich war schon als kleines Kind immer von musikalischen Instrumenten fasziniert, sodass ich sofort eine große Leidenschaft verspürte, als ich mit dem Produzieren anfing. Ab dem Zeitpunkt konnte ich nicht mehr aufhören! Ich wollte nur, dass die Leute auf den Tanzflächen rund um den Globus glücklich sind, sich durch Musik ausdrücken können und ich ein Stück weit dazu beitragen kann, dass sie sich für einen Moment fallen lassen können. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, Menschen zum Tanzen zu bringen, ohne dass sie wissen, wie viel Mühe und Zeit es den Künstler gekostet hat, einen Gedanken in einen echten Sound zu verwandeln.

Deinen treibenden Sound hört man immer raus, finde ich, und ich muss auch gestehen, dass du seit Tag eins zu meinen absoluten Lieblings-DJs gehörst. Du hast es über die Jahre hinweg wirklich geschafft, deine Einzigartigkeit im Progressive Trance zu festigen. Wer hat deinen Sound am meisten beeinflusst und wer inspiriert dich heute noch?

Danke für deine netten Worte! Einzigartig zu sein, ist eine sehr große Sache heutzutage. Viele Künstler sind auf ihre eigene Art einzigartig, aber es ist trotzdem schwer, aus einem Meer an guten Künstlern herauszustechen. Ich denke, das Wichtigste ist, etwas zu erschaffen, das dich selbst berührt, deine Emotionen zum Ausdruck bringt und natürlich die der Menschen, die deine Tracks letztendlich hören. Dass die eigene Musik vor allem etwas im Künstler selbst auslöst, vergessen die meisten Menschen. Wenn man Musik macht, die einen selbst fasziniert, und man gleichzeitig andere Menschen damit berühren kann, ist das meiner Meinung nach einzigartig. Die, die meinen Sound am meisten beeinflusst haben, sind Künstler und Freunde wie Fabio Fusco, Ranji, Audiomatic und Tezla. Styles mit einem „Bad Ass Groove“, Melodien und heftig pumpenden Basslines.

Mit welcher Soft- und Hardware produzierst du?

Als Software verwende ich Steinberg Cubase 8.5. Meine Lieblings-VSTs sind Avenger und Serum. Als Hardware verwende ich einen Access Virus Snow.

Wie sieht ein typischer Produktionstag bei dir aus?

Wenn ich die Zeit habe, sitze ich meistens acht bis zehn Stunden am Tag im Studio und vergesse dabei vollkommen meine Umgebung. Manchmal vergesse ich sogar zu essen. (lacht) Das hängt davon ab, ob ich die perfekte Idee gefunden habe. Ich kann aber auch mal monatelang im Studio sitzen und einfach nur jammen, während nichts dabei rumkommt. Das ist auch okay. Aber wenn ich die richtige Idee habe, arbeite ich wie eine Maschine, um ihr Ausdruck zu verleihen.

Was machst du beruflich neben dem Produzieren?

Ich habe einen Teilzeitjob als Ton- und Radiotechniker. Das Unternehmen ist ein Fernseh- und Radiosender aus Aarhus. Es gibt alle Arten von Shows und Programmen.

Der Festivalsommer ist ja bereits in vollem Gange. Was steht in den nächsten Monaten noch auf dem Programm und worauf freust du dich am meisten?

Der Juni war bei mir schon relativ voll mit Gigs. Ich durfte auf dem Psychedelic Circus, dem Herrentags Open Air und der Stampfnacht in Deutschland auflegen. Die Vibes dort waren wie immer unbeschreiblich. Deswegen liebe ich es auch so sehr, in Deutschland aufzulegen. Vom 20. bis zum 23. Juni fand das Burning Mountain Festival in der Schweiz statt und vom 27. bis zum 30. Juni das Shiva Spirit Festival in Dänemark. Das Burning Mountain Festival und das Halfmoon Festival im Oktober werden definitiv die Highlights meines Festivalsommers 2019 sein. Ich bin sehr dankbar, dass ich meinen Traum leben darf und dabei so viel rumkommen kann. Die harte Arbeit der letzten Jahre hat sich ausgezahlt. 2008 habe ich mit der Entscheidung, Musik zu produzieren, einen Samen gesät, dessen Ertrag ich heute ernten darf.

Was war die verrückteste Party, die du je erlebt hast?

Die verrückteste Party war zweifellos das Distortion Street Festival in Kopenhagen. Ich habe dort zweimal gespielt und beide Male hatte ich das Gefühl, dass das die irrste Party aller Zeiten ist. Wenn man im Zentrum von Kopenhagen vor mehr als 10 000 Menschen spielt und merkt, dass Menschen zu Tieren werden, auf geparkten Autos tanzen, halbvolle Dosen in die Luft werfen, Moshpits machen und einfach so verrückt sind, wie es für eine Psytrance-Party nicht normal ist … (lacht) Diese Partys waren wirklich legendär.

Auf meiner persönlichen Wunschliste steht ja, dass du mit Fabio Fusco mal ein gemeinsames Projekt startest – meiner Meinung nach passt ihr mit eurem treibenden Sound perfekt zusammen. Welche Kooperationen und Einzelprojekte stehen in nächster Zeit auf deiner Liste?

Tausend Dank, Denise! Mit Fabio einen Track zu produzieren ist etwas, wovon ich schon immer geträumt habe. Wir sind in letzter Zeit gute Freunde geworden, deshalb ist das gar nicht mal so abwegig. Gerade bin ich einfach dankbar, dass wir zusammen eine gute Zeit genießen können, wenn wir uns sehen. Wenn die Möglichkeit kommt, wäre ich natürlich mehr als glücklich, aber ich mache einen Schritt nach dem anderen. Was Kooperationen und eigene Produktionen angeht: Ich habe gerade eine neue EP mit Benzoo aus Deutschland fertiggestellt und auch einen neuen Solo-Track, der so neu ist, dass ich noch nicht einmal einen Namen dafür gefunden habe. (lacht) Außerdem werde ich mit W.A.D. und Jilax demnächst noch ein paar Spuren in der Progressive-Trance-Szene hinterlassen. Einige Geschenke habe ich noch für euch, aber die lasse ich vorerst verpackt. Seid gespannt, es wird heiß diesen Sommer!

Du hast eben davon gesprochen, dass du mit deiner Musik Menschen bewegen möchtest. Reden wir zum Abschluss doch mal darüber, was dich musikalisch antreibt: Was sind derzeit deine Top-5-Tracks?

Jetzt stellst du mir aber eine besonders schwierige Frage. (lacht) Es gibt so viele großartige Künstler und so viel herausragende Musik. Aber gut – meine Top-5-Tracks sind:

Fabio & Moon – Money For Nothing
Ranji & WHITENO1SE feat. Nina Nesbit – The Moments I’m Missing
Mystical Complex – Real Fire
Bitmonx – Just Cool
Ghostrider & Durs – Crossroads

 

Aus dem FAZEmag 089/07.2019
Text: Denise Kelm/@wayofdk
Foto: Svend Aage