Seinen ersten offiziellen DJ-Gig hatte Hardy Heller, der aus Hambach bei Neustadt stammt, bereits 1987. Wenige Jahre später führte ihn seine Passion zur Musik und der Szene zu ZYX Music, der damals größten Tonträger- & Vertriebsfirma Europas. Dort zeichnete er u. a. verantwortlich für die auf dem gesamten Erdball renommierte Reihe „Techno Traxx“ und verhalf als A&R damals noch unbekannteren Akteuren wie Josh Wink, Armand van Helden und Tiësto zu Weltruhm. Mitte der 90er-Jahre gründete Heller, der nicht nur als DJ, sondern auch als Produzent und Radio-Host aktiv ist, die Event-Reihe „Ohral“, die zu einer weit über die Grenzen der Pfalz hinaus bekannten, unglaublich erfolgreichen Marke bzw. Community avanciert ist und heute nicht nur mit Veranstaltungen, sondern auch als Label und in den Bereichen Künstler-Management, Artist-Booking und Publishing von sich reden macht. Aktuell ist eine 9-Track-Compilation auf Ohral Recordings erschienen, auf der sich der Innercircle der hauseigenen Crew versammelt. Ein Interview.

 

Hardy, wie geht es dir in den letzten Wochen eines sehr verrückten Jahres?

Danke der Nachfrage. Grundsätzlich nicht so schlecht, wie man befürchten könnte. In Sachen Events und Auflegen läuft es logischerweise eher suboptimal. Ich bin aber auch kein Freund davon, den Kopf in den Sand zu stecken. Das hängt womöglich auch damit zusammen, dass für mich und uns die Situation auch nicht ganz so dramatisch ist wie für viele andere in der Branche. Wir arbeiten zwar professionell, am Ende des Tages hat jeder von uns aber auch ein anderes Standbein, sodass niemand von uns ausschließlich mit der Musik seinen Lebensunterhalt bestreiten muss. Auch hatten wir das Glück, mit unserem Ponderosa Festival im September an den Start gehen zu dürfen – es war wie eine Befreiung. Zudem sind wir neben Events und DJing auch durchaus auf anderen Baustellen aktiv, auf denen wir uns kreativ, produktiv austoben können – das hilft. Aber auch ganz klar: Ohne Events ist es schon ziemlich mies.

Du bist ein alter Hase in der Szene und hast mit ZYX, eigenen Events und als DJ schon viel erlebt. Was ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Das ist bei so vielen Jahren natürlich sehr schwer zu beantworten. Aber es sind wohl vor allem Dinge, die in dem Moment „Neuland“ waren. Was meine A&R-Tätigkeit bei ZYX angeht, nehme ich dann entsprechend mal den Moment, als mein erster unter Vertrag genommener Track „Don’t Laugh“ von Josh Wink aka Winx in die offiziellen Media-Control-Sales-Charts eingestiegen ist. Auch unser erstes Ohral-Event mit Paul von Dyk bleibt sicherlich unvergessen. Meine erste Veröffentlichung in den UK-Charts wiederzufinden und mich dann selbst, daraus folgend, als DJ im Space auf Ibiza, in Japan oder Kanada, war und ist immer noch unglaublich. Von derartigen Highlights gibt es noch viele mehr.

Deinen ersten DJ-Gig hattest du bereits 1987. Nur wenige kennen die Szene so wie du. Wie hat sich diese in deinen Augen bis heute entwickelt?

Massiv und dazu noch in wirklich allen Bereichen extrem stark und vielfältig. Das fängt ja schon bei der mobilen Kommunikation an, die es 1987 eben schlicht nicht gab. Internet und Mails steckten damals noch in den Kinderschuhen, niemand hat das genutzt. Kommunikation und damit auch das Ausgehverhalten waren entsprechend auf einem ganz anderen Level. Auch die ganze Technik, ob fürs Auflegen selbst, das Promoten von Musik, Veranstaltungen, Veröffentlichungen oder auch das Produzieren – damals natürlich hauptsächlich mit Hardware –, war eine gänzlich andere. Events, Clubs, Festivals, Social Media, die Aufsplittung der elektronischen Musik in so unendlich viele Genres – das kam alles erst sehr viel später. Für viele heute unvorstellbar. Unterm Strich ist quasi alles in sämtlichen Bereichen einfach extrem vielschichtiger geworden, und es reicht bei Weitem nicht mehr aus, ein „schönes Stück“ zu produzieren oder zu sagen „wir machen in einer Woche ’ne dufte Party“. Aber auch hier gehöre ich nicht zu den Leuten, die sagen, früher sei alles besser gewesen. Grundsätzlich finde ich es schlicht toll, wie gerade die elektronische Tanzmusik diese Neuerungen und Möglichkeiten für sich nutzt oder sogar, wie ich sagen würde, mit vorantreibt und so bereits seit locker 30 Jahren einen ganz festen Platz in der Mitte der Gesellschaft hat.

Wie stark wird sich die Szene inklusive Events etc. deiner Meinung nach durch Corona verändern?

Auch hier denke ich gerne positiv und hoffe einfach, dass man sich in absehbarer Zeit, sobald der Impfstoff genügend Menschen erreicht hat, wie man es eben gewohnt war auf einem Festival, in einem Club wieder begegnen und sich der Musik hingeben kann.

Bis dahin bleibt euch auch das Label Ohral Recordings, das gerade quasi einen Relaunch erfährt. Die ersten Veröffentlichungen konnten bereits Erfolge in den Charts feiern.

Ja, genau. Wir sind im Oktober wieder an den Start gegangen. Digital mit einem 9-Track-Album, auf Vinyl gab es die passende 4-Track-EP dazu. Die Vinyl-Edition war uns allen ein wichtiges Anliegen, auch wenn klar ist, dass das wohlmöglich ein „Drauflegegeschäft“ wird. Aber bei uns steht Gewinnmaximierung eben tatsächlich nicht an erster Stelle. Wie auch immer, tatsächlich wären wir mit einem einzigen Chartentry schon mehr als glücklich gewesen. Letztendlich schwirrten dann zwischenzeitlich fünf der neun Tracks in den diversen Genre-Charts bei Beatport umher, obendrauf noch das Album selbst. Teilweise sogar mit Top-10-Platzierungen. Das hat uns natürlich ein großes Lächeln ins Gesicht gezaubert, weil wir das so niemals erwartet, nicht mal erhofft hatten. Auch die zweite Veröffentlichung von unserer Maxie König, die ja kürzlich auch einen Remix auf Poker Flat veröffentlicht hat, schaffte es bis auf Platz 22 der Deep-House-Charts – klasse Sache, so kann es gerne weitergehen. (lacht)

Wie ist generell die Idee entstanden, das Label wieder aufleben zu lassen?

Tatsächlich treffen wir uns in mehr oder minder regelmäßigen Abständen, um Dinge zu besprechen, uns auszutauschen. Mitte 2019 kam dann von unseren Resident-DJs der Wunsch, neben dem Auflegen auch die Label-Arbeit und das Produzieren wieder mehr in den Fokus zu rücken. Daraufhin investierten alle mehr Zeit in die Arbeit im Studio. Dann haben wir noch ein paar gute DJ-Freunde angerufen, ob sie nicht … Und nun, finally: Here we are again.

Erzähl uns etwas über deinen festen Stamm an Künstler*innen und über euch als Team.

Grundsätzlich sind wir ein Zusammenschluss von Freund*innen, die eine gemeinsame große Leidenschaft verbindet. Mit Alex Connors, Maxie König und auch Sven Kegel haben wir im Produktionsbereich z. B. unsere treibenden Kräfte, die mit ihrer Aktivität wiederum auch die anderen motivieren und ihre Skills bereitwillig teilen. Da wir seit Jahren befreundet sind, durch dick und dünn gehen, gönnen wir einander absolut alles – das macht Ohral generell zu einem schönen Gemeinschaftserlebnis. So oder so ähnlich gilt das für alle Bereiche bei uns: Jeder bzw. jede sucht sich sein Feld, bringt sich ein, hält Rücksprache, um nicht kontraproduktiv zu agieren, und los geht’s. Alles in allem sind wir so bis zu ca. 15 bis 20 Gefährten, die sich für Ohral engagieren und Dinge auf den Weg bringen.

Wie bist du bei der Auswahl des Künstler*innen-Stamms vorgegangen?

Wie gesagt, der Wunsch kam zunächst von unseren Residents selbst. Klar war natürlich, dass ein gewisses Produktionsniveau absolut unerlässlich ist. Nachdem von wirklich vielen unserer Residents sehr gutes Material gekommen war, war für uns recht schnell klar, dass wir als erstes Release eine Art „Ohral Artist Showreel“ veröffentlichen wollten. Was die musikalische Ausrichtung angeht, so wollen wir beim Label – wie eben auch bei unseren Events – nicht mit Scheuklappen unterwegs sein, sondern eine gewisse Bandbreite ganz bewusst präsentieren. Auch wichtig war und ist es uns, befreundete Künstler*innen ins Boot zu bekommen. Vor allem diejenigen, die teils regelmäßig bei unseren Events zu Gast sind.

Was sind deine Pläne für das Label für die nächsten Wochen und Monate?

Von der Idee bis zum Start ist ja einiges an Zeit vergangen. Das war tatsächlich schon vorher klar, da wir so grob für ein halbes Jahr Releases in der Pipeline haben wollen. Wir denken, dass es wichtig ist, eine gewisse Kontinuität in Sachen Output zu haben. Sprich: Unveröffentlichtes, vielversprechendes Material von unseren Residents wie Maxie König, Alex Connors, Sven Kegel, TdK, Sven Moritz und Dominik Heid, aber auch von langjährigen Freund*innen und Kolleg*innen – darunter Mihai Popoviciu, Gorge und Marc DePulse – liegt vor und/oder ist in der Mache.

Und wie geht es bei dir persönlich weiter?

Beruflich werde ich mich tatsächlich etwas mehr auf mein zweites Standbein konzentrieren müssen, aber die nächsten Wochen auch weiter fleißig mit meinem Freund und Partner Alex Connors Musik produzieren. Die Tracks werden wir dann entweder auf dem eigenen Label oder – wie ja auch schon 2020 – auf Labels wie Plastic City, Harthouse, BluFin oder Evosonic veröffentlichen. Vielleicht kommt ja auch noch das ein oder andere Label dazu. Unsere Radioshow auf Evosonic geht natürlich auch weiter und ich werde auch in Sachen Events sicherlich nicht in den Winterschlaf verfallen, sondern die Zeit nutzen, um Möglichkeiten zu eruieren, Vorgespräche zu führen oder Kontakte zu pflegen, damit wir dann, wenn es denn wieder losgeht, unsere Community direkt wieder mit schönen Gemeinschaftserlebnissen beglücken können.

 

Aus dem FAZEmag 106/12.2020
Text: Matt Eagle
Foto: DB Photo/Dirk Bittermann
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