Es war Mitte der Zehnerjahre, da blühte eine Instrumentengruppe wieder auf, von der man dachte, dass sie in die ewigen Produktionsgründe eingegangen wäre: Groove-Maschinen. Natürlich Roland, aber auch Korg und sogar Pioneer legten neue Geräte vor, die abermals die Brücke zwischen DJing und Musikproduktion sowie Studio und Live-Einsatz bilden sollten. Mittendrin: Novation mit einem Produkt namens Circuit, das neben Groovebox-Zutaten wie Polysynth, Drum-Machine sowie Effeksektion einen innovativen Grid-basierten Live-Sequencer besaß. Wenn man so will, ein Launchpad mit Sound-Engine. Und da der neue Groovemaschinen-Hype offensichtlich kein kurzfristiger ist, folgt jetzt der Nachfolger Circuit Tracks.

Schlankes Pult statt simple Kiste

Den Namenszusatz „Tracks“ erhielt der neue Circuit, da dem Allrounder in Kürze ein Schwestermodell zur Seite gestellt wird, das als spezialisierter Drum-Sampler konzipiert ist: Der Circuit Rhythm. Der Tracks selbst hat im Vergleich zur Erstversion nochmals einen optischen und haptischen Sprung nach vorne gemacht. Das kastige Chassis wurde zugunsten eines deutlich abgeflachten Pult-Designs aufgelöst. Ebenso zeigen sich die zuvor runden Buttons für den Sequencer und die Transportfunktion an den Geräteflanken jetzt als quadratische Plättchen. Sie entsprechen in der Größe exakt den mittigen 8 x 4 Performance-Pads, nur dass sie über angenehme „Klick“-Funktion verfügen und aus schwarzem Gummi mit hinterbeleuchteter Beschriftung bestehen. Das konsequente Schachbrettlayout sorgt einerseits für eine optisch hervorragende Harmonie, anderseits sind die unterschiedlichen Sektionen weniger klar voneinander abgegrenzt. Das obere Instrumentendrittel ist weiterhin mit zehn gummierten Potis belegt. Da die Synth- und der Effekt-Regler die jeweiligen Sounds immer an ihrem jeweiligen Wert abholen müssen, wurden sie sinnvollerweise als Endlos-Encoder angelegt. Lediglich der Master-Volume- und dickere Master-Filter-Poti besitzen entsprechen den klassischen Links-Rechts-Anschlag.

Dickes MIDI-Plus

Dass es beim Funktionsumfang zu Veränderungen – besser: Erweiterungen – gekommen ist, zeigt die Geräterückseite. Hier ist das zuvor kleine 3,5-Millimeter-MIDI-In/Out-Paar zur voll ausgewachsenen Fünf-Pol-MIDI-Leiste mit In-, Out- und sogar Thru-Anschluss herangereift. Warum, wird auf der Oberfläche deutlich: Denn hier lassen sich zwischen den zwei bekannten Spuren für Synth sowie vier für Drum-Sounds zwei weitere für MIDI anwählen. Der Novation Tracks lässt sich folglich als Mini-Workstation einsetzen, um zwei externe Klangerzeuger separat zu steuern. Ebenfalls rückseitig vorhanden ist jetzt ein Sync-Port im Miniklinkenformat, um passend ausgestattete Analog-Instrumente in Gleichschritt zu bringen. Und auch Software lässt sich über einen kleinen USB Typ-C-Anschluss steuern. Nicht unterschlagen wollen wir zwei Audio-Inputs im klassischen Klinkeformat, die dem neuen Circuit hinzugefügt wurden. Hierüber können zwei Monosignale in das Instrument geleitet, durch die internen Effekten verändert und sogar über das Mixermenü angepasst werden.

Frische Samples nur im Pack

Was nicht funktioniert, ist, die zugeführten Audio-Klänge aufzunehmen und als Samples einzubeziehen. Diesbezüglich ein wenig Hoffnung weckte ein SD-Karten-Slot, den das Circuit Follow-up als weitere Aufwertung mitbringt. Die eingeschobene Karte dient jedoch als Archiv für sogenannte Packs. Ein Pack umfasst alle Daten, die derzeit auf dem Circuit Tracks gespeichert sind – inklusive aller Projektspeicher, Synthesizer-Patches und Drum-Samples. Bis zu 31 Packs können auf einer SD-Karte verewigt, extern über eine sogenannte Components-Software bearbeitet und der Groovebox schließlich wieder zugeführt werden. Alternative Wege für den Pack-Tausch sind eine Cloud oder, logisch, per USB direkt vom Computer, bzw. Mobilgerät. Das Pack-unabhängige Einladen oder gar direkte Abrufen von Karten-Samples ist leider nicht möglich, zumal der Groover WAV, AIFF etc. (bislang) nicht versteht. Das dürfte beim kommenden Circuits Rhythm anders sein.

MiniNova als Synthesizer-Vorlage

Zu den Synthesizer-Klängen: 128 statt der früher 64 vorbereiteten Patches lassen sich in die beiden internen Synthesizer laden und über die Synth1- und Synth2-Spuren individuell bearbeiten. Die Klangerzeugung basiert, wie beim Erstling, auf der des Novation MiniNova und kann je nach Patch maximal sechsstimmig gespielt werden. Basis der Klangerzeugung pro Synth sind zwei Oszillatoren, für die sich eine Vielzahl an Wellenformen von virtuell analog bis hin zu Wavetables einstellen lassen. Hinzu kommen klassische Komponenten wie ein Multimode-Filter mit verschiedenen LP-/HP-/BP-Typen, ein ADSR-Hüllkurve, zwei LFOs sowie eine Effektabteilung mit Reverb, Delay, EQ und verschiedenen Verzerrertypen. Diese detaillierte Synthesizer-Architektur kann man am Hardware-Instrument übrigens weder erkennen noch bearbeiten. Dafür benötigt man eine externe Software, genannt Components. Über dessen grafische Benutzeroberfläche lässt sich auch definieren, auf welche Parameter die acht Endlos-Dehregler parallel zugreifen dürfen – bis zu vier lassen sich jedem Macro-Poti zuweisen. Möchte man aus dem Novation Circuits alles herausholen, kommt man gar nicht umhin, als die kostenlose Components-Software herunterladen. Die Hardware zeigt und regelt nur die Spitze des Eisbergs. Einen digitalen Soundcharakter können die Synthesizer speziell in Extremeinstellungen zwar nicht verhehlen. Da krümelt es eher als dass es zirpt. Dennoch hat der Circuit Tracks klanglich weit mehr zu bieten, als es die naturgemäß Mainstream-kompatiblen Presets vermuten lassen. Und für den 100 Prozent naturanalogen Dreck können ja zum Glück jetzt bis zu zwei externe Klangerzeuger angesteuert werden. Der Umgang entspricht dabei, sowohl was das Sequencing als auch die Regelersteuerung betrifft, exakt dem der internen Synths. Wer keinen zusätzlichen Mixer einbinden möchte, kann die externen Klänge zumindest mono über die Audio-Ins direkt wieder in den Circuit einleiten und mit dem internen Mischer anpassen.

Intuitiv – wenn man weiß, wie

Die Aussage, dass sich das Circuit-Prinzip aus Sicht eines blutigen Anfängers ohne Blick in die Bedienungsanleitung komplett von selbst erschließt, lässt sich so generalisiert nicht halten. Zu vielfältig sind – zum Glück – die Möglichkeiten, die sich über die anschlagdynamische Pad-Sektion vorgenommen werden. Von der Auswahl der Sounds und das grundsätzliche Step- und Live-Sequencing pro Spur über das Verketten der Pattern bis hin zum Mischen der Spuren im Mixermodus wird alles über die Pad-Matrix ausgeführt. Hinzu kommen Möglichkeiten der Feineinstellung für Gate Velocity und Notenlänge. Um zu begreifen, wie sich die Pad-Matrix im jeweilig angewählten Modus verhält, sind deshalb die Aneignung des Wissens und eine Übungsphase erforderlich. Was die Lernkurve steil ansteigen lässt, ist die detaillierte und bebilderte Bedienungsanleitung, die auch in deutscher Sprache von der Novation-Seite heruntergeladen werden kann. Was dann wirklich stimmt, ist: Hat man das logische Pad-Matrix-Prinzip durchschaut und die Funktionszuordnung verinnerlicht, ist die Arbeit in höchstem Maße intuitiv und man produziert sich schnell in einen Rausch. Dann lassen sich mit dem Circuit so schnell flexible Tracks bauen, wie mit kaum einer anderen Groove-Maschine. Man kann im laufenden Spielbetrieb von jeder Ecke des Spielfeldrandes (= schwarze Funktionstasten) eingreifen – quasi als Dauer-OP am offenen Herzen.

Neue Sequencer-Additive

Beim Sequencer gibt es im Vergleich zum Vorgänger ebenfalls einige wichtige Erweiterungen. So wurde die maximale Pattern-Länge von 16 auf nun immerhin 32 Schritte verdoppelt – mittels Umschaltbutton gelangt man in die Step-Ebene 17 bis 32. Wer es noch länger benötigt, muss verketten. Bis zu acht Pattern lassen sich aneinanderreihen, was summa summarum 256 Steps ermöglicht. Ebenfalls lässt sich die Spielrichtung nun umkehren, in einen stetigen Ping-Pong-Wechsel versetzen oder dem völligen Zufall unterwerfen. Neufunktionen wie Mutate sowie Probabilty sorgen ebenfalls dafür, dass Meister Zufall durch Stepverschiebungen und Patternvariationen interessante Ergebnisse liefert. Ganz neu ist in diesem Zusammenhang das Feature „Scenes“. Es ermöglicht, in der unteren Hälfte der Mixer-Grid-Ansicht Pattern zusammenzustellen, um abseits des übergeordneten Projects schnell mal kleine Songs zu arrangieren.

Zündfunken-Instrument

So ist der Circuit Tracks unter dem Strich, wie schon sein Vorgänger, ein Zündfunken-Instrument, mit dem sich dank des Pad-Matrix-Prinzips sehr schnell und spielerisch groovige Strohfeuer entfachen lassen. Solo eingesetzt stößt man an einem gewissen Punkt zwar an Grenzen, sodass es bei dem Strohfeuer bleibt. Selbst wenn es durch Möglichkeit, externe Klangerzeuger einzubinden, jetzt um einiges länger brennt als beim Erstling. In ein größeres Set-up eingebunden, lassen sich mit dem Circuit Tracks allerdings auch nachhaltige Flächenbrände entfachen. Die Bezeichnung Zündfunken-Instrument also durchaus positiv gemeint. Häufig, in einem kreativen Loch oder als Einsteiger, benötigt man einfach mal den schnellen Erfolgskick und ein Hardware-Tool, das sich auf der Bühne wirklich live einsetzen lässt. Die geforderten 399 EUR UVP sind für das Zündholz bestens angelegt.

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